Geteiltes Lesen

Shared Reading ist angeleitetes Lesen. Epitext-Redakteurin Annika Reketat erzählt in ihrem Erfahrungsbericht, wie es ihr dabei ergangen ist.

Stille setzt ein, als Böhm das letzte Wort gelesen hat und das Blatt senkt. Unser Vorleser blickt in die Runde, scheint nicht überrascht, dass ihm zehn Erwachsene gegenübersitzen, die so sprachlos sind wie Schüler, die gerade Iphigenie auf Tauris durchnehmen. Und tatsächlich: In den ersten Momenten, nachdem der Text beim shared reading vorgelesen wurde, fühle ich mich ein wenig in den Deutschkurs, Klasse 11, zurückversetzt. Menschen halten Papiere in den Händen, und ihre Augen gesenkt oder sie blicken angestrengt in die Ferne. Bloß keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen, bloß nicht drangenommen werden. Der Lehrer verlangte immer, man solle spontan sagen, was man von dem Text halte. Eigentlich eine recht einfache Frage, für mich aber schwierig. Texte erschloss ich lieber aus einer intensiven und intimen eins-zu-eins-Arbeit heraus. Vermutlich, weil ich fand, dass das Lesen und die daraus entstehenden Gedanken, Gefühle, Ideen etwas Privates sind. Also schwieg ich lieber. Jetzt, Jahre später, mache ich zum ersten Mal beim shared reading mit, beim angeleiteten Lesen in der Gruppe, einem Konzept das unser Vorleser Thomas Böhm zusammen mit Carsten Sommerfeldt aus Großbritannien mitbrachte, wo es bereits seit über 20 Jahren eine nicht enden wollende Erfolgsstory schreibt.

Anfangs bin ich sehr skeptisch. Ich kenne die Menschen, die mit mir am shared reading teilnehmen, nicht, genauso wenig wie den Text, um den es gehen wird, und sowieso: Wenn ich das Sprechen über Texte schon in Schule und Uni immer irgendwie erzwungen und unnatürlich fand, wie soll ich mich hier, mit so vielen unbekannten Variablen, zu sinnvollen und produktiven Beiträgen durchringen? Im literaturwissenschaftlichen Studium lernte ich zwar Texte mithilfe von Konzepten, Theorien und Methoden in Hausarbeiten zu sezieren, doch in den Seminaren war ich nicht die Einzige, die sich nur sporadisch zu Wort meldete. Warum war das Schweigen so groß? Liegt es daran, dass man sich als Leser und als Individuum völlig zurücknehmen und hinter den Text treten sollte?

Wie kommt es, dass das Sprechen über Literatur in einem dafür extra vorgesehenen Rahmen wie Deutschunterricht und Literaturseminar so vielen Menschen so schwerfällt? Vielleicht, weil die Erwartungen, die wir in solchen Situationen an den Text und an uns haben, so hoch sind. Denn wir gehen zu sehr davon aus, dass Literatur, die in Seminaren besprochen wird, einen bedeutenden kulturellen Inhalt zu vermitteln hat, und dass es unsere Aufgabe ist, dem Text große Themen und Sozialkritik zu entlocken.

Große Themen sind es aber auch, die wir beim shared reading besprechen – die Art und Weise, wie wir dies tun und wie wir an sie herangehen, ist jedoch eine andere. Wird mir vorgelesen, tauche ich immer nur halb in den Text ein, weil es da noch eine Stimme gibt, die die Wörter probiert und die Sätze ertastet. Mit dem Ohr lausche ich immer genauso nach außen, nach der fremden Stimme, die fremde Wörter liest, wie nach innen. Die fremde Stimme gehört in diesem Fall Thomas Böhm, dem deutschen shared reading-Pionier. Böhm liest langsam, sehr langsam. Es ist ein betont unbetontes Vorlesen, die Stimme angenehm und unaufdringlich. Sie ist dadurch ein wenig einlullend und breitet sich wie ein weißes Canvas über mich und meine Mitleser aus. Darunter bietet sie jedem genug Platz, seine innere Lesestimme nicht zu verlieren. Es ist ein mehrstimmiges Lesen, obwohl man nur eine Stimme hört. Ich merke, wie ich selbst zu Anfang in den Lesemodus verfalle, den mir mein literaturwissenschaftliches Studium beschert hat: Ich rase die ersten Zeilen entlang, suche nach Schlüsselwörtern und Kernthemen. Würde ich laut vorlesen, würde ich mich verhaspeln. Böhm habe ich tempomäßig längst abgehängt, trotzdem holt mich seine ruhige Stimme bald zurück in das gemeinsame Lesen. Ich lasse meine Augen zu den Wörtern gleiten, die gerade vorgelesen werden. Ich strenge mich an, nicht vorauszueilen, und gebe jedem Wort den Raum, den Böhm mit seiner Stimme eröffnet. Und der Text kommt mir plötzlich viel näher als durch mein alleiniges Lesen.

Gleichzeitig bin ich mir der anderen Leser um mich herum bewusst und merke, wie ich ab und zu abschweife. Ich frage mich, wie die anderen diese Stelle oder jenen Satz wohl finden werde. Überlege, dass es interessant wäre, hier anzusetzen oder da. Wundere mich, ob meine Mitleser auch solche Gedanken habe, oder ob ich die Einzige bin, die gerade Lesen auf mehreren Bewusstseinsebenen erfährt.

In diesen ersten Momenten nach dem Lesen schwirren mir Gedanken und Ideen durch den Kopf, kaum vollständige, sondern Fragmente und Fetzen. Sowieso herrschen vor allem rohe Gefühle vor, die der Text hervorgerufen hat. Er hat mich überrascht und betroffen gemacht, dieser Ausschnitt aus Hamed Abbouds Der Tod back einen Geburtstagskuchen. Es geht in ihm um die verschiedenen Arten des Todes. Und um die Ansicht des Erzählers, dass man in einer Zeit, in der Krieg und Tod durch Krieg normal geworden sind, einen unnormalen, besonderen Tod erstreben müsse. Harter Tobak. Mir fehlen nicht nur die Worte, weil es gilt, die Hemmschwelle zu überschreiten und als Erste etwas in die Stille zu sagen. Vor allem fehlen mir die Worte, weil ich ehrlich sprachlos bin in einer Situation, die so surreal ist. Wir sitzen an einem Sommertag im Haus der Kulturen der Welt, wo in wenigen Stunden der Internationale Literaturpreis 2017 verliehen wird, unter dem weißen Canvas, den Böhm mit seinem Vorlesen über uns gespannt hat. Aus dem Augenwinkel sehe ich Menschen an unserer Gruppe vorbeilaufen, aber nur wie formlose Schatten. Ich nehme die Musik und Moderationen aus dem Auditorium wahr, aber nur gedämpft. Unter dem Canvas gibt es nur noch die Leser und den Text und die Welt darin. Und die ist eine Schlag-in-die-Magengrube-Welt. Ich ringe in meinem Kopf um Wörter, versuche, ganze Sätze darin zu formulieren, die sich gut anhören, wenn sie ausgesprochen werden, und es auf den Punkt bringen. Das habe ich so im Studium gelernt, in dem es darum ging, mit geschliffenen Wörtern pointiert und wissenschaftlich-objektiv über Texte zu schreiben. Aber hier gelingt es mir nicht. Der Tod war nie Bestandteil der Theorien und Konzepte, die ich in der Uni anwendete.

„Zu jeder shared-reading-Sitzung gehört vor allem auch eins“, sagt Böhm in die Stille hinein. „Das anfängliche, dafür gemeinsame, Schweigen.“ Wir nehmen seinen Spruch mit Erleichterung auf, lachen etwas, und werden gelöster. Unsere Blicke wandern von den Textblättern zu den Gesichtern unserer Mitleser. Wer traut sich als Erster? Es ist die Frau schräg gegenüber von mir. Sie redet nicht sofort, aber eine Veränderung in ihrer Körperhaltung, ein Aufrichten und Luftholen, zeigt, dass sie sich auf das Sprechen vorbereitet, nachdem sie, genau wie wir anderen, während des Lesens fast reglos verharrte. Ich frage mich, wie sie wohl über den Tod reden wird. „Das erinnert mich an etwas, das manchmal in meinem Beruf passiert“, fängt sie an. „Ich bin Krankenpflegerin und der Tod gehört für mich auch zum Alltag.“ Sie berichtet davon, dass sie auch unterscheidet zwischen „besonderen“ und „unbesonderen“ Todesfällen, davon, dass sie hart dafür arbeitet, einen lebensgefährlich kranken Menschen gesund zu pflegen, nur, damit dieser dann später an etwas ganz Banalem stirbt. Ich bin überrascht von der Ehrlichkeit und Persönlichkeit dieser Geschichte. Die meisten in der Gruppe kennen sich nicht, und doch schafft dieser erste Beitrag eine ziemlich intime Basis, auf der die folgenden Beiträge aufbauen. Wir reden über persönlichen Glauben, Spiritualität, Vorstellungen vom Tod, eigene Erlebnisse. Manche hören nur zu, doch es ist intensives, partizipatives Zuhören. Ich fühle mich nie unter Druck gesetzt, mich zu Wort zu melden, aber ich bin trotzdem da, in der Diskussion versunken. Denn spricht jemand aus, was ich selbst denke, stimme ich innerlich zu, fühle mich sogar bestätigt und verbunden mit dieser mir ansonsten vollkommen fremden Person. Äußert ein anderer etwas, an das ich selbst nicht gedacht habe, ändert sich meine eigene Perspektive, der Blick öffnet sich für den anderen, seine Geschichte und sein Verhältnis zum Text. Irgendwann hat es dann ein Ende, mein eigenes Schweigen. Ohne mir vorher penibel Wörter zurechtgelegt und mir Gedanken um die wissenschaftliche Verwertbarkeit meiner Aussage gemacht zu haben, spreche ich einfach drauf los. Ich weiß nicht mehr, was es war, aber das ist irrelevant. Es entstand aus dem Moment heraus, und fügte sich ein in die Kette der individuellen Beiträge und in das Gesamterlebnis des gemeinsamen Lesens.

Und das ist, was shared reading ist: nicht ein klassischer Lesekreis, sondern ein gemeinsames, entgrenzendes Erlebnis. Lesen findet normalerweise in Abgeschiedenheit statt, es ist eine ziemlich solitäre Angelegenheit. Nur ich und das Wort. Meistens ist das genau das, was ich vom Lesen erwarte. Dass es mir eine Möglichkeit bietet, mich zurückzuziehen und in Dialog zu treten mit dem Text. Manchmal aber reicht das nicht. Wie häufig lese ich etwas, das etwas in mir aufrührt, sei es positiv oder negativ, und das ich teilen will? Und zwar nicht zeitverzögert beim nächsten Buchclubtreffen, akademischen Diskursen in Uni-Seminaren unterworfen, oder verloren und willkürlich in den Weiten des Internets. Shared reading setzt beim Lesen an sich an. Es ist nicht ein Sprechen über einen gelesenen Text, sondern das gemeinsame Erlesen des Textes, das Erkunden und Erfassen als kollektives Projekt. Es ermöglicht eine Unmittelbarkeit zwischen Text und Lesern und unter den Lesern selbst, die etwas Besonderes schafft, nämlich einen in sich geschlossenen Erlebnisraum, in dem fiktionale und persönliche Welt gleichermaßen verhandelt werden können. Die Teilnehmer kennen sich zumeist nicht, und doch wird durch das gemeinsame Lesen kurzzeitig ein Raum geschaffen für einen sehr intensiven, persönlichen Austausch über die großen und kleinen Themen, die uns bewegen.

Lesen ist viel mehr als das Dekodieren einer Abfolge von Schriftzeichen, vorgelesen zu bekommen ist viel mehr als eine Gutenachtgeschichte. Shared reading schafft eine Verbindung zwischen sich fremden Menschen und die Möglichkeit zu gegenseitigem Austausch, Zuhören und Verstehen. Ich hätte es nach meinen Erfahrungen im Umgang mit Literatur in Schule und Uni kaum für möglich gehalten, aber nach drei shared reading-Sessions bin ich bekehrt: Jeder kann mit Spaß und ohne Druck über Literatur sprechen, jeder kann mit Hilfe von Literatur kommunizieren.