Soundtrack zum Buch: Die Tagesordnung


16. August 2018
von

Wir haben für jeden Titel aus der diesjährigen Shortlist einen kleinen Soundtrack zusammengestellt. Es geht weiter mit Éric Vuillards Die Tagesordnung.



Franz Liszt – La Campanella

In einer der Szenen in der Mitte des Romans unterhalten sich der österreichische Kanzler Schuschnigg und bald-Sicherheitsminister Seyß-Inquart über österreichische Komponisten und schwärmen u.a. für Anton Bruckner, Haydn und Liszt. Diese Passage und diese Stücke stehen hier paradigmatisch für das Spektrum von Vereinbarkeit und Komplizenschaft bis hin zur Vereinnahmung von hochkulturellen künstlerischen Werken deutschsprachiger Künstler durch den deutschen Faschismus.

Avishai Cohen – Remembering

Dieses Stück des Avishai Cohen Trios, komponiert von einem der größten Jazz-Bassisten und -komponisten unserer Zeit, drängt sich nicht nur dem Titel und der israelischen Herkunft des Komponisten wegen auf. Avishai Cohen performt mit seinem kulturübergreifenden Stil die innere Verbundenheit alles menschlichen, und in der Tat alles lebenden überhaupt. Remembering, das heißt, sich – uns – erinnern, aber vielleicht auch, die Gliedmaßen, die Teile des zerstörten Ganzen wieder zusammenfügen. So lautet seit je her die Aufgabe für die übrig gebliebenen, die vom Grauen durch eine unerbittliche Kontingenz verschonte oder aus ihm wie durch ein Wunder doch noch hervorgegangene: Nicht zu vergessen, was war und alles Zerfallene auf ewig zum nie zu erreichenden Ganzen zusammennähen.

Serj Tankian – Uneducated Democracy

In dire need of reason
In a truly deaf nation
Without an education there is no real democracy
Without an education there is only autocracy

Dieser Titel des armenischen Sängers und Komponisten Serj Tankian gemahnt erschreckend zeitgemäß, was auch die postkoloniale Theoretikerin Gayatri Spivak unermüdlich wiederholt: Ohne (ästhetische) Erziehung keine Demokratie. Nur wer früh demokratische Reflexe und ein bewusstes Agieren in der ‘public sphere’ lernt, die immer mehr, wie auch der Text des Songs reflektiert, zur ‘publishing sphere’ wird, zum diffusen in- und durcheinander von Diskursen und Bildern, nur wer die unzähligen Erzählungen, die wir sind, entschlüsseln kann, ist gewappnet für das, was wir immer noch, faute de mieux, Demokratie nennen. Ein Blick in die Nachrichten genügt, um zu beweisen, wie wichtig dieses für immer unzeitgemäße und doch unerlässliche Projekt bleibt.