Nackt im amerikanischen Apostelkreis

Ein Gedankenschwung zu Mark Z. Danielewskis Only Revolutions und deren deutschsprachiger Spiegelung

Only Revolutions ist kein Buch mit 360 Seiten, sondern ein schwindelerregendes Sprach- und Bedeutungskarussell, eine Verheißung, eine Tortur, ein Feuerwerk aus Sprache gewordenen Bild- und Farbkreiseln. Und eine Erzählung, getarnt als doppelter Bewusstseinsstrom. Ein selbstreferentielles Gedicht, getarnt als Story. Über was? Amerikanische Geschichte und Kultur als Hintergrundrauschen, Rahmen und leere Mitte. Daneben, davor und darunter: Jugend, Euphorie, Liebe, Größenwahn, Zweifel, Sex, Gewalt, Prekariat, Luxus, Anziehung und Abstoßung. Drogen und Honig. Hailey und Sam. Ein exzessives Versepos über die United States of America durch die kaleidoskopartig verzerrte Linse zweier jugendlicher – Hedonisten? Vielleicht. Eine anarchisch verliebte und brachiale Roadnovel entlang des Mishishishi, möglicherweise. Mit dem Autor Mark Z. Danielewski:

Only Revolutions. The Democracy of Two Set Out and Chronologically Arranged.

Jetzt ist die passende Zeit für dieses Buch, denn es ist eine Kartographie jugendlicher Verausgabung und die einer verausgabten amerikanischen Gegenwart. Eine, die vorgibt, noch jugendlich zu sein, während sie Gebrechen und chronische Entzündungsherde mit sich schleift wie ein Demonstrant sein angeschossenes Bein. Kniescheibe zertrümmert, eine Prothese wird in porösen Ursprungsthesen gesucht, wir begegnen hier einer Ursprungsprothese, überzogen mit Glitter und viel roter Farbe.

Die Luft schwelt. Aufgewühlt. Das bin ich. / Benzin. Öl. Treibstoff für diese / Fahrt. Löffle Honig …Meine Manngehtdieab-Blechkiste / schindet sich unter den Marotten / der Rebellin an Taxis und Zügen vorbei. / Bis sie ein seltsames Massaker der / Zeiten erreicht, endlose brennende Leichenstätte…Alarm der Gewalt. / Diese Rauchschwaden genießen, die / Verkohlten Feriengästen entrungen sind und / Vandalen mit baumelnden Patronengurten. / Wunderbarsüß Liebling. / Will aber Miss Klugscheißerin loswerden, die meinen / Einflussbereich einschränkt, schleiche alleine davon / durch diese verwesende Brühe. / Ich bin NieMannsLand.Auszug aus Only Revolutions

Warum immer eine gute Zeit für dieses Buch ist? Es ist Wunsch- und Horrorszenario, ein ausgeklügeltes Spiel und bitterer Ernst, existenziell und banal, schön und widerwertig. Und vor allem:

The challenge of Only Revolutions is to learn how to unread the way you read.



Ein Buch, das von zwei Seiten lesbar ist, 360×½ Seite aus Haileys Perspektive, deren erste Seite die letzte der 360×½ Seiten von Sam ist. Zeitraum: 22.11.1863-19.01.2063. Jede Doppelseite ist überzogen von gegenläufig größer und kleiner werdenden 360 Worten, angeordnet in 2×4 Spalten, von denen jeweils die Hälfte auf dem Kopf steht. Die inneren 4 Spalten stellen ein Chronomosaik dar, aufgereihte Weltgeschichte.

Durch 200 Jahre hangelt sich Danielewski, indessen ab 2006, dem Erscheinungsjahr des Buches, nur noch flächiges Weiß in der Randspalte zu sehen ist. Aber auch das gehört zum Bild und Begriff der Geschichte. Vielleicht ist es das vorgeblich weiße Blatt der Geschichtsschreibung, vielleicht schüttelt dahinter aber auch Benjamins Engel der Geschichte seine zerzausten weißen Flügel und treibt auf eine stürmische Zukunft zu, eingedenk aller Katastrophen. Vielleicht ist es aber auch nur das Weiß von Danielewskis Hütlein, die schreibend ausgerauften Haare vertuschend.

Die 200 Jahre laufen neben dem zwischen Lyrik, Prosa und Wortgemetzel oszillierenden Text her, maximal verklausuliert wird darin von Begebenheiten des entsprechenden Jahrestages berichtet, Bewegung gebannt in eine Liste, ein absurdes historisches Faktensammelsurium: Massenexekutionen gefolgt von Baseballergebnissen, der Gewinner eines Pferderennens galoppiert hinter Naturkatastrophen, Footballspieler jagen Kriegsausbrüche, in Vietnam Ermordete werden hinter dem Frauenwahlrecht in Peru gelistet, Arbeiterstreiks blockieren den Platz hinter Firmengründungen, Ölkrisen brechen nach der Huldigung technischer Errungenschaften aus, Lolitas und Diktatoren, Soldaten und Wissenschaftlerinnen. Moldawien, Malaysia, Libanon, Island, Venezuela, Algerien, Äthiopien, Kuwait, Schweiz und viele Schauplätze mehr – und natürlich Washington, New Orleans, Georgia, Cincinnati, New York, Cape Canaveral, the list goes on. Die Ermordung Kennedys am 22.11.1963 ist dabei Mittelpunkt der 200 Jahre Geschichte, der Beginn von Haileys Perspektive und das Ende jener von Sam. Der Dreh- und Angelpunkt, Anfang und Ende der Erzählung markieren das Ende als genuinen Anfang mythischer Erzählungen. Mythisch geladene Narrative, die zugleich kreisend Erinnerungen und nicht Realisiertes zum Begehren nach einer anderen Vergangenheit in der Gegenwart machen. Auf die Zukunft kann man nicht neidisch sein, auf die Imaginationen von Gewesenem und jetztzeitlich Stattfindendem schon.

Hailey und Sams Roadtrip kreuzt die Wege der Weltgeschichte nur als korrespondierende Fluchtpunkte – sie selbst sind nur auf den Routs der USA unterwegs, dabei immer und „almighty sixteen and so freeeeee“. Sie entgrenzen sich von Raum- und Zeitlogiken, schmiegen sich an letztere aber als Huldigende der Mythen des Alltags und der sozialen Imprägnierung des Ich-Ausdrucks an: Ihr Slang brettert durch die Jahrzehnte, in den 20ern schwofen sie Charleston, in den 50ern tanzen sie Rock’n’Roll und karriolen in einem Plymouth Belvedere, der sich wie von Zauberhand in den 6oern in einen Dogde Dart und danach Dekaden dekadentierend in einen Chevrolet Caprice verwandelt. Im Land der Autos kann der Kapitalismus abgelehnt werden, wenn die Karren vom Himmel fallen.

Hailey und Sam erleben das Gleiche, aber nicht dasselbe, ihre Geschichte wird durch ihre häufig diametralen Subjektivitäten zu zweien und verschmilzt dann wieder. Zwei flimmernde Gestalten drehen sich um sich selbst und umeinander und umkreisen dabei auf einer schlingernden Bahn den Mythos Amerika. Um ihre gemeinsame Geschichte lesen zu können, muss man das Buch beständig um 180° drehen und von der anderen Seite aufschlagen. Um die weiteren textuellen Schlagabtausche und Resonanzräume am dritten und vierten Faden der Geschichte mitzulesen, muss auch noch eine weitere Drehung zum kopfüberstehenden Text derselben Seite vollzogen werden. It’s all about 360°, eine ewige Reise, deren Geheimnis die Multiplikation von Rotationsprinzipien ist, ein gekoppeltes Perpetuum Mobile, das alle linearen Fortschrittserzählungen aushebelt und sie simultan im Vorbeifahren aufruft, kommentiert und niederschreit.

Haloes! Haleskarth! / Contraband! / I can walk away from anything. Everyone loves the Dream but I kill it. Bald Eagles soar over me: – reveille Rebel! I jump free this weel. On fire. Blaze a breeze. I’ll devastate the Word. No big deal. New mutiny all around. With a twist. With a smile. A frown.Auszug aus Only Revolutions

Das sind die ersten Worte des jungen Outlaws Sam, die befreiende Lust am selbstgemachten Fiasko. Was danach passiert? Sam und Hailey verbünden sich in der Absage an die bürgerliche Gesellschaft und den Stillstand, womit ein wilder Trip durch die USA beginnt, der bis zur Mitte des Buches von einer Dynamik der Steigerung und Intensivierung von Gefühlen, Geschwindigkeiten, Energien und Freiheit bestimmt ist und genau auf Seite 180 umschlägt in eine Bewegung der graduellen Reduktion all dessen, ein erschöpftes Abflauen und delirierendes Desillusionieren. Daneben erahnt man eine eskalierende Party, eine Orgie, es geht weit hinab in die skandalöse Realität eines amerikanischen Krankenhauses und prekäre Arbeitsverhältnisse in St. Louis. Hailey ist mehr mit der Abwehr sexueller Belästigungen als mit Kellnern beschäftigt, Sam putzt unter Schikanen aller Art Bistroböden. Später folgen ein Heiratsantrag und ein tragischer Autounfall, vor allem aber geht es um Sex, Autofahren, Drogen- und Alkoholkonsum und entsprechend highe und gleichermaßen ramponierte Zustände und einige hitzige Begegnungen mit Nebenfiguren und Ordnungshütern. Oft ist es aber auch schlicht unklar, was gerade wo und wie passiert. In diesem vernebelten Zirkel jagen sich enthusiastische Bejahungen der sinnlosen Fülle und todtraurige Momente des rasenden Stillstands, ein Scharren auf verbrannter Erde der rastlosen Hufe zweier Fohlen, die so naiv wie abgebrüht, so gewalttätig wie zärtlich sind – und darin Menschheitsgeschichte forttragen, erzählen und dann wieder links liegen lassen. Die amerikanischen Ideale von endloser Freiheit und Mobilität verglühen im selben Moment, in dem sie als glimmend Kerne dieser zwei Existenzen erkennbar werden.

Gerhard Falkner, der Only Revolutions mit Nora Matocza übersetzt hat, diagnostizierte vorsätzliche Beihilfe zum Poststrukturalismus per Einschreiben und mit Nachsendeantrag, absolute Beliebigkeit bei extremer Kunstfertigkeit. Natürlich, dieser Text ist auch ein postmodernes Spielchen mit oder vielmehr gegen klassische Narrative in der Literatur und jenes der Literatur und ihrer altehrwürdigen Traditionslinien selbst. Und ein bisschen lächerliche selbstauratisierende „How’d he do that“-Art von einem Autor, der hochfliegend ein Werk des Anderen anvisiert, das verkrustete Betriebsstrukturen genauso aufweichen und unterspülen soll wie herkömmliche Wahrnehmungsmuster und Leseerfahrungen. Was unterscheidet Only Revolutions aber von den vielen avantgardistischen literarischen Werken und deren Pseudo- oder Vulgärvarianten, die sich durch betörend hübsch neben- und übereinandergelegte Textebenen, ausgefuchste Chiffrierungen und Querverweise, clevere Strukturgeflechte und berückende Formexperimente verausgaben? (Daneben ist der Text natürlich nicht nur deren Anderes, sondern auch eine Hommage an die Literatur, an Zettels Traum, an Joyce und den pilgernden Lord Byron und auch an Ezra Pounds Cantos, als solche liest Falkner Only Revolutions). Kurz:

Why read it?

1. Diesen Revolutionen spürt man die Verausgabung nicht an, nicht die hoch gespannte Strenge der formalen Raster, nicht den strapaziösen Prozess der Verdichtung von Informationen und Sprache. Vielleicht aber das Lauern eines ebenso existenziell wie augenzwinkernd bestimmten Schaffens, ohne dass Clash und Krise dessen als Selbstreferenz aus dem Text herausnervten. Hier dennoch Danielewskis Diary:

2. Danielewskis Sprache und die des Übersetzerduos Gerhard Falkner und Nora Matozca sind durchwuchert von Spracherfindung und Sprachzertrümmerung und hebeln darin normative und zur Gewohnheit gewordene Sprech- und Schreibweisen aus. Neben einem Heer an Neologismen begegnet man einer Mixtur aus poetischen Wortsalven, Alltags- und sehr viel Vulgärsprache, daneben wird im Fachjargon der KFZ-Technik, der Börse, diverser Sport- und Tanzarten, Waffentechnik und vielem mehr herumgetobt. Darüber und darunter antike Mythen und Popkultur, hunderte Pflanzen und Tiere – High und Low Culture gehen Hand in Hand und verweisen in dieser Tändelei auf die bereits überwunden geglaubte Trennung. Während so oft mit jeder legendären Beschwörung eine neue Schlinge des Mythos-Bandes um die Realität gezogen wird, bricht in Danielewskis Verbildsprachlichung des Fetischs Amerika und seiner Ironisierung (übrigens auch ein Fetisch) das Andere ein: Die immer wieder nach vorne gedrehte Hinterseite der Sprache und der Geschichte lockert die festgezurrten Ausdrucksformen und Narrative, semantische Strukturen und Sinnfixierungen verstrahlen on the road. Wenn man über Worte stolpert, die neu zusammengebunden, bedrohlich eingekreist oder in völlig neue Dunstkreise versetzt werden, lösen sich langsam aber sicher die Referenzverhältnisse zwischen Bezeichnung und Bezeichneten.

–Ever, he smees. / I’m yours, I splee. Forever. / – And never again, we agree. Ready to power on. US: – We’re over you. / Long goneing from THE CREEP for / more turns of a road. Wild & amped. / We’re chears across fields & hully, pasture & parklands without exceptions. Except US. / We’re every exception. Exceptionally stoked / How we ricochet away by Iraqi forces, UN forces / and rainbow ravers floating civilly below. / Where’s the spaceship? / everybody flips. / Even if nobody gets a whiff. / The slinkiest gist of who / it is we always shplit for.Auszug aus Only Revolutions

Die beständige Durchkreuzung der jubilierenden Saltos von Hailey und Sam durch Gewalt, Obszönitäten und gegenseitige Entwertungen und Glorifizierungen offenbart die andere Seite des Exzesses, der und ihrer Geschichte. Ein Jahrmarkt des Monströsen. Und dennoch sirrt in der Schönheit der Sprache auch die poetische Überhöhung und Bejahung des platoamerikanischen Ideenhimmels. Sprache hat sich hier von Repräsentationslogik gelöst, man kann sie lesen wie Yoko Tawada Celan: „Gedichte wie Tore zu betrachten und nicht etwas wie Häuser, in denen die Bedeutung wie ein Besitz aufbewahrt wird.“ Darum geht es doch in der Literatur.

3. Die Form funktioniert. Ein um seine Figurenachse rotierender Kreisel, der bei jeder Umdrehung Energie erzeugt und sie in der nächsten wieder ausgibt, ist als Lektüreerlebnis überzeugend, weil es dessen Erweiterung in den Bereich anderer Künste und entsprechender Wahrnehmungsformen scheinbar mühelos bewerkstelligt. Der Text ist als Konzeptkunst lesbar, als exakt verwobene lyrische Installation, deren Kreiszahl nur annäherbar ist. Das Konzept ist das eines Enigmas, dessen Reiz im inneren Chaos der Ordnung liegt. Man kann dieses Buch unendlich mal lesen und immer blitzt ein weiterer Sinnzusammenhang auf, der beim nächsten Lesen zerfällt.

4. Sich in sich selbst erschöpfende Konzeptkunst ist langweilig und das Lesen des Konzepts der Konzeptkunst noch langweiliger, deshalb hier ein floridierend oszillierender Fächer an weiteren Möglichkeiten, Only Revolutions zu konsumieren (was ja immer auch ein Ausgeben ist), womit übrigens das Beste an diesem Buch verraten ist: Man muss es nicht lesen.

4b (4a war das Konzept) als lyrisches Musikstück. Das ist nicht nur viel Lärm um Alles, sondern mind blowing Lautpoesie und ein Klangkunstwerk aus komplexen Reimschemata, Leitmotiven und wie der Dichter es besser sagen kann: die Verknappung, die Phonifizierung, die unermüdliche Verschränkung von Assonanzen, Ordonanzen, Kosmonanzen und Dissonomien.

4c als Skulptur. C hat Only Revolutions als skulpturalen Text im Sinne der kinetischen Kunst gelesen, also als ein Werk, dessen Methodik und Ästhetik die permanente Bewegung ist. Hailey und Sam bewegen sich ständig, die Geschichte, die Referenzen – und das Buch, das nur funktioniert, wenn sich die Leserinnen zu Mitautorinnen machen, indem sie die Drehungen innerlich und äußerlich mitvollziehen. Und am Ende der Geschichte wird vielleicht ein Leser selbst zur stillgestellten Skulptur, aus Blei gegossen, eine Bibel der unbedingten Veränderung in der Hand – und erst in dieser Kombination wird die Dialektik der Bewegung und ihrer Negation und damit das Buch erkennbar.

4d als Anleitung für Revolutionäre ohne Revolution. Ich hoffe auf alle, die meinen, sie hätten eine Anleitung zur künstlerischen Umwälzung in der Hand und dadurch zu Suchenden und Schaffenden werden, denn das haben sie natürlich nicht.

Sam, entspannt, bestreitet unser Alter, / das ich gehorsamst / angebe. Nur zaudert / DER LEUTNANT angesichts der / Nationalverteidigungsstraßen von Unfällen zugeschrottet. / – Was zum?! / – Wir haben keine Versicherung, besänftigt Sam. / Älter wird man vonselbst. Nurdie Ruhe. / Doch seine Ruhe versagt, und damit die / Rechtssprechung, die schon in Unordnung ist, als wir / losstarten und IHN seufzend zurücklassen, / inmitten ramponierender Karambolagen, brennender LKWs, / zersplitternden Glases, durch kilometerlanges Bremsen / windschief verbogener Limousinen, über Verteiler & Schienen / geschleuderter Massen, die nur DEN verrenten, / der schon von Krankheit entfleischt ist, und UnS, / die wir IHN für Staubwirbel neuzusammensetzen.Auszug aus Only Revolutions

Aber für den Bricoleur der abgeschmierten Revolutionen der Historie, der gesellschaftlichen Misere und der körperlichen und seelischen Saltos und Kettenunfälle von verknallten Teenies, die sich für den lodernden Nabel der Welt halten, entsteht dieses schwingende Lesen, das so charmiert und auf den eigentlichen Ursprung des Titels verweist, wenn es so etwas gäbe: De revolutionibus orbium coelestium von Kopernikus. Diese Umschwünge der himmlischen Kreise sind eine doppelte Revolution, unfassbare Drehungen, die gleichzeitig das Weltbild Mitte des 16. Jahrhunderts revolutionierten (Planeten inklusive Erde um Sonne, Erde um eigene Achse) und einen Skandal im Sperrbezirk des egozentrischen Menschleins verursachten. Hailey und Sam sind die Protagonisten des Vorabends dieses Skandals und der Skandal selber. Vielleicht ist das die Erkenntnis.

4e als nicht jugendfreien Porno von und mit Jugendlichen, erst. Später auch als Chronik sexueller Belästigung.

Hailey with DOLLY, a threesome for / moresome. What’s to substract? /Here’s POLLY & MOLLY. Cloche hats / removed! Golly Galore. Garters / abused! Chatsous HOLLY, gores and stockings despooled! / Scores to defile. Sweet, naughty, / beguiling and rude. / Cases of Dom filling a pool. / We all lap together, everyone nude. Barneymugging their curls, while / them mollycuddle to swallow / my national endowment’s prize, dowsing for tonsils, hymens / and quivering thighs. It’s feathers & a first, fast over the / flirt, ready and dirty to blurt.Auszug aus Only Revolutions

4f als verschriftlichter, weißer HipHop. Vielleicht ist es doch kein Versepos, sondern Rap.

4g folgernd aus e & f: als Steilvorlage für die Betrachtung und Darstellung von Sexismus und kultureller Aneignung in der Postmoderne. Indes auch Hailey austeilt:

Siebenschichtbedampft mit meinem sexydexy / Induktionsarsch fordere ich DIESE BANDE heraus / die’s juckt, /mir zu zeigen / wie man bei mir einen / Fehlstoß landet. Bin bereit…Jeder ETAPPENHENGST droht auszusteigen. / Och, komm schon, geht ja um nix. / Ich willige ein. StoßfürStoß. / Volle über Bande. Karambolagen / mit den Halben. /Effetstöße. Jump-Shots. / Rasendrollende Klunker. / DIESE LANDEIER jubeln, brechen zusammen, / wenn ich ihre Billardeier wegbombe, Spielfeld abräume, / während DIESEN LUSCHIS die Kinnlade / runterklappt.Auszug aus Only Revolutions

4h als transzendierendes Search Engine Handling Optimizing. Man setze sich dem Wahnsinn aus, das Chronomosaik zu entschlüsseln und versprochen seien extreme Steigerung der neuronalen Kombinationsfähigkeiten und des Wissensbestands in amerikanischer und Weltgeschichte und der historischen Ergebnisse des Kentucky Derby, der Major League und des America’s Cup, des Weiteren zwei Jahre Arbeit für drei Personen, nackt am Boden zappelnde Nerven, einen Gaze into the Abyss der Informationsflut und der Menschen. Eine Grenzerfahrung.

4i als Zeitvertreib. Für immer und zwischendurch. Only Revolutions lässt sich auf jeder beliebigen Seite anfangen, man versteht alles und nichts und kann die hübschen an- und abschwellenden Schriftverläufe betrachten, lyrische Implosionen in Wort- und Satzschnipseln einfangen, bunt markierten Buchstaben hinterherlaufen, einen Katalog der mit Hailey sprechenden Pflanzen und der mit Sam sprechenden Tiere anlegen oder einfach nur drehendrehendrehen.

Nora Matocza und Gerhard Falkner haben sich zwei Jahre um das Buch gedreht, übersetzend und daran beinahe überschnappend und herausgekommen ist eine Meisterleistung der Translation, aber auch ein weit darüberhinausgehendes Wuchern mit Wortpfunden und Wissensbeständen. Es ist verwirrend, dass dieses eindrückliche Projekt am Rande des öffentlichen und kulturbetrieblichen Unterschalls geblieben ist, denn es multipliziert die eben offerierten Wahrnehmungs- und Lesarten um ein Vielfaches. Die Übersetzung zeigt sich hier nicht als defizitäre Nachahmung eines Originals, sondern als dessen tief begreifende und seitlich ausschlagende Vermittlung und darin als originär kreatives Werk. In dieser Mischung eröffnet sich ein Blick durch das Blätterdach der Sprache und ihrer deutschen und englischen Verzweigungen.

Ich kenne Only Revolutions durch eben diese Übersetzung, über die ein gewisser R. M. Erdbeer letztes Jahr anlässlich des 60. des Lyrikers, Autors, Essayisten und Übersetzers Gerhard Falkner sprach. Eigentlich sprach er über den immensen Kraftakt, eine Rezension über den noch immenseren Kraftakt von Gerhard und Nora, den überdimensional immensen Kraftakt Danielewskis zu übersetzen, zu schreiben. Herr Erdbeer drehte so charmante wie intelligente Pirouetten um numerologische Performanzen, Postfaktenreise, Archivpoetik, die Proliferation amerikanischer Lexeme, Kontingenz wurde in Emergenz und Emergenz in Transzendenz verwandelt und Seinsdispositive wurden zu poetologischen Agenten – neben der eleganten Anmerkung, dass die zwei Halunken aus Only Revolutions ununterbrochen nichts geringeres als den amerikanischen Traum vögelten. Tatsache. Tatsache ist auch der Hinweis, dass Falkner/Matocza keine Sekundärvertextung, sondern eine verwegene und wissende Entgrenzung eines ohnehin entgrenzten Textes vorgelegt haben. „Kluges wurde tiefer, Wildes radikaler, Abseitiges schräger, Mutiges gewagter, und Klamaukiges ironischer. Erotisches, die Schwachstelle der amerikanischen non-HBO-Produkte, wurde explizit.“ So Erdbeer unter der Überschrift Bekifft unter Flöten.

Bei der Übersetzung eines Buches, bei dem man bei jedem 2. Satz nicht sicher sein kann, was passiert, weil es nicht mal Sätze sind, die zudem oft aus grammatikalisch und semantisch verfremdeten Worten bestehen, ist nicht kreative Beliebigkeit, sondern Genauigkeit das Mittel der Wahl. Es ist nicht egal, ob es um Football, Gruppensex, Motortechnik, nordamerikanische Flora oder die Zusammensetzung von Ausgespienem geht, denn es geht vielleicht um Alles, aber in Nuancen und Schichten. Der Dichter trippelt hier nicht auf Zehenspitzen durch Wortgeflechte, sondern wendet und beglotzt die Worte solange, bis diese ihre verschiedenen Deutungsebenen, kulturellen und soziohistorischen Konnotationen, Lautbilder und Gegenspieler im Text und in der Geschichtsspalte preisgeben. Bis sich aus dem Maximum an möglichem Wissen und Verstehen die eigene Sprach- und Sinngenese entfalten kann: Eine Mixtur aus dem Transfer von Uramerikanischem und passgenauen, dabei mutig assoziierten Register-, Zeilen- und Kultursprüngen. Jedes Wort wird einzeln eingekreist, entzerrt und wieder verdichtet, jede Seite auch, denn Nora beharrte darauf, dass die Struktur der 4 x 90 Worte pro Seite und Sinneinheit bestehen bleiben muss. Natürlich, und dennoch wäre man hier versucht, von Unübersetzbarem zu sprechen, ist die englische Sprache doch so viel knapper, dabei in jedem Wort häufig ein deutlich größerer Bedeutungsradius, einerseits vielfältiger, weniger eindeutig markiert. Zugleich ist gerade das amerikanische Englisch beladen mit Mehrdeutungen, Umdeutungen und Anspielungen, angeeignet und entwickelt in regionalen Sprachvarianten, Subkulturen und im Slang, im Meltingpot der Wörter.

Die Lösung? Auch in der deutschen Variante ist Sam in den 20er Jahren mit Rekurs auf die Flappers popsolut scharf auf coole Jazzcats, die vergnügt dahingleiten im Shimmy-takt, ist beklommen angesichts der Bauerntrampel, Drogenhopper und Absatzklackerern, macht die Flatter, um dann quickflott über Zuchtperlen zu cakewalken, Schwanenkapriolen aus Spaß, während WallstreetHeinis, Sirenen und Schnicken seine Tupfschritte schnipsen. Auf dem deutschen Buffet gibt es für das Fräulein Sturm und Drang Trauerklöße und / Zuckertörtchen mit / Sahnehäubchen. Schlagobers, danach gehtsch ihr scho schlecht, aber sie fläzen sich hin für ein lässiges Fickerchen, Good-Bye Glöckchen an Poliolanski und die andere alten Knacker, lüsternen Grabscher und Vokuhilas, die Hailey losschenkelnd verschlampen und fickulieren wollen. Quarterbacks bleiben im Match, daneben laufen aber Lahm und Bombermüller aufs Feld, während Hailey und Sam mit Vollgas vom Schotter dragstern, losschnurren, mäandrierend vorbei an Zeltlippenlagern und Volksbildungslöchern, an rammdösigen, deliridusseligen, schmalzlockigen Rabauken, an abgeranzten Ghettomullahs auf dem Nürburgring, yuppifizierten und frohversichtlichen Börsenmaklern, die Haut den Lukas spielen mit Hardcorestrichern und schwer verkrämpften Erdölartisten. Zitat Ende.

Vielleicht ist die Übertragung und Neuerfindung aus der verdoppelten Mimesis und Differenz entstanden. Auch hier ein Paar, das mit denselben Papiertigern kämpft, aber nicht mit den gleichen, jeder mit eigenen Kampftechniken, Waffen und an verschiedenen Orten. Gerhard Falkner hat dieses Buch als Dichter übersetzt, als ebenso exakt webender wie immer das Neue suchender Sprachkünstler. Nora Matocza hat es als bildende Künstlerin übersetzt, angereichert mit der nötigen Portion Pragmatismus und Handwerkskunst. Nora, im Süden Deutschlands: zehn Seiten Rohübersetzung, abgeschieden, mit gespanntem Form- und Sprachbewusstsein, Entschlüsselung und Übertragung von Grammatik, Wort- und Sinngerüst, im Bogen nach Berlin. Dort Gerhard, Verknappungen, Mehrdeutigkeiten, Klangbild der englischen Sprache in das Deutsche flechten, Wirkungsäquivalenzen ventilieren, USA großschreiben und dennoch für den deutschen Leser verwandeln, Wortakrobatik, Sinn- und Sinnlichkeitsspiele. Wieder zurück, Wortgefechte und textliche Verschmelzungen, hin und her und hin und her.

Gerhard nennt es Übersetzungs-Gulag oder Straflager, Nora die Hölle, schrecklich. Um dem zu entkommen, übernahmen Assistenten zeitweilig die akribische Recherche der tausenden von historischen Chiffrierungen. Irgendwann beschloss man die geplante Kapitulation, wenn man nach zwei Stunden nicht auf die Lösung eines Begriffes oder einer Zahl gekommen war. Ein Akkord nur, aber lange zieht er sich. Das erzählte mir Gerhard, von Vögeln, Erdbeeren und Schnecken begleitet, zwischen den grünen Methusalemen des Berliner botanischen Gartens und dann meinte er, man könne Only Revolutions ja durchaus auch als Oratorium begreifen und dann kamen wir auf John Cage, der damals in New York Joyces Finnegan’s Wake wie ein piepsendes Vögelein vorgetragen hätte.

For we pos-ess nothing . Our poetry now
Is the reali-zation that we possess nothing
Anything therefore is a delight
(since we do not pos-ess it) and thus need not fear its loss
John Cage

Die deutsche Version von Only Revolutions hat einen Rhythmus erhalten, der im Wechselspiel einer Ökonomie der Sprachausschöpfung und einer der Sprachreduktion, das ständige Überholen von Bedeutungszusammenhängen spiegelt – Sprache wird frei ausgegeben, es gibt nichts zu verlieren. In dem frei fließenden Sprachduktus ist Raum für alles nicht Gesagte und zugleich lassen die Direktheit und Härte der Worte alles sagbar erscheinen. Kein Wort und keine Verbindung ist zu verknotet, zu versaut, zu sehr mit gleichermaßen Übermut und Grauen aufgeladen, als das sich Sprache und Geschichte darin nicht nochmal anders denken ließe. Was diese Übersetzung auszeichnet, ist die Übertragung und Steigerung einer produktiven Dialektik, in der die Arbitrarität und Konventionalität von Sprachzeichen vorgeführt und lachend über Bord geworfen wird, Sinn ist ein Spielball und mit Dreck und Kot wird lautmalerisch ästhetisiert. It is a delight. Und eine Erinnerung, dass man zu diesem Buch übersetzen kann und sollte, es anschauen, anhören, studieren, zerreißen, googeln oder auch lesen kann, auf deutschen Drehbühnen und durch amerikanische Schlaglöcher grasierend.

P.S. Dichterisch dichte Worte über die Übersetzung von Only Revolutions von Falkner selbst sind zu finden in dessen Bekennerschreiben: „Übersetzen in Pfahlbauweise und die Grundmauern der Pergamon Poems” und „Mon Dieuleuze! Translating Danielewskis Only Revolutions für gehobene, meta-inhaltliche Kreise”.

Sophia Lohmann

1992 geboren in München, lebt seit 5 Jahren in Berlin. Nach dem Bachelorstudium der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft und Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin Wechsel in den Masterstudiengang der Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität. Durch kurze Stationen im Journalismus und in der Literaturvermittlung, Arbeit als HiWi am Peter-Szondi-Institut und eigenes Schreiben weiterhin der Literatur verbunden, daneben aber auch im Medium Film und Theater zuhause.