Der Autor irrt sich

Enis Maci erzählt von Autorschaft, Erinnerung und Obsession im literarischen Bermudadreieck zwischen Roberto Bolaño, Valeri Scherstjanoi und Carlfriedrich Claus.

Thema
Ich bin Poet. Das macht mich interessant. Darüber will ich denn schreiben.
Über den Rest, soweit er im Wort Niederschlag gefunden.
Wladimir Majakowski, Autobiografie

Wir saßen im Spreegold, Stargarder Ecke Schönhauser, und aßen veganen Nusskuchen. Ich trank einen Cappuccino und Herr Scherstjanoi trank einen Americano, den er mit zusammengebissenen Zähnen bestellt hatte, nachdem die Kellnerin „einen normalen Kaffee“ nicht hatte gelten lassen. Jeder Sitzplatz hatte seine eigene Steckdose. An jedem Platz lag außerdem eine papierne Platzmatte, auf der die Orte für „plate“, „first drink“ und „second drink“ eingekreist waren. Ich hatte gesagt, ich komme gern in den Prenzlauer Berg und war noch außer Atem von der langen Fahrt, war irgendwo an der Siegessäule falsch abgebogen. Herr Scherstjanoi hatte sofort diesen Ort vorgeschlagen, an dem er, wie mir nun klar wurde, ebenso wie ich nie zuvor gewesen war. Wir aßen. Herr Scherstjanoi hat sehr helle Augen, nicht blau, eher durchsichtig, wie Regenwetter. Als ich zugab, nicht mehr Medizin zu studieren, lehnte er sich zurück und schaute lang und traurig auf einen Punkt hinter meiner rechten Schulter, und sagte dann nur: „Aber denken sie an Tschechow, Bulgakow.“ Ich versicherte ihm, dass ich nie an etwas anderes dächte. Wir hatten es eilig, das Café zu verlassen, wir liefen um den Block. Er erzählte von Jochen, „er war mein erster Freund in Berlin“, von Jochen, der eigentlich Joachim hieß, den manche auch Achim nannten, und er, Scherstjanoi, Jaschka. Jochen, den er Anfang der Achtziger Jahre kennengelernt hatte, als Scherstjanoi vom erzgebirgischen Aue nach Ostberlin gezogen war, Jochen, der als Maler Mitglied im Verband der Bildenden Künstler der DDR gewesen war und als solches in jenen Tagen einen Antrag stellte, weil er sich in Westberlin die Bilder Max Beckmanns ansehen wollte. Zu aller Überraschung wurde der Antrag genehmigt und Jochen machte sich auf zum Grenzübergang Friedrichstraße, auf dessen anderer Seite nicht nur Quappi mit ihrem Papagei auf ihn wartete, sondern auch der ganze goldene Westen, eine Gegend, die er noch nie betreten hatte. Am Abend kam Jochen wieder zurück, womit Scherstjanoi nicht unbedingt gerechnet hatte. Jochen war, wie man heute sagen würde, ganz und gar underwhelmed vom Westen. Er verlor nicht viele Worte darüber. Von Scherstjanoi gefragt, ob er nicht ans Weggehen, ans Dortbleiben gedacht hätte, meinte er: „Ich will im Prenzlauer Berg leben und meine Mitmenschen malen.“ Enis, das hat er gesagt, Mitmenschen, verstehen Sie, sagte Scherstjanoi und weiter: Ich wäre sofort gegangen. Ich hatte die Schnauze voll vom Sozialismus, nicht aber Jochen, nein, und jetzt ist Jochen tot und ich bin froh für ihn, dass er das hier nicht mehr erleben muss, sagte Scherstjanoi und las ein paar Reklametafeln vor: Nguyen Sushi, Fitness First, Mexican Food, E-Zigarette 24 Berlin, Toner-Dumping, Sans Souci Parkett, Thomas-Mann-Grundschule, OiShii-Hotdogs, city-room Berlin apartments undsoweiter. Ich fragte mich, ob auch Scherstjanoi die Geschichte der Buddenbrooks als eine Parabel auf die Degeneration einer bourgeoisen, von den Produktionsmitteln und den Arbeiterinnen gleichermaßen entfremdeten Familie kennengelernt hatte. Die Mauern der Thomas-Mann-Grundschule waren hellgelb, unwillkürlich tastete ich mit der Zunge nach meinen Backenzähnen, als sich zwei stupsnäsige Blondinen nölend an uns vorbeischoben, der Bezirk pulsierte aufs Vitalste, es war: die blanke Lebensfreude.

Jeden Morgen gehen sie zur Arbeit,
mischen den Mörtel und schleppen Steine,
aber beim Bauen der Stadt errichten sie keine Stadt,
sondern der eigenen Einsamkeit ein Denkmal.
Joseph Brodsky, Zeitwörter

Was Visuelle Poesie ist, hatten wir bei Herrn Scherstjanoi lernen sollen. Was wir noch gelernt hatten: Was sie nicht ist. Was seine Abgötter sind, wie er sagt, und warum. Was Obsession bedeutet und was eine Abschweifung. Und wie man immer, und sei es noch so unwahrscheinlich, die roten Fäden einer Geschichte in der Hand behalten kann, Scheherezade nicht ganz unähnlich. Es ging um Schwitters und Haussmann, Pound und Marinetti, Chlebnikow und Brodsky, Herta Müller und Hans Arp, Charms und Herrndorf und immer immer wieder ging es um Majakowski, völlig zu Recht natürlich. Ich verstand zum ersten Mal, warum die Mutter meiner Freundin D an ihrer Doktorarbeit zur Semiotik des Windes im sowjetischen Propagandaplakat arbeitet. Ich glaubte, vermessener geht es kaum, zu verstehen, was der Krieg in der Ukraine sollte und ich verstand meine Eltern, viel besser zumindest. Jede Woche stand ich kurz davor, das Seminar abzubrechen, weil ich dem Wust an Information und Raserei nicht mehr standhalten wollte. Es wäre ein Fehler gewesen. Ich verstand den Ort, an dem ich studierte, endlich als historische Entität und sah Ronald M. Schernikau durch die Gänge spuken. Ich lieh mir Gedichte von Elke Erb und Helga M. Novak aus. Auf Sarah Kirsch bin ich noch immer schlecht zu sprechen, ich finde, sie hätte es bei Ingrid Hella Irmelinde Kirsch belassen sollen, alles andere ist peinlich. Jede Woche erwähnte Scherstjanoi mindestens einmal den Künstler und Dichter Carlfriedrich Claus, aber ich hatte andere Probleme, ich konnte nicht alles lesen, was ich bereute, denn wenn man Scherstjanoi glauben konnte, und das musste man, dann war Claus einfach alles: Kommunist, Eremit, weise – ein Hundertzwanzigprozentiger.

La parole est une hystérie qui relève de la frustration qui par ailleurs en compense – vous êtes si loin soyez sage – planânt – a bientôt
Sophie Podolski, Le pays où tout est permis

Ich fuhr nach Hannover, um D zu besuchen. Sie ist meine älteste Freundin. Für gewöhnlich sitzen wir in der Küche, die dreckigen Teller stapeln sich im Ofen, die vollen Müllbeutel unter der Spüle, wir trinken Yogitee und lesen die Sprüche aufmerksam, wir rauchen und rauchen und rauchen und verlassen die Wohnung für einen Einkauf und einen kurzen Spaziergang an der Leine. Vor dem Ihme-Zentrum setzen wir uns meist auf eine Bank und D spricht über die Schönheit der Plattenbauten im Abendlicht, über Nachbarn, die einem beim Einzug die Möbel aus dem Fahrstuhl klauen, weil sie sie vermeintlich für Sperrmüll halten, über die obligatorischen Tischtennisplatten, an denen man sich trifft, wie sich einst, in einem Land vor unserer Zeit, Beate und die Uwes trafen, über die großen Tragödien, Solidarität und Freude und die riesigen Balkone im 17. Stock und wir sitzen auf der Bank und trinken Rotkäppchen-Sekt und sehen dabei zu, wie im Ihme-Zentrum ein Licht nach dem anderen angemacht wird, gelbe Lampen und blaue Fernseher, und rauchen. Auf dem Weg nach Hannover las ich in Roberto Bolaños Erzählband „Mörderische Huren“. In der Geschichte „Vagabundieren durch Frankreich und Belgien“, in der Bolaños Alter Ego B., ein chilenischer Dichter aus Mexiko, französische und belgische Antiquariate auf der Suche nach den unbekannten Idolen seiner Jugend durchstreift, steht auf Seite 78:

„[…] unternimmt er einen Streifzug durch die Antiquariate und findet eins in der Rue du Vieux Colombier, wo er eine alte Ausgabe der Zeitschrift ‚Luna Park‘ entdeckt, die Nummer 2, eine Monographie zum Thema Typographie oder Schriftgraphik, mit Texten oder Zeichnungen (der Text ist die Zeichnung und umgekehrt) von Roberto Altmann, Frédéric Baal, Roland Barthes, Jacques Calonne, Carlfriedrich Claus, Mirtha Dermissache, Christian Dortemont, Pierre Guyotat, Brion Gysin, Henri Lefebvre und Sophie Podolski.

Die Zeitschrift erscheint oder erschien dreimal jährlich unter Federführung von Marc Dachy, herausgegeben in Brüssel bei TRANSédITION, und hat oder hatte ihren Geschäftssitz in der Rue Henry van Zuylen Nr. 59. Roberto Altmann war zu seiner Zeit ein berühmter Künstler. Wer erinnert sich heute an Roberto Altmann? Das Gleiche gilt für Carlfriedrich Claus. Pierre Guyotat war ein bemerkenswerter Schriftsteller. Aber bemerkenswert ist nicht gleichbedeutend mit erinnerswert. Tatsächlich wäre B gern so gewesen wie Guyotat, zu einer anderen Zeit, als B jung war und die Werke von Guyotat las. Der kahle, saft- und kraftvolle Guyotat. Der Guyotat, der jeder Frau in der Dunkelheit einer chambre de bonne gleich an die Wäsche gegangen wäre. An Mirtha Dermissache erinnert er sich nicht, aber ihr Name sagt ihm was, möglicherweise eine schöne Frau, ganz sicher eine elegante Frau. Sophie Podolski war eine Dichterin, die er und sein Freund L schon von Mexiko aus schätzten (man könnte sogar sagen liebten), als B und L dort lebten und kaum älter als zwanzig waren. Roland Barthes, nun gut, jeder weiß, wer Roland Barthes ist. Von Dotremont sind ihm vage ein paar Dinge bekannt, vielleicht hat er Gedichte von ihm in einer verloren gegangenen Anthologie gelesen. Brion Gysin war der Freund von Burroughs, der ihn auf die Idee der Cut-ups brachte. Und schließlich Henri Lefebvre. B kennt Lefebvre gar nicht. Er ist der Einzige, den er überhaupt nicht kennt und dessen Name in jenem Antiquariat plötzlich aufleuchtet wie ein Streichholz in einem dunklen Zimmer. Zumindest empfindet B es so.“

„Der Text ist die Zeichnung und umgekehrt“ ist natürlich genau die Definition von visueller Poesie, die sich korrekt anfühlt, weil sie korrekt ist, und die Scherstjanoi in aller Einfachheit im Seminar zumindest nicht hätte gelten lassen, weil sich hinter so einem Satz ganz einfach verstecken lässt, dass man vielleicht verstanden, nicht aber verstanden hat.

Ich las also diese Seite und musste an Scherstjanoi denken. Wenn ich nichts von Carlfriedrich Claus gewusst hätte, hätte ich gedacht, die meisten der Autorinnen auf dieser Seite seien ausgedacht, Fiction/Non-Fiction und all das, aber ich wußte es besser. Alte Ausgaben der Luna Park lassen sich, wie ich mittlerweile weiß, noch heute auf Amazon erwerben, die besagte scheint aber nicht darunter zu sein. Im IC war die Internetverbindung meines Telefons schlecht. Ich versuchte trotzdem, jede der Dichterinnen zu ergooglen. Der Schaffner, personifizierter Verlierer der großen DB-Erfolgsstory, die natürlich auf den Gleisen in die Konzentrationslager begonnen hat, der Schaffner, seit dem Börsengang des Unternehmens erst zum bloßen Kartenabreißer degradiert, ist jetzt auch noch zum Kaffeeverkäufer geworden. Als das Arbeitsamt Ds Stiefvater zum Kontrolleur machen wollte, konnte sich dieser erfolgreich weigern, lieber picke ich Müll, hat er gesagt, Straßenbahnkontrolleur, das kann ich moralisch nicht vertreten. Natürlich weiß ich, dass es Leute gibt, die sich nicht einmal Moral leisten können, aber es sind eben viel weniger, als man gemeinhin vorschützt. Der Schaffner also kam vorbei und bot uns Reisenden Dallmayr Prodomo mit einer neuartigen Aufschüttetechnologie an, die weder bei der platzsparenden Zubereitung im Zugabteil, noch beim Aroma Kompromisse erzwingt, ich willigte ein, der Schaffner lief weiter und scannte meine Vielfahrerbahncard nicht ein. Sie glänzt silbern und vertrauenserweckend und ich habe Zutritt zu allen DB-Lounges des Landes – dass dieser Status Eindruck machte, verstand ich nur zu gut. Ich trank also und tippte eine Email an Scherstjanoi ins Telefon, danke für das tolle Seminar, musste an Sie denken, weil ich bei Bolaño auf Claus stieß, dazu ein Foto von Seite 78, schöne Grüße aus Hannover (wo ich ja noch gar nicht war), Enis, an mir zog das flache Land vorbei, es handelte sich um die zweitlangweiligste Zugstrecke Deutschlands, untertroffen nur noch vom Abschnitt Leipzig – Berlin über Lutherstadt Wittenberg.

Ein paar Tage später antwortete Scherstjanoi. Es war eine freundliche Email, in ihr, Sätze wie diese:

[…]

„NB: André Breton fühlte sich von dem französischen Psychotherapeuten Pierre Janet inspiriert und so kam er auf écriture automatique.

[…]

Im Jahre 1982 habe ich Carlfriedrich Claus auf der IBA-82 in Leipzig kennen gelernt. Im Katalog figura 3 (Verlag der Kunst in Dresden, meine erste Mitarbeit an einem Kunstkatalog…) waren viele Belgier vertreten, viele kannten Claus, unter ihnen wurden die visuellen Arbeiten von Sophie Podolski (Schizophrenie und Freitod mit Anfang 20) gezeigt. Viele Bilder in der Moritzbastei.

Sie haben mich daran erinnert. Ich erinnere mich daran.

[…]

Viele sind tot. Ist es möglich?
Claus und Mayer sind tot. Pierre Garnier und Podolski, Dotremont und Bernard Heidsieck…

Ich bin dagegen, ich habe was dagegen. Die Toten wissen es.

[…]

Der Autor irrt sich.

Weiß jeder, wer Barthes war/ist ?
Wer Claus war/ist?
Man kann

ohne diese Fragen gut weiter leben.“

[…]

Und dann schickte er mir das Cover des besagten IBA-Katalogs, ein Gedicht von Sophie Podolski und eine Email, die nichts weiter enthielt als, in Schriftgröße 24, die Worte und Zahlen:

Roberto Bolaño 1953 – 2003

Ich blickte vom Bildschirm auf und durch die Fenster des Wintergartens, die Sonne schien durch die Bäume und strahlte P an, der auf der anderen Seite des Tisches saß, rauchte, vor sich hinstierte und von Zeit zu Zeit, ganz langsam, ein einzelnes Wort, manchmal auch zwei oder drei, tippte. Vor seinen Augen spiegelte sich, doppelt, das Fenster, der herbstliche Baum, das ganze leuchtende Sachsen lag verborgen auf den Linsen seiner goldenen Brille und er sah durch es hindurch. Der Tisch war ein bisschen zu niedrig und wir würden bald Bucklige sein. Der Aschenbecher quoll über. Ich hielt noch immer meinen Teller, der Rigatoni in einer wie immer zu scharfen Tomatensoße enthielt, in der Hand und konnte es noch immer nicht fassen. Ich bin dagegen, ich habe was dagegen Punkt. Der Autor irrt sich Punkt. Man kann ohne diese Fragen gut leben PUNKT. Natürlich kann man ohne diese Fragen gar nicht leben. Natürlich ist ein Leben ohne diese Fragen noch nie im Bereich des Möglichen gewesen. Diese Fragen sind der Fels, auf den ich meine Kirche baue. Sie sind ein bekömmliches Substrat. Diese Fragen bringen sich in Lohn und uns das Brot. Sie sind ein lächerlicher Zeitvertreib, und damit sind sie eine der Wahrheiten des Schreibens. Ist es möglich Fragezeichen. Ja und Nein. Durch mich fuhr ein komischer, kindlicher Wille, mich zu bewegen, ich stand auf, aber das kunstlederne Sitzpolster des Cocktailsessels blieb an meinem Hintern kleben, ich setzte mich wieder, der Impuls war so schnell implodiert, wie er gekommen war und ich enttäuscht über mich. In den folgenden Wochen las ich einer Menge Leute die Email vor. Die meisten waren, wenn ich vorzulesen begann, schon zunehmend ungeduldig geworden, der langen Vorgeschichte wegen, aber irgendwann, nach circa zwei Dritteln der Email, hab ich sie alle gekriegt, haben alle mit offenem Mund dagesessen, gerührt von diesem Schriftstück und das, was auf Englisch „humbled“ heißt. Trotzdem schaffte ich es über Monate nicht, zu antworten. Viel später, in Berlin, konnte ich mich endlich dazu durchringen. Es war, als hätte ich gefürchtet, die Ganzheit der Nachricht durch weitere, weniger spektakuläre Worte zu kompromittieren, was sich im Nachhinein natürlich als unbegründete Sorge herausstellte. Das hätte mir von Anfang an klar sein können, wäre ich etwas aufmerksamer gewesen, denn das Spektakuläre, bei Scherstjanoi genauso wie bei Bolaño, liegt ja eben nicht in der Art der Worte, sondern in einer Haltung, die Ruhe ist und Friede und Gefrierbrand und Gefahr und Demut und Sicherheit und wahnsinnige Freude über das Schöne. Ich antwortete also und las mir dann noch einmal jede Email, die Scherstjanoi und ich je ausgetauscht hatten, durch. Das meiste waren Rundmails mit Unterlagen für das Seminar, Links, Bilder, Texte, die vorvorletzte Email aber war von mir, ich bat um Entschuldigung für die kurze Verspätung und schickte ihm meine Seminararbeit, ein PDF, „NOTIZEN15“, ein Konglomerat aus Fotos und Screenshots von iPhone-Notizen aus dem Sommer 2015, den ich in Albanien verbracht hatte, wo ich meine Großeltern in Tirana besucht und mit meinen Eltern und Geschwistern am Strand gedöst hatte, sechs Wochen lang. Das Dokument war mein Versuch, mir einen Reim auf visuelle Poesie zu machen, und natürlich war es furchtbar. Die Fotos waren noch das Beste daran. Sie nahmen immer eine ganze Seite ein, unter den schönsten war eines aus dem am wenigsten benutzten unserer drei Ferienhauszimmer, darauf abgebildet: eine Neunzigerjahre-Schlafzimmergarnitur mit einem großen, unerklärlichen Rohr auf dem Bett, die wenigen kürzlich aussortierten der gesammelten „Zeitungen mit interessanten Artikeln drin“ meines Großvaters, die er seit 1991 in Quartalsbündeln verschnürt sammelt, und eine kleine PET-Flasche neben einem halben Dutzend Zwiebeln, das auf dem Boden vor dem Ganzkörperspiegel lag, in den hinein ich fotografiert hatte, um die Assemblage zu dokumentieren, was man an meinem braunen Arm mit Telefon erkennt, den ich ins Foto halte. Die Notiz-Screenshots wiederum sind eine andere Geschichte. Ich hatte sie, wie die Fotos auch, ausgedruckt und dann noch handschriftlich manipuliert und kommentiert, bevor ich sie wieder einscannte. Ich las alle.

Wir hingegen denken, dass die Sprache vor allem Sprache zu sein hat, und wenn sie an irgend etwas erinnern soll, dann am ehesten an eine Säge oder an den vergifteten Pfeil des Wilden.
Welimir Chlebnikow und Alexei Krutschonych

Mein Flug hatte Verspätung, ich saß also stundenlang in der Wartehalle des Mutter-Teresa-Flughafens in Rinas. Zu meiner Rechten saß ein gesellschaftlich engagierter Holländer mittleren Alters, der seit fast zwanzig Jahren jeden Sommer nach Albanien fuhr, um das von ihm und anderen geförderte private Waisenhaus irgendwo auf dem Land zu besuchen. Er war sehr rot im Gesicht und wir fachsimpelten über die Schönheit Albaniens und die Bedeutung der Begriffe „Holland“ und „Niederlande“, bis sein Flug nach Amsterdam ausgerufen wurde. Zu meiner Linken saß eine Gruppe mittelalter Frauen, manche waren Emigrantinnen, andere waren aufgebrochen, um ihre Kinder im Ausland zu besuchen, sie hatten sich offensichtlich hier auf dem Flughafen angefreundet und diskutierten angeregt die politische Lage, sowohl die nationale als auch die europäische, sowie deren Abhängigkeit von der Gnade Amerikas, wie sie sagten. Ich vermisste ihre Gesten, ihre Mimik, ihre ganze Art zu sprechen schon, als sie noch vor mir saßen. Diese Sehnsucht hat keinen Namen, sie hat nur Vergleichsmomente, wie das Gefühl im Bauch beim Durchfliegen eines Luftlochs. Die Frauen waren laut, ein bisschen vulgär (aber das leise!) und verkündeten bester Dinge, dass wir alle unser ganzes Leben lang Idioten geblieben seien, dass der Zustand der Idiotie, in dem der kleine Mann, zu dem auch sie sich zählten, verharre, ein nahezu pathologischer sei. Die poetischste von ihnen stellte fest, dass es alles eine Frage der Bildung, der Erziehung sei, indem sie meinte, sogar der Baum, der bloß aus Holz sei, was auch soviel bedeuten kann wie „dumm sein“, sogar der hölzerne Baum also, der zwar dumm sei, aber auch nur eine Aufgabe habe, das Wachsen nämlich, könne nicht einmal diese erfüllen, wenn man ihn nicht an einen Stock zurre, wenn er noch klein sei und zart, sonst wachse er nie gerade, aufrecht der Sonne entgegen, und die anderen murmelten zustimmend wie ein angeschwollener Bach, angeschwollen wie ihre wogenden Mütterbusen, angeschwollen wie ein Mückenstich, ein blaues Auge, eine Verheißung.

Im Frühjahr, im Herbst, wenn Stürme in breiter Front heranjagen, fungiert die Stadt als offener Gegen-Stand, der die untersten Schichten der Luftmassen teils bricht, teils durch Straßen umlenkt. Gegen-Wellen. Turbulenzen. Brandung. Oben im Sturm im Morgengrauen Dohlen-, Krähen-Schwärme,-: von ihren Schlafbäumen kommend kreisen sie über Kennungen wie St. Annen im Luftmeer, mit seinen Böen, Aufwinden, dem Wirbeln. […] Was heißt das: Ort der Geburt, Orte des Lebens, Ort des Sterbens? Gibt es Wechselwirkungen zwischen zunehmender Mobilität und Offenheit? Sichtbar wird der ungeheure Abstand, die Fremdheit zwischen Mensch und Mensch. Aber auch Lächeln. Freundlichkeit. Lachen. Er kehrt immer neu wieder, ist ununterdrückbar, der Wille, den Traum wahrzumachen: Freiheit Gleichheit Brüderlichkeit.
Carlfriedrich Claus, Ort des Windes

Manchmal, beim Lesen einzelner albanischer Wörter, stolpert es in meinem Kopf und aus einem Wort wird ein anderes, deutsches, und ich lese zum Beispiel „i barabarët“, „gleich, gerecht“ und denke „Barbaren“, wobei gerade das natürlich nicht das deutscheste aller Wörter ist, und ich, zu allem Überfluss, in ähnlichen Situationen oft auch ein anderes albanisches oder gar englisches Wort erkenne, statt des korrekten Begriffs. Irgendwie ist das immer mehr als eine bloße linguistische Fehlleistung, vielmehr legt der Fehler erst die Bedeutung in das Wort, oder anders: Das Wort ist ein Boot, und wenn nur die eine Bedeutung nahe des Bugs sitzt, droht es unterzugehen, gerettet nur durch das glorreiche, fehlerhafte Auftauchen der zweiten Bedeutung im Heck, die alles rettet, was nicht mehr zu retten ist.

Ich hatte nicht alles lesen können, ich hatte andere Probleme. Aber genau an dem Schnittpunkt zweier Kurven, wobei Kurve A die steil ansteigende Anzahl der Probleme markiert, während Kurve B die konstant niedrigbleibende zugestandene Relevanz dieser für das eigene Leben markiert, befindet sich der Moment, an dem das trotzige Lesen im Angesicht der irrelevanten Feinde und Nöte das Licht der Welt erblickt. Und so kam es, dass ich in einem schönen Mai, der ja ohnehin mit einer der schönsten Monate ist, nur von den tatsächlichen Sommermonaten noch geschlagen, mit einem ziegelsteinschweren Buch, nämlich „2666“ von Roberto Bolaño, durch Wien spazierte. Ich war dort, um ein Kurzdrama zu inszenieren, und wohnte in einem mit ausgesprochen schlechtem WLAN ausgestatteten Zimmer bei einer Operndramaturgin, wo ich abends heimlich am Fenster rauchte, und zum Einschlafen alles, was der österreichische Privatsender ATV zu bieten hatte, binge-watchte, während ich den Rest des Tages auf der Probe verbrachte und in der Stadt, im Kaffeehaus, oder eben im Prater, wo ich mich über die Geschichte des größten deutschen Schriftstellers und die Frauenmorde von Sonora informierte. Einer der Schauspieler riss sich in einem melodramatischen Moment das Kostümhemd vom Leib, und doch sprang kein Knopf. Er tat das damals sicher nicht zum ersten Mal und deutete probeweise an, er ließe sich von mir nichts sagen, und schon gar nichts, was zur Kürzung seines Textes, den er ohnehin nicht beherrschte, führen würde. Die Realityformate auf ATV ließen Frauentausch wie eine arte-Sendung wirken, ich arbeitete zwölf Stunden am Tag und überhaupt vermisste ich meinen Geliebten so sehr, dass ich das Gefühl hatte, der Schwerkraft verloren zu gehen. Jeden Morgen fragte ich mich also, bei einer Melange vor der Aida-Filiale am Schwedenplatz sitzend: Wo ist Benno von Archimboldi?

Drei Sprachen sind zu groß für deinen Mund, mein Kind
Dagmara Kraus

Nach der Lesung stand ich mit J auf dem Balkon, und er fragte mich, ob ich schon einmal etwas übersetzt habe. Nie so richtig, nein, aber ich schreibe gerade einen Aufsatz, sagte ich, in dem es um die Dissonanz zwischen Muttersprache, Alltagssprache und Schreibsprache geht, anhand zweier albanischer Schriftstellerinnen, was mich interessiert, weil ich zwar selbst in meiner Alltagssprache schreibe, die auch meine beste Sprache ist, nicht aber meine Muttersprache. J zog an seiner kubanischen Zigarette, von der er sagte, sie schmecke, als äße man Scherben, sei aber ein Mitbringsel und überhaupt, einem geschenkten Gaul, und sagte außerdem, er fände es seltsam, nicht diejenige Sprache Mutter zu nennen, die man am besten spricht, und ich fand das auch, es stimmt aber natürlich trotzdem.

Wir gingen die Runde zum zweiten Mal. Scherstjanoi sagte, ich bin so stolz, so stolz, verstehen Sie, dass es peinlich ist, aber mittlerweile bekomme ich einen Brief von den Behörden, dem Finanzamt undsoweiter, und ich kann ihn ohne Probleme beantworten, ich verstehe alles, alles, sagte Scherstjanoi, es hat lange gedauert, ich habe Deutsch studiert, ich habe hier so lange gelebt, aber erst seit kurzem habe ich das Gefühl, diese Briefe wirklich, tatsächlich zu verstehen, sie intuitiv zu begreifen, ist das nicht verblüffend? Und ich erzählte ihm von meinen Eltern und der umgekehrten Ausbildung ihrer deutschen Gesprächskompetenzen aus ihren Behördenbriefintuitionen heraus und fragte mich, ob ich jemals so einen gesunden Zustand im Einklang mit meiner Post erreichen würde wie mein Lehrer, wo ich doch schon im Zug, konfrontiert mit dem Kaffeeverkäufer-Schaffner-Kontrolleur, jedes Mal trotz silberner Bahncard und gültigem Fahrschein erzittere, als seien es Vater-Sohn-Heiliger Geist und ich ein Apostat.

Dann schlossen wir unsere Fahrräder ab und schoben sie noch ein Stück gemeinsam. Scherstjanoi war ein bisschen enttäuscht, dass meines nicht nur schlecht in Schuss ist (verzeihlich), sondern auch keinen Namen hat, seines heißt Makarewitsch, nach dem erst sowjetischen, dann russischen Frontsänger der Rockband Maschina Wremeni (Zeitmaschine), bekannt durch Hits wie Poworot (Die Wende) oder Kartonnye krylja ljubwi (Papierflügel der Liebe). Manchmal, sagte Scherstjanoi, würde es ihn sehr froh machen, sich Musik anzuhören, die seinem eigenen formalästhetischen Programm nicht entspricht, und das, obwohl Makarewitschs Texte mitunter sehr traurig sind, dann verabschiedeten wir uns, ich rollte die Pappelallee entlang und sang: „Don’t go chasing waterfalls / Stick to the rivers and lakes that you’re used to“.

 

Enis Maci

Geboren 1993 in Gelsenkirchen, studiert Literarisches Schreiben in Leipzig. Zuletzt erschien die kurze Erzählung „Zimmer 10“ in Edit Nr. 67 und, in englischer Übersetzung, auf theoffing.com.

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