Bücher, an denen wir gescheitert sind (I)

Thomas Pynchon
Die Enden der Parabel

Die Zubereitungsbeschreibungen der Bananengerichte waren noch verdaulich. Durch die zehnseitige Analyse eines Schreibtisches konnte ich mich auch noch kämpfen. Die verwirrenden Zwischendurch-Briefe waren hinzunehmen. Als einer der unzähligen Protagonisten dann aber durch die Kanalisation schwimmt und anhand des Kots die Hautfarbe der Erzeuger ermitteln will, bin ich ausgestiegen. Elias Molle

Rainer Maria Rilke
Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

Malte ist einfach so ein Opfer. Er jammert nur rum, seine hohle, privilegierte Weltabgewandtheit führt nirgends hin. Aus dem Gefühl seiner Fremdheit und Unzugehörigkeit kommende Erkenntnisse oder Offenbarungen, die bleiben, die sich nach etwas anfühlen, die klug sind, sucht man vergeblich. Dabei ist die permanente Offenbarung das, worum es angeblich gehen soll. Und dann noch diese provokativ gestelzte Sprache. Nicht mit mir. Enis Maci

Korbinian Aigner
Äpfel und Birnen

Es gibt eine Form des gesellschaftlich legitimierten Scheiterns an Weltliteratur: Infinite Jest, Finnegan’s Wake oder Der Mann ohne Eigenschaften gelten als so gewichtig wie hermetisch, sind aber zugleich als Orte des berechtigten Scheiterns kanonisiert. Als solche beunruhigen sie nicht mehr und versteinern. Auch eine zweite Form des Scheiterns nähert sich einem Dead End: Wenn Werke durch bildungsbürgerliches Plattzitieren den Zauber des noch zu Entdeckenden verlieren, ganz vorne die M-Episode in Prousts Recherche oder das Anna-Karenina-Prinzip nach Tolstois erstem großen Satz.

Das grandiose, produktive Scheitern aber ist entweder bleibendes Begehren nach einer Sprache und Geschichte, die ich nicht einholen kann – FILL IN YOURS –, oder grandios existenziell und in gleicher Weise banal: Äpfel und Birnen von Korbinian Aigner ist nur noch auf Amazon für 186,89€ zu erstehen. Es wäre so schön. Sophia Lohmann

Gottfried Keller
Die Leute von Seldwyla

Ich bin ein großer Freund von Kurzgeschichten und Novellen aller Art und so hatte ich auch viel Spaß an der Lektüre vom zweiteiligen Novellenzyklus Kellers. Aber ich habe es ganz falsch gemacht. Statt wie ein ordentlicher Mensch vorne anzufangen und mit der letzten Geschichte aufzuhören, habe ich mittendrin losgelegt und dann hemmungslos einen verlockenden Titel nach dem anderen gelesen. Wie könnte man auch Klassikern wie Spiegel, das Kätzchen oder Kleider machen Leute widerstehen? So aber ging all die Arbeit an mir verloren, die eine sorgfältige Komposition eines Zyklus‘ erfordert. In meiner Lese-Erinnerung wabern nur vereinzelte Geschichtsfäden, die sich weigern, sich zum großen Ganzen zusammenzufügen. Tut mir Leid, Herr Keller! Franziska Schatte

Tao Lin
Taipei

Von einem Buch, dessen riesiger, metallisch glänzender Titel das gesamte schwarze Cover verschlingt, das also schon äußerlich eine gewisse unantastbare iPhone-Ästhetik ausstrahlt, sollte man vielleicht keine große Gefühlswärme erwarten. Aber eine so unendliche Coolness und distanzierte Kühle, wie „Paul, 26, and Michelle, 21“ sie in Zusammenarbeit mit dem Erzähler an den Tag legen, war mir dann doch zu viel. Sollen sie mit ihrem abgeklärten Halbgrinsen allein durch die Metropolen wandeln. Sigrid Thomsen