Aufgeblättert: „Physik der Schwermut“

Aufgeblättert: Die Physik der Schwermut. Foto: Ida Schlößer (CC BY-NC 3.0 DE)

Aufgeblättert: Die Physik der Schwermut. Foto: Ida Schlößer (CC BY-NC 3.0 DE)

Auf der Flucht vor der Melancholie
Worüber berichte ich? Ich erzähle mein Leben – mit all seinen Höhen, vor allem aber mit all seinen Tiefen. Das Leben ist nicht leicht, es birgt so viele Hindernisse und Schwierigkeiten. Als Kind war ich glücklich, wirklich zutiefst glücklich – dazu brauchte es gar nicht viel. Mit den Jahren kommt die Beschwerlichkeit…

Aufgewachsen bin ich in den 70ern und 80ern in Sofia. Ich lebte mit meinen Eltern in so vielen Kellern dieser Stadt, dass ich sie gar nicht mehr zählen kann. Der Sozialismus hat Bulgarien nicht gutgetan, und uns sowieso nicht. Als Zeitungsjournalist schlug ich mich durch die ersten Jahre des Erwachsenseins, später wandte ich mich der Schriftstellerei zu. Das Kellergeschoss wurde ich nie los. Das hat wohl mit meinem Freund, dem Minotauros, zu tun, der mich seit der frühen Kindheit begleitet. Fürchterlich missverstanden und verlassen fristet er sein Dasein in einem dunklen Labyrinth, in das man ihn gesperrt hat, und wartet – zum Ungeheuer abgestempelt – auf seinen Henker Theseus. Das ganze wiederholt sich tausendfach, jetzt, jeden Moment, heute. Der Gedanke an das Kind mit dem Stierkopf begleitet mich, jeden Tag und jede Nacht.

In meinen eigenen Verliesen entwickelte ich langsam einen Spleen: Ich sammle. Das heißt, ich sammle alles, Gegenstände, Dokumente, aber vor allem sammle ich Geschichten. Für den Fall der Apokalypse will ich vorsorgen. Ich will unserer Nachwelt ein Bild von uns hinterlassen. Ich will die Welt in ihrer Gänze festhalten. Ja, das ist utopisch.

Vielleicht ist das der Grund – die Melancholie, die Schwermut holt mich ein. Ich versuche, sie zu bekämpfen, indem ich reise. Ich reise quer durch Europa, ich lebe in Berlin, ich sehe den Süden und den Norden. Aber auch das Reisen hilft nicht, denn nicht allein Bulgarien ist ein trauriger Ort, die ganze Welt ist es. Wir müssen nach etwas anderem suchen.

Poetik der Schwermut
Ich erzähle mein Leben. Ich erzähle es in Episoden, in Fragmenten, in einzelnen kleinen Geschichten. Denn was ist das Leben als eine Aneinanderreihung von Episoden? Einfach ist das nicht. Jede Geschichte besteht aus Gängen – Gängen, die einem Labyrinth ähneln, in dem man sich verlaufen kann. Manchmal verwirrt mich das selber. Bin ich Ich? Bin ich die gleiche Person, die ich als Kind war? Oder ist man eigentlich immer wer anders? Ich versuche mich nicht in den Geschichten zu verlieren, auch wenn sie mit ihren Seitengängen dazu einladen, nicht mehr aus ihnen herauszufinden. Episode reiht sich an Episode an Episode – aber Moment: Gehören zu einem Leben nicht auch Dokumente, Listen, Vergangenes und Zukünftiges? Also von vorne: Episode an Dokument an Episode an Liste und so fort. Ich entschuldige mich im Voraus für dieses Wirrwarr! Aber wie viele der hier Lesenden könnten wohl ehrlich von sich behaupten, es besser zu können?

Liste der Schlagwörter
Minotauros
Schwermut
Melancholie
Weltherbst
Empathie
Labyrinth
Zeitkapsel
Geschichten
Erzählen
Gänge und Seitengänge
Trauer
Der Sinn des Lebens

Ein Beitrag von Ida Schlößer

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