Die Macht des (gesprochenen) Wortes

Wie die Griots der westlichen Literatur helfen können, ihre gesellschaftliche Bedeutung zurückzuerlangen

Letzte Woche hörte ich zufällig, wie einer meiner Kollegen großspurig postulierte, er habe nicht einen einzigen Roman im Hause, da die Lektüre nun einmal nicht zu seinen Freizeitbeschäftigungen gehöre. Und trotzdem sei er kulturell gebildet! Daraus lassen sich drei Schlussfolgerungen ziehen: Erstens hat laut meines Kollegen das Lesen von Romanen einen Mehrwert für die eigene Bildung. Das könnte ich durchaus unterschreiben. Allerdings würden nach dieser Ansicht Essays und Gedichte ein ähnliches Ergebnis hervorbringen. Ob stattdessen Ehmke, Bärfuss oder Celan bei ihm im Regal stehen, weiß ich nicht; ich bezweifele es jedoch stark. Zweitens scheint die Lektüre oder gerade die Nichtlektüre der auf den gemaserten Eichenbrettern an der Wand vor sich hin staubenden Klassiker der Weltliteratur ein Statussymbol zu sein. Allein die Präsentation dieser Werke würde bei Gästen Eindruck schinden, ihm Kultur attestieren – wenn er sie denn hätte. Die Bücher meine ich natürlich! Schließlich sind Bücher für ihn nichts weiter als Privatunterhaltung, versehen mit dem Etikett „in der Freizeit zu konsumieren“, und damit neben Radio, Fernsehen und Kino eines von vielen Medien, um sich vom harten Alltag abzulenken. Sie entführen eine Zeit lang in die Welt der Fiktion, welche sich vor der Außenwelt hinter einem undurchsichtigen Einband verbirgt, bis die Realität wieder an Macht gewinnt und sich in den Fokus des Lesers drängt. Dass die Bedeutung der Literatur damit kleingeredet und ihr Inhalt auf die Fiktion reduziert wird, ist jedoch das Entscheidende und zugleich Fatale. Es regiert in der westlichen Gesellschaft jenseits des Literaturbetriebs die Vorstellung, Literatur solle erfreuen und unterhalten, besäße ansonsten aber keinen Wert.

Diesem Bedeutungsverlust gilt es entgegenzuwirken. Aber wie? Es gibt vermutlich keine Patentlösung. Dennoch fiele mir eine Figur ein, an der sich orientiert werden könnte: der westafrikanische Griot.

Der Griot

Obgleich der Analphabetismus in den meisten westafrikanischen Ländern große Teile der Gesellschaft von Literatur im europäischen Sinne abkapselt, haben sich dort orale Formen der Literatur (im weiteren Sinne) über Jahrhunderte erhalten. Die „Handwerker des Wortes“, von der Kolonialmacht Frankreich als Griots bezeichnet, produzieren und überliefern diese Geschichten. Sie rezitieren die Ahnenfolge der Herrscher, ihre Heldentaten und Niederlagen sowie die Geschichte ihres Volkes, die zumeist bis ins letzte Jahrhundert nie schriftlich festgehalten wurde. Griots fallen tatsächlich unter die Handwerker, die mit Vorträgen, Preis- und Schmähgesängen beauftragt und dafür bezahlt werden. Sie werden als Griots in eine Art Kaste geboren, die ihr Pendant in den Edlen des Volkes hat. Ohne seinen Herrn, an dessen Taten er erinnert, hat der Griot keine Funktion. Genauso hört niemand von den Taten des Edlen oder gedenkt seiner, wenn der Griot nicht von ihm singt bzw. erzählt. Im Gegensatz zu den europäischen Literaten haben Griots als Teil der Kaste eine genau festgelegte gesellschaftliche Stellung und Aufgabe. Auch wenn dies ein Grund von mehreren ist, weswegen sie nicht wortwörtlich als Schriftsteller bezeichnet werden können, Autoren sind sie allemal.

Oralität und Schriftlichkeit

An den Vortragsweisen und Gattungen der Grioterie haben sich im Laufe des 20. Jahrhunderts viele afrikanische AutorInnen orientiert. Einer der bekanntesten – und mein erster Berührungspunkt mit afrikanischer Literatur – war der von der Elfenbeinküste stammende Schriftsteller Ahmadou Kourouma (1927-2003), der einen Griot, Kindia Mory Diabaté, zu einem Protagonisten und, in den ersten vier Kapiteln, zum Erzähler seines Romans Monnè: Schmach und Ärger macht. Der Griot erzählt von den Heldentaten seines Herrn, des König Djigui von Soba, von dessen Krönung und der Schmach (monnè), welche die Eroberung durch die Franzosen über König und Volk bringt. Kourouma bringt die mündlich anmutenden Elemente der Geschichte in seine Niederschrift ein und schafft damit eine hybride Art des Erzählens. Er erinnert uns daran, dass der Gegenüberstellung von Mündlichkeit und Schriftlichkeit eine europäische Erfindung ist. Allerdings war weder die afrikanische Literatur seit jeher rein mündlicher Art, noch brachte Europa bloß Schriftliches hervor (man denke nur an die mündliche Überlieferung der Märchen von Charles Perrault und den Gebrüdern Grimm).

Das Wort ist für den Griot Waffe und Schild zugleich, es kann schöpfen und zerstören, das Ansehen seines Herrn stärken oder ihm und dem Volk seine Niederlage vor Augen führen. Er verkörpert die Vorstellung, dass der Sprache die Macht innewohnt, Veränderung herbeizuführen, was bei seinen Mitmenschen gleichermaßen Furcht oder Respekt hervorrufen kann. Ähnlich verhält es sich mit jener Angst, die viele Machthaber angesichts einer freien Presse oder einer unzensierten Literatur zu verspüren scheinen. Der Unterschied zum Griot ist seine Unantastbarkeit. Während die westliche Welt augenscheinlich nur Taten sprechen lässt, bewegt der Griot sie als ein homme de paroles (Mann des Wortes).

Gedächtnis

Wie der Griot vermischt Kourouma die historische Wahrheit der Eroberung Westafrikas durch die Franzosen mit der Geschichte des fiktiven Königreichs Soba. Durch die regelmäßig aktualisierte Darbietung historischer Epen haben diese sich seit Jahrhunderten als work in progress im Gedächtnis der Menschen gehalten. Kein Vortrag eines Griots gleicht dem anderen. Die einzelnen Episoden aus vergangenen Zeiten werden kontinuierlich den Gegebenheiten und dem jeweiligen Publikum angepasst. Sie bekommen sozusagen eine neue Auflage oder erfahren ein Update wie Dirk von Gehlens Eine neue Version ist verfügbar. Zwar fließt stets neue Fiktion mit ein, die literarische Grundlage bleibt jedoch dieselbe. Cornelia Panzacchi bezeichnete diese Vorgehensweise als eine „künstlerische Interpretation der Geschichte“. Ihrer bedient sich Kouroumas Griot, Diabaté, auf Geheiß seines Königs, um eine akzeptablere Version der kampflosen Einnahme Sobas durch die Kolonialmacht im Gedächtnis des Volkes zu verankern. Dennoch muss dieses kollektive Gedächtnis seinem König nicht nach dem Mund reden. Es kollaboriert nicht, es kommentiert.

Benennung

Besteht nicht allzu oft der Wunsch, politische Fehltritte konkret ansprechen und für einen Moment auf die Diplomatie verzichten zu können? Griots versuchen zumindest, diesen Spagat zu schaffen. Sie sprechen dringliche Probleme an, machen auf die Unzufriedenheit des Volkes aufmerksam und kritisieren ihren Herrn offen oder in Anspielungen; meist, um dann seinen Sinneswandel zu preisen. Zu diesem Zweck lassen sie die gegenwärtigen Zustände in den historischen Stoff einfließen, versetzen Krisen in die Fiktion. Nichts Anderes tat Jonathan Swift, als er mit Gullivers Reisen die Politik der englischen Regierung ins Lächerliche zog. In Kouroumas Universum geht die Wortgewalt des Griots jedoch weiter: wenn sich die politischen Umstände ändern, lernen die Griots die Geschichte neu und geben den Dingen neue Namen, eine neue Bedeutung. Ohne Namen verlieren die Dinge ihren Sinn, werden bedeutungslos, geraten in Vergessenheit. Etwas beim Namen zu nennen ist im Deutschen ein geflügeltes Wort. Der Griot wahrt dabei eine gewisse Diplomatie, um sein Publikum nicht übermäßig zu verärgern. Sein Vortrag basiert dennoch auf dem Gedanken, dass Literatur auch in mündlicher Form nicht produziert wurde, um jedem zu gefallen.

Schlussendlich geht es nicht darum, dass die Literatur keine einschneidende politische Bedeutung mehr hätte. Das hat sie ohne Zweifel, was in letzter Zeit an der Debatte um Houellebecqs Unterwerfung im Rahmen der Flüchtlingsdebatte oder Coates‘ Zwischen mir und der Welt im Zuge der Black-Lives-Matter-Bewegung deutlich wurde. Die Gesellschaft soll sie jedoch wie den Griot als einen Ausdruck politischer Meinungsäußerung, der Systemkritik, als ihr kulturelles Gedächtnis in nicht standardisierter und – gemessen an Akten und anderem Behördenschriftgut – leichter verdaulicher Form wahrnehmen. Ebenso müssten sich die Literaten der westlichen Welt der Macht gewahr werden, die sie in Händen halten und diese gezielt einsetzen. Wie der Griot und der Edle einander benötigen, können Literatur und Gesellschaft nur schwerlich ohne ihr Gegenüber auskommen. Um von Bedeutung zu sein, darf sich die Literatur nicht nur auf das Prinzip l’art pour l’art berufen – also reiner Selbstzweck sein –, denn dadurch bleibt sie nichts als ein zahnloser Tiger.

Geboren 1992 in Castrop-Rauxel (Ruhrgebiet), ist Masterstudent in den Fächern Literatur und Medienpraxis (LuM) und Geschichte an der Universität Duisburg-Essen. Ein Studienaufenthalt in Südfrankreich weckte sein Interesse für internationale, insbesondere französischsprachige Literatur. Nach Tätigkeiten als Übersetzer für Flüchtlinge und im wissenschaftlichen Lektorat arbeitet er seit 2015 als Redakteur für den ILP. Zurzeit lebt er in Essen.