Das Schreiben erweitern

Am Rande der Publishing Sphere hat Epitext-Redakteur Elias Molle mit Hannes Bajohr gesprochen. Über neue Formen des Publizierens, über Öffentlichkeit und über digitale Literatur.

Es ist Dienstagabend auf der Publishing Sphere. Die ersten vier Runden sind durch, die Zuhörer*innen und Vortragenden strömen aus dem Saal zum Buffet. Mein Kopf dröhnt nach so viel Input. Hannes Bajohr saß mit am Teilnehmertisch um über neue Formen des Publizierens zu reden. Ich habe mich mit ihm vor dem Saal verabredet.

War ganz schön viel oder?

Fandest du? Es war schon sehr interessant, aber ich kannte auch schon viel davon.

Ich studiere am Literaturinstitut in Leipzig und habe dort schon einen Vortrag mit Hannes’ Arbeiten über sein Hauptthema gehalten. Seine akademischen Texte sind fast alle online frei verfügbar. Durch ihn habe ich den Unterschied zwischen digitaler und digitalisierter Literatur gelernt. Digitale Literatur ist Literatur, die das digitale Medium braucht, um im Kontext verstanden zu werden. Im Gegensatz dazu kann jedes Buch digitalisiert werden, ohne dass es aber an das digitale Netzwerk gebunden ist. Er publiziert mit seinem Freund Gregor Weichbrodt seine Arbeiten im Verlag 0x0a. Jetzt bin ich am Kern des digitalen Syndikats und will an bestimmten Punkten nachhaken.

Magst du noch mal kurz anreißen, worüber ihr zuletzt diskutiert habt?

Es ging wieder um den Unterschied, ob etwas digital produziert oder einfach nur digital präsentiert wird. Der Unterschied bleibt nämlich auch dann relevant, wenn man die Sachen auf Papier veröffentlicht. Das Digitale ist dabei immer ein Wirklichkeitsbegriff, eine Art, mit Welt umzugehen. Im Grunde steht dahinter die Idee, dass sowohl die Produktion als auch das, was damit dargestellt wird, eigentlich erst möglich ist in einer Welt, die digital oder postdigital ist. Und das bedeutet für die Literatur etwas anderes als die bloße Schilderung von Leuten, die digitale Technologie benutzen. In einem Roman, in dem zum Beispiel alle twittern, muss das nicht unbedingt die Struktur des Romans verändern. Da ist immer der Unterschied zwischen Form und Content. Der Content muss sich halt auch ändern und gleichzeitig ist die Form nicht bloß die Präsentationsweise. 0x0a versucht herauszufinden, wo die Relevanz und die Verbindung zwischen Beidem steckt.

In der digitalen Literatur gibt es immer eine Konzeptsprache, es gibt eine Konzeptschrift, ein Konzept der Veröffentlichung – wie macht man das für den konventionellen Leser zugänglich?

In dem man das Konzept offenlegt. Das ist der Unterschied zwischen uns und ein paar Anderen, die etwas Ähnliches machen. Wenn man sich GaussPDF oder Throllthread anguckt – die auch digital Konzeptuelles publizieren –, sagen die nie, nach welchem Konzept sie ihre Texte machen. Und es kann hochinteressant sein, herauszufinden, was das Konzept dahinter ist. Uns geht es jedoch darum, dass jeder, der will, es auch verstehen kann. Es ist so, dass jede Form von Text einen Mehrwert haben kann. Der Mehrwert sollte aber nicht nur darin bestehen, dass das Endergebnis ästhetisch interessant ist, sondern auch das Konzept dahinter. Die Antwort auf deine Frage ist also: Wir schreibens hin. Meistens auf der letzten Seite.

Statt eines Close Readings sprichst du in deinem Aufsatz Infradünne Plattformen von „Hyper Reading“. Was ist das genau?

Wenn das Konzept das Wichtige ist und der Output am Ende nur eine Illustration, dann ändert sich auch die Praxis des Lesens. Und das Close Reading ist eines, das allen Kontext weglässt und sich einfach darauf verlässt, was der Text als kohärente Sinneinheit preisgibt. Das Hyper Reading ist dagegen eine Form von Lesen, die sich darauf einlässt, dass der Text als solcher nicht mehr diese Form von Sinnzugang zulässt. Gerade bei solchen Texten, die Gregor [Weichbrodt] gerade vorgestellt hat, wo du zum Beispiel 500 Seiten Kochrezepte hast, ist ein Close Reading eigentlich Unsinn. Für uns besteht der Witz nicht im genauen Lesen, sondern im Überfliegen. Der Text ist letztlich eine Möglichkeit, das Konzept illustriert zu bekommen. Du musst das Konzept verstehen und im Endeffekt ist das Hyper Reading die Verifikation des Konzepts. Du liest es an, vorne, hinten, Mitte und siehst, was das Konzept wirklich zustande gebracht hat.

Wenn ich den Text aber gar nicht richtig lese, reicht es dann nicht eigentlich, nur das Konzept zu kennen?

Insofern ist das Konzept auch nicht alles und der Text nicht komplett unwichtig. Bei Durchschnitt, einem Roman, den ich generiert habe, habe ich aus 20 Büchern die durchschnittliche Satzlänge ermittelt (18 Wörter), alle Sätze anderer Länge aussortiert und das Ergebnis alphabetisch geordnet. Ich kann dir zwar jetzt das Konzept sagen, aber du kannst dir den Text dann immer noch nicht richtig vorstellen. Du kannst dir auch nicht vorstellen, was der Text mit dir macht, wenn du ihn liest. Es ist nämlich sehr anstrengend, ihn zu lesen. Christiane Frohmann, die das Buch auch verlegt hat, sagte, man wird ein bisschen doof nach einer Weile Lesen. Aber gleichzeitig verändert der Text auch dein Leseverhalten selbst. Du erwartest nicht mehr Kohärenz, du wirst vielleicht sogar misstrauisch, wenn drei Sätze hintereinander plötzlich Sinn ergeben. Das sind so Beispiele davon, was eben kein Close Reading ist.

Hat der Text dann über seine Darstellungsform hinaus noch einen Mehrwert?

Wenn du den Text etwa als eine Form von Wissenschaft begreifst, dann kann der Text dadurch, wie er etwas präsentiert, Sinn erzeugen. Dann braucht man das, was vor vierzig Jahren die sogenannte Stilometrie gemacht hat: Die statistische Untersuchung von literarischen Texten. Das war in den Siebzigern ganz groß und das kommt jetzt wieder, indem die Literaturwissenschaften Computerverarbeitung entdecken. Das nennt sich dann Distant Reading. Und Annette Gilbert hat gerade einen Text über Durchschnitt veröffentlicht, der im Grunde das gleiche macht: Also wenn man den Text, den ich gemacht habe mit dem Gedanken, dass ihn kein Mensch wirklich liest, ein Close Reading veranstaltet, findet man auch Sachen raus – zum Beispiel, dass die Sätze, die mit „Er“ anfangen, sehr viel zahlreicher sind als die Sätze, die mit „Sie“ anfangen. Es gibt also ein Übergewicht an männlichen Figuren in der deutschen Literatur. Das ist ein Erkenntnisgewinn, den man auf rein akademische Weise hätte erzielen können, den aber der Text eben auch zulässt. Und da braucht es tatsächlich ein Close Reading eines Textes, der eigentlich für ein Hyper Reading gedacht war.

Werden die Texte lektoriert?

Es kommt drauf an. Durchschnitt habe ich nicht im eigentlich Sinne lektoriert, ich habe nur die Fehler raussortiert. Ich habe ein Script geschrieben, das zunächst nicht perfekt war. Zum Beispiel hat der Satz bei Josef K. immer aufgehört, weil ich das Script so programmiert habe, dass es Sätze als nach einem Satz endend erkennt. Also musste ich wieder ins Script rein und eine Ausnahme für Josef K. einführen. Weiter ist da nichts. Christiane Frommann machte das Lektorat auch nur für offensichtliche Fehler. Bei Gedichten, die ja wesentlich kürzer und dichter sind, arbeite ich aber auch dran rum, ändere und kalibriere den Text.

Wie steht es um den Buchmarkt für digitale Literatur?

Weiß ich nicht. Ich mache mir keine Illusion darüber, dass das, was wir bei 0x0a machen, eine Praxis für eine sehr kleine Zahl von Lesern ist. Und sehr oft sind diese Leser auch Autoren. Oder sie sind Autoren und auch Wissenschaftler. Vielleicht ist das auch so, weil diese Text eine Form von Erkenntnisgewinn bieten, der wissenschaftlich sein kann. Aber der Witz bei solchen randständigen Geschichten ist, dass Experimentelles irgendwann in Sachen für ein breiteres Publikum eindringen – auf indirekter oder direkter Weise. Das wäre auch schön. Aber ich glaube nicht, dass jemand unsere Sachen lesen muss, oder dass nun alle so schreiben müssen. Es hat natürlich auch einen gewissen kritischen Impetus, dass die Romanform sich nicht dadurch ändert, dass sich der Romaninhalt ändert, sondern dass die Form und die Art und Weise wie man es liest, den Inhalt ändert. Ich kann mir vorstellen, dass der Inhalt eines Buches auch konzeptuell sein könnte. Das ist ein wichtiger Punkt, den wir immer machen: Diese konzeptuellen, digitalen Techniken sollen anderes Schreiben nicht ersetzen, sondern erweitern.

Jean Keller – The Black Book

Es scheint auch als Hack im Self-Publishing-Buchmarkt gedacht. Wie das Black Book von Jean Keller, das mit 740 schwarzen Seiten das Maximum an Druckertinte verbraucht oder 57 Bände von Puniverse von Stephen McLaughlin, das nur durch die Möglichkeit, dass es gedruckt werden könnte, einen Mehrwert erzielt.

Ich glaube auch, dass bei Puniverse der Witz darin besteht, dass man es drucken kann, auch wenn der Text bereits als PDF existiert. Da ist die komplexe Verbindung zwischen dem Digitalen und dem Analogen. Es ist eben nicht alles ohne die Ausführung. Aber es braucht die Ausführung damit das Konzept Sinn ergibt.

Der Hack von Jean Keller ist konkret auf Lulu [eine Print-On-Demand-Plattform] bezogen, weil Lulu so eine Form hat, die sich sehr darauf verlässt, dass User Content produzieren und die Firma einfach nur die Infrastrukturen zur Verfügung stellt – und dann Tantiemen oder Beteiligungen kassiert. Das ist nicht automatisch was Gutes oder Befreiendes. Das kritisiert Keller.

Du sprichst morgen über „Publicking“. Ich will mal vorgreifen: Was ist das überhaupt?

Dieser Begriff ist jetzt wirklich nur aufs Digitale bezogen, meine Intuition ist: Dort gibt es kein separat Öffentliches mehr, sondern Öffentlichkeit ist immer schon der Default, der Standard. Wenn du etwas auf Facebook schreibst, dann ist der Default immer: An alle senden. Bei Twitter ebenso, du musst alle Sachen immer erst auf privat schalten, damit du so etwas wie Privatsphäre hast. Im normalen Leben ist es genau andersrum. Man sagt in die Öffentlichkeit gehen, weil es nicht die normale Position ist. Und meine Frage war jetzt: Wie verhalten wir uns, wenn „öffentlich“ der Default ist? Ergibt der Begriff dann noch Sinn? Ich glaube, dass die Leute dann anfangen, Öffentlichsein extra zu markieren, selbst wenn sie im Prinzip schon in der Öffentlichkeit sind. Das nenne ich publicking. Ich kann auf Facebook etwa ein Katzenfoto mit allen Menschen teilen, die mit mir befreundet sind und ich kann das Konferenzprogramm teilen und sagen „hier bin ich dabei“. Das letztere ist öffentlich, das erstere nicht – eigentlich. Aber beides geschieht in der Öffentlichkeit.

Vorhin haben wir auf einem Panel die Frage diskutiert, ob Öffentlichkeit ein wirklicher Raum oder ein Netz von Beziehungen ist, in dem die reale Distanz in der Welt keine Rolle mehr spielt. Meine Antwort darauf ist: Beides greift im Digitalen zu kurz. Man kann Öffentlichkeit vielleicht besser als eine Praxis, als eine Tätigkeit beschreiben. Public as a verb – Öffentlichkeit wird zu einem Verb. So dass man eine Markierung setzt: „Das, was ich jetzt sage, ist gemeint als ein Teil von Öffentlichkeit.“ Diese Publicking-Geste, denke ich, geschieht im geteilten Konferenzprogramm, das durch seinen Inhalt und im Kontrast zu privaten Inhalten als öffentlich markiert wird.

Das Gegenteil von publicking wäre privating, wenn ich etwas als Privat markiere. Etwa bei OkCupid: Dort gibt es das sogenannte „Torso-Picture“, wo die Leute ihren nackten Oberkörper ohne Gesicht als Profilbild haben. Das sind meistens Sex-Profile, aber trotzdem sind sie immer noch öffentlich, denn für alle erreichbar. Das ist eine öffentliche Markierung, dass etwas eigentlich privat gemeint ist. Das ist eine Reaktion auf Öffentlichkeit als Default. Und das ist ein direkter Ausfluss der digitalen Welt, der digitalen Medien.

Was ziehst du bei der Beschäftigung mit digitaler Literatur noch aus konventioneller Literatur? Liest du überhaupt noch Bücher?

Ja sicher. Wie gesagt: Es geht nicht ums Ersetzen, es geht ums Erweitern. Und alle Medientheoretiker können einem sagen, dass, sobald ein neues Medium auftaucht, das alte Medium nicht automatisch ersetzt, sondern eventuell rekonfiguriert wird. Als die Fotografie erfunden wurde, um mal ein Beispiel von Kenneth Goldsmith zu nennen, musste die Malerei, um fortzubestehen, ihre Taktiken ändern. Also absoluter Realismus, genaue Porträtkunst, war nicht mehr notwendig. Was passiert? Das Porträt wurde von der Fotografie übernommen, die Malerei entwickelte den Impressionismus, also genau das nicht-Realistische, um weiter zu bestehen.

Ich glaube so etwas Ähnliches kann auch in literarischer Form passieren. Ich sage also nicht, dass das digitale Schreiben das analoge übernimmt. Aber ich glaube, die meiste Literatur, die Leute lesen, ist realistisch. Und es ist möglich, dass sich das erweitert oder vielleicht ein bisschen weniger normal wird.

Vielleicht habe ich aber auch Unrecht. Kann sein, dass der Vergleich hinkt und dass Literatur immer als realistische fortbesteht, weil jeder sprechen und schreiben kann. Es kann zum Beispiel nicht jeder malen. Und dadurch kann es sein, dass es immer eine Form von realistischer Literatur geben wird, weil wir uns eben so ausdrücken. Aber solche Überlegungen haben keinen großen Einfluss darauf, was ich lese. Ich finde realistische Literatur immer noch interessant.

Digitale Literatur wird von konventionellen Lesern als Bedrohung wahrgenommen, weil sie mit Beschleunigung verbunden wird. Was hältst du zum Beispiel von Speedreading oder Apps, die so was ermöglichen?

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob das relevant ist. Aber vielleicht hat dahingehend digitale oder konzeptionelle Literatur auch eine befreiende Wirkung, weil es eine Form ist, mit Informationsüberfluss umzugehen. Statt zu denken, dass man alles aufnehmen muss und dadurch Techniken wie Speedreading erlernt, um die Informationsdichte zu erhöhen, ist das Hyper Reading, das durchspringen, das Scannen, da vielleicht sehr viel gesünder. Die Umwelt ändert sich und du musst dich anpassen. Aber nicht, indem du das, was du bisher gemacht hast, schneller oder intensiver machst, sondern indem du stattdessen die Taktik des Lesens änderst. Marjorie Perloff, eine Literaturwissenschaftlerin, sagt, das machen wir sowieso schon. Du liest eine Website ja nicht wie einen Roman von Thomas Mann – aber warum eigentlich nicht andersrum? Warum gibt es wiederum keine Literatur die das normalgewordene Leseverhalten des Digitalen in der Literatur abbildet? Das versucht 0x0a.

Kritisch gesehen ist es ja auch eine Sache, die hauptsächlich im englischsprachigen Raum funktioniert. Womit man ja auch viele Künstler*innen wieder ausschließt…

Oder einschließt. Es gibt nun mal mehr Leute die Englisch sprechen als Deutsch. Trotzdem glaube ich nicht, dass digitale Literatur nur englischsprachig sein muss. Aber es gibt Gründe, die dafür sprechen. Der eine ist ein ganz pragmatischer: Wenn man etwas mit Python generiert, ist das auf Englisch einfacher, weil es dort keine Flexionen gibt. Im Deutschen musst du zum Beispiel bei der Verkettung von Sätzen immer drauf achten, wo ist die Subjekt- und Objekt-Position, was gibt es für flektierte Verben, welcher Kasus ist das? Im Englischen gibt es so was nicht, dort kannst du alles hintereinander stellen.

Das andere ist: Die deutsche Literaturszene war bisher nicht sehr aufnahmebereit, was solche digital-experimentellen Sachen anging. Und das deshalb, weil es in Deutschland immer noch einen Literaturgedanken gibt, der unglaublich auf eine Genieästhetik abzielt oder auf Authentizität beharrt. Popliteratur zum Beispiel war, glaube ich, deshalb für viele interessant, weil sie so „authentisch“ war. Aber Authentizität ist vielleicht kein gutes, jedenfalls nicht das wichtigste Kriterium für Literatur. Deutschland ist eine Geburtsstädte der Romantik und hat immer noch diesen starken Genie- und Autorkern. Das ist etwa in den USA nicht so. Da gibt es zwar so Leute wie Franzen, die diesen traditionellen Realismus weiterführen, aber es gibt auch eine unglaublich starke Avantgardetradition seit den 50ern, 60ern. Mit eben so Menschen wie Brion Gysin, die den dort Schreibenden auch viel bewusster sind. In Deutschland ist das nicht der Fall, interessanterweise in Österreich schon. Österreich hat eine große literarische Avantgardetradition im 20. Jahrhundert entwickelt, die dort jetzt noch viel präsenter ist, während ich die in Deutschland nicht unbedingt repräsentiert sehe. Was wird denn am Deutschen Literaturinstitut an Referenzgrößen gelehrt?

Es ist zum größten Teil deutschsprachig und fängt in der Frühromantik an und landet dann irgendwann im Expressionismus…

Aber auch der Expressionismus ist ja noch subjektiv. Das war noch die Kritik von Lukács. Das reine Rausbrüllen von Emotionen erhöht die Subjektivität, anstatt dass sie diese überwindet.

Aber man hat auch das Gefühl, wenn es an die Avantgarde geht, dann ist es hauptsächlich englischsprachige Literatur.

Das ist auch so. Natürlich ist auch alles, was englischsprachig ist, für 90% der Welt zugänglich. Es ist immer gut, wenn man ein bisschen wo anders hinguckt, aber wenn man auf Englisch publiziert und halt auch Englisch liest, kriegt man diese 90% eben auch mit. Ich habe mit dem deutschen Literaturbetrieb immer mal zu tun gehabt, aber war da nie in der Position, dass ich mir jetzt ein wirkliches Urteil anmaßen könnte – trotzdem habe ich das Gefühl, dass nicht so viel nach außen geschaut wird. Übersetzt ja, aber nicht in anderen Sprachen gelesen. Knausgård liest man überall, unter anderem, weil er auch das Autorgenie-Ideal bedient, wenn er über sich selber schreibt. Aber es passiert viel mehr international und ich glaube, man könnte viel mehr lesen, das nicht auf Deutsch geschrieben ist, um durchaus dann auf Deutsch zu produzieren.

Für mich ist wichtig, dass die Texte, die ich schreibe, einerseits auf Deutsch sind und dann auch als Literatur wahrgenommen werden. Und nicht zum Beispiel als bildende Kunst, was die Alternative wäre. Viel von dem, was in der Szene passiert, kann man sehr wohl als Kunst lesen und damit abtun – Kunst kann mit konzeptuellen Strategien umgehen. Damit werden solche Texte aber als Literatur neutralisiert, und für mich ist es eben wichtig, sie bewusst als Literatur passieren zu lassen.

Für den konventionellen Leser ist die digitale Literatur die Zukunft. Aber was ist die Zukunft von digitaler Literatur, was ist die Zukunft von 0x0a? Woran arbeitet ihr gerade?

Gregor macht im Augenblick mehr Bots, die ein bestimmtes Format voraussetzen, nämlich auf Twitter. Man kann Bots auch in Bücher packen, aber das finde ich gerade eher uninteressant. Was wir im Augenblick überlegen, ist dieses Machine-Learning – also Neuronale-Netze – auf Text anzuwenden. Und das nächste Projekt wäre ein Drama, das im Endeffekt neuronale Netze verwendet. Ist noch nicht so ganz klar.

Aber ich würde gerne noch ein paar Übersetzungen machen. Ich bin gerade dabei, Nick Montforts Megawatt zu übersetzen. Von Beckett gibt es einen Roman Watt und es gibt unglaublich viele kombinatorische Effekte darin. „Wenn Watt nach Westen ging, dann drehte er sich dreißig Grad nach links, hob sein rechtes Bein und dann sein linkes Bein und drehte sich dann weitere dreißig Grad nach links“ und so weiter. Also im Grunde etwas, was man super mit Programmiersprache realisieren kann. Und Montfort hat genau das gemacht, aber gleichzeitig noch was hinzugefügt. Und jetzt wird’s interessant: Was bedeutet hierbei Übersetzung? Ich übersetze nämlich den Quelltext. Also den Text, der der Ausgang ist, und nicht den Output.

Diese ganzen kombinatorischen Sachen, die man algorithmisch darstellen kann, hat er das Script nachschreiben lassen. Das Script gibt automatisch Beckett aus, die Maschine schreibt Beckett. Aber sie fügt eben noch was hinzu. Je mehr Elemente du hast, desto mehr Ausgabemöglichkeiten hast du auch. Ich habe einen Blogtext dazu geschrieben, der heißt „Algorithmische Einfühlung“ – der Code fühlt sich in Beckett ein. Das ist für mich auch interessant, weil ich natürlich nicht den original Beckett von 1960 verwende, sondern die Übersetzung. Aber da sitze ich noch dran, weil es keine gute Pythonbibliothek auf deutsch gibt, die genügend Synonyme vorweist. Ich guck noch, wie ich das mache. Vielleicht einfach auf englisch und lass das dann übersetzen.

Was ist Python überhaupt?

Das ist eine Programmiersprache, die sehr beliebt ist, weil sie sehr klar strukturiert ist und weil sie Textmanipulationen sehr einfach macht. Wenn man sich zwei, drei Tage damit auseinandersetzt, kann man einfache Programme schreiben, sie ist also auch sehr leicht für Anfänger. Und es gibt auch Leute, die das so unterrichten. Alison Parrish von der NYU (New York University) unterrichtet kreatives Schreiben mit Python. Und da geht es im Grunde um das, was wir auch machen.

Gregor hat gesagt, es gibt viele Menschen, die kreative Art-Bots produzieren, aber sehr wenige Menschen, die sich dafür interessieren.

Du hattest schon immer das Problem mit der Verbindung von Künstlern und Technikern. In den 60er Jahren hattest du das mit Tonkunst. Ich weiß nicht, ob Stockhausen selber seine Synthesizer programmieren konnte. Und ich seh das immer als Werkzeug im Werkzeugkasten. Das ersetzt nicht, sondern es gibt dir mehr Möglichkeiten.

Zu guter Letzt: Hier liegt eine Karte aus, auf der steht „Love art, hate the art world“ – stimmst du dem zu?

Das ist von Kenneth Goldsmith. Da ich mit der Kunstwelt nicht viel zu tun habe, weiß ich es nicht. Aber die Idee, die dahinter steckt, ist natürlich, dass es immer irgendwelche sozialen Codes gibt, die einen einengen können als Künstler, und ich glaube das Gleiche gilt natürlich auch für Literatur. Und einen Code, den ich einengend finde, ist natürlich dieses eine Literaturideal, das ich angesprochen habe. Oder wenn hier gesagt wird, „Tweets sind keine Literatur“, dann halte ich das für falsch. Wer das sagt, müsste mir erklären, warum. Und ich vermute, dass die Aussage am Ende ist, das kann nicht den gleichen Status von Literatur haben, weil es nicht ernst ist, oder weil es nicht die gleiche Form von Ausdruck ermöglicht. Aber Ausdruck kann sich viele verschiedene Medien aneignen, da würde ich Tweets jetzt nicht ausschließen. Was Gregor mit Bots macht, ist auf jeden Fall Literatur.

Elias Molle

1992, Hannover, Ausgebildeter Sozialassistent und Vater einer zweijährigen Tochter. Studiert seit 2014 am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Veröffentlichungen in verschiedenen Anthologien, Artikeln in Zeitungen z.B. Jungle World und taz.