10 Gründe, nicht in der Muttersprache zu schreiben

Eine sich selbst zerstörende Liste von Luna Ali

1 — I love that motherfukkin‘ language!

„I fell in love with the American language. I was thrilled by the Californian way of speaking English, by the style, the lingo, the slang, of American publications, binsty the „specialized“ languages of American sports; listening to baseball games or football games was like entering secret worlds. I don’t know if I liked the games in their own right or the whole ritualistic language that went with them. I used to feel proud of describing games, to friends, in their right terminology. I was happy to use idiomatic expressions, to understand cowboy talk and small town talk. I knew, in American, things I could not tell in any of the languages I knew, because my experiences in those languages were limited, or seemed limited, or were too familiar to keep for me a sense of discovery. Speaking in America was like going up the Amazon River, full of dangers, full of wonders.“

Etel Adnan *1925 Beirut. Libanesisch-amerikanische Autorin und Malerin. Als Tochter eines türkisch sprechenden Syrers und einer französisch sprechenden Griechin wuchs sie im Libanon mehrsprachig auf. Sie schrieb anfangs auf Französisch, weigerte sich jedoch während des Algerienkrieges weiterhin in dieser Sprache zu schreiben. Während des Vietnam-Krieges begann sie auf Englisch zu schreiben.

2 — I feel so free now!

„In der Muttersprache sind die Worte dem Menschen angeheftet, so dass man selten spielerische Freude an der Sprache empfinden kann. Dort klammern sich die Gedanken so fest an die Worte, dass weder die ersteren noch die letzteren frei fliegen können. In einer Fremdsprache hat man aber so etwas wie einen Heftklammerentferner: Er entfernt alles, was sich aneinander heftet und sich festklammert.“

Yoko Tawada *1960 Tokio. Sie studierte Literaturwissenschaft mit Schwerpunkt auf russische Literatur. Für das Studium zog sie 1982 nach Hamburg. Sie veröffentlichte erstmals auf Deutsch 1986.

3 — It just came out like that!

„But to put it simply without getting into a longer discussion about the politics of language, I decided to write in English because that’s the language I felt this story should be written in. I sometimes find myself writing in one language before realizing that the story isn’t working because it’s meant to be written in Arabic rather than English. But overall, I feel more comfortable writing in English, even though I speak in a mixture of the two. I played on that in the novel: in the first draft, I liberally used Arabic words as they came to me. In re-writes, I was more aware of my audience, making sure that a non-Arabic speaker would understand the meaning behind some Arabic words from the context in which they were said. Maintaining that fluidity between the two languages was important, because it’s how many Arabs speak, mixing in French, English and Arabic.“

Saleem Haddad *1983 Kuwait. Mit seinem irakisch-deutschen Vater und seiner palästinensisch-libanesischen Mutter lebte er unter anderem in Jordanien und Zypern, außerdem in Kanada und Großbritannien. Er arbeitete bei Ärzte ohne Grenzen in Syrien, Ägypten, Libyen, Libanon und im Irak und Yemen. Sein erster Roman Guapa wurde 2016 veröffentlicht und von der New York Times, dem Guardian usw. als einer der stärksten Debüts im arabisch-sprachigen Raum gefeiert.

4 — Work hard. Play hard.

„It is becoming more and more difficult, even senseless, for me to write an official English. And more and more my own language appears to me like a veil that must be torn apart in order to get at the things (or the Nothing-ness) behind it. Grammar and Style. To me they seem to have become as irrelevant as a Victorian bathing suit or the imperturbability of a true gentleman. A mask…Is there any reason why that terrible materiality of the word surface should not be capable of being dissolved?“

Samuel Beckett *1906 Foxrock. Als irischer Autor machte er sich einen Namen. Irgendwann in den 1930er Jahren wurde ihm das Englische lästig und er fing an, auf Französisch zu schreiben. Er wurde oft für sein schlechtes Französisch kritisiert, ließ sich aber davon nicht abhalten.

5 — Sometimes it lasts in love but sometimes it hurts instead …

„Manchmal durchlebt man eine Phase, in der man schreien möchte, aber keinen Ton herausbekommt. Eine Phase der Müdigkeit, der Erschöpfung, in der man merkt, dass man eine andere Sprache braucht. Während des Irakkrieges war ich in Deutschland. Die Lage in meinem Heimatland hat mich beschäftigt, ich wollte mich dazu äußern, aber auf Arabisch konnte ich das irgendwie nicht. Die deutsche Sprache hat mir diese Möglichkeit gegeben, und seitdem ist sie meine neue Zunge.“

Abbas Khider *1973 Bagdad. Nach einem Gefängnisaufenthalt von drei Jahren als politischer Häftling floh er 1996 aus dem Irak. Er lebt seit 2000 in Deutschland und studierte Philosophie und Literatur in München und Potsdam.

6 — „Mariechen and I speak nassing but english now.“

„Well, I did decide to write it in English. And I decided to write it in English precisely because I knew that this was the language in which I would need to live from now on. That Polish was still the language of interiority, but that I wanted to make English the language of interiority. I was not quite 14, so I was young enough to make this transition. And it was a fairly deliberate decision to make the transition. To make English totally mine.“

Eva Hoffmann *1945 in Krakau. Ihre Eltern überlebten die Shoa in einem Versteck. 1959 emigrierten sie in die USA, wo Hoffmann Englische Literatur in Huston, Yale und Harvard studierte. Berühmt geworden ist sie durch ihr Buch Lost in Translation.

7 — Decolonize your former colonizers

„So my answer to the question ‘Can an African ever learn English well enough to be able to use it effectively in creative writing?’, is certainly yes. If on the other hand you ask: Can he ever learn to use it like a native speaker? I should say, I hope not. . . . The African writer should aim to use English in a way that brings out his message best without altering the language to the extent that its value as a medium of international exchange will be lost. He should aim at fashioning out an English which is at once universal and able to carry his peculiar experience.“

Chinua Achebe *1930 Ogidi. Einer der bekanntesten nigerianischen Autoren oder „father of the modern african literature“. Er wurde oft dafür kritisiert, nicht in seiner Muttersprache Igbo zu schreiben.

8 — Or I just can’t speak my language fluently.

„In my case, there is another distance, another schism. I don’t know Bengali perfectly. I don’t know how to read it or even write it. As a result, I consider my mother tongue, paradoxically, a foreign language, too. As for Italian, the exile has a different aspect. Almost as soon as we met (on a trip to Florence with my sister in 1994), Italian and I were separated. My yearning seems foolish. And yet I feel it. How is it possible to feel exiled from a language that isn’t mine? That I don’t know? Maybe because I’m a writer who doesn’t belong completely to any language.“

Jhumpa Lahiri *1967 London. Im Alter von 2 Jahren zog sie mit ihren bengalischen Eltern in die USA, wo sie Englische Literatur und Kreatives Schreiben studierte. Seit 2015 schreibt sie nur noch auf Italienisch.

9 — I always did it that way.

„I was bilingual as a baby (Russian and English) and added French at five years of age. In my early boyhood all the notes I made on the butterflies I collected were in English, with various terms borrowed from that most delightful magazine The Entomologist. … I am an American writer, born in Russia and educated in England where I studied French literature, before spending fifteen years in Germany.“

Vladimir Nabokov *1899 Sankt Petersburg. Er war russisch-amerikanischer Autor, Literaturwissenschaftler und Schmetterlingsforscher. Sein bekanntestes Werk war Lolita.

10 — What the hell are we talking about?

Wenn ich Arabisch spreche, hört man, dass ich aus Aleppo komme. Wenn ich Englisch spreche, dass ich aus Deutschland komme, und wenn ich Deutsch spreche, dann fragt man sich, woher ich komme.

Dieses Rätsel lässt sich leicht auflösen: Flucht gemixt mit Zwangsproletarisierung von Akademiker-Eltern. Aber das ist weniger interessant, als es erscheint. Interessanter ist vielmehr die Vorstellung, dass jeder Mensch eine Muttersprache hätte. Eine einzige Sprache, in der gedacht, gesprochen, geschrieben wird. So etwas wie eine Mutter, die hat man für gewöhnlich auch nur einmal. In Zeiten von Adoption, Leihmutterschaft und künstlicher Befruchtung hat sich diese Vorstellung selbst überholt. Der Vergleich hinkt, deshalb sprechen Wissenschaftler*innen lieber von der Erstsprache: die erste Sprache, mit der ein Mensch konfrontiert wurde. Aber auch diese Vorstellung schließt in wissenschaftlicher oder feuilletonistischer Hinsicht viele Menschen nur als Phänomen ein. Mehrsprachigkeit erscheint als Abweichung von der Norm. Dabei gibt es die Vorstellung von einer nationalen Einheitssprache erst seit dem Nationalstaat und in vielen Ländern bis heute noch nicht. Diese Vorstellung eckt seit dem 18. Jahrhundert an, denn in den wenigsten Ländern der Welt herrscht tatsächlich eine Übereinstimmung von Territorium und Volk – wobei Volk ein Mix aus Blut, Kultur und Sprache darstellt. Bürgerkriege, (post-)koloniale Entwicklungen, Globalisierung und aktuell die Digitalisierung beweisen die Grenzen dieser Vorstellung immer wieder aufs Neue.

Aber genau wie eine Kultur schon immer aus mehreren Kulturen besteht, gehört zu einer Sprache auch immer mehr: Dialekt, Umgangs-/Standardsprache, Registerwechsel, Stil und Idiolekt, fremdsprachliche Ausdrücke und Abkürzungen. Wer spricht und denkt und schreibt also in einer einzigen Sprache?

 

Zitatquellen

  1. epoetry.org
  2. mtholyoke.edu
  3. muftah.org
  4. Beckett: Still Stirring
  5. goethe.de
  6. globetrotter.berkeley.edu
  7. wrightinglanguage.weebly.com
  8. www.theguardian.com
  9. Nabokov: Strong Opinions

 

Für eure Aufmerksamkeit hier ein paar Kartoffeln:

 


Kommentar (1)

  1. Pingback: In fremden Zungen - Warum nicht mal in Fremdsprache schreiben? - CaravanteXT

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