Ministerium für öffentliche Erregung

von Amanda Lee Koe
aus dem Englischen von Zoë Beck

1. Der erste Satz

In einem Buch voller Kurzgeschichten, gibt es viele erste Sätze. Viele erste Skizzen, die im Laufe der Geschichte ausgeschmückt, coloriert und um ein paar Striche ergänzt werden. Ich entscheide mich für einen ersten (Ab-)Satz, der ohne Kitsch den Ton der gesamten Sammlung wiedergibt. Aus Liebe ist keine große Wahrheit: „Es gibt auf der ganzen Welt kein Ich kann ohne dich nicht leben; du kannst ohne mich nicht leben. Die Erde dreht sich. Zeit vergeht. Reis wird gegessen.“

2. Der schönste Satz

„Traurig sein zu können ist auch eine Form von Glück.“ (Aus Waschsalon)

Dieser schlichte Satz ist wie ein maßgeschneiderter Anzug für das Lesegefühl, das Ministerium für öffentliche Erregung auslöst.

3. Der Plot in einem Satz

Die Kurzgeschichten behandeln eine breite Palette von queeren, farbenfrohen Liebes- und Lebens-Erfahrungen und deren Hindernissen; es sind Geschichten voll Hoffnung trotz unmöglicher Liebe, voll verhinderten Glückes und der daraus entstehenden Einsamkeit.

4. Mit dieser Figur würde ich einen Kaffee trinken, weil…

Einen Kaffee, oder Tee, würde ich gerne mit Delia trinken (aus Faustpfand). Diese Frau ist, ohne es zu wissen, eine Feministin, die sich von ihren Eltern, dem Schönheitswahn und dem Machtgefälle in Beziehungen emanzipiert. Ich würde einen Tee mit ihr schlürfen und ihr sagen, wie inspirierend sie ist, wie schön in ihrem Handeln und ihr zeigen, wie viel Wirkung ihr Tun hat.

5. Vor dieser Figur würde ich weglaufen, weil…

Weglaufen würde ich vor dem namenlosen „Ehemann“, für den Zurotul als Dienstmädchen arbeitet (aus Zwei Möglichkeiten, wie man es machen kann). Zwar ist seine Grausamkeit eine andere als die der Vergewaltiger, doch sie ist nicht minder gefährlich. Obwohl er als Opfer einer kritischen Ehefrau dargestellt wird, ist er es, der seine Machtposition schamlos ausnutzt und Zurotul als Objekt zu seinem Vergnügen behandelt und sich dessen entledigt, sobald der Spaß vorbei ist. Weglaufen würde ich, so schnell ich kann, vor Männern wie diesem.

6. Don’t judge this book by its cover. Oder doch?

Schwarz als Grundfarbe dominiert das Cover und wird gebrochen durch Wörter und leere, farbige Zeilen. Die Fähigkeit von Text, die schwarzen Löcher der Einsamkeit und Ungerechtigkeit zu durchbrechen, wird hier visuell aufbereitet. Die leeren Zeilen leuchten dem Leser als Zeichen der Möglichkeiten, der Hoffnung entgegen. Ja, das Cover fasst die Stimmung des Erzählbandes gut zusammen.

7. Das Buch erinnert mich an…

… meinen ersten Liebeskummer. Das bitter-süße Hätte, wäre, wenn der vertanen Gelegenheiten. Das Zurückspulen, es anders machen wollen; sich schlecht fühlen und den Schmerz genießen, von neuer Hoffnung träumen.

8. Das sagt der Autor über sein Buch

„Literatur hat zwar nicht die die Kraft, Gesetze zu ändern, aber wenn man in die Erzählung Empathie einschreibt, nicht voyeuristisch und nicht realistisch, dann gibt das Raum zu atmen, auf fiktionaler Ebene, und das beeinflusst Menschen in ihrem wirklichen Leben.“ Amanda Lee Koe, NDR

9. Der schönste Satz, den ein Rezensent/eine Rezensentin über das Original geschrieben hat

“Amanda Lee Koe’s melancholic, often heartbreaking tales of urban malaise are elegies of individual yearnings. At her best, tides of words flow like movements of music, their cadences aspiring towards the magic of poetry.” Sam Ng, Quarterly Literary Review Singapore

10. Der schönste Satz, den ein Rezensent/eine Rezensentin über die Übersetzung geschrieben hat

“In ihren Storys entwirft Koe eine pessimistische Phänomenologie der Liebe, der sie aber stets eine flattrige Spur echter Sehnsucht und Hingabe lässt. Lakonisch – von Zoë Beck gewandt in ein konzentriertes und doch frisches Deutsch gebracht – erzählt Amanda Lee Koe hartschalige Storys mit verletzlichem Kern.” Katharina Borchardt, Deutschlandradio Kultur

11. Der letzte Satz

Der allerletzte Satz der Sammlung (aus Die Ballade von Arlene & Nelly): „Die Tode – winzige, falsche, echte – die wir im Namen der Liebe sterben, sind das, was uns wahrer Größe am nächsten bringt.“

1992 in Bergisch Gladbach geboren, hat literaturwissenschaftliche Fächer in verschiedenen Sprachen und Orten studiert: La Rochelle (Frankreich) Bonn, St. Andrews (Schottland) und derzeit in Essen Literatur und Medienpraxis (LuM). Neben journalistischem Schreiben und literarischem Lesen entdeckte sie durch eine Tätigkeit beim Hochschulradio bonnFM auch die Freude an Radio-Beiträgen und setzte in ihrem aktuellen Studium einen Schwerpunkt in Videopraxis. Seit 2015 ist sie Mitglied der Redaktion des ILP.