Er wird versengt, durchschossen, carbonisé

Galerie der Wörter: Tom McCarthys K wieder gelesen

Dass Tom McCarthys Roman K im Jahr 2012 auf der Shortlist des Internationalen Literaturpreises stand, ist kaum verwunderlich, verbindet er doch auf eindrucksvolle Weise Themen des Bildungsromans mit historischen Ereignissen, inzestuöse Familienverhältnisse mit dem technischem Fortschritt zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Und wie der Internationale Literaturpreis sich mit Kommunikation über (Sprach-)Grenzen hinweg beschäftigt, so spielt K mit Motiven der modernen Telekommunikation und lässt sie mit Natur und Körper verschmelzen.

 

Dass der Roman die Aufmerksamkeit der Jury erregen konnte, hing jedoch auch mit der Tatsache zusammen, dass er ursprünglich als „eigentlich unübersetzbar“ (S. 471) galt, wie Übersetzer Bernhard Robben im Nachwort anmerkt. Und tatsächlich ‒ allein der Titel, der im englischen Original noch C hieß, schien einer Übersetzung im Weg zu stehen.

Gewinn und Verlust

„C“ steht hier nicht nur für Serge Carrefax, den Protagonisten des Romans, dessen Name im Deutschen zu Karrefax geändert wurde, sondern, wie Robben anführt, auch für „communication, connection, cocaine, carbon, copy, crypt, code, catacomb“ (S. 471) und viele weitere Begriffe, die die vielschichtigen Inhalte des Romans ausmachen. Tatsächlich ist McCarthys Werk ein Beispiel dafür, dass eine Übersetzung, so Robben, immer „Gewinn und Verlust“ (S. 473) bedeutet. Der Verlust rührt u.a. daher, dass viele Cs in der deutschen Übersetzung zu Ks mutieren ‒ Kommunikation, Kokain, Kode ‒ aber auch daher, dass dieses „C“, die chemische Abkürzung für den (Kohlen-)Stoff, aus dem das Leben ist, durch die Umwandlung in das uneindeutigere „K“ an Bedeutung verliert (S. 471). Der Gewinn jedoch liegt darin, dass der Übersetzer anders als Protagonist Serge nicht legasthenisch „Buchstaben durch die Luft wirbeln“ lässt, die „gleich haufenweise, von Strömen getragen“ wirr durcheinandergeraten (S. 61), sondern gekonnt „K“ gegen „C“ und „C“ gegen „K“ ausspielt: Die deutsche Übersetzung „Karrefax mit K, nicht mit C“ (S. 139) wird somit dem englischen „with C, not K“-Zitat entgegengesetzt.

Dem Lexikon sei Dank

Es ist daher bezeichnend für diesen „vertrackte[n] (Ver-)Schlüsselroman“ (Reik), dass Robben sich in der dem Roman folgenden Anmerkung augenzwinkernd bei seinem regelmäßig zurate gezogenen Band „K“ von Meyers Konversationslexikon bedankt. Bereits Rezensentin Jenny Turner ließ über die englische Originalversion verlauten, sie habe die Lektüre nur mithilfe sowohl der Wikipedia als auch des Oxford English Dictionary bewältigt, sei von der Bedeutungsdichte des Romans schließlich aber so begeistert gewesen, dass sie nun motiviert sei, sich tiefergehend mit vielen im Werk angesprochenen Themen zu beschäftigen (Turner). Als in K während Serge Karrefax’ Aufenthalt in Alexandria berichtet wird, in dieser Stadt träfen „Kulturen und Sprachen […] aufeinander“, um „Neues“ zu erschaffen (S. 365), kommt man daher kaum umhin, an all das „Neue“ zu denken, mit dem McCarthys Roman den Leser konfrontiert: Es handelt sich um eine Erzählung, die über Ländergrenzen und Sprachen hinweg scheinbar ziellos und doch kontinuierlich Konventionen und Tabus durchschlägt, um einen Roman, der anregend und verstörend zugleich den Leser nach jedem großen „K“ suchen lässt, das ein Hinweis auf das nächste Themenfeld sein könnte. Wenn Unübersetzbares übersetzt wird, kann dies also auch eine Bereicherung bedeuten, die Lust auf beides macht, auf C und K zugleich.

Ein Beitrag von Julia Linne

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Galerie der Wörter: Schwarz auf Weiß stehen sie da. Ein Blick genügt. Wörter werden lebendig. Bekommen Beine, Gesichter, Farben. Verknüpfen sich mit Emotionen, Vorstellungen, Gedanken. Sprache nimmt Gestalt an, wird zu Bildern.

Internetquellen:

Tillmann Reik: Tom McCarthy, K, in: www.culturmag.de, veröffentlicht: 11.07.2012, aufgerufen: 21.12.2015

Jenny Turner: Seeing Things Flat, in: London Review of Books 32/17, S. 7f., veröffentlicht: 09.09.2010, aufgerufen: 21.12.2015