„Es besteht die Gefahr, dass man zu sehr die Kriterien unserer westlichen Welt als einzigen Maßstab anlegt“

Sabine Scholl im Gespräch

Zwei Wochen vor der Jury-Diskussion über die Shortlistnominierungen erzählte sie über Ihre neue Tätigkeit als Jurorin beim Internationalen Literaturpreis, Ihre ersten Erfahrungen und die Bewertungs-Kriterien für die eingereichten Texte.

Jurorin Sabine Scholl (c) Uta Tochtermann

Jurorin Sabine Scholl (c) Uta Tochtermann

Frau Scholl, Sie sind in diesem Jahr eines der neuen Jury-Mitglieder beim Internationalen Literaturpreis. Als Jurorin waren Sie aber bereits 1996 beim Ingeborg-Bachmann-Preis tätig. Nützen Ihnen diese Erfahrungen oder ist die jetzige Juroren-Tätigkeit etwas völlig Neues?
Der Unterschied ist natürlich, dass es beim Ingeborg-Bachmann-Preis um deutschsprachige Literatur gegangen ist, dass es öffentlich diskutiert wurde und dass man nur Textausschnitte hatte, die man vorher nicht kannte. Beim Internationalen Literaturpreis hingegen ist eine Expertise über verschiedene Kulturen und Sprech- und Schreibweisen nötig und wir lesen ganze Bücher; also das Konzept als Ganzes und das Bild und Panorama ebenfalls als Ganzes wahrnehmen.

Haben Sie gewisse Erwartungen gehabt, mit denen Sie an Ihre Juroren-Tätigkeit beim ILP herangegangen sind?
Neugier, vor allem Neugier! Neugier auf die vielen Texte und auf das, was ich aufgrund der Literatur, die produziert wird, über die Welt und die Schreibweisen in der Welt erfahre. Und das war sehr vielfältig.

Wie sieht denn der Arbeitsalltag eines Jury-Mitgliedes aus und wie ist es in diesem Jahr angelaufen?
Anfangs ging es darum, von den vielen Einsendungen die herauszufiltern, die wir letztlich lesen würden. Die Texte, die schon nach dem ersten Durchsehen nicht besprechungswürdig erschienen oder vom Thema zu einheitlich waren, die wurden dann aussortiert. Das war sozusagen der erste Schritt. Der zweite war die Zuordnung der einzelnen Bücher zu den jeweiligen Juroren, je nach Spezialisierung, Fähigkeiten und Interesse. Dann habe ich sehr genau und intensiv das Kontingent gelesen, das mir zugewiesen wurde. Ich habe beobachtet, dass man durch das viele Lesen auch eine Art Wunschvorstellung hat. Die baut sich abhängig davon auf, was man über den Autor und auch seine Werke weiß, oder was einem schon vom Marketing versprochen wird. Oft stimmt die Erwartung nicht mit der ersten Meinung nach dem Lesen überein. Manchmal ist man enttäuscht, oft aber auch positiv überrascht.

Sie haben gerade schon Bezug auf die Werke genommen und etwas zu Ihren Erwartungen gesagt. Mit welchen Kriterien sind Sie denn genau an die Texte gegangen?
Eigentlich sind es immer mehr geworden, je mehr ich gelesen habe. Also dazu muss ich sagen, dass ich auch Besprechungen schreibe und vor allem auch Literatur unterrichte. Das heißt, dass ich schon eine sehr genaue und erfahrene Leserin bin. Man hat eine Art Instrumentarium, das ins Gehirn eingearbeitet wurde, und das habe ich jetzt versucht, ein wenig zu analysieren.
Erstens einmal vom Inhalt. Worum geht es? Wie ist der Inhalt aufbereitet? Wie werden zum Beispiel Fakten eingearbeitet? Wie wird historischer Gehalt aufbereitet und dargestellt? In welcher Sprache geschieht das? Wie ist die Konstruktion der Erzählung? Ist es einfach, den Figuren zu folgen und finde ich ihre Motivation schlüssig? Und dann natürlich auch vom Inhalt, weil es sich ja um Literatur aus verschiedenen Ländern handelt, wie weit geht der geografische Bogen? Also: Umschließt er jetzt nur eine Region oder geht es über nationale Grenzen hinaus; geht es über verschiedene Sprachen hinaus? Und so weiter.
Und dann sind da natürlich noch die Produktionsbedingungen. Ich habe mir überlegt, dass man nicht Äpfel mit Birnen vergleichen kann. Man muss auch sehen, wie steht es überhaupt mit der Literatur in diesem Land, in dieser Kultur. Haben dort viele AutorInnen beispielsweise Zugang zu Bildung, zu Veröffentlichungen? Dann habe ich festgestellt, dass die Gefahr besteht, dass man die Kriterien unserer westlichen Welt und diese ganze literar-historische Entwicklung als den einzigen Maßstab anlegt. Da denke ich, muss man, gerade in dieser Jury, ein bisschen aufpassen und auch viel mehr darauf eingehen, wie die Entwicklung und Bedeutung von Sprache und Literatur in der jeweiligen Region ist.

Nachdem wir nun über Sie als Jurorin gesprochen haben, möchte ich den Blickwinkel gern ändern, Ihre Meinung als Schriftstellerin erfahren. Welche Bedeutung messen Sie denn dem Internationalen Literaturpreis zu?
Ich finde die Institution und wie sie aufgebaut ist sehr wichtig, äußerst wichtig sogar, im Vergleich zu anderen. Auch die Idee, dass man öffentliche Lesungen und Präsentationen macht und zudem die Übersetzer würdigt, ist sehr toll. Das wird ja immer vergessen bzw. außer Acht gelassen, dass sie diejenigen sind, die es überhaupt ermöglichen, ganz viele Texte zu lesen, die aus einer anderen Sprache kommen. Weil wir eben nicht ungarisch, kroatisch oder hebräisch sprechen. Darum hoffe ich sehr, dass es ein gutes Medienecho gibt. Das ist mein Wunsch, dass es einen Effekt für die Autoren haben könnte. Und es wäre natürlich wünschenswert, dass sie mehr gelesen und gekauft werden im deutschsprachigen Raum. Da gibt es viel Nachholbedarf.

Vielen Dank für das Gespräch!

Ein Beitrag von Jana Leonhardt

Sieben Jurymitglieder stellen sich jedes Jahr der Aufgabe, aus den spannenden Einsendungen der Verlage die Shortlist und schließlich den Preisträger des Internationalen Literaturpreis auszuwählen. Sabine Scholl ist 2015 zum ersten Mal dabei. Sie arbeitet als Schriftstellerin und unterrichtet aktuell am Literaturinstitut Leipzig und an der UdK Berlin, zudem ist sie die Leiterin der ERAschreibkurse in Berlin.

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