Preisgekrönt und missverstanden?

Shumona Sinha und Lena Müller – Fest der Shortlist 2016 | © Johanna Baschke | www.johannabaschke.de

Einige Eindrücke vom Fest der Shortlist 2016.

 

„Das ist doch totaler Quatsch, sinnloses Geschwafel“, meint ein Freund zu mir, kurz bevor er das Fest der Shortlist verlässt. „So bin ich wenigstens wieder im Trockenen, bevor das Gewitter anfängt“, flüstert er mir während des Materialgesprächs mit dem russischen Autor Alexander Ilitschewski, dem Übersetzer Andreas Tretner und dem Jury-Mitglied Jörg Plath zu. Dann steht er auf und geht. Für mich ein Anlass, mich zu fragen, welche Zielgruppe das Gespräch eines zeitgenössischen internationalen Autors mit Kennern seines Werks finden kann: Wen interessiert so etwas? Die Nerds, die Leute aus dem Literaturbetrieb? Wie kann man derartige Veranstaltungen einem breiteren Publikum schmackhaft machen? Welche Argumente gibt es, um diejenigen, die nicht Teil des Literaturbetriebs sind und die von den hier versammelten Autor*innen nichts gelesen haben, zum Kommen und Bleiben zu bewegen?

Lena Müller liest aus "Erschlagt die Armen!" – Fest der Shortlist 2016 | © Johanna Baschke | www.johannabaschke.de

Lena Müller liest aus „Erschlagt die Armen!“ – Fest der Shortlist 2016 | © Johanna Baschke | www.johannabaschke.de

Ich selbst habe Der Perser, Ilitschewskis 750 Seiten langen Roman, einer von sechs nominierten Titeln in diesem Jahr, (noch) nicht gelesen. (Alle anderen übrigens auch nicht, außer Joanna Bators Dunkel, fast Nacht und Shumona Sinhas Erschlagt die Armen!.) Trotzdem fesselt mich das Gespräch: Übersetzer Andreas Tretner berichtet ausführlich von seiner Ilitschewski-Lektüre, von dem hermeneutischen Abenteuer, das der Text für ihn dargestellt hat. Er erzählt von seiner Suche nach Bildern der historisch verbürgten Figuren und davon, wie er sein Wissen über den Kaukasus vertiefen musste. Das ist nicht nur ein interessanter Werkstattbericht, es spiegelt auch die Erfahrung von allen wider, die sich gerne an großen und schwierigen Romanen abarbeiten.

Alexander Ilitschewski und Andreas Tretner – Fest der Shortlist 2016 | © Johanna Baschke | www.johannabaschke.de

Alexander Ilitschewski und Andreas Tretner – Fest der Shortlist 2016 | © Johanna Baschke | www.johannabaschke.de

Dass Übersetzer*innen und Autor*innen dabei als gleichberechtigte Gesprächsteilnehmer*innen auf einem Podium sitzen, ist im Literaturbetrieb eine Seltenheit. Ich frage mich warum. Denn hier entwickelt die Konstellation einen besonderen Reiz, und das nicht nur, weil der Übersetzer sehr oft sehr interessante Dinge zu sagen hat. Ilitschewski scheint außerdem mehr Vertrauen in die Gesprächsrunde zu haben, da mit seinem Übersetzer eine Person anwesend ist, die seinen Roman fast so gut kennt wie er selbst (vielleicht sogar genauso gut?, oder anders gut?). Und dass sich internationale Autor*innen, die in Deutschland zu Gast sind, derart wohlfühlen, ist bei Weitem keine Selbstverständlichkeit.
Von seiner handwerklichen Akribie zeugt derweil eindrucksvoll, wie er – nach eigener Aussage – für seinen Roman Matisse an der Beschreibung der Gebirge auf der Krim gearbeitet hat: Nachdem er sich diese Gebirgslandschaft selbst angeschaut hat, hat er nach Gemälden gesucht, auf denen die Berge abgebildet sind. Zu diesen Gemälden hat er wiederum kunstwissenschaftliche Analysen gesucht, um die exakten Ausdrücke für die Farben und Farbmischungen zu erfahren. – Es ist wunderbar, einen derartigen Einblick in seine Vorgehensweise und Arbeitsmethode zu erhalten.

Ein wenig anders, aber genauso spannend verläuft das Gespräch zwischen der französischen Autorin Shumona Sinha und der Übersetzerin Lena Müller, den beiden Preisträgerinnen. Sie thematisieren vor allem die politischen Implikationen des Romans, der aus der Sicht einer snobistischen Übersetzerin im französischen Äquivalent des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (vor allem unter der Abkürzung BAMF bekannt) erzählt ist. Der Roman Erschlagt die Armen! unterstreicht eine humanitäre Perspektive auf die Flüchtlingskrise, aber äußert auch scharfe Kritik am französischen Asylsystem.

Shumona Sinha und Lena Müller – Fest der Shortlist 2016 | © Johanna Baschke | www.johannabaschke.de

Shumona Sinha und Lena Müller – Fest der Shortlist 2016 | © Johanna Baschke | www.johannabaschke.de

Das klingt nach einem hochaktuellen Stoff. Doch Lena Müller bedauert zunächst den Zeitpunkt der Veröffentlichung. Denn: Die namenlose Ich-Erzählerin des Romans hat immer wieder rassistische Gedanken, äußert sich also auch dezidiert rassistisch. Obwohl der Tenor des Romans die deutliche Kritik an diesem Rassismus ist sowie die Kritik an dem, was das französische Asylsystem in den Seelen der Asylsuchenden anrichtet, wurde er in der „Springer-Presse“ (O-Ton Lena Müller) eher missverständlich aufgenommen. Den Versuch, pauschale Urteile aus ihrem Buch abzuleiten wie das, dass Flüchtlinge „lügen wie gedruckt“, unterläuft Shumona Sinha dadurch, dass sie partikulare Phänomene schildert, die sich eigentlich nicht für derartige Generalisierungen eignen (von der Fragwürdigkeit solcher mal abgesehen): In Erschlagt die Armen! geht es um Asylanträge von Menschen aus Südostasien im Frankreich der späten Nullerjahre. Die Erzählerin ist zudem selbst keine gebürtige Französin, sie stammt aus Indien. Implizit wird deutlich, dass ihre Kindheit und Jugend in Indien traumatisierend gewesen sind. Mit Lucia, der weißen, blonden Arbeitskollegin, identifiziert sie sich stark, fühlt sich sogar körperlich zu ihr hingezogen. – All diese Umstände führen zu ihren Aggressionen gegen Asylsuchende und Migranten, sind zumindest anteilig ursächlich, dass sie eines Tages einem Migranten in der Metro eine Weinflasche über den Kopf zieht.

Doch der Roman ist glücklicherweise nicht aufgrund oder gar für eine rassistische Rhetorik ausgezeichnet worden – im Gegenteil. In der Begründung der Jury heißt es: „Der Monolog der Ich-Erzählerin – Dolmetscherin in einer französischen Asylbehörde – vermeidet den paternalistischen Blick wie auch xenophobische Paranoia.“ Nichtsdestotrotz gesteht sich Lena Müller ein, dass sie den Roman lieber nicht übersetzt hätte, wenn sie gewusst hätte, in welche Form der öffentlichen Debatte er zum Zeitpunkt der Veröffentlichung in Deutschland hineingeraten würde. Fast scheint sie zu bereuen, wofür sie gerade ausgezeichnet wird. Und spätestens an dieser Stelle ist dann auch von dem „sinnlosen Geschwafel“, weswegen mein Freund so früh gegangen ist, nichts mehr zu spüren. Denn es zeigt sich ganz deutlich, welch wichtige Rolle Literatur in der Gesellschaft, in politischen Auseinandersetzungen spielen kann. Und ganz sicher geht dies weit über das hinaus, was nur Nerds interessiert.

Ein Beitrag von Lukas Latz