„Hinter jedem Namen verbirgt sich eine Geschichte“

Rezension Sonnenschein

Wir sind Juden, und Haya fragt was bedeutet das? Wie viele Schocks, wie viel Unglück verursacht seit Jahrhunderten diese sinnlose Information, die Menschen sogar vor sich selbst verbergen oder sich damit brüsten, als würde sie darüber entscheiden, wer sie sind und was sie sind, als wären Glaube und Blut für sich genommen Segen oder Fluch.“

ILP2015_SonnenscheinEs ist nicht nur eine harte Gesellschaftskritik, die die kroatische Autorin Daša Drndić in ihrem zuletzt erschienenen Werk Sonnenschein äußert. Auch mit Religionskritik und klug eingewobenen Kommentaren zum Umgang jedes Einzelnen mit politischen Entwicklungen im eigenen Land hält sie sich nicht zurück. Die prägnante Textstelle ist hierbei nur ein Beispiel, das jedoch zugleich gut den Gegenstand des Romans und seine Grundstimmung deutlich macht: Sonnenschein ist, entgegen des Titels, durchweg düster und ernst – eine notwendige Folge des thematischen Hintergrundes dieses durchaus historisch fundierten Buches, das die Gräueltaten zu NS-Zeiten wieder aufleben lässt. Daša Drndić bedient sich hierbei der dokumentarischen Fiktion: Das Schicksal der Flüchtenden Haya Tedeschi und des SS-Offiziers Kurt Franz verwebt sie mit detailreichen Informationen über die Beteiligten und Opfer des NS-Regimes.

Der Begegnung beider Figuren bildet den Rahmen der gesamten Handlung: Im Jahre 2006, Haya ist bereits 83 Jahre alt, blickt die alte Frau auf ihr Leben zurück. Erinnerungsstütze sind Fotos aus dem großen, roten Korb zu ihren Füßen, eine Szene, die als Rahmung den Roman einleitet und schließt. Mit ihnen hängt Haya in Gedanken dem gemeinsamen Sohn mit Kurt Franz nach, der entführt wurde. Hier verlaufen Realität und Fiktion nebeneinander: Auch wenn es den sadistischen Offizier Franz gab, gibt es keinen Beleg für eine solche Liebesbeziehung. Strukturell bleibt jedoch undurchsichtig, warum dieser Verbindung, auf welche die gesamte Basis des Buches zurückzuführen ist – nämlich die Erinnerung Hayas an die Entführung ihres Sohnes und somit den Rückblick auf ihr Leben – so wenig erzählerischer Raum zukommt. Wer sich nach dem Klappentext einen Roman erhofft, der sich hauptsächlich um die Beziehung einer Jüdin mit einem SS-Offizier dreht, wird enttäuscht. Die Liebesgeschichte wird auf nur wenigen Seiten abgehandelt und erscheint im Nachhinein eher als notwendiger Schauplatz, um den Rückblick Hayas auszulösen.

Historisch beginnt der erste Teil des Romans bereits im ersten Weltkrieg und führt den Leser durch den Verfall des italienischen Ortes Gorizia nahe der slowenischen Grenze. Die jüdische Familie Hayas, ihre Eltern Ada Baar und Florian Tedeschi sowie ihre Geschwister, müssen mehrmals fliehen. Ihr Weg führt sie so über Triest, Neapel, Valona, Tirano und wieder zurück nach Gorizia. Dort angekommen, bemüht sich die naive Haya um ein normales Leben: Sie ignoriert die Geschehnisse um sich herum und führt einen Zeitungs- und Tabakladen. Bald lernt sie den SS-Offizier Kurz Franz kennen und beginnt eine Affäre mit ihm.

Zu Beginn des Romans fällt das Augenmerk jedoch nicht auf Haya, die bislang noch gar nicht geboren ist. Vielmehr handelt es sich im ersten Teil des Werkes um eine eindrucksvolle Sammlung von historischen und familiengeschichtlichen Daten und Fakten. Sonnenschein weist eine hohe Dichte an Namen auf, die im Verlauf des Romans eine zunehmende Verwirrung beim Leser hervorruft. Das Prinzip, entgegen der allgemeinen Geschichtsschreibung Einzelschicksale hervorzuheben, hat eine sehr ergreifende Wirkung und die Idee überzeugt. Jedoch mangelt es zu Beginn des Romans an einer gelungenen praktischen Umsetzung: Der Leser sieht sich einer derartigen Fülle an Informationen gegenübergestellt, dass darunter sowohl der Sprachstil als auch eine stringente Fortführung des Inhalts leiden. Indessen besinnt sich die Autorin immer wieder darauf, dass sie eigentlich einen dokumentarisch-fiktionalen Roman schreibt und kein bloßes Geschichtsbuch. Dann bricht die metaphernreiche Sprache durch und lockert den sonst eher eintönigen Schreibstil merklich auf. Gerade die ausgeprägte Metaphorik des Werkes sorgt dafür, dass der Leser einen Einblick in die damaligen Verhältnisse bekommt und sich in persönliche Schicksale hineinversetzen kann. Bewundernswert ist neben der Sprachgewalt der Autorin gerade an solchen Stellen die gelungene Übersetzung durch Blanka Stipetić und Brigitte Döbert.

Sonnenschein ist ein zweigeteiltes Werk: Sowohl optisch als auch inhaltlich setzt Drndić etwa in der Mitte des Buches eine Zäsur, die die Geschichte Hayas unterbricht:  Es folgt eine Liste mit den Namen der ungefähr 9000 Juden, die aus Italien oder aus von Italien besetzten Ländern zwischen 1943 und 1945 deportiert oder ermordet wurden. Eine haptische Besonderheit der kroatischen Ausgabe wurde an dieser Stelle leider im Deutschen nicht umgesetzt: Dort sind die Seiten der Namensliste perforiert, sodass die Seiten herausnehmbar sind und etwa Angehörigen der Opfer ein tatsächliches Erinnerungsdokument sein können.

Der zweite Teil des Romans kann schlichtweg mit einem Wort beschrieben werden: grausam. Daša Drndić rekonstruiert die Geschehnisse der damaligen Zeit mit Hilfe von Zeitzeugenberichten. Erschreckende Gerichtsprotokolle zeigen die Unfähigkeit der SS-Offiziere, sich Schuld einzugestehen und ihre Taten zu reflektieren. Lebensläufe der Offiziere reihen sich im Roman aneinander und geben dem Leser Einblick in ein schuldvolles Leben nach dem anderen. Wie das des Willi Mentz, welcher nur beispielhaft für die grausamen Taten der Offiziere stehen kann:

„Während er im Umkreis des Lagers reitet, schießt Mentz leidenschaftlich gern auf Häftlinge, die ihm als lebende Zielscheiben dienen, und so schießt er und schießt und schießt. Dadurch bekommt er seinen Beinamen: der Revolverheld.“

Mehr als einmal sorgt Drndić dafür, dass der Leser erschaudert. Drndić beschreibt die Verbrechen der SS-Offiziere auf karge und ungeschönte Weise. Die prägnanten Berichte und Lebensläufe fesseln während zugleich bei vielen Passagen aufgrund des entsetzlichen Inhalts das Bedürfnis entsteht, das Buch für eine Pause zur Seite zu legen:

„Ich sah, wie SS-Hauptscharführer Küttner ein Baby in die Luft warf, als wäre es eine Tontaube, und Kurt Franz ‚holte‘ es mit zwei Schüssen.“

Als Leser wandelt man auf einem schmalen Grad zwischen Faszination über die detailreichen Berichte und der Abscheu gegenüber den unmoralischen und grausamen Taten der Nationalsozialisten.

Ungeachtet dieser literarischen Aspekte, die den Roman zu einem erstaunlichen, wenn auch nicht vollständig gelungenen Buch machen, ist jedoch eines nicht außer Acht zu lassen: Mit Sonnenschein gelingt Drndić, die in ihrer Heimat seit Jahren zu den wichtigsten Autorinnen und Intellektuellen gehört, ein auf 397 Seiten gebündeltes Mahnmal an die Geschehnisse während des Zweiten Weltkrieges in Gebieten, die in Geschichtsschreibung und Literatur bislang größtenteils ein blinder Fleck waren. Auch, wenn ihr Werk die Schicksale nicht jeweils im Einzelnen ausführen kann und daher unvollständig bleiben muss, gibt Drndić mit Sonnenschein  den Toten eine Stimme. Somit macht die Autorin deutlich: Hinter jedem Namen verbirgt sich eine Geschichte. Die siebzigseitige Namensliste ist in diesem Sinne auch als Aufforderung zu verstehen, sich mit diesen Geschichten auseinanderzusetzen.

Ein Beitrag von Melina Jäckel

Mehr zu Sonnenschein, Daša Drndić, Brigitte Döbert & Blanka Stipetić