Tendenziöse Blicke?

Die 1. Jurysitzung des ILP 2016

Iris Radisch während der 1. Jurysitzung des ILP 2016 | © Jacob TeichSeit ich in Berlin wohne – weil ich es auch nicht besser wusste, bin ich wie alle anderen am Ende meines Studiums aus Hildesheim in die Hauptstadt gezogen –, war ich nicht ein einziges Mal am Brandenburger Tor. Die Sehenswürdigkeit hat wenig, oder nichts, mit meinem Alltag zu tun, meiner Lebensrealität in dieser Stadt. Wie verzerrt der Blick der Touristinnen und Touristen sein muss, wenn sie dort aussteigen, ein Foto machen, einmal hindurchlaufen – und wie tendenziös auch mein Blick auf die Städte gewesen sein muss, die ich selbst als Tourist bereiste. Jetzt bin ich jedenfalls am Brandenburger Tor, zum ersten Mal, aber auch nur, um umzusteigen, in den Bus der Linie 100, der wenig später die Haltestelle „Haus der Kulturen der Welt“ erreichen soll. Ich bin auf dem Weg zur ersten Jurysitzung des Internationalen Literaturpreises in diesem Jahr – als Teil der neuen Redaktionsleitung des Blogs, womit ich ab sofort meine Miete verdienen werde (na ja, einen Bruchteil davon).
Wie immer bin ich skeptisch, wenn es um Preise geht. Ich vermute einen Konflikt: zwischen Generationen, zwischen Lebensrealitäten. Bei derartigen Selektionsprozessen befürchte ich, dass etwas als wichtig erachtet wird, das mir nur zweitrangig erscheint (siehe Brandenburger Tor). Aber vielleicht können wir uns auch darüber gleich unterhalten, wenn ich die neue und zugleich alte Jury zur Bedeutung von Übersetzungen befrage, zu dem Wesen einer ‚guten Übersetzung‘ und zu ihren eigenen Auswahlkriterien innerhalb des bevorstehenden Juryprozesses.
Beim Versuch, das Sprachengewirr im Bus auseinanderzuhalten, scheitere ich kläglich. – Ich muss an meinen ehemaligen Mitbewohner denken, der Drehbücher übersetzte, vielmehr: die deutsche Synchronfassung erarbeitete, und frage mich, ob all das Übersetzen, oder insbesondere das Synchronisieren von Filmen, nicht auch defizitär ist, weil es den Klang der Sprache, ihre Lautlichkeit, ihren Rhythmus nie hundertprozentig transportieren kann – oder ist es hilfreich im Sinne eines Verständnisses für andere Kulturen, im Sinne der Toleranz, weil es sprachliche Barrieren abbaut, Zugänge schafft, Wahrnehmungen und Geschichten ermöglicht, über Sprachgrenzen hinweg, sodass ein solches Defizit zu verschmerzen ist?

Als ich am Haus der Kulturen der Welt angekommen bin, gibt Sabine Peschel, die Werke der zeitgenössischen chinesischen Literatur übersetzt hat und für die Deutsche Welle arbeitet, darauf sogleich eine Antwort: „Literarische Übersetzungen haben natürlich eine ganz große Bedeutung, um Deutschland mit der Welt zu vernetzen, und um andere Lebenswelten erfahren zu können, Gedanken aus anderen kulturellen Kontexten. Das kann gerade in diesen Zeiten, in denen unser Hauptthema Geflüchtete sind, gesellschaftlich gesehen einen ganz großen Beitrag leisten für das gegenseitige Verständnis.“ Die Dolmetscherin und Übersetzerin für arabische Literatur Leila Chammaa und Jörg Plath, Journalist und Literaturkritiker für unter anderem FAZ und Deutschlandradio Kultur, sprechen ebenfalls von einer solchen zentralen Rolle. Überrascht bin ich jedoch, als mir Sabine Peschel erklärt, dass man nicht das Original kennen müsse, um die Übersetzungsleistung einschätzen zu können: „Man merkt an einer Übersetzung, ob sie gut ist oder nicht, man merkt, ob die Sprache stimmt. Die Zielsprache, also in diesem Fall das Deutsche, ist letztlich die Sprache, um die es geht.“ „Man gewinnt mit der Zeit eine gewisse Sicherheit darin, eine gute Übersetzung von einer schlechten zu unterscheiden. Wir können auch nicht von allen Büchern das Original heranziehen“, pflichtet ihr Michael Krüger, ehemaliger Verleger des Carl Hanser Verlags, bei, um sogleich zu betonen, dass das Niveau generell hoch sei: „Das, was ich bisher gelesen habe, etwa fünfzig der Bücher, das sind, was die Übersetzungen betrifft, alles hervorragende Werke. Man muss auch sagen, dass sich die Übersetzungskunst in den letzten dreißig Jahren erheblich verbessert hat. Das Niveau ist unerhört gestiegen.“

Doch immer wieder wird in den Gesprächen betont, wie prekär die Situation der Übersetzerinnen und Übersetzer sei, wie wenig sie und ihre Leistungen wahrgenommen würden. „Leider ist es noch nicht im Bewusstsein des breiten Publikums, teilweise auch der Rezensenten und der Presse angekommen, dass sie eigentlich nicht das Original lesen, sondern die Stimme der Übersetzerin oder des Übersetzers“, hält Leila Chammaa fest. Jörg Plath ergänzt, dass sich diese Situation jedoch allmählich ändere: „Der Internationale Literaturpreis zeigt ja auch, dass die Rolle der Übersetzerinnen und Übersetzer zunehmend stärker wahrgenommen wird.“ Als Ausdruck dafür werten beide, dass sich das Verhältnis des Preisgelds angleicht – für die Übersetzung werden in diesem Jahr zum ersten Mal 15.000 Euro und für das originäre Werk 20.000 Euro vergeben.
Als ich frage, nach welchen Kriterien über die Auszeichnung entschieden wird, gibt Jörg Plath einmal mehr zu bedenken, dass man immer Äpfel und Birnen vergleiche: „Der eine Roman ist in seiner Art sehr gut und gelungen, und der andere ist vielleicht ebenso gelungen, und trotzdem muss man diese beiden miteinander vergleichen und am Ende sagen: Der eine davon bekommt den Preis.“ Bevor ich konkreter nachfragen kann, werden die Jurymitglieder hereingebeten: Die Vorauswahl der Bücher beginnt.

Während der Sitzung kann ich ab und an ein gemeinschaftliches Lachen durch die Tür hören, ab und an dieses metallische Sirren, das sich bei Skype-Gesprächen ergibt, wenn die Technik nicht mitspielt – Sabine Scholl, freie Schriftstellerin und Dozentin, kann nicht in Berlin sein und ist live zugeschaltet –, sonst nur das Läuten der Glocken des nahen Carillons.
In der Pause erhasche ich einen kurzen Blick in das Konferenzzimmer: Gefetzt wurde sich jedenfalls nicht – vielleicht ist es dafür aber auch noch zu früh, vielleicht wird es erst ans Eingemachte gehen, wenn das Konvolut der 151 Titel reduziert wurde und sich die Diskussion um die gelesenen Bücher selbst dreht.

Am Ende des Tages bin ich noch immer ein wenig ratlos: Was ist denn jetzt eine ‚gute Übersetzung‘? Worin zeichnet sie sich aus – wofür wird sie ausgezeichnet? Wie können über 150 vermutlich sehr verschiedene Titel gegeneinander abgewogen werden? „Wir haben uns gegen Graphic Novels entschieden, konzentrieren uns also auf reine Sprachkunstwerke – und wir haben immer wieder diskutiert, inwieweit dokumentarische oder biografische Werke mit einem stärkeren Anteil an Realien auch von uns prämiert werden können“, erfahre ich immerhin von Jörg Plath – und Sabine Peschel verrät, dass sie vielleicht schon einen Geheimfavoriten habe, aber natürlich nicht, welcher Titel das ist. Mir bleibt keine weitere Zeit, Fragen zu stellen: Die Jurymitglieder brechen mit dem Taxi zum gemeinsamen Abendessen auf. Ich bleibe skeptisch zurück. Sicher bin ich mir nur bezüglich einer Sache: Übersetzungen sind wichtig, wichtig im Sinne der kulturellen Vielfalt, der Toleranz – darin waren wir uns einig. Vielleicht ist der ILP auch in dieser Hinsicht ein Forum für noch unbekannte Kleinode neben den großen Monumenten. Das gemeinsame Preisjahr wird es zeigen, denke ich, und trete wieder den Heimweg an, mit dem Bus zurück zum Brandenburger Tor.

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