Sie verhandeln, sie wägen ab, sie wählen aus …

Über Korrelationen in Übersetzungs- und Juryprozessen

„Daß es beim Übersetzen nicht darum gehe, verbum e verbo sed sensum exprimere de sensu – nicht ‚das Wort durch das Wort, sondern den Sinn durch den Sinn auszudrücken’“, schreibt Umberto Eco angelehnt an Hieronymus in Quasi dasselbe mit anderen Worten. Über das Übersetzen. Darin redet der vielfach übersetzte Autor, Übersetzer und Theoretiker der Übersetzungskunst das Wort und gibt einen tiefen Einblick in ihr Wesen.

Die erste Schwierigkeit, auf die er dabei stößt, ist die der Bedeutung: der Bedeutung des Übersetzungsbegriffs an sich, der Bedeutung (oder vielmehr Bedeutungen) von Worten, von Sprache. Eco gibt zu bedenken, dass sich unter der Übersetzung nicht nur der engere (Wort-)Sinn, also die Übersetzung von einer Sprache in eine andere, verstehen lässt, sondern beispielsweise auch die Übertragung eines Romans in einen Film oder in eine Graphic Novel, also ein Wechsel von Zeichensystemen, eine intersemiotische Übersetzung. Damit wären auch Felder der Interpretation, der Adaption und Hommage inbegriffen, oder zumindest berührt. Doch auch die Frage danach, was Übersetzung nun im engeren Sinn bedeute, führt bei ihm zunächst nur zu einer tautologischen Definition – und der Versuch, Verständnis über ein synonymisches Aufschlüsseln herzustellen, gerät wiederum selbst zu einer Art Übersetzungsleistung.
Zugleich offenbart dieses Vorgehen wesentliche Probleme des Übersetzens: Synonymie; und im Weiteren der Gegenbegriff: Homonymie. Denn selbst bei einer wortwörtlichen Übersetzung könnte ein und dasselbe Wort der Originalsprache in zahlreichen einander ähnlichen Worten der Zielsprache ausgedrückt werden – zumindest theoretisch würde also mit jedem weiteren Wort eines Satzes die Zahl der möglichen Entsprechungen steigen; gleichzeitig könnten in der Originalsprache mit ein und demselben Wort völlig verschiedene Dinge bezeichnet werden, die in der Zielsprache aber nicht in einem Ausdruck zu fassen sind – diese Doppeldeutigkeiten der Worte sind in den verschiedenen Sprachen nicht deckungsgleich. Welcher scheinbar gleichwertige Ausdruck vorzuziehen ist und welche Bedeutungen eines Wortes gewahrt bleiben sollen, lässt sich natürlich über den Kontext aufschlüsseln. Dieser weitet die ‚Problemfelder des Übersetzens‘ allerdings auch auf divergierende Konnotationen, intertextuelle und kulturelle Bezüge aus. Denn fragt man nach dem ‚Sinn‘, so ist dieser abhängig vom Kulturkreis. Eco illustriert das unter anderem am Beispiel des Kaffee-Trinkens: Einen caffè in einer italienischen Bar könne man in einer Sekunde hinunterstürzen, wohingegen man dies – „sowohl wegen der Menge wie wegen der Temperatur“ – bei einem amerikanischen coffee oder auch dem deutschen Kaffee nicht könne. Caffè, coffee, Kaffee: alles scheinbar synonyme Ersetzungen, die hier wohlgemerkt nicht im Sinne der gleichnamigen Pflanze zu verstehen sind. Neben den sprachlichen Regeln müssten Übersetzungen also auch kulturelle Elemente beachten, so Eco, weshalb Übersetzungsleistungen zugleich zu Formen des Interpretierens werden, zu deutenden Operationen: „Übersetzen heißt stets, einige der Konsequenzen, die im originalen Ausdruck enthalten sind, ‚abzufeilen‘. In diesem Sinne sagt man beim Übersetzen niemals dasselbe. Die Interpretation, die jeder Übersetzung vorausgeht, muß festlegen, wie viele und welche der möglichen Konsequenzen, die der originale Ausdruck nahelegt, abgefeilt werden können.“ Doch Übersetzen ist nicht nur ein ‚abfeilendes‘, ein reduktionistisches Verfahren, es kann auch additiv sein: Es könne mitunter dienlich sein, hält Eco weiterhin fest, Übersetzen als ‚Ersetzen‘ zu verstehen, Neuschreiben oder -verfassen, ohne dass sogleich von einer Neufassung zu sprechen sei (der intersemiotischen Übersetzung).

Die Dolmetscherin und Übersetzerin Leila Chammaa, seit 2014 Jurymitglied des Internationalen Literaturpreises, betont, dass man bei Übersetzungen eben nicht das Original lese, sondern die Stimme der Übersetzerin oder des Übersetzers. Und nach Susan Petrilli, Semiotik-Professorin an der Universität Bari, steht vor jeder Übersetzung der implizite Hinweis: „Der Autor Sowieso sagt in seiner Sprache, was folgt …“. Die Übersetzung sei, so Petrilli weiter, „eine indirekte Rede, die sich als direkte Rede maskiert“ – keine bloße Transkription, sondern dem lateinischen ‚translatio‘ folgend eine ‚Übertragung‘, eine ‚Verlegung‘ oder ‚Verlagerung‘, eine ‚Versetzung‘.
Die bislang durchaus räumlich zu verstehende Frage, was aus welchem Sprach- und Kulturkreis wohin, also in welchen anderen Sprach- und Kulturkreis übertragen, verlagert oder versetzt werden soll, stellt sich gerade bei historischen oder historisch anmutenden Texten noch einmal auf anderer Ebene: Sollen die Leserinnen und Leser der Übersetzung in die Zeit der beschriebenen Szene versetzt werden, auch wenn sich Wortbedeutungen gewandelt haben, oder ist ein Verstehen der Szene vordergründig, die Verlagerung in eine moderne oder zumindest nicht historisch verbürgte Sprache maßgeblich? Diese ‚Generationenfrage‘ ist aber auch in anderen Fällen immer wieder zu beantworten, die Dynamik von Sprache verlangt Entscheidungen: Inwieweit soll die Übertragung in zeitgemäße Bilder, eine zeitgemäße Sprache und Zusammenhänge erfolgen?

„Jede Übersetzung bewegt sich innerhalb eines Horizonts literarischer Traditionen und Konventionen, die ihre Geschmacksentscheidungen unvermeidlich beeinflussen (deswegen altern Übersetzungen).“

Eco erkennt in der Flexibilität und Elastizität sowie Ausdehnung von Sprache jedoch einen Ausweg: Zwischen all den Möglichkeiten – den möglichen Äquivalenzen, Reversibilitäten, Treuegraden, den verschiedenen Ebenen – gelte es zu verhandeln, denn nicht alle Dimensionen eines Originaltextes könnten immer und überall zum Ausdruck gebracht werden, das Ideal sei unerreichbar. Es bedürfe der Abwägung und Verhandlung möglicher Verluste an der einen und Gewinne an anderer Stelle. „Man verhandelt die Bedeutung, die in der Übersetzung ausgedrückt werden soll, genauso wie man im Alltagsleben stets ver- und aushandelt, welche Bedeutung den gebrauchten Termini zugeschrieben werden soll.“ Ähnlich hielt auch Hinrich Schmidt-Henkel, der unter anderem Michel Houellebecq ins Deutsche übersetzte, in seiner Rezension für DIE ZEIT fest, „dass ‚richtiges‘ Übersetzen eine notwendige, legitime, ja fruchtbare Umformung des Originals ist. Dicht daneben also, aber gerade darum nicht vorbei.“

Von Eco unberührt bleiben indes Fragen der Bedeutung, die die Übersetzungsleistungen kulturell, gesellschaftlich oder politisch haben, welches Ansehen und welche Anerkennung literarischen Übersetzerinnen und Übersetzern zuteil wird. Die österreichische Übersetzerin und Publizistin Karin Fleischanderl bezieht sich in ihrem Beitrag zum Sammelband Literaturbetrieb in Deutschland unter anderem auf den letztgenannten Aspekt und bemerkt, dass sich Übersetzerinnen und Übersetzer etwas Vorgegebenem annehmen, jenes nachvollziehen und zu einem gewissen Grad interpretieren, aber nichts Neues, Eigenes schöpfen – und reißt damit nicht nur eine Antwort auf die Frage nach Ansehen, sondern auch (urheber-)rechtliche Perspektiven an.

Für die Übersetzerinnen und Übersetzer gilt also nicht nur auf der Ebene des Textes: Sie verhandeln, sie wägen ab, sie wählen aus …

… sie diskutieren, sie streiten, sie verteidigen, sie geben nach.

All das trifft wohl auch auf die Mitglieder einer Jury zu, und bei beiden Prozessen, dem Übersetzen wie dem Jurieren, geschieht es meist im Verborgenen. Am Ende bestimmt die Auswahl der Nominierungen und vor allem der Auszeichnungen das (öffentliche) Bild. Welche Diskussionen und Verhandlungen stattgefunden haben, welche Texte aussortiert oder auch beinahe nominiert wurden, bleibt im Dunkeln.
Fast 1.000 Literaturpreise im deutschsprachigen Raum sind in der Online-Ausgabe des Handbuchs der Kulturpreise gelistet. Unter der Frage „Wer wählt aus?“ findet man bei unzähligen die Antwort „Vergabe durch: Vergabeinstitution“ oder „Vergabe durch: Fachjury“. Je nach Größe des Preises und Umfang der Einreichungen kann es dabei eine einzelne Person oder auch eine Vorjury aus mehreren Personen geben, die das Konvolut der eingesandten Texte eingrenzt, vorsortiert und sie gegebenenfalls in Kategorien einteilt (zum Beispiel thematisch, geografisch oder nach Titeln). Doch spätestens wenn diese Longlist fertig ist, beginnt die Arbeit aller Vergabegremien. Und so ähnlich die Prozesse auch ablaufen: Die Vergabegremien, die Jurys der Literaturpreise werden höchst unterschiedlich besetzt. Je nachdem welches Medium oder welche Institution einen Literaturpreis ausruft, kann die Qualifikation der Jurorinnen und Juroren differieren. Da reicht es mitunter aus, einfach gerne zu lesen, solange man eine bestimmte Voraussetzung erfüllt, die der Institution des zu verleihenden Preises (zweck-)dienlich ist. So warf der Literaturkritiker Richard Kämmerlings den Verantwortlichen hinter der Jury des Deutschen Buchpreises 2015 beispielsweise vor, bei ihrer Besetzung der Jury nur einen Literaturkritiker berücksichtigt zu haben – was er wiederum darauf zurückführte, dass es in der deutschsprachigen Literaturszene immer weniger gute Kritikerinnen und Kritiker gäbe.

Eine Vorschrift, wer in einer literarischen Jury zu sitzen hat, gibt es derweil nicht. Institutionen, Medien oder Stifter stehen hinter Preisausschreibungen und berufen die Jury – und legen dementsprechend auch die Kriterien für ihre Arbeit fest. Bei der Autorin Birgit Vanderbeke „keimte […] der Verdacht, dass Literaturpreise mit Literatur womöglich nicht unbedingt etwas zu tun haben. Dieser Verdacht erwies sich als hilfreich, denn ich meinerseits bekam gelegentlich Literaturpreise, hinterließ meine Unterschrift in goldenen Büchern von Städten, die ich unter anderen beruflichen Umständen niemals betreten hätte und die natürlich von meiner Arbeit herrlich unbeeindruckt weiterlebten“.
Es stellt sich aber natürlich nicht nur die Frage nach den verfolgten Zwecken einer Ausschreibung oder der Zusammensetzung einer Jury, sondern auch die Frage nach den Kriterien für das Jurieren selbst, nach der Motivation der Jurorinnen und Juroren: Urteilen sie unparteiisch oder gemäß eines Fachgebiets? Hat eine Jurorin zum Beispiel Italienisch studiert, ist Journalistin und schreibt hauptsächlich über italienische Literatur, könnte dies vielleicht ein Grund sein, weshalb ein Buch mit Italienbezug von ihr eher favorisiert wird als ein anderes. Oder spielen derartige Geschmacksurteile gar keine Rolle? Und dürften sie das überhaupt? – Sie sollen sogar, so sinngemäß Bernd Scherer, Intendant des Haus der Kulturen der Welt, der angesichts des Internationalen Literaturpreises oft betont, dass die Jury auch auf der Grundlage der „je subjektiven Leseerfahrungen der einzelnen Jurymitglieder“ entscheide. „Alle Jurymitglieder beschäftigen sich ja seit Jahrzehnten mit Literatur und verfügen deshalb über eine hohe Kennerschaft und ein differenziertes Urteilsvermögen.“ Letztlich geht es bei der Vergabe von Preisen also vielleicht vielmehr darum, eine Position zu finden, die alle Mitglieder einer Jury selbstbewusst vertreten, die alle Beteiligten mittragen können, als um die Frage, was objektiv die beste Auswahl sei.

Dieses Postulat der Objektivität und Superlative scheint dennoch über allen Preisen zu schweben, ob sie es selbst vor sich hertragen oder nicht. Gerade die renommierten Preise, die sich auch positiv auf die Verkaufszahlen auswirken können und bei denen Autorinnen und Autoren, Bücher und Verlage in aller Munde sind, rufen immer wieder die Kritik auf den Plan: Literaturkritikerinnen und Literaturkritiker, die nicht der jeweiligen Jury angehörten, bemängeln die Nominierungen und Auszeichnungen, widersprechen den Kolleginnen und Kollegen, schränken ein, ergänzen – selten genug trifft eine Entscheidung auf vollständige Akzeptanz. Ein eher argwöhnischer Blick hält sich hartnäckig. Ihm zugrunde liegt sicherlich eben jener Umstand, dass die Juryprozesse und -diskussionen im Geheimen stattfinden, die Verhandlungs- und Entscheidungsprozesse intransparent sind. Die Öffentlichkeit, das Feuilleton, aber auch das Publikum, Rezipientinnen und Rezipienten, Leserinnen und Leser, Mitstreiterinnen und Mitstreiter sehen sich mit einem Ergebnis konfrontiert, dessen Entstehung sie nicht (in Gänze) nachvollziehen können. Das lädt natürlich ein, darüber zu diskutieren, das Feld um weitere (subjektive) Leseerfahrungen und Meinungen zu erweitern. Beim Internationalen Literaturpreis können wir das ab sofort wieder verfolgen. Und wer weiß: Vielleicht hätte Umberto Eco angesichts all dieser ‚Verhandlungen‘ seine schiere Freude gehabt.

„Eine Entscheidung, gewiß, ein Quasi.“
Umberto Eco: Quasi dasselbe mit anderen Worten. Über das Übersetzen

Mehr zur Jury und zum Preisjahr 2016

Ein Beitrag von Lara Sielmann und Jacob Teich

Verwendete Literatur:

Eco, Umberto: Quasi dasselbe mit anderen Worten. Über das Übersetzen. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2014 (3. Auflage).

Fleischanderl, Karin: (K)ein Rädchen im Getriebe. In: Heinz Ludwig Arnold und Matthias Beilein (Hg.): Literaturbetrieb in Deutschland. edition text + kritik, München 2009 (3., völlig veränderte Auflage), S. 38-46.

Petrilli, Susan: Traduzione e semiosi. In: Susan Petrilli (Hg.): La traduzione. Sondernummer von Athanor, 1999-2000, S. 9-21.

Internetquellen:

Dücker, Burckhard; Neumann, Verena: LITERATURPREISE. Register mit einer Einführung: Literaturpreise als literaturgeschichtlicher Forschungsgegenstand. In: docplayer.org. Zuletzt aufgerufen am 14.3.2016 um 23:27 Uhr.

Kämmerlings, Richard: So schafft sich der Deutsche Buchpreis ab. In: welt.de. Zuletzt aufgerufen am 14.3.2016 um 23:22 Uhr.

Lesemann, Margit: Bernd Scherer über die Bedeutung des Internationalen Literaturpreises. In: buchmarkt.de. Zuletzt aufgerufen am 14.3.2016 um 23:33 Uhr.

Schaefer, Anke: War die Entscheidung für Oz richtig, Frau Radisch? In: deutschlandradiokultur.de. Zuletzt aufgerufen am 14.3.2016 um 23:31 Uhr.

Schmidt-Henkel, Hinrich: Daneben ist nicht vorbei. In: zeit.de. Zuletzt aufgerufen am 14.3.2016 um 23:19 Uhr.