Danke, liebe Jury, aber jetzt verleihen wir die Preise (II)


14. Mai 2018
von

Wir haben uns die ILP-Gewinnerbücher der letzten Jahre angeschaut. Und die Preise neu verliehen. Diesmal mit Valeria Luiselli, Gilbert Gatore, Ivan Vladislavic und Amanda Lee Koe.



2013

Teju Cole den Preis abnehmen? Ein Autor, der den Begriff „Intellektueller“ gepachtet hält wie seine Übersetzerin das geflügelte Wort „kongenial“? Macht eigentlich keinen Spaß, aber da ist ja auch Valeria Luiselli auf der Shortlist gewesen, die in ihrem Buch Die Schwerelosen vom Schreiben schreibt und das Erzählen erzählt und uns teilhaben lässt, wie ihr Leben aus der Bahn gerät, einfach nur, weil sie zu intensiv hineinschaut. Und am Ende weiß niemand mehr, wer erzählt und was erzählt wird, die Leben der Figuren spiegeln sich gegenseitig und das des Lesers lappt auch immer wieder hinein, im Kopf, durch die Worte der Autorin, den ungebändigten Fluss an Worten. Die Schwerelosen ist ein Buch, das uns zeigt, wie wenig wir uns selbst kennen, bis wir anfangen, einfach alles fließen zu lassen. Die Wörter und Gedanken, auf tragische und witzige Weise zugleich. Mir ist es egal, wer in diesem Buch die Erzählerin ist. Dieser Debütroman der mexikanischen Autorin Valeria Luiselli ist Literatur, wie es kaum eine zweite gibt, ein Happening, ein Lehrstück für das eigene Sein.

Und natürlich wäre ein derart verspieltes und sprachlich kunstvolles Werk nicht einmal halb so gut, wenn die Übersetzung lahmt. Was ein Glück, dass in diesem Fall Dagmar Ploetz am Werk war, die aus einem Kunstwerk ein Kunstwerk für Deutschsprachige schuf. Mein Internationaler Literaturpreis 2013 wäre an diese beiden Frauen gegangen. Sorry, Teju.

von Sophie Sumburane

2015

251 durchnummerierte Absätze, die mit trügerischer Ruhe eine Mauer des Schweigens abtasten im Versuch, sie zu durchbrechen. Narrative Fragmente, die das Sprechen über das Unaussprechliche einleiten. Und immerzu Fragen, unbeantwortbare Fragen nach dem Warum.

Das lärmende Schweigen von Gilbert Gatore ist ein fiktionaler Versuch das Grauen des Völkermords in Ruanda in eine Sprache einzufassen, die das Innenleben zweier Menschen erzählt. In die Gedanken von Täter und Opfer einzutauchen, weicht dem Versuch aus, allgemeine Formeln zu finden, die sich Geschichtsschreibung beständig einfordert. Es ist vielmehr ein Angebot, vor dem das erzählende Ich nicht aufhört uns zu warnen, einen Raum zu betreten, in dem das Böse banal ist und vielleicht ertragbar wird. Gibt es Hoffnung, mit dem Bösen zu leben?

Bei Gatore gibt es sie nicht, das Ende ist hier der Anfang der Vergangenheit. Es ist ein ungeheuerlicher literarischer Versuch, der sich schmerzlich tief einprägt und uns auffordert, zu begreifen. Ein Buch, das den Internationalen Literaturpreis gewinnen sollte, weil es wichtig ist für uns alle.

von Hannah Krug

2016

Es ist auch kontrafaktisch, dass Double Negative des südafrikanischen Autors Ivan Vladislavic den ILP im Jahr 2016 eher verdient hätte als Shumona Sinhas Assomons les pauvres!. Double Negative hat aber auch nicht das häufige Los von Shortgelisteten verdient, welches zweit- bis x-Platzierte auf die hinteren Ränge der öffentlichen Aufmerksamkeit verbannt. Lest beide, mindestens.

Double Negative ist mal beiläufige Erzählung, mal melancholische Notizsammlung eines Flaneurs im Drive-by Modus, mal essayistisch anmutende Studie über einen Menschen und eine Stadt im Wandel: Die Jugend Neville Listers im Johannesburg der Apartheid und seine Rückkehr aus dem Londoner Exil kurz nach deren Ende, und zuletzt ein Leben im Johannesburg der 2000er – eine völlig andere Zeit, die jedoch weiterhin geprägt ist von den Wunden und Kontinuitäten der Vergangenheit.

Aufgebaut wie ein Triptychon, funktioniert das Buch vor allem über Motive, zufällige Begegnungen und Oberflächenstrukturen, die auf Tieferliegendes hinweisen. Was sagt das Sichtbare der Gegenwart über das nicht (mehr) Sichtbare historischer und persönlicher Vergangenheit?

Das Buch erschien in Südafrika in einer ästhetisch aufregenden Doppelausgabe mit einem Fotoband des ebenfalls südafrikanischen Fotografen David Goldblatt, was auch Inhalt, Form und Zugriff des Romans widerspiegelt. Vladislavic setzt sich nicht nur explizit und hintergründig mit dem Medium Fotografie und dem Schreiben auseinander, sondern durchleuchtet beides aus verschiedenen Perspektiven als Möglichkeiten des Gedenkens, Erinnerns, Reflektierens – und des Verfälschens und Verzerrens. Das manchmal schwer Auszuhaltende daran: Der Erzähler Nevel Lister blättert durch die Geschichte und sein Leben selbst wie durch ein Fotoalbum. Es sind eindrucksvolle Bilder von genauer Beobachtung und feinem Ausdruck, klug ausgewählt und kommentiert. Aber angesichts der schwergewichtigen Geschichte kann die exponierte Kontingenz des lister’schen Alltags, die Illusions- und Schmerzlosigkeit eines zurückblickenden Erzählers auch anstrengen.

Die Schwere der Ereignisse spiegelt sich jedoch in den vom Zufall ausgewählten – historisch gesehen – Nicht-Ereignissen wieder. Außerdem wird die zunehmend nüchterne Betrachtung und die Abwesenheit von Not im Leben des Erzählers kontrastiert mit dem Blick der stillen zweiten Hauptfigur: Ein Fotograf, dessen Schaffen von ästhetischer und menschlicher Annäherung und Unausweichlichkeit geprägt ist. Beide jedoch bleiben Beobachter und wahrscheinlich ist diese Form der Weltbegegnung, die wenig wertet, nicht eindringt und kaum gestaltet, das Dissonante, Störende des Buches, das letztlich in eben dieser Bescheidenheit seine Größe entfaltet. Geschichte lagert sich im alltäglichen Leben der Einzelnen in Fugen und Poren ab, sie wälzt nicht jedes Leben sichtbar um.

Es geschieht nicht oft, dass die Geschichte von ihrem Sockel herabsteigt und sich auf der Straße mit dir gemein macht. Ja, auch wir schrieben Geschichte. Ich konnte das durchaus so sehen. Wenn ich schielte.

Vladislavic ist ehrlich, er beschreibt Tiefenströmungen und hebt dabei die leisen Bewegungen und scheinbar Unbeteiligten hervor, Menschen, die Opfer wurden, die sich auflehnten und die, die profitierten oder schlicht unbeteiligt teilnahmen.

Stets schreibt hier aber ein weißer Südafrikaner über den Blick eines privilegierten weißen Mannes. Gewalt, Diskriminierung sieht man immer wieder, aber nur am Rande, schielend. Vlaidislavic maßt sich keine Perspektive an, die er nicht durchlebt hat, was von Respekt zeugt, aber dadurch immer nur ein selektiver Ausschnitt bleiben kann. Es gibt andere Bücher, die man mit, nach oder vor diesem lesen sollte. Zum Beispiel NoViolet Bulawayos‘ We Need New Names von der Shortlist 2015. Dethrone the winners.

von Sophia Lohmann

2017

In Singapur, da wo verschiedene Ethnien, Religionen usw. in diesem hypermodernen, hyperkapitalistischen, autoritären – worst of both worlds, sozusagen – Staat aufeinandertreffen, erzählt Amanda Lee Koe aus der Mitte heraus über das Universale in der fragmentierten Welt, den Archetyp des literarischen Motivs: der unerfüllten, gescheiterten Liebe. Die Charaktere, nicht die soziale, politische, geografische Situation, der sie entspringen, tragen die Geschichten. Die falsche Person lieben, zur falschen Zeit lieben, richtig lieben, aber dennoch der Liebe fernbleiben. Die 16 Geschichten aus Lee Koes Debüt Ministerium für öffentliche Erregung sind so schön und gewaltig, weil sie die vom Ehemann verlassene und gedemütigte Frau sagen lassen: „Einsamkeit ist Freiheit.“ Und weil ein Ministerium für öffentliche Erregung bei all der Liebe und den Menschen, die so ganz und gar nicht gefällig sind, wahrscheinlich so viel zu tun hätte, dass sein bürokratischer Apparat implodieren würde. Ganz und gar preiswürdig.

von Alina Rathke