In anderer Sprache lesen: Drei starke Frauen

Wie heißt das eigentlich auf Französisch?

Wir lesen internationale Buchtitel ganz selbstverständlich, ohne Verständnisprobleme. Die sprachlichen Barrieren bauen die Übersetzer*innen ab. Aber bedeutet ohne Verständnisprobleme auch ohne Verluste und Verschiebungen?

Foto: Elisabeth Krause (CC BY-NC 3.0 DE)

Foto: Elisabeth Krause (CC BY-NC 3.0 DE)

Bei der Translation von Romanen und anderen Texten werden kulturelle Barrieren aufgehoben, denn der zuvor fremde Text wird für RezipientInnen anderer Kulturen greifbar. Durch die Übersetzung in die Zielsprache erhält die Rezipientin einen Zugang zum Inhalt, dessen sprachliche Zeichen vorher unzugänglich waren. So besteht das Übersetzen eines Textes nicht darin, Worte von einer in die andere Sprache zu übertragen. Vielmehr müssen weitere Aspekte, wie ein kulturelles Verständnis und ausgeprägtes Sprachgefühl, vorhanden sein. Jede Kultur weist unterschiedliche Sprachgefüge auf. Diese gilt es zu deuten und sinnstiftend in die Übersetzung zu übertragen. Beispielsweise lassen sich idiomatische Wendungen nicht ohne weiteres in andere Zielsprachen übertragen. Daher gibt es unterschiedliche funktionale Ansätze der Translationswissenschaft, die ÜbersetzerInnen bei der Translation beachten sollten. Texte kommunizieren mit den LeserInnen und erhalten so ihre Bedeutung. Sie sprechen die LeserInnen an und diese füllen die sprachlichen Zeichen mit Inhalt.
Die ausgewählten Textbeispiele aus Marie NDiayes Roman Trois femmes puissantes beziehungsweise Drei starke Frauen sind aus der Originalfassung ins Deutsche und aus der deutschen Fassung wieder in die Ausgangssprache übersetzt worden. Sie zeigen, wie unterschiedlich Sprache aufgefasst werden kann und wie sprachabhängig Textverständnis sein kann. Es unterscheiden sich sowohl die verwendeten Vokabeln als auch Syntax und Struktur des Textes. Die Übersetzung entspricht nicht exakt dem Original, sondern sie stellt einen neuen Text in anderer Sprache dar. Sätze werden umgestellt, weggelassen oder verändert, um Sinn und Inhalt der Zielsprache anzupassen. Die beiden deutschen Fassungen zeigen einige Abweichungen in Wortwahl und Syntax. Die Übersetzung ins Französische weist deutlich mehr Unterschiede auf. Hier unterscheiden sich nicht nur einige Worte, sondern auch vollständige Sätze. Allerdings lassen sich auch zahlreiche Gemeinsamkeiten in den jeweiligen Versionen feststellen.
Die ausgewählten Textpassagen verdeutlichen, dass eine Übereinstimmung von Original und Rückübersetzung nicht möglich sein kann. Sprachkompetenzen, persönliche Interpretationen und kulturelle Erfahrungen beeinflussen jede Übersetzung.

Zitate aus Trois femmes puissantes von Marie NDiaye, S. 245 und Drei starke Frauen von Marie NDiaye, S. 262 f.

Ein Beitrag von Annika Baum, Yeliz-Melike Demir, Wiebke Heinrichs und Elisabeth Krause

In anderer Sprache lesen: Unterschiedliche Sprachen erzählen von unterschiedlichen Kulturen – wir wenden uns dem Original zu, wollen uns einlesen, einhören, einlassen. Wie ist das denn eigentlich auf Französisch?

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