Shortlist 2018: Liebesroman


23. Mai 2018
von

Die Epitext-Redaktion beantwortet 13 Fragen zum Buch von Ivana Sajko, in der Übersetzung von Alida Bremer eingeladen zum 10. Internationalen Literaturpreis.



Liebesroman
von Ivana Sajko
aus dem Kroatischen von Alida Bremer
Voland & Quist, 176 Seiten, 18 Euro

1. Der erste Satz
»WORTE, WORTE, WORTE, rief er mit voller Stimme, es war das Erste, was ihm eingefallen war, als er es endlich geschafft hatte, sich zwischen ihre fieberhaft hervorgestoßenen Sätze zu drängen, er hatte nicht einmal versucht zu begreifen, wovon sie sprach, ihr heißer Atem an seinem Ohr hatte ihn aufschrecken lassen, er war irritierend hartnäckig wie ein Wecker gewesen, er wollte ihn mit einem Faustschlag zertrümmern und brüllte deshalb Worte, Worte, Worte, wie ein Mensch, der den Klingelton des Weckers nicht mehr ertragen kann, wie ein Mensch, der, seien wir ehrlich, auch ihre Nähe nicht mehr ertrug, und auch nicht ihren Mund und den heißen Dampf, der ihm entwich, er brüllte mit der Kraft eines verletzten Menschen, als hätte sie ihn verbrüht, und sie hatte kurz den Eindruck, dass durch sein Brüllen die Wände einstürzen würden, deshalb krümmte sie sich zusammen, versteckte ihren Kopf in ihren Händen, raufte sich die Haare und kniff ihre Augen so stark zusammen, dass es schmerzte, sie reagierte typisch weiblich, typisch für seine Maßstäbe, das heißt übertrieben, hysterisch und selbstzerstörerisch, da sie voller Absicht ihre Haare mit den Wurzeln herausriss, absichtlich krümmte sie sich zu der Form eines zerschlagenen Weckers, und sie zwang sich zu weinen, als wollte sie sich mit dieser klassischen Szene häuslicher Gewalt rächen.«

2. Der letzte Satz
»Und dann stand der Vater auf und ging pfeifend durch die Tür, er krempelte die Ärmel seines Hemdes hoch und schob das Auto bis zur Benzinsäule, tankte und zwinkerte ihnen zu, als würde die frohe Zeit eigentlich erst jetzt beginnen, genau in dem Moment, in dem er der Mutter das Zeichen geben würde, das Sandwich und das Kind zu schnappen und selbstbewusst durch die Tischreihen zu laufen, dabei ihre Edelsteine zu verstreuen und deren geschliffene Kanten jedem, der ihnen folgen oder sie aufzuhalten versuchen würde, in den Weg zu legen, alle Löcher, Abgründe und Risse zu umschiffen, die sich vor ihr auftun würden, während sie das Kind an sich drückt und die Stunden zählt, die sie braucht, um die Strecke vom Restaurant zum Beifahrersitz zurückzulegen, wo er bereits wartet, er hat den Motor angelassen, er trommelt mit seinen Fingernägeln auf dem Armaturenbrett herum, er schwitzt noch immer, aber beharrlich pfeift er etwas Heiteres und Unverbindliches, ohne sich um die still stehende Zeit zu kümmern, und er wird so lange pfeifen, bis die Mutter die Tür geöffnet, sich gebückt und hingesetzt hat, das Kind auf dem Schoß, sich den Sicherheitsgurt angelegt hat, bis die Uhrzeiger sich entriegeln, damit die Zeit wieder voranschreiten kann, und erst dann werden sich die freundliche Kellnerin und zwei Männer in Tankstellenoveralls auf ihr Auto stürzen, wobei sie rufen und mit den Armen wedeln werden, sie sind gezwungen zu blinzeln, da Mutters Lächeln sie blendet, es leuchtet ihnen direkt in die Augen, es prallt von den Glaswänden und von den Sicherheitskameras ab, während der Vater den Rückwärtsgang einlegt und dann mit quietschenden Reifen auf die Ausfahrt zufährt, in aller Entschiedenheit, als wüsste er, was folgen würde, als hätte er all das selbst geschrieben, als wäre es wirklich möglich, die Wirklichkeit durch Worte zu ersetzen, der Oberfläche der Welt eine Fiktion überzuziehen und sie mit Wundern zu verzieren, die Reihenfolge der Dinge umzukehren, die Komposition der Landschaft auf den Kopf zu stellen, den Himmel mit den Inseln und das Meer mit den Wolken zu durchmischen und darauf eine Frau und ein Kind blau anzumalen, sie mit Gold, Perlen und Edelsteinen zu überschütten, die plötzlich im Überfluss vorhanden sind, und dann endlich etwas Großartiges zu tun: einen Punkt setzen, den Lenker herumreißen, Gas geben und ihnen zuliebe losfliegen.«

3. Der stärkste Satz
»Scheiß drauf.« (S. 133)

4. Der Plot in fünf Wörtern
Ein Paar kreist um sich.

5. Von dieser Figur werde ich noch träumen, weil…
Von dem Nachbarn, einem Kriegsveteranen, dessen neue, ebenfalls aussichtslose Mission die Ordnung in Haus und Hof ist und der von den Menschen, die er vorher als »Abfall« bezeichnet, in den Müll geworfen und auf eine viel befahrene Kreuzung gerollt wird. Der Nachbar kann einem leidtun – auch wenn die von ihm Verdammten nicht ungerecht gehandelt haben.

6. Don’t judge this book by its cover. Oder doch?
Das Buch sieht gut aus, fühlt sich gut an, ist aber dünn.

7. Daran musste ich beim Lesen denken
Menschen sollten aufhören, schlechte Beziehungen zu führen.

8. Das sagt der Autor/die Autorin über sein/ihr Buch
»Ich entwerfe Charaktere, die nicht sonderlich talentiert, clever oder mutig sind und zeige sie in ihrem Kampf mit der Welt.« (Tagesspiegel vom 29.05.2017)

9. Der schönste Satz, den ein Rezensent/eine Rezensentin über den Text geschrieben hat
»Geld haben sie keines, dafür aber ein kleines Kind, das mit zwei frustrierten Eltern aufwächst. Das Elend und die Arbeitslosigkeit schaffen viele Gelegenheiten, sich zu streiten. Aber das Paar bleibt zusammen, und so wird der ‘Liebesroman’ seinem Titel am Ende doch gerecht.« (Frankfurter Rundschau vom 17.12.2017)

10. Der schönste Satz, den nie ein Rezensent/eine Rezensentin über die Übersetzung geschrieben hat
Alida Bremer schafft es, einen Text, in dem viel geschrien, gestritten und geflucht wird, nicht nervig klingen zu lassen.

11. Das Besondere an diesem Buch ist…
Das Tempo, mit dem es Stagnation beschreibt.

12. An wen würde ich das Buch verschenken?
Ledigen Bekannten, die nicht mehr als halbwegs politisch sind.

13. Was macht das Buch mit der Welt da draußen?
Das Buch reduziert die Welt auf vier Wände mit Decke und morschem Boden. Wer da nicht rauskommt, wird irgendwann aggressiv.