Gesurre

Der Schriftsteller Paul La Farge ist im Verlauf der letzten Jahre mit einer Unregelmäßigkeit in meinem Gesichtskreis aufgetaucht, die so erstaunlich ist, dass sie an das Regelmäßige grenzt. Zum ersten Mal hörte ich seinen Namen während meines Grundstudiums, als mir sein Roman The Facts of Winter zur Übersetzung angeboten wurde. Dass der Text dann nicht wie vorgesehen erscheinen konnte, führte dazu, dass La Farge zeitweilig wieder aus meiner Wahrnehmung verschwand. Zum zweiten Mal begegnete mir La Farge, als ich in einer Stadtbibliothek in Nordwest London, wo ich bis vor einem Jahr an einer Doktorarbeit über Naturessayistik schrieb, seinen Roman Luminous Airplanes in einer beliebig zusammengewürfelt Auswahl an Titeln auf einem Büchertisch entdeckte und mit nach Hause nahm. Zuletzt fiel der Name Paul La Farge in einem Vorstellungsgespräch. Die Agentur, bei der ich mich beworben hatte, betreute unter anderem die Picador Gastprofessur für Literatur an der Universität Leipzig. La Farge hatte diese Gastprofessur im vergangenen Wintersemester inne. Als ich davon erfuhr, war er bereits in die USA zurückgekehrt. Meine Kollegin fragte: „Wäre es nicht fantastisch, eine deutsche Übersetzung von Pauls Twitter-Erzählung zu haben?“ Während ich Hum übersetzte, dachte ich, dass unsere Wege verliefen wie Kondensstreifen am Himmel, die einander nie berühren, obwohl es so aussieht als kreuzten sie sich. Ich sah Paul La Farge und las, was er schrieb, doch ich traf ihn nie persönlich. Seinen Plan, in diesem Herbst nach Berlin zu kommen, wo ich inzwischen lebe, musste er vor kurzem verschieben. Im nächsten Frühjahr habe ich vor, in die USA zu reisen. Falls ich nach New York komme, werde ich schauen, ob er da ist.

Simone Schröder

 

Gesurre

von Paul La Farge
Aus dem Englischen von Simone Schröder

 

Meine Chefin, Gabriela, erzählte mir, dass Twitter alle möglichen Menschen erreicht – und nicht nur Menschen, sagte sie.

Ihre Medikamente wurden zu der Zeit gerade neu eingestellt, also kamen ihre Worte abgedämpft durch eine Dosis Paxil bei mir an. Dann hörte ich das Gleiche noch einmal von einem Typen, den ich nicht leiden konnte.

Matt und ich hatten im gleichen Jahr als Ph.D. Studenten angefangen. Er bekam eine Tenure-Track-Stelle, also war es klar, dass ich ihn hasste. Doch wir sahen uns weiterhin auf Konferenzen.

Ich war in der Bar des Marriott Courtyard St. Louis („Neurolinguistics 2014: Hacking Diversity“), als ich ihn hörte, wie er über wasps redete.

Ich dachte, dass er damit weiße angelsächsische Protestanten meinte, aber so war es nicht. „Das ist irgendwie, als wenn Handys all die Bienen killen“, sagte er. Seine Hände zitterten.

Matt sprach mit einer Frau, die wir beide kannten. „Es gibt so eine Art Blutung“, sagte er. Sie schien ihm aufmerksam zuzuhören.

„Es ist nicht ganz klar, ob sie etwas verstehen“, sagte Matt, „aber sie reagieren. Ihr Pheromonspiegel verändert sich in Reaktion auf die Tweets. Es gab da eine Studie.“

Ich musste mich einschalten. „Quatsch“, sagte ich. „Wie können Wespen von Twitter wissen?“ – „Amigo“, sagte Matt. „Lang nicht gesehen.“ „Hi“, sagte die Frau.

Sie hieß Jessica. Als sie Gradstudentin war, hatten wir kurz was miteinander. Eigentlich war ich für die Betreuung ihrer Forschung zuständig. Die Sache ging nicht gut aus.

Matt sagte, niemand wisse, wie die Wespen davon wissen könnten. Die Autoren der Studie vermuteten, es habe mit den Gefühlen zu tun, die von den Tweets erzeugt wurden.

„Ich glaube, es ist ein Fall von harmonischer Resonanz bei der Übertragung von Informationen“, sagte Matt. „So wie diese Brücke vom Wind zerstört worden ist.“

Ich hatte keine Ahnung, wovon er sprach, aber Jessica wusste es. „Tacoma Narrows“, sagte sie. „Ich hab den Film im Physikkurs gesehen.“

„Die Länge des Tweets“, sagte Matt, „könnte irgendwas im Gehirn der Wespe auslösen. So wie ein Hammer, der immer wieder auf den gleichen Punkt schlägt.“

„Unmöglich“, sagte ich. „Was die Elektromagnetik betrifft, stellt das Internet Tweets nicht anders dar als alles andere. Das sind alles Datenpakete.“

„Ich habe gesehen, wie es passiert ist“, sagte Matt. Er erzählte uns, er sei gerade dabei gewesen, einen Sapir-Whorf Idioten auf Twitter zu dissen, als er ein lautes, seltsames Gesurre hörte, das vom Fenster herkam.

Ein ganzes Nest von Feldwespen brummte wütend herum.

„Und das Verrückte ist“, sagte er, „kaum hörte ich auf zu twittern, waren sie still.“ Seine Augen, das sah ich jetzt, waren rot.

„Ja und“, sagte ich. „Ein paar Wespen haben herumgebrummt und dann aufgehört. Das ist doch kein kontrolliertes Experiment.“ „Ich habe es nochmal gemacht“, sagte Matt. „Und sie auch.“

„Komisch“, sagte Jessica.“ „Das ist doch Schwachsinn“, sagte ich. „Du glaubst echt, das war echt so?”, sagte Jessica, „ich halte mich mit meinem Urteil mal noch zurück“, und runzelte die Stirn.

Ich entschuldigte mich und ging auf mein Zimmer.

Doch es *gab* eine Studie. Wenn Wespen in die Nähe von Twitter kommen, schütten sie ein Angriffspheromon aus, und niemand wusste weshalb. Oh schöne neue Welt, dachte ich.

In den folgenden Tagen versuchte ich, nicht an Wespen zu denken. Das war schwieriger als gedacht. Ihre grauen Nester klebten überall in den Ecken.

Ihre schmalen Körper schossen bösartig durch die Luft.

Ich tingelte stundenweise zwischen vier Colleges: eines in Philly und drei in South Jersey. Es hätte leicht sein sollen, den Kopf frei zu bekommen,

doch weder die Wespen noch Jessica wollten verschwinden. Ich erinnerte mich an unser erstes Date, auf einer Rollschuhbahn. Ich dachte, das wäre ironisch.

Tatsächlich war es auf seltsame Weise aufschlussreich. So ist das Leben, dachte ich: jede Menge Herumkreisen und Stolpern, ein Anflug von Anmut und dahinter das Surren

der Räder. Es war der Klang der Entropie, dachte ich. Ich sagte genau das zu Jessica und sie zuckte die Achseln. Vermutlich, weil sie sich mit ihrem Urteil noch zurückhielt.

 

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Ein Jahr nachdem wir uns in St. Louis begegnet waren, veröffentlichte Jessica ihren berühmten Aufsatz, „Hello, Hivemind, Do You Read?“ Ich las ihn im Zug.

Nicht die Wespen wurden uns ähnlich, behauptete Jessica. Wir wurden wie sie. Die Wespen gingen zum Angriff über, weil sie uns für ihre Rivalen hielten.

Dieser Aufsatz kam aus den trostlosen akademischen Gefilden herausgeflogen wie eine Rakete. Jessica war im Radio, sie war im Fernsehen.

Währenddessen pendelte ich weiterhin zwischen verschiedenen, zunehmend heruntergekommenen Städten im Nordosten hin und her, wo ich Studierenden, denen nichts hätte egaler sein können, beibrachte,

dass laut Chomskys erstaunlicher Hypothese, unseren Gehirnen eine Universalgrammatik eingeschrieben ist, durch die wir in einer besseren Welt alle miteinander sprechen würden

und mit allen Dingen. Meine Studierenden wollten einfach nur bestehen. Also ließ ich sie bestehen. Das war meine Aufgabe, entschied ich. Ich ließ sie keine Klausuren mehr schreiben.

Eine Weile fiel niemandem etwas auf. Dann wurde ich aus drei meiner vier Jobs gefeuert. Meine Stelle in Camden behielt ich nur, weil meine Chefin, Gabriela,

in einer Kommune in Humboldt County aufgewachsen war, und ich sie an ihren Vater erinnerte, einen unverbesserlichen Hippietypen, der vor langem einem Emphysem erlegen war.

Die ganze Pendelei fehlte mir nicht, doch ich konnte meine Miete nicht bezahlen. Ich fand einen Job in einer Videothek – vermutlich eine der letzten in den Vereinigten Staaten.

Fast alle Videos waren auf Spanisch oder Vietnamesisch. Ich hatte den Eindruck, dass es sich um Remakes von amerikanischen Sendungen handelte, die in den 90ern erfolgreich gewesen waren.

Vampire wurden enttarnt. Familien blieben zusammen. Wolken rasten über den Mond. Ich wollte die Zeit zurückdrehen, alles ungeschehen machen.

Zu der Zeit begann ich mein Experiment.

Ich fuhr mit meinem Laptop durch die Gegend und twitterte mit einer Hand immer wieder „Frohe Weihnachten“, um zu sehen, was geschehen würde.

Eine Weile schien das Projekt vollkommen sinnlos, sogar noch sinnloser als alles, was ich zuvor getan hatte, und das will was heißen. Dann kam ein Schwarm von Wespen

und sie stachen eine Tai-Chi-Gruppe im Ulysses Wiggins Park. Niemand wurde schwer verletzt, doch der Vorfall brachte die Leute, die ihn beobachtet hatten, durcheinander.

Die Wespen sahen aus, als hätten sie gewusst, was sie taten, sagten die Leute. Ich parkte in der Nähe und musste ihnen zustimmen. Sie sahen tatsächlich so aus.

Tage später griffen Wespen ein Pizzarestaurant an. „Ich möchte mal wissen, was die gegen Pizza haben“, sagte der Besitzer und rieb sich die von Striemen überzogenen Arme.

Die Morgan Village Academy schloss in der folgenden Woche. Wespenplage.

Inzwischen twitterte ich nur noch beliebige Zeichenfolgen, weil ich gemerkt hatte, dass Verständlichkeit irrelevant war. Was zählte, war die Nachricht an sich.

Die Nachricht lautete: Angriff.

Seltsamerweise zog ich viele Follower an.

Manche von ihnen hatten unsinnige Usernamen, wie @ewc9824qfnvrum2rjCW93nfqu. Ich fragte mich, ob es sich um Bots handelte, oder sogar Insekten.

Jessica textete mir: „Ich weiß, was du tust, du Penner.“

Ich schrieb ihr zurück: “2h8fcmrvm4 5uvmok wvc38 8vnv2 v8c v8 v4 uccf2d ec. Und übrigens: Frohe Weihnachten.”

Ich hörte nie wieder von ihr.

Ich dachte, mein Leben würde sich stärker verändern. Ich arbeite immer noch in der Videothek. Ich bewerbe mich auf akademische Stellen, ohne Erfolg.

Was das betrifft, hat es sicher auch nicht geholfen, Insekten mit Kauderwelsch zuzutwittern.

Manchmal, bei Hardee’s oder Popeye’s, frage ich mich, was der Mensch an der Kasse tun würde, wenn er oder sie wüsste, wer ich bin,

und wozu ich in der Lage bin. Natürlich sage ich nichts, aber ich denke die Kassierer können sehen, dass ich außergewöhnlich bin. Sie geben mir Extrasauce

und vergessen, mir die Softdrinks zu berechnen. Bis jetzt ist das alles. Das und die zunehmende Unruhe der Wespen selbst.

Sie surren, wenn sie mein Auto vorbeifahren hören. Wenn ich meinen Laptop hochjage, schwärmen sie aus. Es stehen uns, glaube ich, große Tage bevor.

Ich weiß nicht, was genau geschehen wird. Wird es zum Krieg kommen zwischen den Wespen und uns? Oder werden wir alle gemeinsam in ein schreckliches Gesurre verfallen?

Angriff, lautet die Nachricht. Angriff auf wen?

Ich weiß es nicht, und ehrlich gesagt ist es mir auch egal. Für mich zählt nur der Sieg.

 

Paul La Farge wurde 1970 in New York geboren. Unter den amerikanischen Gegenwartsautoren ist er der Geheimtipp. Für seine Romane The Artist of the Missing (1999), Haussmann, or the Distinction (2001), The Facts of Winter (2005) und Luminous Airplanes (2011) wurde er mehrfach ausgezeichnet. Zuletzt erschien der gefeierte H.P. Lovecraft Roman The Night Ocean (2017). Die vorliegende Twitter-Erzählung entstand im Rahmen der Picador Guest Professorship for Literature. Am 20. und 21. Dezember 2016 wurde sie über den Twitter-Account @picadorprof veröffentlicht.

http://paullafarge.com  / @poissel