Der Nischen Verlag – „eine Herzensangelegenheit“

Kleine Verlage

Der Roman „Aquarium“ von Krisztina Tóth stand auf der Shortlist des Internationalen Literaturpreises 2015. Eine unbekannte ungarische Autorin, die eine solche Nominierung in Deutschland erhalten hat, gibt Anlass zu dem Thema, wie auch kleinen Verlagen Respekt für ihre herausragende Arbeit gezollt werden sollte. Denn dahinter steckt viel mehr als nur Betriebswirtschaft und Kosten-Nutzen-Denken – ein Verlag als Lebensprojekt, das ist das Werk von einem Ehepaar in Österreich.

cover_aquarium

Für kleine Verlage wird es immer schwieriger, sich gegen die riesigen Verlagsketten zu behaupten, bei denen Kunden von A-Z, von Johann Wolfgang Goethe bis Nicholas Sparks, vom Taschenbuch bis zum E-Book-Reader wirklich alles erwerben können, was die literarische Landschaft hergibt. Das Verlegen unbekannterer Literatur, dazu noch aus Ländern, die im deutschsprachigen Gebiet nicht populär sind, ist ein existenzielles Wagnis für die Verleger. Gleichzeitig jedoch bedeutet es auch, einen wichtigen Beitrag zur Verbreitung eben jener „Nischen“-Literatur zu leisten. Darauf aufmerksam zu machen und den Autoren die Chance zu geben, internationale Anerkennung für ihre literarischen Leistungen zu bekommen, das ist das bemerkenswerte Ziel, dem sich dennoch einige kleine Verlage erfolgreich verschreiben.

In Wien lässt sich solch ein kleiner Verlag finden, der Nischen Verlag. Und der Name ist Programm: Gegründet wurde er im Jahre 2011 von dem aus Ungarn stammenden und in Österreich lebenden Ehepaar Paul und Zsóka Lendvai und widmet sich ganz dem Übersetzen und Verlegen ungarischer Literatur. Zsóka Lendvai ist dabei kein Neuling in der Verlagswelt – bereits 30 Jahre lang arbeitete sie im ungarischen Verlagswesen, ihr Mann Paul ist Publizist und Osteuropa-Experte. Nach dem Ungarnaufstand im Jahre 1956 emigrierte der jüdische Paul Lendvai mit seiner Frau ins angrenzende Österreich und ließ sich in Wien nieder.

Seit der Gründung des Verlages ist es das ausschließliche Bestreben des Paares, bisher nicht übersetzte, aber bedeutende ungarische Romane und Novellen zu veröffentlichen, wie Zsóka Lendvai erzählt: „Das war unser eigentliches Ziel: Der einzige Verlag zu sein, der nur ungarische Literatur für den deutschsprachigen Markt verlegt.“ Die überschaubare Struktur ihres Verlags sehen die zwei Wiener jedoch nicht als Nachteil, sondern vielmehr als Chance. Große Verlage sind nicht so vertraut mit der ungarischen Sprache, Literatur und Kultur, weshalb verlegerische Prozesse dort langsamer ablaufen. Der Nischen Verlag kann mit seinen Gründern als Ungarn-Experten schneller handeln. Auch die eigene Unabhängigkeit erleichtert dem Ehepaar den Verlagsprozess, Entscheidungen werden immer nur hinsichtlich der Qualität der Literatur getroffen.

Eine Tatsache bleibt jedoch trotz dieses bemerkenswerten und wichtigen Anliegens, das den Nischen Verlag ausmacht, bestehen: ein solches Verlagsprojekt ist auch ein finanzielles und somit existenzielles Risiko – man denke nur an die Kosten, die für Autoren, Übersetzer und Grafiker entstehen. Paul und Zsóka Lendvai rechnen jedoch völlig anders und nicht primär betriebswirtschaftlich, denn sie sehen die Gründung ihres Nischen Verlags als „Mission“ an. Sie leben für den kulturellen Brückenbau, auch wenn dies bedeutet, im privaten Leben Bescheidenheit walten lassen zu müssen: „Es ist möglich, wenn man die eigenen Ersparnisse nicht für Luxusgüter und Luxusreisen verbraucht“, so Zsóka Lendvai. „Es gibt kein Geschäftsmodell. Wir hoffen nur, dass wir die Verluste mit der Zeit reduzieren können.“

Der Nischen Verlag ist für seine Gründer also ein Lebensprojekt, eine „Herzensangelegenheit“. Umso schöner ist es dann, wenn diese Bemühungen auch honoriert werden. Dies geschah im diesem Sommer, als die ungarische Autorin Krisztina Tóth sowie ihr Übersetzer György Buda auf der Shortlist des Internationalen Literaturpreises 2015 standen. Die Nominierung für Tóths Roman „Aquarium“ sowie der im Jahre 2013 verliehene Bruno-Kreisky-Sonderpreis für verlegerische Leistungen bestätigen Zsóka Lendvai einmal mehr in ihrem Tun: „Es war für mich eine große Freude und auch Genugtuung, dass unsere Arbeit sich gelohnt hat. Solche Anerkennung ermutigt uns und wir hoffen, dass dadurch auch unsere Bücher von der Kritik anerkannt werden.“

Das ist dem Nischen Verlag zu wünschen, war es doch ein mutiger Schritt, den das Ehepaar Lendvai mit dieser Verlagsgründung gegangen ist. Ihre Arbeit hat Vorbildfunktion, denn die Unterstützung von Autoren, die im deutschsprachigen Raum unbekannt sind, ist ein wichtiger Beitrag zum Ausbau des literarischen Feldes. Durch kleine Verlage wie den Nischen Verlag wird den Autoren die Möglichkeit gegeben, sich international mit ihrem Schaffen zu etablieren, sodass ihnen die Aufmerksamkeit und Anerkennung zuteilwird, die ihnen zusteht.

 Ein Beitrag von Katharina Peters

 

 

Mehr zu Aquarium, Krisztina Tóth, György Buda