In anderer Sprache lesen: Die Tigerfrau

Wie heißt das eigentlich auf Englisch?

Wir lesen internationale Buchtitel ganz selbstverständlich, ohne Verständnisprobleme. Die sprachlichen Barrieren bauen die Übersetzer*innen ab. Aber bedeutet ohne Verständnisprobleme auch ohne Verluste und Verschiebungen?

Die Tigerfrau / The Tiger´s Wife von Téa Obreht, Seite 7-8 Ein Beitrag von Minou Trieschmann (CC BY-NC 3.0 DE)

Die Tigerfrau / The Tiger´s Wife von Téa Obreht, Seite 7-8
Ein Beitrag von Minou Trieschmann (CC BY-NC 3.0 DE)

Die Tigerfrau wurde aus dem Englischen von Bettina Abarbanell übersetzt. Zu ihrem Werk gehören unter anderem Jonathan Franzen und F. Scott Fitzgerald. Ihre Einstellung zur Übersetzungsarbeit: Sie sieht unterschiedliche Übersetzungen eines Textes als Interpretationen, die auch nebeneinander existieren können. (Vgl. Bettina Abarbanell: Rowolt-Übersetzer im Gespräch) Eine Besonderheit des Romans von Téa Obreht liegt darin, dass er nicht in ihrer Muttersprache geschrieben wurde. Die in Belgrad geborene Autorin wanderte 1992 mit ihrer Familie aus, als der Bosnienkrieg begann. Nach Stationen in Zypern und Kairo wurde sie mit ihrer Mutter in den USA sesshaft, wo sie noch heute lebt. Téa Obreht hat nicht nur ihr Heimatland hinter sich gelassen, sondern, zumindest für ihre Veröffentlichungen, auch ihre Muttersprache abgelegt.

Literarische Polyphonie

Viele SchriftstellerInnen besitzen eine literarische Zwei- oder Mehrsprachigkeit. Samuel Beckett beispielsweise wurde in Irland geboren und schreibt sowohl auf Französisch als auch auf Englisch. Als Begründung für seine Sprachwahl nennt er häufig sprachliche Kompetenz, Stil und soziolinguistische Faktoren. (Vgl. Strutz, Zima, S.12) Da Téa Obreht seit ihrem zwölften Lebensjahr in den USA lebt und dort die Verlage fast ausschließlich englischsprachige Werke veröffentlichen, ist die Sprachwahl Obrehts keine große Überraschung. Dennoch sind wir geneigt zu erwarten, dass Texte aufgrund ihrer hohen stilistischen und ästhetischen Ansprüche zwangsläufig in der Erstsprache der AutorInnen geschrieben werden. Eine paradoxe Annahme, lesen wir doch oft Übersetzungen, wenn wir der Sprache des Originals nicht mächtig sind, denen wir aber ihre Ästhetik nicht absprechen. Als Kriterien für Obrehts Sprachwahl wurden bereits ihr Lebensmittelpunkt und die Struktur des amerikanischen Literaturbetriebs genannt. Nach Georg Kremnitz ist ersteres ein subjektives Kriterium für die Sprachwahl, da es sich mit der Biografie der Autorin begründen lässt. Letzteres wiederum ist den äußeren Bedingungen geschuldet, denen sie unterworfen ist. (Vgl. Kremnitz, S. 9)

Die Dichtung der Dichtung

Die Übersetzung des Romans The Tigers Wife/ Die Tigerfrau ist größtenteils sehr nah am Original, man kann eine „konkrete Wörtlichkeit“ (Strutz, Zima, S. 11) in der deutschen Fassung erkennen. Oft wurden nur einzelne Wendungen und der Satzbau angepasst. Fachsprachlich handelt es sich also um eine „treue Übersetzung“. (Strutz, Zima, S. 36) Es ist schwierig den Begriff der Übersetzung genau zu definieren, da es sich um einen komplexen Prozess handelt. Croce spricht gar von der Unmöglichkeit der Übersetzung. Eine Einheit aus Dichtkunst, Hermeneutik und Poetik sieht hingegen Kloepfer und definiert ihre literarische Form als Dichtung der Dichtung. (Vgl. Strutz, Zima, S. 9) Die Erwartungshaltung, dass bei einer Übersetzung der Sinn so weit wie möglich erhalten werden soll, ist statisch und greift zu kurz. Vielmehr wird eine Interpretation des Ausgangstextes in einen sinnhaft ähnlichen Ausdruck in der Zielsprache übertragen. Dies zeigt sich am Beispiel des Romantitels. Wort für Wort übersetzt, würde der Titel „Des Tigers (Ehe-)frau“ bedeuten. Als erster Hinweis auf Romaninhalt stellt dieser Titel eine andere Interpretationsbasis dar als die Übersetzung. Beim Originaltitel kann eine menschliche Beziehung zwischen einer Frau und einem Tiger vermutet werden, wohingegen die deutsche Übersetzung, Die Tigerfrau, eine Frau, die einem Tiger ähnelt, als erste Interpretationsmöglichkeit anbietet.

Sprache hat Einfluss auf unser Denken und wie wir unseren Gedanken Ausdruck verleihen. Sie ist geprägt durch die Kultur und Tradition des Landes und der Gesellschaft, in der wir sozialisiert wurden. Téa Obreht formuliert Eindrücke und Geschichten, die durch ihre ehemalige Heimat inspiriert wurden in einer erlernten Sprache und findet so einen neuen Ausdruck. Dadurch gewinnt ihr Roman noch einmal an Bedeutung.

Ein Beitrag von Minou Trieschmann

In anderer Sprache lesen: Unterschiedliche Sprachen erzählen von unterschiedlichen Kulturen – wir wenden uns dem Original zu, wollen uns einlesen, einhören, einlassen. Wie ist das denn eigentlich auf Englisch?

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Verwendete Literatur:

Kremnitz, Georg: Mehrsprachigkeit in der Literatur. Wie Autoren ihre Sprache wählen. Praesenz Verlag, Wien 2004.

Strutz, Johann und Peter Zima (Hg.): Literarische Polyophonie: Übersetzung und Mehrsprachigkeit in der Literatur. Gunter Narr Verlag Tübingen, Tübingen 1996.

Internetquellen:

Bettina Abarbanell: Rowolt-Übersetzer im Gespräch. Zuletzt aufgerufen am 2.04.2015 um 14:37 Uhr.