Auf den Spuren der Übersetzer*innen

Ein Tag auf der Leipziger Buchmesse

Stickig und warm ist es in der Straßenbahnlinie 16, wie jedes Jahr drängen sich die Menschenmassen in der Tram. Später werden sie durch die Hallen der Leipziger Buchmesse strömen – und ich mittendrin, auch wie jedes Jahr. Dieses Mal mit der Mission weitere Antworten auf die Frage zu finden, was eine gute Übersetzung ausmacht, und nicht zuletzt wegen des Preises der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung – der im Gegensatz zum Internationalen Literaturpreis nur an die Übersetzerin oder den Übersetzer verliehen wird.

Die Länderfahnen vor dem Messehaus, die Gäste aus aller Welt in Leipzig willkommen heißen sollen, hängen träge in der Sonne, während die Messehallen summenden Bienenkörben gleichen. Ich suche das Forum International – dort findet zum zweiten Mal das Übersetzerzentrum auf der Leipziger Buchmesse statt. Der Verband deutschsprachiger Übersetzer literarischer und wissenschaftlicher Werke (VdÜ) hat es ins Leben gerufen, um nicht nur auf der Frankfurter Buchmesse einen Ort der Begegnung zu schaffen, an dem sich Übersetzerinnen und Übersetzer, internationale Autorinnen und Autoren, Kritikerinnen und Kritiker, oder wie der Verband es selbst formuliert: „Menschen, denen das Übersetzen am Herzen liegt“, begegnen und austauschen können. Neben Live-Übersetzungen hält das Programm auch Gespräche über die Unübersetzbarkeit James Joyces oder die Modelle der Aus- und Weiterbildung für Literaturübersetzerinnen und -übersetzer bereit.
Als ich ankomme, stellen Maike Albath und Burkhard Müller die Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung vor. Die Kritikerin und der Kritiker sind beide Teil der siebenköpfigen Preisjury und Träger der Übersetzerbarke, die seit 2004 an „übersetzerfreundliche Verleger oder Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens“ verliehen wird.

Kirsten Brandt – Übersetzerin von Joan Sales’ Flüchtiger Glanz (Katalanisch)

Im Gespräch mit ihnen erörtert Kirsten Brandt, dass es vor allem die Übergänge vom Katalanischen ins Spanische waren, die eine Schwierigkeit bei der Übersetzung von Joan Sales’ Flüchtiger Glanz darstellten, da sich der sprachliche Registerwechsel im Deutschen nur schwer nachvollziehen lässt, gleichzeitig aber immer einen triftigen Grund hat, den es zu transportieren gelte, so Brandt, weil er im Originaltext politische Markierungen angebe.

Brigitte Döbert – Übersetzerin von Bora Ćosićs Die Tutoren (Serbisch)

Ähnliches berichtet Brigitte Döbert, die das als fast unübersetzbar geltende Werk Die Tutoren von Bora Ćosić übersetzt hat und dabei unterschiedliche Sprachen, die zeichenhaft eingesetzt werden, beziehungsweise die Entwicklung der serbokroatischen Sprache in unterschiedliche Richtungen nachvollziehen und im Deutschen wiedergeben musste. Sie entwickelte außerdem eine Kunstsprache, die ihr den Rückgriff auf einen 150 Jahre zurückliegenden Sprachzustand erlaubte, und fand nicht nur für all die Wortspiele und Stilbrüche Entsprechungen, sondern auch für die langen gereimten Passagen, bei denen es galt, nah am Inhalt zu bleiben und gleichzeitig die Form zu bewahren.

Frank Heibert – Übersetzer von Richard Fords Frank (Englisch)

Ein wenig einfacher habe er es da schon gehabt, gibt Frank Heibert zu, der Autor und Erzählerfigur schon mehrfach übersetzt hat. Die gleichnamige Hauptfigur aus Frank von Richard Ford würde aber immer wieder auch sprachlich auf Ereignisse um sie herum reagieren, beispielsweise plötzlich ins Umgangssprachliche abrutschen, wofür der Übersetzer einen entsprechenden Sound im Deutschen finden musste. Bei bestimmten Orientierungsfiguren, die im deutschen Kulturkreis unbekannt seien, habe er jedoch keine Entsprechung finden können, so Heibert, allerdings auch keine Fußnoten machen wollen. Sein Fazit an dieser Stelle: „Liebe Leserschaft, da musst du durch!“

Claudia Hamm – Übersetzerin von Emmanuel Carrères Das Reich Gottes (Französisch)

Für Claudia Hamm wiederum bestand die Schwierigkeit darin, dass Emmanuel Carrère in Das Reich Gottes auf verschiedene Bibelübersetzungen zurückgegriffen und daraus gewissermaßen eine eigene Bibelübersetzung collagiert hat. Die Übersetzerin sah sich dementsprechend nicht nur mit dem reinen Übersetzen konfrontiert, sondern auch mit der kanonischen Übersetzung Luthers im Deutschen beziehungsweise verschiedenen Übersetzungen der Bibel, die es wiederum zu übersetzen galt. Um das Verfahren des französischen Autors abzubilden, griff sie letztlich ebenfalls zu verschiedenen (deutschen) Bibel-Übersetzungen und tat es ihm gleich – nachdem sie lang mit sich gerungen hatte, weil ein solches Vorgehen im deutschsprachigen Raum fast einem Sakrileg entspricht.

Ursula Keller – Übersetzerin von Michail Ossorgins Eine Straße in Moskau (Russisch)

Das Problem des Romans Eine Straße in Moskau von Michail Ossorgin habe bereits beim Titel begonnen, erklärt die Übersetzerin Ursula Keller abschließend: Siwzew Wrazhek, so die lautliche Übersetzung des Originaltitels ins Deutsche, ist der Name einer kleinen im Zentrum gelegenen Straße Moskaus, seit Ende des 19. Jahrhunderts ein Ort der Literatur und der Intellektuellen – im Russischen würde sich diese Assoziationskette eröffnen, im Deutschen beziehungsweise als Deutsche oder Deutscher könne man sich das nicht erschließen, meint Keller. Aufgrund zahlreicher derartiger assoziativer Bezüge habe sie sich für einen (kultur-historischen) Anmerkungsapparat entschieden, um den Mehrwert bestimmter Wendungen zu bewahren.

Was mir alle Fünf vor Augen führen – oder eher: erst die Gesamtheit aller Fünf vor Augen führt –, ist: dass es wohl kaum pauschale oder universelle Kriterien für ‚gutes Übersetzen‘ geben kann, weil jede anstehende Übersetzung ihre ganz eigenen Herausforderungen mit sich bringt. Das macht wiederum die Vergleichbarkeit der Übersetzungen umso schwieriger.
Der Schweizer Publizist und James-Joyce-Fachmann Fritz Senn beschreibt die Arbeit der Übersetzerinnen und Übersetzer im sich anschließenden Gespräch („Broguen eeriesh myth brockendootsch“ – Zur (Un-?)Übersetzbarkeit von James Joyce) mit den Worten: „Angesichts der ‚Unmöglichkeiten‘ ist jeder Versuch beachtenswert“, und ich schreibe mir Mut, den Mut es dennoch, es immer wieder zu versuchen, als ein weiteres Kriterium für gute Übersetzungen auf.

Als am Nachmittag der Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung verliehen wird, ist es Brigitte Döbert, die ihn erhält. Burkhard Müller zeichnet in seiner Laudatio das Bild der 8.000er des Übersetzens, die derartige Herausforderungen seien, weil sie vorauseilend als ‚unübersetzbar‘ gelten würden. Er lobt den Nuancenreichtum Brigitte Döberts, wie sie den Anspielungen nachspüre und dass die langen gereimten Partien klängen, „als wäre es gleich so zur Welt gekommen“. Ihr Mut hat sich also bezahlt gemacht!