„Der ILP ist ein wichtiger Preis“

Sabine Peschel im Gespräch

Die Jury hat getagt und die Shortlist-Titel stehen fest. Im Interview vergleicht die Jurorin zwei Preisjahre und die dazugehörigen Einsendungen.

Jurorin Sabine Peschel, ILP-Jurysitzung 2015 © Santiago Engelhardt

Jurorin Sabine Peschel, ILP-Jurysitzung 2015 © Santiago Engelhardt

Was ist Ihre schönste Erinnerung an das letzte Jahr?
Ich hatte 2014 ein sehr starkes Bücherpaket, das ich zunächst als Erstbeurteilerin bewerten sollte, und das hat mir sehr viel Freude gemacht. Ich hatte vier wirklich starke Titel, für die ich auch sehr gekämpft habe. Einer davon ist dann auf die Shortlist gekommen, „So wirst du stinkreich im boomenden Asien“ von Mohsin Hamid. Ich war im letzten Jahr zum ersten Mal dabei und fand die Jurysitzung, bei der die Shortlist definiert wurde, was ja der eigentlich entscheidende Schritt ist, sehr spannend. Besonders, wie sich die Liste zusammensetzt, wie man auch ein bisschen ausbalanciert, und wie jeder für seinen Titel kämpft, war für mich sehr interessant und auch sehr unterhaltsam. Ich war damals, und bin es auch in diesem Jahr, sehr beeindruckt von der Kompetenz der Jury, den fachlichen Urteilen der einzelnen Mitglieder, aber auch der Gruppen-Intelligenz. Wir haben zwar alle gekämpft, aber uns auch gut verstanden, und wir konnten unsere Argumente gut austauschen. Ich habe gehört, dass es auch schon härter zugegangen sein soll.

Gibt es etwas, das Ihnen bei der Vorauswahl der Texte besonders aufgefallen ist?
In diesem Jahr war mein eigenes Paket nicht so stark wie im vorigen Jahr. Für mich interessant waren einige Romane, die sich mit der Geschichte Asiens – mit Kambodscha und Vietnam in der Kolonialzeit, Malaysia (damals noch Malaya), Indonesien oder Japan – beschäftigen, und die mich wegen meines asienkundlichen Hintergrunds einfach besonders interessierten.

Wie lässt sich eigentlich die Juryarbeit mit Ihrem Arbeitsalltag vereinbaren?
Man hat zunächst ein Konvolut von etwa 20 Büchern, das man als Erstgutachter durcharbeiten darf. Anschließend kommen mindestens noch einmal ebenso viele Bücher hinzu, die die Jury-Kollegen für die Shortlist oder den Preis empfohlen haben. Ich war schon ziemlich strapaziert, nachdem ich tagelang gelesen hatte, während andere, zum Beispiel über Pfingsten, in der Sonne saßen oder wandern gegangen sind. Trotzdem, das Lesen so vieler aus Fremdsprachen übersetzter Bücher macht mir viel Spaß. Aber es ist für mich in diesem Jahr ein bisschen schwieriger geworden, ausreichend Zeit für die Bücher und die Beurteilungen zu finden. Zwar gab es auch einige Titel, die man nach ein paar Dutzend Seiten weglegen konnte. Aber die meisten liest man dann doch von vorn bis hinten. Klar.

Welche Bedeutung messen Sie dem Internationalen Literaturpreis zu?
Für mich persönlich hat der Preis in diesem Jahr einige Bedeutung für meine redaktionelle Arbeit für die Deutsche Welle. Da gibt es große Synergieeffekte. Wir publizieren auf der Kulturseite der Deutschen Welle Besprechungen zu allen Titeln der Shortlist, Beiträge zu den Autoren und den Übersetzern und vielleicht auch Rezensionen zu interessanten Titeln, die es nicht ganz auf die Shortlist geschafft haben. In der Öffentlichkeit wird der Internationale Literaturpreis immer stärker wahrgenommen, weil Autoren, die ausgezeichnet wurden, wie Teju Cole zum Beispiel, es mittlerweile zu Weltruhm gebracht haben und auch andere Preise abräumen. Der ILP ist ein wichtiger Preis: Er ist hoch dotiert, er bezieht vor allen Dingen die Übersetzer*innen mit ein, was ich nach wie vor großartig finde, und er läuft nicht nur auf einen einzigen Titel zu, sondern präsentiert auch die anderen fünf Titel der Shortlist stark.

Vielen Dank für das Gespräch!

Ein Beitrag von Lisa-Marie Reingruber

Sieben Jurymitglieder stellen sich jedes Jahr der Aufgabe, aus den spannenden Einsendungen der Verlage die Shortlist und schließlich den Preisträger des Internationalen Literaturpreis auszuwählen. Sabine Peschel ist in diesem Jahr zum zweiten Mal dabei. Sie arbeitet als Redakteurin bei der Deutschen Welle und übersetzt Romane, Essays und Gedichte der zeitgenössischen chinesischen Literatur.

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