Epitexte einer kurzen Ehe


1. August 2018
von

Eine junge Lesegruppe setzt sich mit Anuk Arudpragasams Die Geschichte einer kurzen Ehe auseinander. Beim Aufeinandertreffen mit dem Autor erzählen sie von ihren Texten – während dieser neugierige Fragen stellt.



Das Rädchen am Feldstecher
Tief reinzoomen
Milchiges Huschen
Hin her im Bild
Scharf sehen
Der Bewegung zittrig folgen
Blatt grün
Nur grün und
Dunkle Stämme
Zu groß für den Rahmen
Wieder das Vibrieren im Gebüsch
Den Blick führend
Plötzlich eine raue Wand im Blick
Schnell zurückdrehen
Fingerkuppe auf geriffeltem Plastik
Eine beschimmelte Laube
Ruhe im Grün
Hektisches Wedeln mit dem Fernglas
Zurück zur Hütte
Weiter rausdrehen
Im linken Bildrand: rot
Der Finger kurbelt
Ich sehe:
Auf dem Boden
Ein helles Kleid
Darin ein Mädchen
Auf die Seite gedreht
Hält in einer Hand
Sich fest an einem abgetrennten Arm
Ich weiß nicht
Ob sie atmet

– Anile Tmava, 19

Eine hermetische Welt betreten, ihr etwas eigenes anhaften, sie gar damit zu verändern, zu erweitern oder auch daran zu scheitern: Dieser Herausforderung haben sich die sieben jungen Autor*innen gestellt, eine erprobte und wissbegierige Gruppe, die sich Anuk Arudpragasams Roman Die Geschichte einer kurzen Ehe angenähert hat, indem sie seine Figuren, einzelne Situationen, sowie den geschichtlichen Hintergrund genauer unter die Lupe nahm und in ihren eigenen Blickwinkel integrierte.

Vor dem Fest sitzen die Lesegruppen dezentral im Foyer des HKW verteilt. Anuk Arudpragasam und der Übersetzer Hannes Meyer sitzen konzentriert, vornüber gebeugt, im Versuch den Lärm im Foyer auszublenden, der Gruppe gegenüber. Hannes lauscht mit geschlossenen Augen den Texten der Lesegruppe; Anuk schreibt mit.

„What do you mean with your last sentence here?“, fragt Anuk zurück, als die jungen Autor*innen ihn nach der ihm gewidmeten Vorlesestunde erwartungsvoll anblicken. „It reminds me of Molloy, the novel of Samuel Beckett? Do you know Samuel Beckett?“ Schweigen, ein kurzer Blickwechsel mit den anderen, dann ein leichtes Kopfschütteln. „Oh, no worries, I just explain to you quickly the scene in which the protagonist walks around with stones in his pockets, focussing on the fact that they always have the same weight. It’s the only way, while the world is collapsing, to control something and find something solid. Is this what you mean?“ Ein leichtes Nicken.

Die Faszination Dinesh’ mit Gegenständen verarbeitet Max Gärtner (20); in seinem Gedicht sind es aber Pastillen, gewöhnliche kleine Dinge, die der Zeit eine Struktur und einen Sinn geben:

Abhängigkeit.

Leider verdammt die Zeit Dinge zu Wert.
In meiner Hosentasche eine Packung mit Lutschpastillen.
Überallhin schleppe ich sie,
die wertlosen süßen Dinger.
Nur Atemfrische und durchfallfördernd.
Ich habe mich daran gewöhnt sie jeden Tag hervorzuholen,
sie von Hosentasche in den Mund zu ziehen.
Die letzte Pastille bleibt in der Tasche,
wandert mit der Hose in die Waschmaschine,
löst sich dort wie hunderte andere bunte Pillen auf,
wäscht ein in die Hose.
Wo noch die Krümel der letzten Packung kleben,
bildet die nächste ein Pastillenkonglomerat.
Voll mit der alten Gewohnheit,
die unbekannte Handlungen strukturiert.
Die Hand, die von der Tasche in den Mund zieht,
gerade Striche in das Wirrwarr jedes Tages.
Die letzte Pastille, diese Altzeitgewohnheit,
sichert die Neuzeit.

Zuvor traf sich die Lesegruppe im Haus der Kulturen der Welt und sprach über ihre ersten Eindrücke zum Text. Erstaunlich ruhig, heißt es, geradezu meditativ im Angesicht extremer Gewalt beschreibt Die Geschichte einer kurzen Ehe die Irrungen des Bürgerkriegs in Sri Lanka aus der Sicht des jungen Dinesh. Ein Problem stand für einige Teilnehmende von Anfang fest: Wie sich diesem Thema schreibend annähern? Wie sich dem Kriegsszenario annähern, das für Dinesh vollkommene Normalität ist und so unreal für die Teilnehmenden selbst? Die dann entstandenen Texte übernehmen Motive, Situationen und die Sprache des Romans, ohne sich das Leid anzueignen. So zum Beispiel Josefa Ramirez (19), die in das Sprachmaterial des Buches eingedrungen ist, um aus diesem Collagen anzufertigen.

Die Wucht der Explosionen vibriert noch still in den Nächten
Ein Kokon Dschungel teilweise von kühlen Büschen verdeckt
bietet ungeschützt Geborgenheit
fast teilnahmslos schlagen wir Stimmgabeln an Leichen an
schwache Nachklänge ihrer Rhythmen hallen im eigenen Körperpuls wider
moosige Felsen fassen ihn ein während noch die Erde bebt
und Geckos schmiegen sich liebevoll an die Gesichter der Toten

Beim Vorlesen der Texte erkennt Arudpragasam einzelne Szenen aus seinem Roman wieder, analysiert seinen Text durch die Texte der Anderen: „Are you referring to the scene in the beginning when the girl takes her brothers arm?“

„Yes, it was the picture of the girl which came to my mind first. I couldn’t get a connection to the world you are describing, so I asked myself: What is going on with me reading the book? And I was accompanied by this girl. So I wrote down her thoughts!“

Der Autor reagiert auch erstaunt: „Let me think twice about making metaphors! You took it literary and created this picture of the gecco! Why?“

„I was thinking about the woman in the past and how they lost their whole family and how they tried to survive and needed to be strong while adjusting to the new terrifying situation.“

Immerzu bleibt er beim anderen, er scheint fast dankbar, den Spot nicht auf sich selbst spüren zu müssen: „In what way did you feel you were taking something from the text and bringing something of yourself?“ Es sei schwierig für ihn gewesen, über etwas zu schreiben, was er nicht erlebt hat und deswegen wollte er es ausprobieren, was passiert, wenn er sich selbst hineinbegibt, beschreibt einer der Schüler. „It’s beautifully written!“

Die Besonderheiten des Buchs arbeitete eine junge Autorin sorgfältig in ihre eigenen Sätze ein. „Your way to describe is very physical, as it is how I describe Dinesh in the novel“, bemerkt Anuk. „Yes, I was fascinated by the way you describe the body! Why is it dominating your descriptions?“ „It was the body through which I could approach Dinesh, because this would be the only thing we have in common: The function of our bodies.“

Mit der Funktion des Körpers beschäftigt sich Lukas Friedland (19) in seinem kleinen Text „Das Ich ist ein Plastikstrand“. Eine Ansammlung gewalttätiger Bilder kreiert einen Alptraum, der aber mit dem beruhigenden Bild des Windes ganz plötzlich endet: Ein kleines Signal der Außenwelt, das den Körper wieder in Verbindung mit dem Gegenwärtigen setzt, so wie es auch Dinesh im Roman häufig passiert.

Das Ich ist eine Plastikstrand

Die Armee der abgetrennten Arme greift nach dir durch die dünne Zelt-
wand, während der klebrige Eigenurin auf deiner Haut immer dunkler wird.
Deine vergrabene Uhr ist verrottet unter den Toten und vielleicht bist du es
auch. Ein Rieseninsekt ernährt sich parasitär von deiner Hülle, saugt an dem
Nacken, während es dicker wird und du immer dünner. Der Atem geht
stoßweise, manchmal zuckst du unkontrolliert auf dem Boden hin und her.
Meistens starrst du ein Loch in die gegenüberliegende Zeltwand, das immer
größer wird. Da ist ein leiser Lufthauch.

Auf verschiedenste Arten haben sich die jungen Autor*innen dem Roman angenähert. »Schreiben heißt ja auch immer, etwas zu lesen, den eigenen Text, die Texte Anderer, die man im eigenen Schreiben aufnimmt«, sagt eine Teilnehmerin während der Vorbereitung zum Fest. Die anfängliche Angst, sich der schwierigen Thematik des Buches zu nähern, ist geschwunden. Am Ende sind alle verblüfft davon, wie schnell Arudpragasam auf die Texte reagierte und sie mit seinem Roman in Verbindung bringen konnte. Für die Schreibenden war das die Bestätigung: Es war ihnen gelungen, den Text mit ihren Texten zu erweitern.