The Publishing Sphere: Session 2 – Protocols

Die Publishing Sphere ist genau die Sphäre, für die sich EPITEXT interessiert: die verschiedenen Manifestationen von Literatur außerhalb des Buches selbst. Die Veranstaltung ist ein “performativer Live-Publishing-Workshop”. Autorinnen, Künstler und Akademikerinnen sprechen darüber, was jenseits der Materialität des Buches geschieht.

Die Redaktion von EPITEXT ist dabei und kommentiert lakonisch, launisch und assoziativ. Ein Live-Blog.

16:55 Leichte Verspätung. Christiane Frohmann ist leider krank.

Miriam Rasch – Texts from a post-digital world

Auf dem Bildschirm erscheint ein Bild von einem Arbeitsplatz. Ihrem Arbeitsplatz: Notizbuch, Post-its, Kaffee und ein Laptop – so schreibt man Postdigitale Literatur.
Sie will darüber reden, wie die Digitalisierung die Literatur und die Sprache, mit der wir schreiben, beeinflusst. GO!

Art criticism – ist ein holländisches Projekt über eine neue Form von Kunstkritik aus ihrem Institute of Network Cultures in Amsterdam. Sie sagt: “Mulitvoiced-Critic is the future of the Art-Criticism”. Als Beispiel zeigt sie ein fiktives Smartphone-Essay, das von mehreren Personen auf ihren Smartphones geschrieben wurde, damit die Menschen es wiederum auf ihrem Handy lesen können. Gleichzeitig habe es einen Effekt, wie das “Smartphone-Writing” das eigene Schreiben beeinflusst, denn: “The smartphone is the bff (best friend forever).”

Das zweite Projekt ist ein Prosa-Gedichtband aus Facebook-Updates. Es ist ein Erfahrungsbericht und Miriam Rasch sagt, dass das bürokratische Schreiben ein Symptom der Postdigitalen Literatur ist. Und sie fragt sich: Wie spricht man darüber, dagegen oder dafür? Ein jamaikanischer Poet soll es versucht haben. Wie oder was sagt sie leider nicht…

Hannes Bajohr fragt nach. Es gibt wohl verschiedene Ansätze: kollaborierendes Schreiben und Internetschreiben, das autobiographisch erscheint. Wie bringen Sie das zusammen, was ist daran digitale Literatur?

Miriam Rasch antwortet: Das Internet verändert in jeder Art das Schreiben auf verschiedene Art. Es gibt Parallelen zwischen den beiden Ansätzen. Beide sind autobiographisch geschrieben, bzw. semi-biographisch. Das eine Projekt ist von einem Autor, der über seine Erfahrung in einer Reality-Show schreibt, die gescriptet ist, also auch von mehreren Menschen geschrieben. Das andere ist ein Reisebericht von zwei AutorInnen und es bleibt auch unklar, was von wem geschrieben wurde.

17:25 Das muss reichen. Die Zeit drängt.

Marcello Vitali-Rosati – Editorialization: Writing and Producing Space

Marcello is sichtlich aufgeregt. Er hat als erster das kabellose Mikrofon in der Hand. Er beginnt mit “We never write alone, we never think alone.” (ein schöner Satz) und zeigt ein Foto von seinem Team, das zusammen an einem Projekt arbeitet. Es trägt den Namen: WE LIVE IN A DIGITAL SPACE. Aber was soll das heißen?

Er definiert: Räume bestehen aus heteronormen Beziehungen zwischen verschiedenen – verbundenen oder nicht verbundenen – Objekten. Sie sind Hybride.

“Space is an author of things – it visualizes and organises a space and the people who live in it.” Die Welt wird editiert und die Welt editiert uns.

Und was, wenn man einen Raum generieren will? Dann braucht man laut Marcello nur “algorithms, databases, users, actions and practices”.

But how can we produce public spaces? Dazu will er ein Projekt vorstellen. Es heißt “transcan16” und hat den Transkanadischen Schnellweg zum Inhalt, der den Osten und den Westen Kanadas verbindet. Doch wenn man mit Google-Maps von Osten nach Westen will, schlägt es vor, lieber das Flugzeug zu nehmen. Marcello und sein Team haben versucht den Platz zu füllen. Sie machten sich mit einer offenen Website auf die Suche nach Objekten, die den Raum zwischen Ost- und Westkanada strukturieren. Menschen konnten verschiedenste Sachen auf die Internetseite stellen. So fanden Marcello und sein Team vor allem Bücher, Menschen, Postkarten und Motels auf der Strecke vom Highway.

Hannes Bajohr hilft mir. Es geht dabei um den unsichtbaren Raum, der nicht nur in der Realität, sondern auch durch seine “Produkte” besteht. (Aha!)

18:00 Weiter!

Danny Snelson – Protocoll and the poetics of format variable publishing on the little database

Danny Snelson hat Texte, Gifs, Audios und Videos gesammelt, gefunden oder selber digitalisiert. Alles ist online verfügbar, eine unfassbar riesige Bibliothek. Zu finden sind diese auf:

“Textz”: https://textz.com/
“Eclipse” http://eclipsearchive.org/
“PennSound” writing.upenn.edu/pennsound
“Ubuweb” www.ubu.com

Danny fährt fort. Es gibt variable Formate. So wie es von der Platte zum MP3 kam, wird den MP3s jetzt in einem neuen Medium ein neues Format und einen neuen Nutzen gegeben.

Es ist normal geworden, Schrift, Ton, Videos etc. zu konsumieren, ohne das ursprüngliche Medium zu kennen. So funktioniert es beispielsweise auch, die Google-Maps-Daten von Jack Kerouacs “On the Road” in einem Buch zu veröffentlichen, wie Gregor Weichbrodt es getan hat. (Wir kommen später noch dazu.)

Zuletzt führt Danny noch “The Defective Record” von William Carlos Williams an. “We do a close-Reading for the old-fashioned” (Ein Lacher!)

Das Gedicht wurde 1942 auf Vinyl aufgenommen und hat am Ende gehakt, was von den Publizisten aber nicht erkannt wurde und als sie das Gedicht transkribiert haben, haben sie auch den “Remix” mit aufgeschrieben. Also ist das Gedicht auch an das Vinyl gebunden, das im Grammophon damals gehakt hat. Mit MP3s wäre das nicht passiert.

18:28 Die Teilnehmer diskutieren über Sinn und Unsinn des Projekts. (Mir brummt der Kopf.)

18:38 Come on!

Gregor Weichbrodt – On Writing Books and Bots

“Ich selber schreibe keine Bücher, ich lasse sie schreiben.”

Gregor würde gerne seinen Vortrag strukturieren, aber gibt es dann auf. Also von Beispiel zu Beispiel seiner Arbeiten.

Eins: “Das ist der Tag, von dem ihr noch euren Enkelkindern erzählen werdet”
Ist ein Transkript von “Germany’s Next Topmodel”. Mit Personenindex, Kapiteln und Werbeeinblendung. Alles im Reclamstyle gehalten und gebunden.

Zwei: “Chicken Infinite”
Ist ein Buch, das aus seiner Leidenschaft für Kochrezepte entsprungen ist. Weil man sie immer und immer wieder liest, Stellen überspringt oder zurückgeht. Dafür hat er einen Bot geschrieben, der die Zutaten von der Anleitung trennt. Daraus entstehen die ersten 100 Seiten Zutatenangaben und dann 500 Seiten Anleitung.

Drei: “The Fundamental Questions”
Stellt die fundamentale Frage des Lebens (Ihr könnt sie googlen). Die Antwort vorweggenommen: “I’m an artist – YOLO!”

Vier: “On the road”
Dafür hat Gregor die Spots, an denen Jack Kerouac in “On the Road” war, in Google-Maps eingegeben und auf Enter gedrückt. Die Route ist in dem Buch in seiner ganzen Fülle nachzulesen.

Fünf: “Dictionary of non-notable artists”
Weil sein eigener Wikipediaeintrag gelöscht wurde, hat Gregor eine Sammlung von KünstlerInnen erstellt, deren Eintrag von der Löschung bedroht sind, weil sie die Wikipediaeintragskriterien nicht erfüllen.

Sechs: “Sündenbot”
Gregor hat zu guter Letzt einen Bot geschrieben, der Katastrophen aus Wikipedia raussucht und Entschuldigungen oder Rechtfertigungen auf Twitter postet.

Damit enden die Vorstellungen. Aber Gregor will noch sagen: “Es gibt genug Menschen, die künstlerische Bots kreieren und die Menschen kriegen nichts davon mit.”

19:10 Wir haben Hunger. Ende.

Elias Molle

1992, Hannover, Ausgebildeter Sozialassistent und Vater einer zweijährigen Tochter. Studiert seit 2014 am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Veröffentlichungen in verschiedenen Anthologien, Artikeln in Zeitungen z.B. Jungle World und taz.