Lyrisch, Drastisch, Provokant: „Erschlagt die Armen!“

Die Presse zum diesjährigen Preisträger

Die Jury hat ein letztes Mal getagt und sich entschieden: Für das vermutlich am intensivsten in den Medien diskutierte Buch der Shortlist: „Erschlagt die Armen!“ („Assommons les pauvres!“). Der knapp hundertseitige Roman ist politisch hochaktuell und konnte die Jury auch sprachlich überzeugen.
Der ILP 2016 geht somit an die Autorin Shumona Sinha und ihre Übersetzerin Lena Müller.
Aber von Vorn:

In Frankreich bereits 2011 erschienen, wurde „Erschlagt die Armen!“ bei Edition Nautilus in deutscher Sprache erst im August 2015 veröffentlicht. Dass es überhaupt ins Deutsche übertragen wurde, ist dabei vor allem der freien Übersetzerin Lena Müller zu verdanken, die „Assommons les pauvres!“ entdeckte und damit bei verschiedenen Verlagen anfragte, bis sie schließlich bei Edition Nautilus auf genügend Bereitschaft, Mut und Interesse stieß, das Buch in das Verlagsrepertoire mitaufzunehmen.

Nicht zuletzt aufgrund des Zeitpunkts der Veröffentlichung – das Thema Flüchtlingspolitik hätte präsenter kaum sein können – fand das Buch in den deutschen Medien, ähnlich wie zuvor in Frankreich, große Beachtung. Und so bietet es sich an, an dieser Stelle ein kleines Fazit der Berichterstattung zu ziehen. Welche Titel tragen die Rezensionen, was schreiben sie zur Sprache Sinhas und welchen Fokus setzen sie?

Beginnen wir mit den Titeln:

Schließlich geben diese häufig bereits eine erste Lesrichtung vor. Und so ist neben einigen Beiträgen, die der Einfachheit und Klarheit halber Titel wie „Shumona Sinha: Erschlagt die Armen!“ (z.B. SWR 2) tragen, an anderer Stelle von einem „Haufen Stoff“ (der Standard) die Rede.

Gerne werden auch markante Zitate aus dem Roman verwendet, wie „Die Lügen der Zugvögel“ (SZ) oder „Sie befallen das Meer wie ungeliebte Quallen“ (so betitelt nur in der gedruckten BZ), womit hier vor allem die im Buch fallenden Ausdrücke für Geflüchtete hervorgehoben werden – während durch „Der obszönen Bürokratie das Genick brechen“ (Zeit Online) oder „Die Asylbehörde als Lügenfabrik“ (Spiegel Online) der Fokus eher auf die im Roman auftauchende Kritik an der europäischen Flüchtlingspolitik gelegt wird.

Von einem „Monolog einer seelisch Verrohten“ spricht der Tagesspiegel und meint damit wohl Sinhas namenlose Ich-Erzählerin, die ihre Geschichte einem Polizisten erzählt, nachdem sie gegenüber eines Flüchtlings gewalttätig wurde. Wie auch der Titel der Neuen Zürcher Zeitung „Mit der Kraft des Zorns“ weist er auf das Dringliche, das Unangenehme, keinesfalls leicht Verdauliche von „Erschlagt die Armen!“ hin.

„Ich bin kein Mensch in der Revolte. Die Revolte ist in mir“ titelt der Literaturblog AISTHESIS und zitiert damit die Band Tocotronic. Denn, ja, so zeigen es fast alle Titel: In diesem Buch geht es um innere Revolte, die sich nach außen kehrt, um Aufruhr, um Wut, die sich angestaut hat und die sich irgendwann entlädt. Es wird aufgedeckt, angeprangert und provoziert. Trotz der geringen materiellen Größe findet sich hier ein ganz schöner „Haufen Stoff“.

Die Sprache:

ILP Wortwolke_Sinha

Quellen: Der Tagesspiegel, FAZ.net, der Standard, titel thesen temperamente, Deutschlandfunk, Süddeutsche Zeitung, AISTHESIS, Zeit Online, SWR 2, Spiegel Online, Kulturradio RBB, Deutschlandradio Kultur, Berliner Zeitung, Neue Zürcher Zeitung

 

Was ist das eigentlich für ein Buch?:

Das Buch „Erschlagt die Armen!“…

… stellt die EU-Flüchtlingspolitik bloß. (Tagesspiegel)

… zeigt, was eine Asylgesetzgebung anzurichten vermag, die Immigranten von vornherein als potenzielle Betrüger einstuft. (Tagesspiegel)

… lebt von stilistischer und inhaltlicher Drastik. (FAZ.net)

… gibt Hinweise auf die Fragilität des gesamten Systems. (FAZ.net)

… enthält keine simplen Antworten aus den Dunstnebeln über Stammtischen. (der Standard)

… bietet keine Lösungen, aber einen schonungslosen Blick ins Innere eines kranken Systems. (ttt)

… steht in bester beaudelairescher Tradition. (Aisthesis)

… erzählt die Geschichte einer Aggression. (Zeit Online)

… enthält sich jeder Moral oder Schuldzuweisung. (SWR 2)

… ist das Buch der Stunde. (der Standard)

… ist ein Buch, das weh tut. (der Standard)

… ist nicht allein ein Buch des Zornes und der Anklage, sondern auch rebellischer Ausdruck eines weiblichen Aufbegehrens gegen die Übermacht der Männer. (Deutschlandradio Kultur)

… ist ein Skandal-Buch. (Spiegel Online)

… ist ein „Skandal“-Roman. (ttt)

… ist ein Antidot zu allen Predigttexten zum Thema Migration. (SZ)

… ist ein hochpolitisches Plädoyer für einen anderen Umgang mit dem Thema Asyl. (SZ)

… ist ungeheuer brisant. (SWR 2)

… ist eine perverse Hommage an die Sachwalter, die den Akt der Ablehnung vollziehen. (Spiegel Online)

… ist ein subjektiver Perspektivroman. (Kulturradio RBB)

… ist ein Buch, das man als aufgeklärter, interessierter und ratloser Mensch lesen sollte. (Kulturradio RBB)

… ist ein Buch, das einen noch ratloser macht. (Kulturradio RBB)

… ist kein angenehmes Buch. (BZ)

… kostete die Autorin ihren Job bei der Migrationsbehörde.

Mehr zu „Erschlagt die Armen!“, der Autorin und der Übersetzerin

 

Ein Beitrag von Mareike Köhler