Aracataca-Ulaanbaatar

Derzeit nimmt Gabriel Garcia Marquez’ „Hundert Jahre Einsamkeit“ (1967) auf der Bestsellerliste der Mongolei Platz 4 ein. Alexander Schnorbusch fragt, was die mongolischen Leserinnen und Leser an diesem Klassiker der Weltliteratur so nachhaltig fasziniert.

Anlässlich des zehnjährigen Bestehens diplomatischer Beziehungen besuchte im Herbst 1970 Raul Castro die Mongolische Volksrepublik. Als Gastgeschenk überbrachte der damalige kubanische Verteidigungsminister im Namen seines älteren Bruders sowie des gesamten kubanischen Volkes ein ausgestopftes Krokodil. Man kann es noch heute in einer etwas abgelegenen Kammer im zweiten Stock des Naturkunde Museums von Ulaanbaatar besichtigen: Es sieht aus wie ein ausgestopftes Krokodil.

Was Castro zudem mitbrachte, und glücklicherweise in der obersten Schublade seines Nachttischs im komfortablen Ulaanbaatar Hotel vergaß, war die blaugelbe kubanische Erstausgabe von Gabriel Garcia Marquez’ Hundert Jahre Einsamkeit. Zwei Jahre zuvor in Havannah gedruckt und lange verschollen geglaubt, befindet sich das Buch heute im Besitz meines Freundes J. Tegshjargal, bibliophiler Marquez-Enthusiast und Chefredakteur des Stadtmagazins UB LIFE, der es für umgerechnet fünfzig Cent von einem Straßenantiquar erwarb.

Die Geschichte mit dem Krokodil ist wahr. Die Geschichte mit der kubanischen Erstausgabe von Hundert Jahre Einsamkeit ebenfalls, nur dass diese statt durch Raul Castro auch durch ein Mitglied seiner Entourage, einen Bediensteten der kubanischen Botschaft oder durch sonstwen in die Mongolei gelangt sein könnte. Das Buch ist nicht signiert und enthält auch keine Widmung. Die 49 Jahre seiner Manifestation auf diesem ungehobelten Planeten sieht man ihm nicht an, ebenso wenig den ungewöhnlichen Erfolg, der diesem Roman in der Mongolei zuteil wurde: Seit der Erstübersetzung von 1989 zählt Hundert Jahre Einsamkeit zu den meistverkauften Prosatiteln des Landes; 2016 belegte es Platz drei der Jahresbestsellerliste Belletristik; in dieser Woche findet sich das Buch auf dem vierten Rang.

Woran liegt es, dass Marquez in der Mongolei so erfolgreich ist, will ich von Tegshjargal wissen. Tegshjargal, kurz Tegshee, ist 26, sieht jedoch deutlich jünger aus. Marquez’ berühmtesten Roman besitzt er nicht nur auf Mongolisch und Spanisch, sondern darüber hinaus in sieben weiteren Sprachen, darunter Tschechisch und Albanisch. Wir sitzen auf dem Balkon einer Bar namens Republic im Zentrum von Ulaanbaatar. Statt Republic hieß die Bar bis vor kurzem noch Revo, weshalb der Taxifahrer sie zunächst nicht fand und ich mich verspätet habe.

Tegshee hat die Zeit genutzt und sich Notizen gemacht. Erstens, sagt er, Grüntee in die Spitzen seines dünnen Schnäuzers schwappend, denn heute ist der Erste des Monats und an jedem Ersten wird in der Mongolei kein Alkohol ausgeschenkt, erstens liege das an der legendären Erstübersetzung des Buches durch den Historiker Go Akim. Des Spanischen nicht mächtig, habe dieser Hundert Jahre Einsamkeit um zwei Ecken aus dem Russischen übersetzt. Das Ergebnis sei so furchteinflößend gut gewesen, dass sich danach auf Jahre niemand mehr traute, ein anderes Buch von Marquez ins Mongolische zu übersetzen – nicht einmal Go Akim selbst. (Heute sind neben Hundert Jahre Einsamkeit auch Die Liebe in Zeiten der Cholera, Der Oberst hat niemandem, der ihm schreibt, Erinnerung an meine traurigen Huren sowie ein Band mit Kurzgeschichten auf Mongolisch erhältlich. An keiner dieser Übersetzungen war Go Akim beteiligt.)

Ich frage, was genau an dieser Übersetzung so gut gewesen sei. Tegshee guckt ein wenig überrascht und wirft einen Blick auf seine Notizen. Ich nutze die Zeit, um auf den elektronischen Call-Knopf in der Mitte des Tisches zu drücken. Bei dem Kellner, der kurz darauf tätowiert und blass an unserem Tisch erscheint, bestelle ich, ärgerlich über das Datum, einen heißen Sanddornsaft.

Eigentlich alles, sagt Tegshee. Inhaltlich habe es Go Akim hier und da möglicherweise nicht so genau genommen, stilistisch dafür jedoch umso mehr brilliert. Hätte ich inzwischen anständig Mongolisch gelernt, könnte ich mich selbst überzeugen. Tegshee wirft mir einen vorwurfsvollen Blick zu. Dann zündet er sich eine Zigarette an und sieht eine Weile schweigend über die Balkonbrüstung auf die vorbeifahrenden Jeeps und Kleinwagen, in deren Scheiben und blankpolierten Motorhauben sich der Abendhimmel spiegelt. Es habe sich um eine schlichte rote Hardcoverausgabe mit schwarzer Aufschrift gehandelt, fährt er schließlich fort. Jede mongolische Familie, die etwas auf sich hielt, habe das Buch in den Neunzigern im Regal stehen gehabt und auch gelesen und diskutiert.

Meine Bestellung kommt. Ich nippe vorsichtig an dem dampfenden Getränk und erinnere mich, eine solche Ausgabe im Bücherschrank meiner Schwiegereltern gesehen zu haben, querliegend auf den zwölf Bänden Lenin. Die Taschenbuchausgabe von Hundert Jahre Einsamkeit, welche sich aktuell auf der Bestsellerliste befindet, zeigt in Anspielung auf Aureliano Buendias Schmiedekunst zwei unterschiedlich große, senkrecht übereinander stehende Goldfische. Es handelt sich die Neuübersetzung von Choinzongiin Baatar.

Zweitens, sagt Tegshee, den schmalen Oberkörper leicht nach vorne beugend, böte das Buch mongolischen Lesern gleich eine ganze Reihe von Anknüfpungspunkten. So ließen sich in jeder mongolischen Familie genaue Entsprechungen zu den meisten Figuren des Romans finden. Manche Leser gingen soweit, in Macondo nichts anderes als eine schlecht getarnte Allegorie auf die Mongolei zu sehen.

Ach ja, frage ich. Ja, antwortet Tegshee. Und seinen Block mit den Notizen ostentativ zuklappend beginnt er folgende Aufzählung: Die Abgeschiedenheit des Ortes; die stets mit einer gewissen Verzögerung eintreffenden Errungenschaften der Moderne; der Aberglaube seiner Bewohner; die Stärke der Frauen; die komplentäre – tropische bzw. aride – Radikalität des Klimas; die inzestuöse Verlockung; der natürliche Reichtum in Form von Bananen bzw. Kupfer, Kohle, Gold, Seltenen Erden, Uran; die so angelockten, ausländischen Investoren; die Hoffnung, der Boom und der Bruch; schließlich jener gemeinsame, gefährlich gezackte, Anfangsbuchstabe „M“.

Tegshees Aufzählung der Parallelen war eigentlich noch länger. Ich habe versucht mitzuschreiben, doch Tegshee spricht manchmal sehr schnell. Ich lege den Bleistift beiseite und schaue Tegshee fest in die Augen. Ob ihm bereits aufgefallen sei, frage ich, dass sowohl „Aracataca“, der Geburtsort von Gabriel Garcia Marquez, als auch „Ulaanbaatar“ jeweils fünf „a“ enthielten?

Ja, antwortet Tegshee, das sei ihm allerdings schon aufgefallen. Ob ich diesem Umstand tiefere Bedeutung beimesse? Natürlich nicht, antworte ich. Aha, sagt Tegshee. Dann schlägt er die Beine übereinander und blickt erneut für eine Weile schweigend und rauchend über die Balkonbrüstung. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite befindet sich ein Lokal namens Piano Lounge & Sports Bar, wo jeden Samstag eine beliebte Stand-Up-Comedy-Show stattfindet. Heute ist ein Samstag, doch alles ist ruhig. Es ist der Erste des Monats, und an jedem Ersten wird in der Mongolei – aber das hatte ich ja bereits erwähnt.