#DontKnowWhoIAmAnymore

Identitätsbildung und provokative Selbstdokumentation unter Hashtags

Seit meiner frühen Jugend sitze ich beinahe täglich vor dem Computer. Nach stundenlangem Spielen von Solitaire und dem Erstellen von allen möglichen Figuren bei den Sims bekamen meine Eltern einen Internetzugang. Dort führte ich im Endeffekt nur das weiter, was ich bei den Sims begonnen hatte. In anonymen Chats legte ich mehrere Benutzer*innennamen an und füllte jeden davon mit allerlei Attributen. Irgendwann begann mich das zu langweilen, vielleicht erschien mir die Beschäftigung mit der eigenen Identität doch interessanter als das Ausarbeiten imaginärer Identitäten. So erstellte ich meine erste Homepage, eine merkwürdige Ansammlung von Rechtschreibfehlern und verschwommenen Fotos, auf denen immer ich zu sehen war: mal vor einem Staubsauger, mal vor meinem Puppenhaus aus Kindertagen. Weiter ging es von MySpace über SchülerVZ bis Facebook und Instagram. Auf jeder dieser Social Media Plattformen legte ich mir einen Account an, auf dem es immer darum ging, mich selbst zu präsentieren. Stets musste ich die Tatsache kompensieren, dass die Beteiligten nicht körperlich anwesend sind und ich mich demnach nicht durch Gestik, Mimik oder Betonung begreifbar machen kann. Stattdessen muss ich mittels Fotos und Posts verdeutlichen, wer ich bin (oder wer ich sein will), um auch als diese Person erkannt zu werden. Dafür bekomme ich Anerkennung in Form von Abonennt*innen, Likes und Kommentaren.

#Hashtag

Identität stellt nichts Starres dar. Sie ist ein steter Prozess aus dem Abwägen zwischen Abgrenzung und dem Dazugehören zu einer bereits bestehenden Gruppe und ihrer Merkmale. Auch im Internet entstehen Gruppierungen, in Foren, in Chats und seit 2009 vornehmlich unter Hashtags. Hashtags sind ein technisch-soziales Ereignis, da sie das Netzwerk verbundener Computer und das Netzwerk im Sinne mehr oder weniger organisierter Gruppen umfassen. Wird ein neuer Hashtag erstellt, muss für diesen der Kontext durch einen Text oder ein Bild mitgeliefert werden. Nur so können die folgenden Beiträge, in denen der gleiche Hashtag genutzt wird, verstanden werden. Ein Hashtag weist als deiktischer Ausdruck aus der Sprache hinaus auf etwas Vorangegangenes und liefert so den Definitionsbereich.

Die #Raute als Präfix schafft für den folgenden Ausdruck eine Metaebene, die jedem Individuum Raum gibt, diesen mit Assoziationen zu füllen, welche noch so vage sein können. Daher handelt es sich beim Hashtag um ein Internetphänomen, welches auch auf der Straße funktioniert, trotz der fehlenden Möglichkeit auf das Internetarchiv hinter dem jeweiligen Hashtag zurückzugreifen. Auch analog ist er eine Einladung zu einer Verbindung mit einer (behaupteten) Bewegung.

Hashtags sind immer Aussage und Aktion, da sie Kommunikationsanlass bieten und Individuen vereinen. Hinter Hashtags stehen Personen, die sie kreieren, formen, erweitern oder sich zunutze machen. Unter Hashtags werden Diskurse geführt, eben ganz im Sinne sozialer Netzwerke. In den vorgegebenen Kontext eingliedernd oder (im ironischen Ton) abgrenzend, man verhält sich beim Nutzen eines Hashtags stets zu einer Gruppe und beschäftigt sich so auch mit der eigenen Identität.

Ob man nun die 140 Zeichen bei Twitter oder die 2200 Zeichen bei Instagram für seinen Text zur Verfügung hat, für Selbstreflexion in Form aphoristischen oder epigrammatischen story tellings genügen sie. So findet unter Hashtags eine Sammlung von Schriftkultur statt, die man auch als Literatur bezeichnen kann. Literatur zu einem hybriden Thema. Es wird ein weltweiter kollektiv hergestellter Text erstellt. Man fühlt sich an Klosprüche erinnert, auf die reagiert wird. Und auf diese Reaktion reagieren dann wiederum weitere Personen. Bis die Tür voll ist. Oder gereinigt wird. Verlagert man das Ganze ins Internet, erweitert sich diese Sammlung aus Text, Bild und Grafik ständig, der Vorgang kann endlos weitergeführt werden. So verschwimmen die Grenzen zwischen Lesenden und Schreibenden, jede Person kann etwas unter dem jeweiligen Hashtag hinzufügen. Denn niemand schreibt vor, was darunter veröffentlicht werden darf und was nicht.

#TiredGirlsOfInstagram

Auch auf Instagram wurde das Potenzial einer Vernetzung der User*innen über Hashtags geschaffen. Dort werden vornehmlich Bilder und Videos von sich selbst geteilt. Instagram hat wahrscheinlich das Selfie erfunden. Auf dem eigenen Profil ist ein Foto nicht nur ein Foto, sondern auch eine soziale Praxis, da man es mit einem Sendungsbewusstsein für die zuschauenden Personen hochlädt.

Illustration: Jessie Cave

In einer von Massenmedien geprägten Gesellschaft, können Instagram und das gesamte Social Web extrem selbstermächtigend gebraucht und das sich selbst zum Thema machen als wichtiger Akt betrachtet werden. Nun müssen es nicht mehr nur die Medien sein, die den Blick auf die Welt bestimmen, auf Instagram hat jede Person die Möglichkeit, sich selbst und anderen, in Form provokativer Selbstdokumentation, ein abweichendes Bild zu zeigen. Die Selbstinszenierung im Internet kehrt die Befragung der eigenen Identität nach außen, sie kann auch als Versuch gedeutet werden, bei allen Unsicherheiten, sich seiner selbst zu versichern. Jedes Selfie kann zudem als mögliches Durchbrechen des Schönheitsideals gesehen werden, welches vor allem auf Frauen* einen großen Druck ausübt. Auf Instagram hat sich eine feministische Szene etabliert, die über Hashtags vernetzt ist. Es wurde eine intime Öffentlichkeit geschaffen, in der persönliche Erlebnisse ausgetauscht werden und sich darum bemüht wird, den Dingen eine Bühne zu geben, die in Film, Fernsehen und Presse nicht thematisiert oder retuschiert werden; von Dehungsstreifen über Menstruationsblut bis zu Depressionen. Frauen* haben nun die Möglichkeit, aus ihrer passiven Rolle herauszutreten. Selbstverständlich ist dieser Vorgang zweischneidig, denn in einer von marktwirtschaftlichen Logik durchdrungenen Gesellschaft, kann auch der beschriebene Vorgang als das Kreieren seines Selbst als Marke verstanden werden.

#WokeUpLikeThis

Medienschaffende und Marketingleute reagieren darauf, dass die konsumierenden Fans im Social Web nun selbst produzieren und Popkultur verarbeiten können. Es werden Zitate und Bilder geliefert, die dort rezipiert und gesamplet werden können. So kann das Individuum gleichzeitig konsumieren, produzieren und promoten. Als gelungenes Beispiel kann man “***Flawless” (oder beinahe alles) von Beyoncé sehen. In dem Lied kommt ein Teil der Rede “We Should All Be Feminists” von der Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie vor. Beyoncé macht so den Feminismus wieder massentauglich und schuf mit der Zeile “I woke up like this – flawless” einen Slogan, der derart allgemein gehalten wurde, dass unglaublich viele Frauen* darunter geeint werden können und aufgrund des weiter oben erwähnten Schönheitsdrucks auch persönlich berührt werden. Als Hashtags schafften es #WokeUpLikeThis und #Flawless im Internet auf Memes und unter tausende Selfies, sie funktionieren aber auch auf Plakaten und Kleidung.

Das unzählige Auftauchen von #WokeUpLikeThis zeigt, dass Beyoncé ein Identifikationsmittel geliefert hat, wodurch sich ihr alle Rezipient*innen verbunden fühlen können. Und nicht nur ihr, auch untereinander entsteht diese Verbundenheit, ebenso wie mit Lena Dunham, Rihanna, Cara Delevingne etc. Mit dem Hashtag erscheint die Fremde als Vertraute. Allen gemeinsam ist nämlich die Aussage: Wir sind makellos schön, egal ob ungeschminkt und verschlafen oder gestylt. Wir fühlen uns wohl in unserer Haut. So kann dieser Hashtag allein schon als feministischer Ausdruck gesehen werden, in einer Gesellschaft, deren Wirtschaft zu einem großen Teil davon getragen wird, dass die Menschen unzufrieden (mit sich) sind und daher konsumieren müssen.

Hashtags bedeuten ein Erschaffen und Einnehmen von Räumen, auch von Nutzer*innen, für die in der Öffentlichkeit keiner oder nur wenig Raum vorgesehen ist. Unter ihnen kann ein Erinnern an Diversität stattfinden, wobei gezeigt werden soll, dass jede Person und jeder Körper vor allem eins ist: #Flawless.

Marie Molle

1991 in Bielefeld. Daher vielleicht auch mein Identitätsstruggle.