fremd–fremd

NoViolet Bulawayo – Wir brauchen neue Namen

Teil 2 unserer Nominierten-Vorstellung: NoViolet Bulawayo zeigt in ihrem Roman Wir brauchen neue Namen, wie man nahezu gegensätzliche Lebensabschnitte, wie eine Kindheit in Simbabwe und eine Jugend in den USA, miteinander kombinieren kann und wie ambivalent unsere Identität ist. Ihre deutsche Übersetzerin Miriam Mandelkow erklärt im Buchtrailer, was es mit dem Namen des Romans auf sich hat.

Nominiert für den Internationalen Literaturpreis 2015: NoViolet Bulawayo © Smeeta Mahanti

Nominiert für den Internationalen Literaturpreis 2015: NoViolet Bulawayo © Smeeta Mahanti

Simbabwe ist den meisten westlichen Lesern wohl eher aus den Nachrichten bekannt. Meldungen über gefälschte Parlamentswahlen, immer wieder auftauchende Unruhen und steigende AIDS-Raten bestimmen den Blick von außen auf das südafrikanische Land, das seit den 1980er Jahren von Diktator Mugabe mit eiserner Hand geführt wird. Und genau hier – in einer Blechhüttensiedlung, die ironischerweise auch noch „Paradise“ genannt wird – liegt das Zuhause von Darling, der 10-jährigen Ich-Erzählerin des Romans Wir brauchen neue Namen von NoViolet Bulawayo. Paradise ist ein Ort, der von Grauen, Hunger und Schmerz geprägt ist. Ein Ort, der auseinanderfällt, aber für Darling und ihre Freunde dennoch ein bunter Spielplatz voller Abenteuer, Hoffnung und Lebensfreude ist: „Dann sind wir im Busch und rasen und schreisingen, unsere Stimmen Räder, die sich drehen und uns immer schneller machen.“ Hier können die Freunde ungestört Guaven aus den Gärten des benachbarten Reichenviertels „Budapest“ klauen, im afrikanischen Busch auf Osama-Bin-Laden-Jagd gehen oder Lady-Gaga-Songs singen.

Ungefiltert und direkt, in kindlicher Rollenprosa, werden die Ereignisse dabei aus Darlings Sicht geschildert. Durch die Augen des Mädchens wird dem Leser damit ein außergewöhnlicher Zugang zum südlichen Afrika eröffnet. Sowohl das Bild von Afrika, das allgemein in den Medien vermittelt wird, als auch der postkoloniale Blick auf Afrika werden hinterfragt, ironisiert und kritisiert: „Es schert sie nicht, dass der Dreck und die zerfetzten Kleider uns peinlich sind, dass es uns lieber wäre, wenn sie das sein lassen; sie knipsen trotzdem, knips knips knips.“ Durch den kindlich, unsentimentalen Blickwinkel laufen jedoch auch erschütternde Ereignisse wie nebenbei mit, ohne dabei zu moralisieren. Wie zum Beispiel, dass die erst 11-Jährige Chipo von ihrem Großvater „schwanger gemacht“ wurde und seitdem nicht mehr spricht. Oder etwa, dass sich Darling vor ihrem an AIDS-erkrankten Vater ekelt und ihn geradezu hasst, da sie ihn pflegen muss und damit vom Spielen abgehalten wird:

„Vater kommt nach Hause, nachdem er uns viele Jahre vergessen, kein Geld geschickt, nicht geliebt, nicht besucht, nicht gar nichts hat, kommt zurück und nistet sich in der Hütte ein, kann sich nicht bewegen, kann nicht richtig reden, kann gar nichts richtig, kotzt und kotzt, mein Gott, kotzt nur und macht sich voll, und es stinkt wie tot da drin, tot und gammelig, und sein Körper ist ein schwarzer, ekliger Stock […] Ich hasse dich, ich hasse dich dafür, dass du nach Südafrika gegangen und krank zurückgekommen bist und nur noch aus Knochen bestehst, ich hasse dich, weil ich nicht mehr mit meinen Freunden spielen kann“.

Solch schockierende Brutalität spiegelt erbarmungslos den afrikanischen Alltag wider, der allerdings immer wieder durch berührende Szenen unterbrochen wird, wenn etwa Darling und ihre Freunde dem sterbenden Vater mit Gesang und Tanz sein Wertgefühl wiedergeben:

„Dann nimmt Stina Vaters Hand und bewegt sie zum Lied, und Bastard bewegt die andere Hand. Und dann fass ich ihn auch an, weil ich ihn überhaupt noch nicht richtig angefasst hab, seit er zurück ist, und jetzt muss ich, wie sieht es sonst aus, wenn jeder ihn anfasst außer mir? Wir gucken uns alle an und lächelsingen, weil wir ihn anfassen, überall anfassen wie ein wunderhübsches Spielzeug, das wir gerade in Budapest aus der Mülltonne gerettet haben“.

Die Existenz dieser Gegensätze nebeneinander, die sich auch in der Sprache widerfinden, macht das Besondere des Romans aus. Darlings Ton wechselt immer wieder zwischen naiv, sensibel und frech, fast schon derb. Zudem finden sich Wortschöpfungen wie „schreisingen“ (im Original „scream-singing“) oder „kaka“, um Negativität auszudrücken: „Halt doch deinen kaka Mund, ist ja nicht mal dein Bauch“ (im Original: „Just shut your kaka mouth, you, it’s not even your stomach”), die die Erzählung sehr lebendig, unmittelbar und unterhaltsam machen. Auch Sprachspiele, in Form von Einschüben in Ndebele, Bulawayos Muttersprache, durchziehen immer wieder die Dialoge: „Was soll das, masacum evanhu imi? Liyahlanya, meint ihr, diese teuren Weißen kommen extra aus Übersee ipapa, damit ihr euch wie Paviane aufführt?” Dass dieser besondere sprachliche Charakter im Deutschen nicht verloren geht, ist der Übersetzerin Miriam Mandelkow zu verdanken, der es zum einen gelingt die adäquaten Worte im Deutschen zu finden und es darüber hinaus schafft, die sprachlichen Besonderheiten des Textes zu erhalten, indem sie zum Beispiel das Stilmittel der Reduplikationen ins Deutsche übernommen hat: So ist Chipo schließlich nicht „stumm-stumm“ („mute-mute“), sondern hat einfach beschlossen nicht mehr zu reden.

In der Mitte des Buchs erfolgt dann schlagartig ein inhaltlicher und stilistischer Bruch: Mit poetischen Wortströmen aus der Sicht der Erzählerin, wird in einem Übergangskapitel das Leid von Emigranten beschrieben und damit der zweite Teil des Romans eingeleitet:

„Seht, wie die Kinder des Landes in Scharen gehen, ihr eigenes Land verlassen mit blutenden Wunden am Leib und Entsetzen auf dem Gesicht und Blut im Herzen und Hunger im Bauch und Kummer in den Beinen. Ihre Mütter und Väter und Kinder zurücklassen, ihre Nabelschnüre im Boden, die Knochen ihrer Vorfahren in der Erde, alles, was sie ausmacht, sie zu dem macht, wer und was sie sind, weil sie unmöglich bleiben können“.

Von diesem Zeitpunkt an lebt die 14-jährige Darling bei ihrer Tante in den USA, etwas von dem sie eigentlich immer geträumt hat: raus aus Afrika, dem Hunger und dem Elend entfliehen. Doch ihr vermeintliches Traum-Land entpuppt sich als kalt und fremd. Auch wenn es ihr mit der Zeit gelingt sich dem amerikanischen Fitnesswahn und verhassten Rihanna-Songs anzupassen, bleibt sie Migrantin in einem fremden Land und wird damit zur Heimatlosen. Denn fremd scheint ihr aus der Ferne auch plötzlich ihr Zuhause zu sein, obwohl sie es vermisst: Erinnerungen an „Paradise“ verblassen, nach einiger Zeit hat sie ihren afrikanischen Freunden am Telefon nichts mehr zu sagen.

Und je mehr Darling sich in Amerika zu integrieren versucht, desto distanzierter und blasser wird auch die Sprache des Romans und bleibt damit hinter dem ersten Teil zurück. Fast schon klischeehafte Beobachtungen über Amokläufer in der Schule, übergewichtige Amerikaner oder nachmittägliches Pornoschauen wechseln sich ab. Die Gegensätze der beiden Welten werden somit auch in der Sprache sichtbar. Sprühte der Text zu Anfang noch vor Vitalität und poetischen Bildern, so wird die Kommunikation mit ihren amerikanischen Freundinnen in SMS-Chats nur noch auf ein Mindestmaß heruntergefahren: „wmdg? 0. lern dämlich bio. Lol, dämlich? Finds ok“. Auch wenn der erste Teil des Romans auf sprachlicher Ebene der deutlich stärkere ist, stellt Wir brauchen neue Namen dennoch ein Gesamtkunstwerk dar, das zwei unterschiedliche Kulturen brillant kontrastiert und zeigt, wie schwierig es ist, den Bogen zwischen neuer und alter Identität zu spannen.

Ein Beitrag von Jacqueline Thör und Tatjana Tempel

Sechs Titel stehen auf der Shortlist. Jeder ist auf ganz eigene Art spannend, hat Ecken und Kanten und nimmt unterschiedliche Blickwinkel ein. Um einen Eindruck der Bücher zu bekommen, wurden von der Redaktion kurze Buchtrailer erstellt. In circa drei Minuten gibt es Zitate und Reflexionen als Einstimmung auf die Lange Nacht der Shortlist.

Mehr zum Buch und den Nominierten, zu der Shortlist 2015 und dem Internationalen Literaturpreis 2015