„Fremde fesseln, ohne auch nur einen Finger zu rühren“

Atalja Abrabanel ist die wohl undurchsichtigste Figur in Amos Oz‘ Roman „Judas“. Ihr Verhalten ist für den Leser unberechenbar und oft unverständlich. Relevante Informationen über die Figur erhält der Leser anfangs nur mittels der Gespräche zwischen Schmuel Asch und Gerschom Wald. Dabei ist der Protagonist ebenso wie der Leser begierig, mehr über diese Person zu erfahren, sie zu verstehen – und von wem sollte er diese ersehnten Antworten erhalten, wenn nicht vom Autor selbst? Um auch Fragen wie diese zu beantworten, wurde Amos Oz auf der Langen Nacht der Shortlist im HKW so ungeduldig erwartet wie ein Popstar. Der Autor machte seinem Ruf alle Ehre und wickelte sein Publikum im Handumdrehen um den Finger, sorgte für verschmitztes Grinsen und herzliche Lacher. Im selben Atemzug aber, in dem der Preisträger Informationen über das Buch „Judas“ bekannt gab, nahm er seinem Publikum die große Hoffnung: „Falls mir jemand von Ihnen meine Figuren erklären kann, wäre ich sehr dankbar“, äußerte sich der Literat und ließ sein Publikum mit der Atlas-Aufgabe allein, den verstrickten Charakter und die Entscheidungen, Äußerungen und Gedanken von Atalja Abrabanel zu verstehen. Dieses Figurenportrait nimmt sich der Bitte des Schriftstellers an und widmet sich der geheimnisvollen Frau.

Die 45-jährige Atalja wird über ihre handschriftliche Annonce, die am schwarzen Brett der Jerusalemer Universität hängt, eingeführt: „Es war ein hellblauer Zettel, auf dem Schmuel beim Abdecken gerade noch wahrnahm, dass sich auf ihm 5, 6 Zeilen in korrekter, angenehm weiblicher Handschrift befanden.“ (S. 20) Kalligraphen behaupten, dass anhand der Handschrift der Charakter einer Person bestimmt werden kann. Eine ordentliche Handschrift lasse darauf schließen, dass der Mensch verschlossen sei und seine inneren Kämpfe allein austrage. Somit enthält Ataljas Einführung zugleich eine Vorausdeutung – die Antwort, warum Schmuel mit niemanden über seine Arbeit bei Atalja, in der Rav-Albas-Gasse 17 am Rand des Jerusalemer Viertels Sche’arei Chese, reden darf, führen wir wie bei einer Kriminalermittlung zusammen.

Atalja Abrabanel wuchs mit einem Politiker als Vater auf. Schealtiel Abrabanel fand seinen Lebensinhalt in dem Kampf für sein Land, in dem Kampf für eine Versöhnung zwischen Israel und Palästina.  Seine Ehefrau unterdrückte er und seiner Tochter schenkte der Idealist keine Beachtung. „Er war zweifellos ein aufrichtiger Mensch und auch mutig und originell, aber er wollte nie Vater sein, konnte es auch nicht und eigentlich war er auch kein Ehemann.“ (S. 208) Geliebt habe  sie ihren Vater nie. Micha Wald schon. 1946 heiratete Atalja den Sohn Gerschom Walds und ließ sich darauf ein, mit ihrem Ehemann und ihrem Schwiegervater in das große Haus Schealtiels Abrabanels zu ziehen. Gerschom überzeugte seinen Sohn unter den wütenden Augen Ataljas und ihres Vaters, in den Unabhängigkeitskrieg der Juden zu ziehen. Micha, der als 11 Jähriger eine Niere verlor, fälschte seine Papiere, zog in den Krieg gegen die Araber und verlor 1947 sein Leben. Es ist der Tod ihres Ehemanns, die unausgesprochene Mitschuld ihres Schwiegervaters und das ihr verwehrte Mutterglück mit dem Mann, den sie aufrichtig liebte, das Atalja innerlich zerreißt. Aus den erlebten Enttäuschungen resultiert eine tiefe Abneigung gegen Männer: „Ihr habt schon seit Jahrtausenden die Macht über die Welt und ihr habt sie in einen Ort des Schreckens verwandelt. In ein Schlachthaus. Vielleicht kann man euch wirklich nur benutzen. Manchmal sogar Mitleid mit euch haben und versuchen, euch ein bisschen zu trösten. Wofür? Ich weiß es nicht. Vielleicht wegen eurer Unfähigkeit.“ (S. 95)

Im Gegensatz zu ihrem Vater, ihrem Schwiegervater und ihrem verstorbenen Mann interessiert Atalja sich nicht für eine Verbesserung der Welt. Gerschom Wald erklärt, sie vollbringe gute und schlechte Taten, treibe sich rum, breche auf ihrem Weg unschuldige Herzen und genieße die Rente ihrer Eltern zusätzlich zu der Witwenrente. (Vgl. S. 81) Der Leser erfährt von insgesamt drei Herzen, die Atalja brach. Die Herzen Aschs Vorgänger. Schmuel selbst wird eindringlich von Wald gewarnt, sich nicht in diese Frau zu verlieben. Mit Verzweiflung stellt der alte Mann jedoch fest, dass es zu spät sei. Es war zu spät, als Schmuel Atalja zum ersten Mal sah. Schmuel ist wie verzaubert von ihrer Haltung, ihrem Selbstbewusstseins, ihrem Geruch und der Narbe zwischen Nase und Oberlippe. Gerschom Wald weiß umgehend, nachdem er Schmuel seine Verliebtheit attestiert hat, wie die Geschichte ausgeht. Entgegen des Scheins ist Atalja Abrabanel berechenbar.

Atalja lebt in ihrer Einsamkeit und Melancholie von Begegnungen mit Fremden. Gerschom erklärt: „Sie kann das, völlig Fremde fesseln, ohne auch nur einen Finger zu rühren. Aber sie ist sehr gern allein. Sie fesselt Männer, die ihrem Zauber erliegen und stößt sie nach ein paar Wochen von sich, manchmal schon nach einer Woche. […] Einmal hat sie mir gesagt, sie finde fremde Menschen fesselnd, solange sie mehr oder weniger fremd sind. Ein Fremder, der aufhöre fremd zu sein, würde sofort anfangen sie zu bedrücken.“ (S. 60) Als Detektivin hat Atalja bei jedem Auftrag mit neuen Fremden zu tun und wird mit immer neuen Fremden in ihrem eigenen Haus versorgt. Fremde, die sich um ihren Schwiegervater kümmern. Wie eine schwarze Witwe lebt Atalja in dem letzten Haus der Rav-Albas-Gasse 17 und wartet auf immer neue Studenten mit historischem Wissen. Auf immer denselben Typ Mann, einen Geschichtsstudenten, der auf der Suche nach sich selbst ist. Scheint Schmuel Asch anfänglich noch etwas Besonderes für Atalja zu sein, wird zum Ende des Romans hin deutlich, dass der Protagonist nur einer von Vielen ist. Atalja spielt mit ihm wie mit seinen Vorgängern. Als es ernster wird, die Gefühle Schmuels stärker werden und auch ihre Zuneigung deutlich wird, beendet Atalja die Anstellung. Ein immer gleiches Verfahren, in einem stetigen Kreislauf aus Fremden, die ihr zu nah kommen und Ataljas Neugierde nicht mehr stillen können.

Führen wir die vielen kleinen Spuren, die der Autor Wald und Atalja hat legen lassen zusammen, ergibt sich ein klareres Bild von Atalja. Die Abneigung gegen Männer schützt Atalja vor einer neuen Beziehung mit neuen Verletzungen. Schmuel Asch darf mit niemandem über seine Arbeit reden, da sich das Wissen um den Job wie ein Lauffeuer verbreiten und sich Studenten, die selbiges erlebt haben, treffen könnten. Ein weiterer Grund zur Verschwiegenheit ist der vergessene Schealtiel. Atalja schätzt ihre Einsamkeit und dass sie nicht mehr als die Tochter des Verräters Abrabanel erkannt wird. Warum sie Schmuel kündigt, wird nun auch klar. Sie schützt sich selbst und Schmuel vor Gefühlen, vor der Einsamkeit, vor zu tiefen Wunden, die entstehen könnten, wenn aus Fremdheit Vertrautheit wird. Kommen wir nun zu Oz‘ Aufforderung, ihm seine Figur zu erklären. Mit Atalja Abrabanel hat er eine klischeebefreite Antiheldin erschaffen, die sich von der Gesellschaft abgewendet hat, um so zu leben, wie es ihr gefällt. Ihren Schmerz und ihre Trauer akzeptiert sie als Teil von sich, der sie geformt hat, dem sie aber nur in seltenen Momenten erlaubt, an die Oberfläche zu treten. Dieser Teil ist wie ein Tinnitus, man lernt damit zu leben. Des Weiteren setzt Oz dem Leser eine vielschichtige, interessante Frau vor, die polarisiert, über die geredet werden muss. Eine Figur, die der Roman braucht, um die Wertlosigkeit klischeehafter Vorurteile über Frauen, Politik und die Liebe aufzuzeigen.

Ein Beitrag von Alina Bäcker

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