Auf der Spur der Robinsonade

Robinson Crusoe und Die Spur des Anderen im Vergleich Nach der Langen Nacht der Shortlist ist es an der Zeit, noch einmal intensiv zu lesen, neue Aspekte aufzugreifen, intertextuelle Bezüge herzustellen. Den Anfang machen wir mit einer Gegenüberstellung der Robinsonaden von Daniel Defoe und Patrick Chamoiseau.

Ein Wendepunkt in den Romanen von Defoe und Chamoiseau: Die Entdeckung einer Fußspur am Strand

Ein Schlüsselmotiv der Robinsonade: die fremde Fußspur am Strand

Patrick Chamoiseau sagt im Interview mit ILP on blog, dass Die Spur des Anderen als ein Weiterdenken von Daniel Defoes Roman Robinson Crusoe zu verstehen sei. Auch wenn der Roman des französischen Autors für sich alleine steht und gelesen werden kann, ist es spannend, Defoes Robinson Crusoe noch einmal zur Hand zu nehmen, und sich zu fragen, worin diese Ergänzung besteht, von der Patrick Chamoiseau spricht. Defoes Werk wurde 1719 veröffentlicht und gilt als einer der ersten europäischen Romane. Nach diesen knapp dreihundert Jahren Literaturgeschichte sieht eine Robinsonade natürlich anders aus. Was hat sich verändert, wo sind Parallelen, und wie kann man Chamoiseaus Robinsonade in Bezug zu Daniel Defoes Roman lesen?

Schon in der Struktur seines Romans lässt sich Chamoiseaus Idee des Weiterdenkens und der Ergänzung erkennen. So fängt er mit der Entwicklung seines Robinsons dort an, wo Defoe seinen Roman beendet. Defoes Robinson schafft es, die Insel zu unterwerfen. Alle Lebewesen auf der Insel sind ihm untergeordnet; so auch die Eingeborenen und anderen Gestrandeten. Laut Chamoiseau erzählen die Erlebnisse von diesem ersten Robinson somit die Geschichte des westlichen Imperialismus.

„Da war zunächst meine Majestät, der Fürst und Herrscher der ganzen Insel. Das Leben meiner sämtlichen Untertanen stand unbedingt in meiner Gewalt. Ich konnte hängen, vierteilen, freilassen und gefangenhalten, wen und wie ich wollte, und kein einziger Rebell befand sich unter allen meinen Untertanen.“

Auch Chamoiseaus Robinson will die Insel zunächst beherrschen. Er bildet Ministerien, unter anderem die „Kammer für Ufer und Grenzen“, das „Museum des Kulturerbes“ und das „Kriegsministerium“. Die Insel begreift er als Feind, den es zu unterwerfen gilt. Jeden Morgen sagt er sich: „Ich heiße Robinson Crusoe und bin Herr über diesen Ort“. Auch wenn Chamoiseaus Robinson hier noch gut mit Defoes Robinson vergleichbar ist, kann dieser Anfang schon als Kommentar zur Ur-Robinsonade verstanden werden. Chamoiseau lässt bereits hier die Sinnlosigkeit der vielen Aktivitäten des Ordnens und des Regelns erkennen.

Eine Schlüsselszene in beiden Romanen stellt die Entdeckung einer fremden Fußspur am Strand dar. Sowohl Defoes als auch Chamoiseaus Robinson malen sich einen Kannibalen als Urheber dieser Spur aus. Das Bild des wilden Anderen, das sich Defoes Crusoe vorstellt, wird nicht korrigiert – tatsächlich stammt die Spur von Eingeborenen, die an den Stränden der Insel in unregelmäßigen Abständen grausame kannibalische Zeremonien abhalten. Er kann sich demnach als weißer Kolonialist gegen die unzivilisierten Anderen definieren.

In Chamoiseaus Roman hingegen existiert nicht wirklich ein Anderer in Form einer weiteren Person; Robinsons Vision wird nicht bestätigt. Vielmehr treibt Chamoiseau schon am Anfang der Entwicklung seines Robinsons die feindliche Einstellung zu den vermeintlich wilden, kannibalischen „Anderen“ so weit, dass die Ängste, die nur auf der Entdeckung einer Fußspur beruhen, ins Groteske gezogen werden:

„ … ich sah diese Wilden schon meinen Leib den schlimmsten Zeremonien unterziehen; fast sah ich meine geschundenen Gedärme entrollt und mit Pfefferschoten gewürzt vor mir; meine Schenkel in Scheiben mit vergorenen Rinden vermischt; laszive Tänze, bei denen eine dieser Bestien nach meinen Augen schnappte …“

Nach der Entdeckung der Fußspur verläuft die Entwicklung von Defoes und Chamoiseaus Robinsons jeweils anders. Defoes Protagonist kolonialisiert die Insel und ihre Lebewesen. Er zivilisiert und missioniert einen der Kannibalen, der von nun an sein „edler wilder“ Untertan ist. Robinson ist hier der Herrscher eines Gartens, den Gott ihm gegeben hat. Nicht umsonst schreibt Karl Altmüller, der Übersetzer der deutschen Fassung, dem Roman eine „tiefe symbolische Bedeutung“ zu. Diese liegt unter anderem in den vielen religiösen Anspielungen. Defoes Robinson findet auf der Insel zu Gott; immer mehr liest er in der Bibel, dem einzigen Buch, das er aus dem Schiffswrack retten konnte. Immer mehr hilft ihm der christliche Glaube, in seiner misslichen Lage einen Sinn zu erkennen. Sein Leben ist somit um den christlichen Gott und die bevorzugte Rolle des Menschen zentriert. Dies festigt seine koloniale Perspektive und schließt alternative Betrachtungsweisen der Insel aus.

Im Gegensatz dazu löst sich das Zentrum von Chamoiseaus Robinson nach der Entdeckung der Fußspur auf. Während bei Defoe die Lebewesen auf der Insel nur anhand ihres Nutzens für den Kolonialisten Bedeutung erfahren, setzt Chamoiseau die menschliche Machtposition in seinem Roman außer Kraft. Im Interview spricht er von der Entwicklung von einem vertikalen Verhältnis zwischen Mensch und Natur in eine horizontale Beziehung. In diesem horizontalen Verhältnis mit seiner Umgebung verliert sich Robinson zunächst. Auch hier lässt sich somit ein Weiterdenken von der ersten Robinsonade erkennen. Ein Beispiel hierfür sind die Schildkröten, die in beiden Romanen auf der Insel leben. Für Defoes Robinson dienen sie lediglich zur Nahrungsaufnahme.

„Ich fand heute am Strande eine große Schildkröte. […] Als ich die Schildkröte zu kochen versuchte, fand ich in ihrem Leibe etwa sechzig Eier; das Fleisch schien mir das saftigste und wohlschmeckendste, das ich im Leben genossen, …“

Gerade diese Tiere werden für Chamoiseaus Protagonisten Subjekte für eine Begegnung jenseits des kolonialen Machtgefälles.

„ … die Schildkröten kümmerten sich überhaupt nicht um mich; […] ich machte die Erfahrung, mitten unter ihnen liegen zu bleiben, mich nicht mehr zu rühren und zu sehen, wie dieser Organismus der tausend Köpfe, tausend Mäuler und tausend traurigen Augenpaare begann, langsam über mich hinweg zu steigen, …“

Die Erkenntnis dieser Begegnung ist für Chamoiseaus Robinson jedoch nicht, dass er sich in Allem auf der Insel verlieren kann. Er erkennt, dass die „Zeit der Schildkröten“ nicht die seine ist. Er versteht, dass er selbst die Fußspur hinterlassen hat und dass der „Andere“ ein Teil von ihm selbst ist. In diesem fast chaotischen Miteinander von Pflanzen, Menschen und Tieren findet Robinson schließlich die Kunst und das Gestaltende, um nicht vom Chaos verschluckt zu werden. Dieser Halt in der endlosen Vielfalt verschiedener Identifikationsmöglichkeiten sei, so Patrick Chamoiseau im Interview, auch die Aufgabe der Kunst. Wo Religion und Kultur nicht mehr eindeutige Antworten geben, könne die moderne Literatur helfen, mit einer überwältigenden Realität zurechtzukommen.

Chamoiseau bezieht sich auf die Ur-Robinsonade mit vielen sprachlichen und bildhaften Bezügen, die er verändert und umwandelt, sodass sie Teil einer ganz neuen Inselerfahrung werden. Defoes Robinson sagt nach der Entdeckung der Fußspur:

„Am Ende, wenn es sich herausstellte, daß es wirklich mein eigener Fußtritt gewesen war, hatte ich die Rolle jener Narren gespielt, die Gespenster und Geistergeschichten erfinden und sich dann am meisten davor entsetzen.“

So nennt er den Protagonisten Chamoiseaus unwissentlich einen Narren. Der erste Teil Chamoiseaus Romans, in dem sein Protagonist dem Defoes ähnelt, heißt wiederum „Der Idiot“ und ist erst der Startpunkt der Entwicklung des neuen Robinsons. Defoes Grenzen werden bei Chamoiseau somit aufgehoben und weitergedacht. Die Spur des Anderen ist also keine Nacherzählung von Defoes Robinson Crusoe. Dennoch lassen sich viele ähnliche Momente erkennen, die jedoch jeweils Teil ganz verschiedener Inselerfahrungen sind. Eine Robinsonade fragt nach der Rolle des Menschen inmitten der Natur; nach den Grenzen zwischen Zivilisation und Wildnis. Defoes Robinson Crusoe und Chamoiseaus Die Spur des Anderen finden darauf als Ausdruck ihrer Zeit jeweils andere Antworten. Die Frage jedoch ist zeitlos, sodass es mit jeder neuen Zeit auch eine neue Robinsonade geben kann.

 

Ein Beitrag von Greta Kaisen und  Leonie Nennstiel
Foto: Leonie Nennstiel (CC BY-NC-SA 4.0 DE)

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