„Judas“ und der postmoderne Realismus

ILP Preisträger 2015

Amos Oz ist einer der berühmtesten israelischen Literaten und mit seinem Werk Judas Gewinner des Internationalen Literaturpreis 2015. Am 8. Juli wird der Autor den Preis bei der „Lange Nacht der Shortlist 2015“ im Haus der Kulturen der Welt in Empfang nehmen – für den Roman, in dem Oz eine neue literarische Strömung begründet: den postmodernen Realismus.

Amos Oz erhält am 8. Juli den Internationlen Literaturpreis 2015. (c) Jerry Bauer

Amos Oz erhält am 8. Juli den Internationlen Literaturpreis 2015. (c) Jerry Bauer

Beim poetischen bzw. bürgerlichen Realismus ging es im 19. Jahrhundert um eine künstlerische Darstellung der Wirklichkeit. Fontane beschreibt  das Leben in seinem Essay „Unsere lyrische und epische Poesie seit 1848“ als Steinbruch, aus welchem der Literat ein Stück herausbricht und bearbeitet. Dabei wird die literarische Figur in der Zeit zurückversetzt, der poetische Realismus entwickelt Historienbilder. Die Postmoderne steht dazu in einem krassen Gegensatz und fragt nach der Repräsentierbarkeit des Undarstellbaren und des Unsagbaren. In der postmodernen Literatur wird der Leser zum intellektuellen Komplizen des Autors: Anders als im Realismus stehen ihm verschiedene Lesarten zur Verfügung, je nach Blickpunkt ist ein anderes Thema dominant. Die Postmoderne spielt mit der Kontingenz des Lebens, ihre Romane spielen mit dem Leser, der dieses Spiel nur beenden kann, indem er sich für eine bestimmte Lesart entscheidet. Auf beeindruckende Weise verbindet Oz Merkmale des Realismus und der Postmoderne und schafft so eine innovative Literatur.

Amos Oz wurde 1939 in Jerusalem als Amos Klausner geboren. Im Alter von 14 Jahren änderte er seinen Nachnamen in Oz. Er erkannte dies als Verrat an seinem Vater, an seiner Familie. Mit dem Thema des Verrats geht auch seine Lebensfrage einher, die ihn beschäftigt seit er im Kindesalter das Neue Testament las: Wie ist das Verhältnis der Juden zu Jesus? Diese Frage hat der Autor seinem Protagonisten Schmuel Asch als Thema seiner Abschlussarbeit zugewiesen. Auf der Suche nach Antworten wird der sensible Schmuel von dem Leser begleitet, der zum Mitwisser wird. Ab der ersten Seite umgibt den Leser eine unbeschreibliche Ruhe: Er vermag den Duft der Petroleumlampen, die Kälte des Winters und der Einsamkeit zu spüren – als sei er Teil der Geschichte. Dieses Gefühl ist ebenso der realistischen wie der ästhetisierten Zeichnung der Umwelt und der ambivalenten Charaktere geschuldet. Dabei zeigt Oz den Menschen als politisches Wesen und seine Probleme im historischen Kontext. Die Entwicklung der Figuren und ihre verschiedenen Schichten, die der Leser wie bei einer Zwiebel entfernen muss, um zum Kern zu stoßen, bilden wie bei einem Gemälde oder im poetischen Realismus die Realität literarisch ab.

„Dies ist die Geschichte der Wintertage Endes des Jahres 1959, Anfang 1960. In dieser Geschichte gibt es Irrtum und Lust, es gibt enttäuschte Liebe, und es gibt so etwas wie die Frage nach Religiosität, die hier unbeantwortet bleibt.“ (S. 1) Oz legt die Handlung des Romans in das Jerusalem der 1950er Jahre, um den Verlauf des Krieges und Oz’ Lebensfrage zu thematisieren. Das Individuum Schmuel Asch und sein Aufenthalt im Haus von Atalja Abrabanel im Mittelpunkt.

Die wichtigen Fragen nach der Staatsgründung Israels und nach der Beziehung der Juden zu Jesus werden vor allem in Gesprächen mit Gerschom Wald reflektiert. Diese Fragen, die die ganze Welt beschäftigen, werden nach dem Vorbild des Realismus wie aus einem Steinbruch herausgebrochen und literarisch bearbeitet. „Bis zu einem gewissen Grad kann man vielleicht das Volk verstehen, das seit Tausenden Jahren die Macht der Bücher anerkannt hat, die Macht des Gebetes […]. Die Macht der Macht kannte es nur von seinem geschlagenen Rücken. Und nun hat es plötzlich selbst einen schweren Schlagstock in den Händen. […] Da ist es nur natürlich, dass es in einen Machtrausch verfällt und zu glauben beginnt, dass es mit der Macht der Macht alles tun kann, was ihm in den Sinn kommt […].“ (S. 118) Jedoch bietet der Autor dem Leser auch unmittelbar die Gegenposition zu Schmuels Aussagen. So entgegnet ihm Wald: „Ich glaube, dass man mit einer solchen Macht alles erobern kann, was einem einfällt. Von Indien bis Afrika.“ (S. 118) Mit Atalja Abrabanel stellt der Autor dem Leser eine apolitische, desinteressierte Figur zur Seite, so kann der Leser zwischen mehrere Perspektiven wählen und sich individuell für das Thema entscheiden, das ihn oder sie am meisten interessiert: Geht es um Politik? Um Religion? Um Liebe? Um ein Konglomerat aus allem?

Die Entscheidung mag zufällig fallen. Ebenso wie Schmuel die Anzeige Ataljas durch Zufall findet: „Seine kurzen, dicken Finger beeilten sich, seine Räumungsannonce zu entfernen, um das zu lesen, was er selbst ein paar Minuten zuvor abgedeckt hatte: Angebot eines persönlichen Kontakts.“ (S. 19/20) Dieser Zufall ist es, der Schmuel den Winter in einem abgelegenen Haus verbringen lässt. Die Kontingenz eröffnet die Geschichte und der Zufall entscheidet, wo die Reise endet.

Was er in der Zwischenzeit in diesem Winter erlebt, ist ein einziges Spiel: Die Gespräche mit Gerschom Wald, die Zuneigung Ataljas und die Suche nach Antworten. So ziehen sich die Motive der Kontingenz und des Spiels durch den Roman wie ein unsichtbarer roter Faden. Wenn Literatur der Gesellschaft ein neues Denken vorschlagen kann, so wäre Amoz Oz’ Roman „Judas“ als Vertreter eines ‚postmodernen Realismus’ mit seinem Ansatz, der Realismus, Zufall und Spiel produktiv verbindet, dafür ein exzellentes Beispiel.

Ein Beitrag von Alina Bäcker und Tamara Karvang

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Kommentar (1)

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