Shortlist 2018: Vogelgeister


23. Mai 2018
von

Epitext-Redakteur Rudi Nuss beantwortet 13 Fragen zum Buch von Eliot Weinberger, in der Übersetzung von Beatrice Faßbender eingeladen zum 10. Internationalen Literaturpreis.



Vogelgeister
von Eliot Weinberger:
aus dem Englischen von Beatrice Faßbender
Berenberg Verlag, 160 Seiten, 22 Euro

1. Der erste Satz
Als eine »Sammlung merkwürdiger Erzählungen« hat das Buch viele verschiedene Anfänge. Hier ist einer: »Die Lushei, Nachbarn der Mara, glauben, Erdbeben würden von den Menschen ausgelöst, die in der niederen Welt lebten und sehen wollten, ob da oben noch jemand am Leben sei.«

2. Der letzte Satz
Wo es viele Anfänge gibt, gibt es auch viele Enden. Hier gleich der zweite und letzte Satz der oben begonnen kurzen Erzählung: »Bei einem Erdbeben laufen die Lushei aus ihren Häusern und rufen ›Am Leben! Am Leben!‹, damit die da unten Bescheid wissen und mit dem Gerüttel aufhören.«

3. Der stärkste Satz
»Pascal sagte, das ganze Unglück der Menschen rühre alleine von ihrem Unvermögen, in einem Zimmer zu bleiben.«

4. Der Plot in fünf Wörtern
Nur die Vögel zwitschern hier.

5. Von dieser Figur werde ich noch träumen, weil…
Die Gesamtheit der pferdeähnlichen Tiere auf einer geheimnisvollen Insel, die sich einander »mit den Zähnen Stücke aus den Flanken« rissen und Haut und Fleisch davon trugen und den Boden der Inseln mit Blut bedeckten. Weil pferdeähnliche Tiere noch gruseliger sind als Pferde schon ohnehin sind. (Aus dem Essay Inseln im Meer, über einen irischen Krieger im 8. Jahrhundert)

6. Don’t judge this book by its cover. Oder doch?
Ich bin kein Geologe, daher kann ich das abgebildete Gestein nicht entziffern und damit auch nicht judgen. (Ich habe meine Prinzipien)

7. Daran musste ich beim Lesen denken:
Ich dachte an das, woran ein Teil meines verschlafenen Bewusstseins jeden Morgen nach dem Aufwachen kurz denkt: Dass die Welt keinen Sinn macht. Sinn durchzieht die Dinge aber gelegentlich auf eine gespenstische Weise.

8. Das sagt der Autor/die Autorin über sein/ihr Buch:
Sowohl An Elemental Thing (2007) als auch The Ghost of Birds nennt Weinberger »Serielle Essays«. Über sein essayistisches Schreibverfahren sagt er: »My only principle is that I don’t make anything up, that everything is verifiable in one way or another. I mean some of it is strange but I haven’t made it up.”

9. Der schönste Satz, den ein Rezensent/eine Rezensentin über den Text geschrieben hat
»Weinberger’s best essays feel like portals into places or times of which you may have heard, vaguely, but which surprise you with their specificity.« (David S. Wallace, LA Review)

10. Der schönste Satz, den nie ein Rezensent/eine Rezensentin über die Übersetzung geschrieben hat:
Die unzähligen Fragmente Eliot Weinbergers zwischen Poesie, Erzählung und Notiz lässt Beatrice Faßbender fließen wie einen wunderschönen und doch in seinem Verlauf äußerst verwirrenden Fluss.

11. Das Besondere an diesem Buch ist…
…die Selektion und Anordnung der Geschichten. Sinn erschließt sich nicht unmittelbar. Dann bemerkt man Wiederholungen, Ähnlichkeiten, Motive. Alles ist doch irgendwie bekannt und doch immer wieder radikal neu und einzigartig. Besonders ist auch die Unsicherheit der Erzählungen: So wie in dem Essay zur Geschichte Adam und Evas, die Weinberger aber nach verschiedenen Rezeptionsgeschichten gleichzeitig erzählt, wodurch immer unklarer wird, wer Adam und Eva waren und was sie überhaupt getan haben, ob die Schlange im Paradies eigentlich aussah wie ein Kamelbaby oder ob Adam dort keine Erektion bekam.

12. An wen würde ich das Buch verschenken?
An an Mythen interessierte Ornithologen und eigentliche alle anderen.

13. Was macht das Buch mit der Welt da draußen?
Womöglich zeigt es der einen oder anderen Leser*in, wie wenig sie von der Welt und dem weiten Feld der Sprachen und Literaturen weiß. Und hoffentlich verbleibt die Leser*in nicht in ihrem kleinen (gedanklichen) Zimmer so wie William Sharpe am Ende von Vogelgeister, der für 49 Jahre sein Bett nicht verließ und darin verstarb.