„Man liest nicht die Sprache des Autors, sondern die des Übersetzers“

Leila Chammaa im Gespräch

2011 war sie selbst als Übersetzerin für den ILP nominiert und ist nun zum zweiten Mal Teil der Jury. Im Interview spricht sie über die Bedeutung des Preises, die Kunst des Übersetzens und die Auswirkungen der Globalisierung auf die Literatur.

Jurorin Leila Chammaa bei der Jurysitzung zur Shortlist 2014. (c) Santiago Engelhardt

Jurorin Leila Chammaa bei der Jurysitzung zur Shortlist 2014. (c) Santiago Engelhardt

Frau Chammaa, was macht Ihnen bei der Arbeit als Jurorin am meisten Spaß?

Da ich Übersetzerin für arabische Literatur bin und mich deswegen naturgemäß mit arabischer Literatur beschäftige – das allein sind schon 22 Länder – habe ich damit ziemlich viel zu tun und komme letztlich gar nicht dazu, mich mit anderer Literatur zu beschäftigen und einen weiteren Blick zu bekommen. Darum ist es ein ganz besonderes Erlebnis, mich durch die Arbeit als Jurorin mit Literatur aus anderen Regionen beschäftigen zu können und sie vor dem Hintergrund meines Wissens über die arabische Literatur zu bewerten.

Kommen Sie überhaupt dazu, Bücher mehr als einmal zu lesen?

Das ist die große Herausforderung! Es ist schon so, dass man so einige Bücher zweimal in die Hand nimmt, denn es ist schwierig, sich nach dem ersten Mal für oder gegen das Buch zu entscheiden. Manchmal bittet man andere Juroren, ein Zweitgutachten zu erstellen und dabei gibt es teilweise schon ziemlich konträre Einschätzungen. Das ist aber auch das Spannende an der Juryarbeit: Die Juroren kommen aus verschiedenen Berufen – es gibt Literaturkritiker, Übersetzer, Verleger oder Schriftsteller – und jeder hat seinen eigenen Erfahrungshorizont und Blick auf die Bücher.

Was ist dabei Ihr besonderer Blickwinkel als Übersetzerin? Wie kann man einen Text, der aus einem Sprachraum kommt den man nicht versteht, nur anhand der Übersetzung bewerten?  

Bei der Beurteilung von Übersetzungen geht es mittlerweile nicht mehr darum abzugleichen, ob die Übersetzung Wort für Wort mit dem Original übereinstimmt. Sondern es geht letztendlich darum, die Übersetzung als ein eigenes Kunstwerk auszulegen. Also inwiefern ist die Übersetzung an sich stimmig? Inwiefern hat sie einen stringenten Ton?

Ist das eine Entwicklung der vergangenen Jahre?

Ja, ich denke, dass sich im öffentlichen Bewusstsein etwas verändert hat, was das Übersetzen angeht. Übersetzen ist schon ein recht merkwürdiger Beruf. Besonders gut macht man seinen Job eigentlich, wenn man unsichtbar bleibt, wenn es gar nicht auffällt, dass es eine Übersetzung ist. Deshalb ist es oft noch so, dass Übersetzer beispielsweise in Literaturkritiken gar nicht erwähnt werden, so als würde die Übersetzung von alleine passieren, als stünde keine Person dahinter. Meistens ist es so: wenn das Buch auf Deutsch für besonders gut befunden wird, geht das Lob an den Autor, obwohl man eigentlich gar nicht die Sprache des Autors liest, sondern die Sprache des Übersetzers. Gefällt das Werk der Literaturkritik aber nicht, so wird dem Übersetzer daran die Schuld gegeben. Den Übersetzern wird öfter das Negative zugeschrieben. Aber dieses Bewusstsein ändert sich in den letzten Jahren ganz allmählich.

Zu den nominierten Texten in diesem Jahr: Gibt es etwas, dass Sie bislang besonders überrascht hat?

Was die Thematik angeht weniger, mehr was die Sprachen angeht, in denen die Autoren schreiben. Die Tendenz geht meiner Ansicht nach in die Richtung, dass auf Französisch und Englisch geschrieben wird. Zum Beispiel von Autoren, die aus Afrika, Südostasien oder dem Nahen Osten kommen. Libanesische Autoren schreiben beispielsweise oft auf Französisch oder Englisch. Die Sprachvielfalt nimmt mehr und mehr ab, zugunsten des Französischen oder Englischen.

Stecken dahinter ökonomische Entscheidungen, weil Autor oder Verlag denken, dass der Text auf Französisch oder Englisch direkt ein größeres Publikum anspricht, als wenn er in einer weniger verbreiteten Sprache geschrieben wäre?

Das würde ich so nicht sagen. Ich denke, das hat ganz viel mit der Kolonialgeschichte zu tun. Zum Beispiel war es so, dass die französisches Kolonialmacht in Nordafrika die arabische Sprache verboten hat und stattdessen Französisch als offizielle Sprache einführte. Es wurde bestraft, wenn die Leute in ihrer Muttersprache gesprochen haben. Dadurch wird bis heute in Marokko oder Algerien vielfach auf Französisch geschrieben. Gleichzeitig hat es, denke ich, viel mit Migration zu tun. Viele Leute verlassen ihre Heimat und lassen sich im englisch- oder französischsprachigen Raum nieder. Dadurch dass sie dort leben und sozialisiert sind, schreiben sie in der Sprache. Ich denke, Globalisierung spielt ebenfalls eine große Rolle dabei, dass immer mehr Französisch oder Englisch gesprochen wird.

Der Internationale Literaturpreis schreibt der Übersetzer-Tätigkeit eine sehr große Rolle zu. Welche Bedeutung messen Sie dem Preis zu?

Ich bin vor einigen Jahren selber auf der Shortlist gewesen als Übersetzerin. Als Übersetzerin arabischer Literatur wird man – so mein Eindruck – nicht wirklich wahrgenommen, weil man eine Sprache übersetzt, die nicht sehr gefragt ist. Bücher arabischer Autoren in deutscher Übersetzung machen nur etwa 0,5 % der auf dem deutschsprachigen Buchmarkt erschienenen Bücher aus. Letztlich werden im Schnitt vielleicht acht bis zwölf Bücher pro Jahr aus dem Arabischen übersetzt. Man kann also glücklich sein, wenn man als Übersetzer mal einen Auftrag bekommt. Da ich im Schnitt nur alle zwei Jahre ein oder zwei Bücher übersetze, habe ich letztlich auch weniger Chancen, auf so eine Shortlist zu kommen. Seit ich jedoch vor ein paar Jahren auf der Shortlist stand, habe ich das Gefühl, dass mich Institutionen und die Öffentlichkeit auf einmal ganz anders wahrnehmen und das hat natürlich Auswirkungen auf mein berufliches Weiterkommen. Insofern hatte die Shortlist-Nominierung für mich einen sehr positiven Effekt.

 Ein Beitrag von Stefan Dierkes

Sieben Jurymitglieder stellen sich jedes Jahr der Aufgabe, aus den spannenden Einsendungen der Verlage die Shortlist und schließlich den Preisträger des Internationalen Literaturpreis auszuwählen. Leila Chammaa ist 2015 zum zweiten Mal dabei. Sie arbeitet als Übersetzerin und ist als Beraterin und Gutachterin für Verlage und verschiedene Institutionen tätig. Zudem gründete sie 2002 sie die Agentur „Alif“ zur Vermittlung arabischer Literatur im deutschsprachigen Raum.

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