Der Tod backt einen Geburtstagskuchen

von Hamed Abboud
aus dem Arabischen von Larissa Bender

1. Der erste Satz

„Ich habe es ausprobiert und verstanden…“

Punkt, Punkt, Punkt. Abwartend und mit einem Augenzwinkern lässt Hamed Abboud seinen ersten Satz stehen. Was hat er verstanden? Es geht nicht etwa um praktisches Alltagswissen oder höhere Mathematik, sondern um die wirklich wichtigen Dinge im Leben: Domino und Candy Crush!

2. Der schönste Satz

Den gibt es nicht. Wie denn auch, wenn es doch die einzelnen Sätze sind – die überraschenden, anregenden, aufwühlenden, verstörenden, beschämenden und schönen –, von denen dieses Buch lebt.

„Die Waisenkinder nimmt der Tod nicht immer zu sich. Er besucht sie, deckt sie zu und geht wieder, nachdem er das Fenster geschlossen hat, damit sie sich nicht erkälten.“

„Wandere um eines besseren Lebens willen nicht aus, sondern um eines besseren Todes willen.“

„Wenn du das Gefühl hast, nackt zu sein, und tausend Vergewaltiger umkreisen dich mit ihren gewetzten Gedanken, dann lächele; du bist kurz davor, etwas Besonderes in einem Fotoband über die Welt zu werden, die unzählige Verbrechen vertuscht.“

„Flüchtling sein, bedeutet die Entfremdung in der Sprache; die Sprache nicht zu beherrschen. Flüchtling sein, bedeutet, dass dein Wortschatz der Sprache jenes Landes, in dem dein Weg endete, auch am Ende ist.“

3. Der Plot in einem Satz

Ein Mann flieht vor dem Krieg in Syrien und erzählt von Träumen, Verlust und Angst.

4. Mit dieser Figur würde ich einen Kaffee trinken, weil…

Er erzählt, er deutet an, er streut uns Schnipsel hin, die wir zu einem Bild zusammensetzen, einem Bild seines Lebens. Der Erzähler – oder, da es doch eigentlich mehrere lange Gedichte sind, das lyrische Ich –bleibt ein Fragment, aber eines, das ich gerne näher kennenlernen würde.

5. Vor dieser Figur würde ich weglaufen, weil…

Weglaufen? Vor wem, wenn in diesem lyrischen Buch selbst das Ich formlos bleibt? Aber dann gibt es da doch den einen, vor dem ich sofort weglaufen würde, rennen und rennen, so weit es geht. Überall ist er präsent, der Krieg, quillt trotz Abbouds oft sarkastischem Ton aus jedem Kapitel wie Eiter aus einer offenen Wunde, und bringt gleich seinen besten Freund mit, der schon im Titel zur Begrüßung einen Kuchen backt. Weglaufen? Sofort!

6. Don’t judge this book by its cover. Oder doch?

Einfach, abstrakt, ein Durcheinander an Strichen und Wegen – so unlinear wie der Weg von Abbouds Figuren ist auch das Cover seines Buches. Doch so schlicht der Umschlag auch wirken mag, so wenig schlicht sind die tragischen, lyrischen und humorvollen Beschreibungen, die man zu sehen bekommt, sobald man ihn aufschlägt. Also: Don’t judge this book by its cover. Oder nur ein bisschen.

7. Das Buch erinnert mich an…

„Wüsste ich, wie man einen Panzer fährt, so würden meine Geschwister um den Beifahrersitz neben mir streiten.“

Panzer, Scharfschützen, zerstörte Häuser – hier im seit 70 Jahren vom Frieden verwöhnten Deutschland erinnert das höchstens noch an Fotos in den Geschichtsbüchern. Aber um den Beifahrersitz gekämpft, das haben wir wohl alle.

8. Das sagt der Autor über sein Buch

„Ich möchte, dass die Leute lächeln und über den Tod reden können. Sie sollen die Trauer nicht in sich hineinfressen.“ (aus Wenn der Tod sich freut)

Lächeln im Angesicht des Todes? Da überrascht es nicht mehr, dass Abboud den Tod schon im Titel einen Kuchen backen lässt. Während wir noch um unsere Verluste trauern, hat der Tod Grund zum Feiern: „Er freut sich, neue Freunde gefunden zu haben“, sagt der Autor.

9. Der schönste Satz, den ein Rezensent/eine Rezensentin über das Buch geschrieben hat

„Das Erstaunlichste, viel mehr das Selbstverständlichste ist, dass sich in den Gedichten von Hamed Abboud die syrischen Menschen genauso wiederfinden, wie die deutschen Menschen.“ – Jens Kirsen: Begegnung mit dem syrischen Dichter Hamed Abboud – Eindrücke einer Lesereise in zwei Teilen durch Thüringen

10. Der letzte Satz

„Aber ich unterschreibe die Briefe jetzt mit dem Gruß ‚Vom Beginn der neuen Welt‘, bis ich meine erste Welt zurückerhalte, meine Welt, die aus einem Zimmer bestand, welches nur ein paar Meter von meiner Familie entfernt lag.“

Nachdem wir dem Erzähler knapp 60 Seiten lang gefolgt sind, aus dem Visier der Scharfschützen bis in die Höhen des Burgenlandes, nach Krieg, Fremdenfeindlichkeit, Offenheit, Herzlichkeit und Sorge nun das: Raum für Hoffnung, dass dieses kleine Dorf in den Bergen Österreichs nicht das Ende, sondern der Anfang der Welt ist. Bloßes Wunschdenken? Vielleicht.

Geboren 1992 in Iserlohn, studierte zuerst English Studies und Geschichte an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und wechselte nach dem Bachelorabschluss vom Rhein an die Ruhr. Momentan studiert sie in Essen im Zwei-Fach-Master Literatur und Medienpraxis (LuM) sowie Anglophone Studien mit Schwerpunkt auf postkolonialen Studien. Sie schreibt gerne literarisch, sowohl Lyrik als auch Prosa, und ist seit 2015 Redakteurin beim Internationalen Literaturpreis.