im Kontext lesen: Die Tigerfrau

Im Dialog Die Tigerfrau von Téa Obreht

Téa Obreht hat den Krieg auf dem Balkan nicht vor Ort erlebt, da sie vorher mit ihrer Familie floh. Doch ist der 60 Jahre umfassende Roman Die Tigerfrau stark durch diese Geschehnisse geprägt. Es wird die Situation in Südosteuropa, dem ehemaligen Jugoslawien, vor, während und nach dem Krieg geschildert. Allerdings hat Obreht bewusst kein existierendes Land benannt, auch die Ortsnamen sind fiktiv. Der Tod und die Auswirkungen des Krieges ziehen sich als Leitthemen durch den Roman. Neben dem Erzählstrang in der Gegenwart, in dem die Protagonistin Natalia im Grenzgebiet eines gestern noch verfeindeten Nachbarlandes Waisenkinder impft, beleuchten verschiedene Rückblicke ihre Kindheit und Jugend. Sie vermitteln einen subtilen Einblick in die Kriegsjahre, ohne explizit zu werten.

Der Blick aus der Ferne

Téa Obreht blickt aus einem anderen Sprachraum auf diesen Krieg. In dieser Position über den Balkankonflikt zu schreiben, ist nicht selten. Es gibt dazu viele Publikationen von SchriftstellerInnen, die nicht im ehemaligen Jugoslawien leben oder gelebt haben. Im deutschsprachigen Raum ist es Peter Handke, der sich wohl am medienwirksamsten mit der Geschichte des Balkans auseinandersetzt. Er schreibt Texte wie Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien (1996) oder den Slowenientext Der Abschied des Träumers vom Neunten Land (1991) und gibt dabei dem Poetischen genauso viel Gewicht, wie den Fakten. Im Bezug auf die poetische Sprache vertritt er die Meinung, dass diese eine friedensstiftende sei. (Vgl. Brokoff, S. 64) Handke bezieht mit seinen Texten explizit Stellung zu verschiedenen politischen Fragen. Seine Beiträge wurden kontrovers rezipiert. (Vgl. Brokoff, S. 74) Dies ist bei Obreht nicht der Fall, was vor allem daran liegen mag, dass ihr Roman vordergründig keine politischen Tendenzen aufweist. Die Tigerfrau wurde in Deutschland unter anderem als „große amerikanische Balkan-Saga“ (Schreiber) oder „melancholisches Balkan-Portrait“ (Kramatschek) bezeichnet. Selten werden politische Gesichtspunkte in den Besprechungen hervorgehoben.

Zwischen Medienkritik und Reisebericht 

Der deutsche Literaturbetrieb hat sich auch jenseits von Handke in zahlreichen Texten mit der Balkan-Thematik beschäftigt. Seit den 1990ern sind es die an Öffentlichkeit gewinnende Exil- bzw. Migrationsliteratur und deutschsprachige AutorInnen, die sich in ihren Texten damit auseinandersetzen. Dazu gehören beispielsweise Juli Zeh und Anna Kim. Auf poetischer Ebene einen die SchriftstellerInnen, laut der Literaturwissenschaftlerin Elena Messner, vor allem die gleichzeitige Nähe und Distanz zum Geschehen. Sie bezeichnet diese beiden Elemente als „eine Art Klammer“ der Texte. (Vgl. Messner, S. 110) Die von Messner genannten Werkzeuge zur Überwindung der Distanz zwischen den AutorInnen und der Balkan-Region lassen sich auf Die Tigerfrau übertragen. Die räumliche Distanz wird durch das Motiv der Reise symbolisiert. Natalia reist ins Nachbarland und geht in ihren Erinnerungen auf Spurensuche, die häufig auch das Kriegsgeschehen betreffen. Außerdem nennt Messner die Zeit- und Raumachsen als wichtige Elemente der Jugoslawientexte deutschsprachiger SchriftstellerInnen. Die zeitliche Entfernung zum Krieg werde im Text oft durch Dokumente (Zeitungen, Fotos, usw.) überwunden, die als Zeitbelege genutzt werden. Die Protagonistin in Die Tigerfrau, Natalia, hat selbst zu Kriegszeiten gelebt, sie kann also auf ihre eigenen Erinnerungen zurückgreifen. Es wird aber auch häufiger ihr Großvater als Mittlerfigur eingesetzt. Die Distanz zum Krieg wird allerdings in sofern gewahrt, als dass Natalia in einer Hauptstadt aufwächst, die lange Zeit nur indirekt vom Krieg betroffen ist.

Eine weitere wichtige Gemeinsamkeit innerhalb der deutschsprachigen Jugoslawientexte ist laut Messner die Reflexion des Umgangs der Medien mit der Thematik. Sie nennt das Element Fakt und Fiktion, welches auch bei Handke eine große Rolle spielt. (Vgl. Messner, S. 111) Wie und ob (Kriegs-) Traumata tatsächlich darstellbar sind, wird über den Einbezug der Medien(-kritik) in den Texten hinterfragt. In Die Tigerfrau wird keine Medienkritik geübt. Ein ebenso wichtiges Element ist die Frage danach, ob man von dargestellter Wirklichkeit sprechen könne, so Messner. (Vgl. Messner, S. 112) Hier ist Téa Obrehts Roman mit Norbert Gstreins Das Handwerk des Tötens zu vergleichen. Um dem Zweifel an der Darstellbarkeit von Kriegsgeschehen zu entgehen, werden die Ereignisse von den Figuren erzählt und erinnert, sie passieren nicht. (Vgl. Messner, S. 113)

Die Serbische Literatur

Obwohl Obreht aus der Ferne schreibt, ist sie auch in den Kontext der serbischen Literatur einzuordnen. Die heutige Literatur aus Serbien ist besonders durch ihre vielfältigen Poetiken geprägt, die seit den 90ern nebeneinander existieren. Thematisch sind es vor allem das Historische und der Umgang mit der Geschichte Serbiens, die die Literatur und vor allem die Romane einen. (Vgl. Božović) In dieses Themenfeld reiht sich auch Die Tigerfrau ein. Innerhalb der serbischen Literatur steht Téa Obreht in der surrealistischen Tradition, die von Mythen und Folklore bestimmt wird. (Vgl. Bremer, S. 282) Andere wichtige serbische AutorInnen beschäftigen sich mit dem zweiten Weltkrieg und der Problematik nationalistischen Gedankengutes sowie dem Jugoslawismus, dazu gehören Dobrica Ćosić, Aleksandar Tišma oder Danilo Kiš. (Vgl. Bremer, S. 283)

 Ein Beitrag von Minou Trieschmann

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im Kontext lesen Weg vom Text. Gleichzeitig direkt hinein. Wir fragen nach dem Hintergrund, der Geschichte. Durchleuchten Land und Leben, Subtext und Fiktion

Verwendete Literatur:

Bremer, Alida: Literaturen und nationale Ideologien. In: Der Jugoslawien-Krieg: Dunja Melčić (Hg.). Westdeutscher Verlag, Opladen/Wiesbaden 1999, S. 268-286.

Brokoff, Jürgen: „Srebrenica – was für ein klangvolles Wort“. Zur Problematik der poetischen Sprache in Peter Handkes Texten zum Jugoslawien-Krieg. In: Carsten Gansel und Heinrich Kaulen (Hg.): Kriegsdiskurse in Literatur und Medien nach 1989. V&R unipress, Göttingen 2011, S. 61-88.

Messner, Elena: „Literarische Interventionen“ deutschsprachiger Autoren und Autorinnen im Kontext der Jugoslawienkriege der 1990er. In: Carsten Gansel und Heinrich Kaulen (Hg.): Kriegsdiskurse in Literatur und Medien nach 1989. V&R unipress, Göttingen 2011, S. 107-118.

Internetquellen: 

Božović, Gojko: Serbische Literatur heue – Weltliteratur aus Serbien. In: owep.de. Zuletzt aufgerufen 2.04.2015 um 13:24 Uhr.

Kramatschek, Claudia: Melancholisches Balkan-Portrait. In: deutschlandradiokultur.de. Zuletzt aufgerufen 2.04.2015 um 13:24 Uhr.

Schreiber, Daniel: Die große Amerikanische Balkansaga. In: zeit.de. Zuletzt aufgerufen 2.04.2015 um 13:24 Uhr.