Das Schreiben und die Existenz

Über Verfolgung, Zensur und Verbot.

Als 1988 der Roman „Die satanischen Verse“ des Autors Salman Rushdie in englischer Sprache erschien, löste das weltweit eine Welle der Empörung bei vielen muslimischen Gruppierungen aus. Symbolische Bücherverbrennungen, Demonstrationen und eine Petition, die sich an die Verlagsgruppe Penguin Group richtete, bei der „Die satanischen Verse“ verlegt wurde, gehörten noch zu den harmloseren Formen der Proteste. Grund dafür waren zwei weit in die Vergangenheit reichende Kapitel über einen Propheten namens Mahound – für die aufmerksamen Leser*innen als islamischer Religionsstifter Mohammed identifizierbar. Eine bewusste Provokation des Autors. Über das Radio verkündete der iranische Geistliche und politische Führer (Ajatollah) Ruhollah Chomeini eine Fatwa mit einem Kopfgeld für die Ermordung Salman Rushdies, seiner Verleger*innen und Übersetzer*innen. Weltweit solidarisierten sich Intellektuelle mit Rushdie und die Debatte um den Roman bekam dementsprechend eine mediale Aufmerksamkeit gewaltigen Ausmaßes.
Auch in Deutschland sorgte der Fall Rushdie für Aufsehen, noch am selben Tage der öffentlichen Radiohetze, gründeten 24 angesehene Verleger*innen den Artikel 19 Verlag, ein Joint-Venture-Unternehmen, und publizierten den Roman in deutscher Sprache. Der Artikel 19 steht in der Deklaration der Menschenrechte für die „Meinungs- und Informationsfreiheit“, und als Verlag für die gemeinsame Antwort der Verleger*innen auf die immer größer werdende Gefahr, in der sich Rushdie bis dato befand.

So wird das Schreiben in vielerlei Hinsicht zur existenziellen Arbeit: Als Autor*in offenbart man sich einer fremden, gesichtslosen Masse, zeigt Haltung, gibt sich Preis. Dazu gehört auch, dass man aneckt, dass man missverstanden wird und sich rechtfertigen muss für bestimmte Aussagen und Meinungen. Politisch verfolgte Autor*innen hingegen wissen in der Regel um das Risiko ihrer Texte, wenn diese sich gegen das eigene Regime wenden. Das kann, wie im oben genannten Fall, zur Bedrohung für die Schriftstellerin oder den Schriftsteller werden, ebenso wie für die Verleger*innen, Übersetzer*innen und Leser*innen. Folglich wird das Schreiben auch zur existenziellen Gefahr für diejenigen, die sich nicht durch Drohungen, Zensur und Publikationsverbote aufhalten lassen, für all diejenigen, die -den Gefahren zum Trotz- Opposition betreiben und Mittel und Wege finden ihrer Stimme Gehör zu verschaffen.

2015 beispielsweise erschien Sergej Lebedews dritter Roman „Menschen im August“. Lebedew ist gebürtiger Russe und befasst sich in seinen Texten mit der dunklen Vergangenheit der Sowjetunion – maßgeblich auch mit dem GULAG, den sowjetischen Zwangsarbeitslagern. Seine Romane sind der Versuch mit dem allgemeinen Schweigen über die sowjetische Vergangenheit zu brechen, was vielleicht der maßgebliche Grund sein könnte, wieso „Menschen im August“ zuerst nur in seiner deutschen Übersetzung im S. Fischer Verlag veröffentlich wurde. „Die Verleger wollen lieber nichts riskieren“, erklärt Lebedew in einem Interview mit der Welt. Zwar gibt es keine direkte Zensur in Russland, aber kritische Vergangenheitsbewältigung wird vom Staat nicht gerne gesehen. Letztendlich findet sich im Januar 2016 doch noch ein kleiner Moskauer Verlag (Intellektualnaja Literatura), der schließlich Lebedews unzensiertes Original-Manuskript publiziert. Bedenkt man die heikle Lage, in der sich Regime-kritische Publizisten zurzeit befinden, ein ebenso wagemutiger, wie wichtiger Schritt. Über die weiteren Folgen der Publikation für Autor und Verlag ist bisher allerdings nichts bekannt.

Dass Zensur aber auch Produktiv machen kann, zeigt uns das Beispiel eines anderen Autors: Der Iraner Shahriar Mandanipur dreht in seiner jüngsten Veröffentlichung mit dem Titel „Eine iranische Liebesgeschichte zensieren“ den Spieß auf gekonnt postmoderne Weise um – indem er die Zensur gleich in seine Geschichte miteinarbeitet. Der Roman dekonstruiert den Prozess des Schreibens, lässt den Autor gleichzeitig erzählen und reflektieren und startet somit einen Angriff auf die iranische Zensurbehörde. Die Liebesgeschichte, die hier erzählt wird, muss sich beweisen, gegen die Gefahren einer Liebe in der iranischen Kultur und vor allem gegen die Verdikte des Zensors, der auch die Gedanken des Autors zwischen den Zeilen zu lesen vermag. Was also sonst der Öffentlichkeit verborgen bleibt, wird für die Leser*innen einsehbar: Das Zensierte wird zum Metatext. Mandanipur zählt zu den renommiertesten Autoren des Irans und war, durch zahlreiche Veröffentlichungen in persischer Sprache, selbst schon etliche Male diesem Prozess unterworfen. „Eine iranische Liebesgeschichte zensieren“ ist sein erster in die englische Sprache übersetzter Roman, der, nachvollziehbarerweise, in seinem Heimatland nicht veröffentlicht werden durfte. Übersetzt wurde das Buch allerdings noch in 10 weitere Sprachen (Deutsch, Polnisch, Französisch, Griechisch, Italienisch, Spanisch, Portugiesisch, Niederländisch, Katalanisch und Koreanisch) und wurde somit nicht nur zum großen Erfolg, sondern auch zur Stimme aller Zensierten.

Welche Auswirkungen diese Formen der permanenten Bedrohung auf die Autor*innen haben, können wir nur erahnen. Salman Rushdie lebte jahrelange unter einem Pseudonym im Untergrund und in Polizeigewahrsam, wechselte häufiger den Wohnort, und hielt sich in der Öffentlichkeit bedeckt. Auf seiner Flucht verfasste er die Parabel „Harun und das Meer der Geschichten“ für seinen Sohn, als Anspielung auf seine jetzige Situation. Shahriar Mandanipur war einen Großteil der 90er Jahre im Iran verboten und lebt seit 10 Jahren in den Vereinigten Staaten. Sergej Lebedew hingegen sieht sich einer indirekten Zensur und einem hochkomplexen politischen System gegenübergestellt – es ist ein Leben in ständiger Angst. Wenn das Schreiben zur existenziellen Bedrohung wird, hilft vielleicht nur ein radikales Dagegen-Anschreiben.

Es ist wichtig, dass Institutionen wie das Haus der Kulturen der Welt oder die PEN-Organisation für diese Autor*innen Aufmerksamkeit generieren und ihnen eine Bühne bieten. Denn nur eine große Öffentlichkeit kann eine Veränderung bewirken. In den Jury-Erklärungen zu den Shortlists des Internationalen Literaturpreis der letzten Jahre ist der Wunsch nach offenen Formen und mutigen Texten deutlich spürbar: Von „äußere(n) und innere(n) Grenzüberschreitungen“ (Jury-Erklärung zur Shortlist 2013) ist dort die Rede oder von „Erzähltexte(n), deren Autor*innen und Figuren allesamt ungefestigt zwischen Sprachen, Kulturen und Systemen leben“ (Jury-Erklärung zur Shortlist 2016). Mandanipurs deutsche Übersetzung von „Eine iranische Liebesgeschichte zensieren“ war beispielsweise für den Internationalen Literaturpreis 2010 nominiert, und auch in „Erschlagt die Armen!“, dem Gewinnertitel der diesjährigen Preisverleihung, der Autorin Shumona Sinha geht es um Zensur und Selbstzensur, um die Problematik von Flucht und Vertreibung und um die Tücken der Sprache. Zwar kann das Haus der Kulturen der Welt kein Schutzraum vor diesen Gefahren sein, aber es versteht sich als Sprachrohr und trägt so, mithilfe von Unterstützungen wie dem Internationalen Literaturpreis, zu einer kosmopolitischeren Gesellschaft bei. Als Forum für aktuelle Entwicklungen und gesellschaftliche Diskurse sollten hier Impulse gesetzt werden, für eine Auseinandersetzung mit Konflikten und Herausforderungen unserer Zeit. Denn: „In einer zunehmend fragmentierten Welt wird es immer wichtiger, altbekannte Mythen und Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen, zu überschreiben und zu transformieren“ (Jury-Erklärung zur Shortlist 2015). „Das Erzählen erweist sich für alle Autoren als Ort, von dem aus die Welt begriffen, geordnet und neu zusammengesetzt werden kann: die eigene und möglicherweise auch die anderer“ (Jury-Erklärung zur Shortlist 2014).

Ein Beitrag von Luca Lienemann