An der Schwelle,
an der Tür

Enis Maci über ein Lesetagebuch, das nie zustande kam, über Material, Wörterbücher und die Frage, welche Texte für wen geschrieben werden

Weißt du, sagt mein Vater, im Alter wird jeder Mann zu König Lear, ja, sage ich, und er weiter: hat Goethe einmal gesagt, und dann erzählt er noch von den neuesten Entwicklungen bei unserer F-Jugend, bis wir irgendwann auflegen. Ich sitze auf einer Bank im Viktoriapark und versuche weiter in Spiritus von Ismail Kadare zu lesen. Am Rande des Parks, meiner Bank direkt gegenüber, steht einer dieser Neubauten, die zwar ein vergangenes Berlin herbeizitieren, aber genauso gut in Frankfurt, Mailand oder Castrop stehen könnten, und da stehen sie ja auch. Es ist sehr heiß, die Balkontüren stehen offen, ich höre Staubsaugergeräusche und einen Australier, der immer wieder schreit: Yeah mate, he got Ayahuasca!

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Spiritus ist von 2001. Ich lese es nur schleppend, ich habe das Gefühl: Hier schreibt einer eine Welt, die ihm die Vertrauteste war (und natürlich tausend-, millionenmal vertrauter, als sie es mir je sein könnte), hier schreibt einer eine Welt, der er einmal angehörte (ob es ihm gefällt oder nicht), hier schreibt einer eine Welt, die einmal die seine war (und in seiner Erinnerung stets die seine bleiben wird), hier schreibt einer seine eigene Welt fremd. Er schreibt sie exotisch. Er schreibt sie so, dass ein westlicher Blick sie in der Zeit zwischen zwei Augenschlägen problemlos verdauen kann. Er schreibt sie ohne Widersprüche, er schreibt ihr eine Tragik ein, die unmöglich der Tragik der beschriebenen Welt entsprechen kann, er schreibt ihr eine Tragik ein, die eine andere, eine einfachere Sprache spricht. Ich habe keine Lust, Spiritus zu Ende zu lesen.

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Die deutsche Übersetzung ist von Joachim Röhm und soweit ich das beurteilen kann, ist sie gut. Andererseits halte ich den Tonfall von Röhm ganz unweigerlich für den von Kadare, weil ich diejenigen seiner Werke, die ich kenne, tatsächlich erst in der deutschen Übersetzung gelesen habe.

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Als ich noch ein Kind war, schenkte mir mein Großvater jedes Jahr, wenn wir nach Albanien fuhren, ein Buch, immer altersgerecht formuliert – wenn auch nicht zwingend mit altersgerechten Inhalten –, das irgendeinen erzieherischen, das Aroma der Heimat versprühenden Impuls auf mich übertragen sollte, den zu transportieren er meinen Eltern allein scheinbar nicht zutraute. Es fing harmlos an, mit Loreta, dem Mädchen mit den Zöpfen, die – zu gleichen Teilen Hans-Guck-in-die-Luft und Suppenkasper – mit ihren Freunden Kannnicht, Willnicht und Weißnicht die Geduld ihrer Mutter auf die Probe stellt. Es ging weiter mit einem großformatigen Bilderbuch, das in kurzen, einfachen Textpassagen den Kampf und die Niederlage wehrhafter Bewohnerinnen eines Gebirgsdorfes angesichts einer unbenannt bleibenden Kolonialmacht schildert, und das damit endet, dass die Protagonistin sich, um ihre Ehre zu verteidigen, lieber eine Klippe hinunterstürzt, als den Besatzern entgegenzutreten, was der kindlichen Leserin allerdings als totales happy ending verkauft wird. Selbstverständlich wurden alle darauf folgenden Bücher von der Zensur gegengelesen, bevor sie in meine Hände gelangten. Irgendwann hatte die große Nationalbildungsoffensive ihr Ende, das letzte Kinderbuch, das ich von meinem Großvater erhielt, in seiner großen, geschwungenen Schrift mit dem Vermerk „Für Enis, von Opa“ versehen, war ein illustrierter Band namens Konstandini dhe Doruntina. Die Geschichte ist dramatisch und schnell erzählt: Ein Graf von sehr weit her will Doruntina, wunderbare Tochter und Schwester von zwölf Brüdern, zur Frau nehmen, die Mutter und elf ihrer Brüder sträuben sich, ist die Entfernung doch zu groß, nur Konstandin, der jüngste Bruder, tritt für die Verlobung ein und gibt der Mutter sein Wort, er werde Doruntina, wann immer sie sich nach ihr sehne, nach Hause bringen. Sie willigt ein, Doruntina heiratet den Grafen und zieht fort. Eines Tages, Jahre später, klopft es nachts an Doruntinas Tür. Es ist Konstandin, der sagt, er habe keine Zeit sich niederzulassen, Doruntina müsse mit, sie hinterlässt ihrem Mann eine Nachricht, es folgt ein wilder Ritt, noch gruseliger als beim Erlkönig, an dessen Ende sie, obwohl die Reise eigentlich Wochen dauern müsste, in ihrem Heimatdorf ankommen. Konstandin bittet sie, schon einmal hereinzugehen, er müsse bloß noch das Pferd an der Kirche anbinden. Doruntina klopft, die Mutter – so froh, sie zu sehen – fragt, wer sie denn hergebracht habe, Doruntina sagt: Konstandin, die Mutter bricht zusammen: Weißt du denn nicht, mein Kind, all deine Brüder, auch Konstandin, sind im Krieg gefallen. Doruntina erkennt, dass es ein Gespenst war, das sie hergebracht hat, dass ihr Bruder sein Wort noch im Tode gehalten hat, dass ein Ehrenwort so heilig ist, dass nicht einmal der Tod seine Umsetzung verhindern kann, dass Konstandin nicht das Pferd an der Kirche festgebunden hat, sondern sich selbst wieder in den Friedhof begeben, zuletzt heißt es im Versepos: Die eine stand an der Schwelle, die andere an der Tür, und beide zerbrachen sie wie Gläser voll Wein, was sich auf Albanisch natürlich reimt. Als ich Jahre später Doruntinas Heimkehr von Kadare las, in der Übersetzung von Joachim Röhm, hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, mit einem Material vertraut zu sein, bloß dass ich noch ein Schulkind war und noch nie in meinem Leben über das, was man Material nennt, nachgedacht hatte. Trotzdem berührte das Buch meine Eitelkeit, es behandelte etwas, das mir als Geheimwissen erschien, eine Geschichte, von der nur wenige wussten.

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„Ein Mensch, den man tot geglaubt hatte, war nach langer Zeit wieder aufgetaucht. Genau wie in den alten Balladen.“

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„Unser Chef ist ein Mensch, dessen eigensinnige Erscheinung durch spärliches Haupthaar noch unterstrichen wird.“

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Zu den größten Lektionen, die ich an der Uni gelernt habe, gehört, dass ein Stück aus Stellen besteht, und natürlich gilt das für jeden anderen Text, natürlich ist ein Text nicht nur ein Gewobenes, Geflochtenes, ein Zopf, sondern, in all seinen inneren und äußeren Verwerfungen, eben auch eine Doppelhelix, und in der, im menschlichen Genom, sind es ja gerade die einzelnen Sequenzen, die Stellen, wenn man so will, die, egal, wie klein, wie unscheinbar sie sind, über Leben und Tod entscheiden, selbst im Urquelltext des Lebens also ist es die Stelle, die zählt. Und deshalb ist Spiritus natürlich kein schlechtes Buch, denn es ist voll von Momenten, die aufpeitschen.

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„Besonders hatte es ihm eine Konjugationsform des Verbs im Albanischen angetan, die sich ‘Optativ‘ nannte und sonst höchstens noch im Altgriechischen vorkam, sie, so behauptete er, sei das Werkzeug, um allen Verben im Albanischen eine günstige oder ungünstige Richtung zu geben oder, anders ausgedrückt, einen positiven oder negativen Beiklang. Die Einheimischen reagierten kaum weniger verwirrt als wir. Zwar gehörte diese Konjugationsform ohne Frage zu ihrem täglichen Sprachgebrauch, doch hatten sie sich nie große Gedanken darum gemacht.“

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„Offenbar existierte diese Zeit für sie gar nicht. Ein paar wollten nicht einmal glauben, dass damals wirklich Stücke aufgeführt worden waren.“

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„Er selbst meinte, man stelle das Geheimnis auf eine schwere Probe, wenn man es schriftlich niederlege. Gelegentlich überstehe es dieses Prozedur nicht, und sterbe wie ein Mensch unter der Folter.“

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„Es gab Tage, da konnten wir nicht sagen: Wich das Ereignis vor uns zurück, oder stahlen wir uns vor ihm davon?“

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Auf Seite 82 stoße ich auf den Familiennamen Vorpsi, der Protagonist ist bei den Vorpsi zum Abendessen eingeladen, wo man sich über das aktuelle Theaterprogramm austauscht, dazu passt, dass ich ja, eigentlich, zwei Bücher parallel lesen wollte, soviel zum ursprünglichen Plan, und das zweite war Ornela Vorpsis Il paese dove non si muore mai, dessen deutscher Titel unerklärlicher-, furchtbarerweise Das ewige Leben der Albaner lautet. Vielleicht hätte ich die Übersetzung noch besorgen können, aber ich war darauf aus, das Original zu lesen, und das war einfach nicht möglich. Nachdem meine ersten, eigenen Bestellversuche scheiterten, angefangen damit, dass man von Deutschland aus keine Secondhand-Bücher via Amazon Italia bestellen kann, dachte ich mir, warum eigentlich nicht den Buchhandel unterstützen, und spazierte an einem schönen Frühlingsmorgen, der Flieder hatte noch nicht zu blühen begonnen, die Karl-Heine-Straße entlang. Ich lief vorbei an der Bio-Bäckerei meines Vertrauens, vorbei am Reisladen, vorbei an der wunderbaren Volksbuchhandlung, in der jedes Buch einen Euro kostet. Ich passierte den neuen Hotdog-Laden, der genauso auch in Brooklyn, Stuttgart oder Lüttich stehen könnte, bog rechts in die Merseburger Straße ein, vorbei an dem Reisebüro, in dessen Schaufenster ein Foto David Bowies mit Trauerband am Rahmen aufgestellt ist, vorbei an dem Café, das man in meinem Freundeskreis nach seinen Besucherinnen nur „Die arbeitslosen Mütter“ nennt. Ich lief nicht ganz bis zu demjenigen portugiesischen Lokal, in dem man Super-Bock-trinkend den antifaschistischen CDU-Wähler-Stammgästen lauschen kann, denn ich hielt vorher, und betrat polylogue, die neue Nischenbuchhandlung für romanische Literaturen, zeitgemäß mit angeschloßenem Café. Hinterm Tresen stand eine ausgesprochen engagierte Buchhändlerin, die mir mitteilte, das Buch sei bei Einaudi vergriffen, sie werde sich aber noch mal erkundigen, und ich bekäme bald eine Email. Eine Woche später las ich, der Band sei unter gar keinen Umständen aufzutreiben, es täte ihr leid, und wenn ich wolle, könne sie versuchen, die deutsche Übersetzung zu besorgen, was ich, wie gesagt, schon aus Prinzip nicht wollte, denn es ging mir ja darum, über Alltagssprache, Muttersprache und Schreibsprache zu meditieren. Als nächstes versuchte ich, das Buch in einer universitären Romanistikbibliothek zu finden, irgendwo in Deutschland, ganz egal, ich wollte ohnehin schon immer mal Fernleihe machen, doch es gelang mir nicht. Stattdessen bestellte ich auf gut Glück einen anderen Band Vorpsis, Il mano che non mordi, in der Hoffnung, der würde schon taugen, doch leider war er furchtbar. Roadtrip Paris – Sarajevo, das Wesen des Balkans: große, landschaftliche, von einer Art mythologischem Stoff, einer Art Ersatz-Blut getränkte Romantik, und dann doch wieder die Behauptung von Lakonie. Der Freund, den die in Paris lebende, albanische Ich-Erzählerin besuchen wird, ist nach Hause, nach Sarajevo geflohen, weil er, der scheinbare Schriftsteller, verzweifelt über eine Literatur, die nicht schafft, das zu besprechen, was es zu besprechen gilt. Das gleiche könnte ich über diesen Roman sagen. Da soll ein Erzählraum nicht etwa geöffnet werden, damit ihn auch solche betreten können, die von seinen Eigenheiten noch wenig wissen, damit er vielen Leserinnen offen steht, damit jede, ob sie nun Ahnung hat von Sarajevo und Tirana, oder auch nicht, der Geschichte, dem Verhandelten folgen kann. Nein, stattdessen existieren dieser Erzählraum, seine Staffage, sein Vokabular, all die erklärbärmäßigen Einschübe nur für den Unbelasteten, und keine Sekunde lang für jemanden, der schon vertraut ist mit dem ach-so-wilden Balkan, dem Kommunismus, den Kriegsversehrten und Obstbränden und unterdrückten Leidenschaften. Denn sie machen nicht das Setting aus, sondern sie sind die Geschichte, das exotische Template ist gleichzeitig sein eigener Inhalt, ein einziges, gleichsam Slivovica-getränktes melancholisches Lorem Ipsum. Für jemanden, dem das nicht reicht, ist dieser Erzählraum ganz sicher nicht gedacht. Dasselbe Phänomen kennt man von der „Woanders is auch Scheiße“-A40-Ruhrgebietsromantik genauso wie vom Berlin-Freiberufler-Party-Poproman, es ist ebenso nervig, wie es universell ist.

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Was bedeutet es, über Leute zu schreiben? Was bedeutet es, für Leute zu schreiben? Kann man über Leute schreiben, ohne es auch für sie zu tun? Kann man für Leute schreiben, ohne über sie zu sprechen? Ist eine inhaltliche Leere schon Verrat an der Sache? Und was ist die Sache?

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Natürlich habe ich mich schon längst auf die Suche nach der deutschen Fassung von Il paese dove non si muore mai gemacht, denn selbstverständlich klingt das auch furchtbar aufregend, eine vage feministische, schonungslose, böse Lektüre über das Mutterland, so wie ja auch Spiritus eine Abrechnung ist mit den Absurditäten und den Opfern, die die Diktatur produzierte.

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Es ist nicht der Inhalt der Lektüre, der mich irritiert, es sind nicht mal die in beiden Werken gleichermaßen erschreckend oberflächlichen Sprachstrukturen, die nicht über das Relief hinauskommen. Vielmehr ist es der nicht spielerisch, sondern dogmatisch fiktionalisierende Umgang mit den dazugehörigen Autorenbiographien, der mir diese Texte über Strecken unmöglich macht, das Wissen darum, wie diese Werke und ihre Autoren vermarktet werden, sich vermarkten. Kadare, der kommunistische Parlamentarier und konkurrenzlose Nationalschriftsteller, der heute schon immer ein klar Widerständiger gewesen sein will, Vorpsi, die im Interview politische Verfolgung insinuiert und doch das Privileg eines Studiums an der Akademie der Künste hatte – widersprüchliche Autorenleben, genauso voller Potential für Verschwiegenheit wie für die fruchtbare Auseinandersetzung mit dem Wahnsinn eines Lebens in zwei Systemen, widersprüchliche Autorenbiographien, die stattdessen die Sphäre des „Realen“ in dem Moment verlassen, in dem sie, wirksam zusammengekürzt, zur öffentlichen Legitimierung von fiktionalen Texten herangezogen werden, die unmöglich zu den besten derer, die sie geschrieben haben, zählen können.

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Was wird aus den Büchern, die wir nicht zu Ende lesen?

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„Ein lebender Schriftsteller hat immer das Recht, Retuschen anzubringen. Ich habe das Recht umzuarbeiten, was ich will. Es ist mein Werk, meine Maschine, ich kann sie perfektionieren“, sagte Kadare anlässlich der Neuveröffentlichung seiner Gesamtausgabe, und die gute alte linke Socke Ulrich Enzensberger konterte 1992 in seiner Zeit-Rezension zum Der große Winter-Sequel Konzert am Ende des Winters: „Auch ein Nationaldichter muß nicht immer recht gehabt haben. Wichtiger ist, daß er Irrtümer verständlich macht. Anstatt seine alten Werke zu redigieren, als bringe er die ‘Geschichte der KPdSU (B)‘ auf den neuesten Stand, und auf Symposien von der ‘Unmöglichkeit der Koexistenz von Kommunismus und Literatur‘ zu faseln – bei drei Millionen Einwohnern lag seine albanische Auflage bei über einer Million – hätte Kadare lieber die sehr komische und sehr traurige Geschichte dieser Koexistenz erzählen sollen.“

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Trinkt Van-Houten-Kakao heißt Vorpsis zweites Buch, ein Erzählband. Ohne ihn gelesen zu haben, bin ich sofort begeistert, ich werde aufgefordert, an Die Wolke in Hosen zu denken, an Majakowski, an Scherstjanoi. Wahrscheinlich ist das jenes Buch, das ich hätte kaufen, das ich hätte lesen sollen, ein großer Bogen über die Verkäuflichkeit der Menschen, ausgehend von der Episode in der Wolke, in der im Jahre 1910 in Russland die Schokoladenfabrikanten von Van Houten einem zum Tode Verurteilten – und damit seinen Hinterbliebenen – eine große Summe Geld anboten, wenn er unmittelbar vor seiner Hinrichtung laut „Trinkt Van-Houten-Kakao!“ in die Menge riefe.

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Ich liege ausgestreckt auf dem Sofa, das genau die Länge der Wand einnimmt. Der Wintergarten ist von Bäumen umgeben, deren Wipfel sich, vom unablässigen Regen schwer geworden, zum Boden hinbiegen. Es prasselt, es ist, als läge ich in einer klimatisierten Raumkapsel, die zwischen den Lianen hängt, es ist, als könne jederzeit ein Makake, den Mund zu einem breiten Grinsen verzogen, ans Fenster klopfen. Ich trage warme Kleidung, auf dem Bauch balanciere ich meinen Laptop, auf dessen Bildschirm gelb und weiß das leo.org-Interface. Zwischen Laptop und Busen habe ich La mano che non mordi eingeklemmt, zwischen meinen Zähnen einen Bleistiftstummel. Ich lese, ich murmle.

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Tuta. Tuta, das ist eines meiner absoluten Lieblingswörter. Als Jugendliche bestand meine Uniform aus Jogging- oder Pyjamahosen, grauen Tanktops, die es bei Zeeman im Sechserpack gab, und Pumps. Jedes Mal, wenn ich im Flur meine Schuhe überstreifte, um das Haus zu verlassen, fragte meine Mutter, mit einem langen Blick maßnehmend, ob ich wirklich schon wieder TUTA tragen wolle. Ich habe wirklich so lange (hier zeigt sich, wie schlecht meine Italienischkenntnisse wirklich sind) unter der Annahme gelebt, tuta, das sei ein albanisches Wort, pantalona = Hose sei das Fremdwort und tuta = Stoff-/Sporthose eben das tatsächlich albanische, so wie viele alltägliche Begriffe im Albanischen eine in Original- und Lehnswort eingeschriebene Doppelexistenz führen. Ein Beispiel ist Fenster = dritare (der Ort, durch den drita, das Licht, einfällt), aber auch Fenster = penxhere (von türkisch pencere). Ich war mir geradezu sicher, dass die Hose auch so ein Fall war, aber nein, wo „tuta“ im Albanischen nur die Jogginghose bezeichnet, meint es im Italienischen den gesamten Jogginganzug. Man lernt nie aus, denke ich, was haben die Leute bloß im Mittelalter, als sie das Lehnswort vielleicht noch nicht hatten, gesagt, wenn sie „Hose“ meinten? Je länger ich darüber nachdenke, desto sicherer werde ich mir, dass es in der Gegend, die man heute Albanien nennt, im Mittelalter dasjenige Kleidungsstück, das wir heute die Hose nennen, vermutlich in dieser Form gar nicht gab.

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Ich liege, der Regen hat aufgehört, die Tauben gurren, und lese so langsam, dass es kaum auszuhalten ist, ich bin immer noch auf Seite Fünf, aber – aber! – es ist eine helle Freude, sich einmal so richtig anzustrengen, Gedankenbrücken zu schlagen, wo ein leises Verstehen zwar da, aber noch nicht ganz greifbar ist. Leo.org errät nach wenigen getippten Buchstaben stets das Wort, das ich suche, das war früher alles schwieriger. Ich kann mich noch vage ein mein erstes Englischwörterbuch von Aldi erinnern, deutlicher aber an den dicken roten Wahrig, den meine Mutter noch heute, warum auch immer, unter dem Ehebett, auf ihrer Seite, am Fußende aufbewahrt. Den Wahrig, in dem wir einmal, eine aufgebrachter als die andere, blätterten, meine Mutter behauptete seit langem, „Lapidar“, das bedeute Denkmal, ich wiederum wusste, „lapidar“, das ist ein Adjektiv, das „knapp, trocken“ bedeutet. Bei schönem Wetter sagte sie oft, um mich zu reizen, wir könnten gern zum Kriegsversehrtenlapidar spazieren. Am Ende hatten wir beide recht, es stellte sich heraus: „Lapidar“ kommt von lapis, Stein, in Stein gehauen, auf antiken Gräbern finden sich sogenannte Lapidarinschriften, die, schon aus Platzgründen präzise formuliert sein mussten, trocken, knapp.

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Ich liege im Wintergarten, rücklings auf dem Sofa, über mir der Laptop und das Buch. Es ist kühl, es regnet, es ist Juni. Auf der Heizung hinter meinem Kopf liegen, ich habe sie von zuhause mitgenommen, die zwei Langenscheidt-Bände Deutsch-Albanisch und Albanisch-Deutsch. Deutsch-Albanisch ist – und das seit einem Jahrzehnt – im Begriff auseinanderzufallen, und ist in den letzten 25 Jahren offensichtlich wesentlich öfter benutzt worden als Albanisch-Deutsch. Die Autorinnen des Wörterbuchs sind natürlich alte DDR-Riege, Wilfried Fiedler, der einzige der Wörterbuch-Autoren, zu dem man ein ganzes Lemma findet, ist laut Wikipedia gebürtig aus Chemnitz, über Gerda Uhlisch und Oda Buchholz, die als dritte und erste in der Reihe aufgezählt werden, ist nur wenig herauszufinden, sie arbeiteten in Ostberlin an der Uni. Seitdem ich die Bände selbst für Recherche und Lektüre benutze, habe ich mich wieder daran erinnert, dass ich mich als Kind fragte, was das für ein Name war, Oda, und dass ich gern selbst ein Kind gehabt hätte, das ich so hätte nennen können. Mittlerweile weiß ich: Oda, die Besitzerin, die Erbin, die den Besitz, das Erbe schützt, das ist althochdeutsch und wir kennen sie als die sagenhafte Ute, die Mutter Kriemhilds, Ute, die Gute, die alle überlebt und zu sehen versteht.

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Schön ist, wenn es bei Vorpsi heißt, „gli ho comprato lo yoghurt di soia, quello che piace a me, sono sicura che il suo palato gusterà lo yoghurt proprio come il mio“, genauer kann die Desensibilations-Therapie, mit der sich die Erzählerin der kapitalistischen Welt angepasst hat, nicht gezeichnet werden. Ich denke an das Kilo Joghurt, das in meinem Kühlschrank lagert wie ein Geheimwissen, und bin tatsächlich ehrlich gerührt.

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Vorpsi zitiert den kleinen Prinzen. Ganz unverhohlen sagt sie: „Gli umani non hanno radici, per questo il vento li sballotta di quà e di là, – ecco cosa avrebbe sussurato nell’eternità un fiore al Piccolo principe.“
Ich gebe auf.

Enis Maci

Geboren 1993 in Gelsenkirchen, studiert Literarisches Schreiben in Leipzig. Zuletzt erschien die kurze Erzählung „Zimmer 10“ in Edit Nr. 67 und, in englischer Übersetzung, auf theoffing.com.