The Publishing Sphere: Session 4 – Imaginaries

Die Publishing Sphere ist genau die Sphäre, für die sich EPITEXT interessiert: die verschiedenen Manifestationen von Literatur außerhalb des Buches selbst. Die Veranstaltung ist ein “performativer Live-Publishing-Workshop”. Autorinnen, Künstler und Akademikerinnen sprechen darüber, was jenseits der Materialität des Buches geschieht.

Die Redaktion von EPITEXT ist dabei und kommentiert lakonisch, launisch und assoziativ. Ein Live-Blog.

14.25 Session 4 beginnt – IMAGINARIES.

Hannes Bajohr: Publishing / Publicking

Afternoon. After noon geht es um Imaginationen, Vorstellungen – neues Spiel, neue Player, Hannes Bajohr wird vorgestellt: Spezialisiert auf Hannah Arendt, Blumenberg und Theorie und Praxis des Digitalen in der Literatur. Um Letzteres soll es vor allem gehen, er ist Profi, Kanonzerfledderung, Textkollektiv-Texter, Unterwanderer des traditionellen Literaturbetriebs.

Ganz in diesem Sinne kündigt er seinen Input als Work in Progress an, der auch noch einige nicht ganz fertig gedachte Aspekte beinhalte, you can attack on. Schönes Angebot im häufig so selbstbewussten Habitus von Konferenzrunden. Ironischerweise aber der einzige, der seinen Vortrag schon druckreif im ansonsten experimentellen Reader positioniert hat.

Sein Anliegen: Public as a verb, not as a noun. Not as a place, a relationship, but an activity.

Der zu befragende Verhandlungsort: Das digitale Universum. Die Akteure: Publisher, die aber doch eigentlich nicht mehr machten als das, was jeder User auch tun könnte. Empfindet niemand im Raum als Provokation.

Ausgehend von Arendts Verhandlung der öffentlichen und der privaten Sphäre ausflüglert Bajohr in die heutige Realität. The Oikos becomes a matter of the polis, aber dieser Tage läuft es nochmal anders. Arendts Öffentlichkeit ist auch durch ganz Materielles bedingt, die räumliche Nähe menschlicher Körper, einen Ort, an dem politische Begegnung entstehen kann, space of appearance. So wie hier am Konferenztisch? Das kritisch-politische Potenzial des Themas wird bisher aber nur meso ausgeschöpft, vorsichtig gesagt.

Heute sei die Öffentlichkeit aber eh nicht mehr an einen bestimmten Ort oder ein Medium gebunden, die Unterscheidung zwischen Privatem und Öffentlichem und Materiellem und Immateriellem wanke unter den digitalen Bedingungen. Sehr, denn das Internet habe uns reine Relationalität beschert und in dieser sieht Bajohr Arendts Unterscheidung nur noch bedingt sinnig, aber sie erlaubt wichtige Beobachtungen: “The residual separation between public and private has not so much collapsed into the social, nein, this social realm has assumed publicness as its form.”

Unter den Bedingungen des Digitalen sind unsere Handlungen, Repräsentationen whatsoever public by default. Das wird sein Lieblingsausdruck heute. Potenziell jedem zugänglich, wird unsere Privatheit Mangelware, das heißt entweder keine ode reine de-privilegierte Möglichkeit.

Zwischenruf: Datingsites!

Dann kommt die alte Laier, das die Menschen ja unfasslicherweise sogar auch nach Snowden nichts geändert hätten, vielmehr resignierten. Danke dafür, wir leben nicht auf der Höhe unserer Erkenntnisse, aber anstatt dieser anthropo-mistischen Dauerechos mit den ewig gleichen Referenzpunkten wartet man immer noch auf eine wirklich scharfe Analyse dessen. Freiwillige?

Nun Bajohrs zweite Beobachtung mit Schulterblick zu H.A.

Internetnutzer haben Wege gefunden, die Unterscheidung zwischen privater Sphäre und öffentlicher Sphäre in die Öffentlichkeit selbst zu re-inscriben. Donnerwetter, sie sind doch mündige Bürger. Die Einschränkung folgt direkt, denn es ist nur leere Posse, performative Distinktion und Simulation. Wir vollführen innerhalb der allen zugänglichen Öffentlichkeit Tänzchen des Verhüllens und privatsprachlichen Flüsterns, aber es sind nur leere Gesten, die ihre eigene Unzugänglichkeit spielen. Marking as public not making public, das ist es ja schon und doing public statt going public. Denn die Öffentlichkeit ist kein Ort mehr, den man aufsuchen könnte, sondern residiert in der Geste selbst. Und nein, was er unter Geste versteht, will er nicht näher erklären, die Öffentlichkeit soll selber deuten. So we do.

Habermas nutzt Bajohr nur als Sprungbrett in die Sphäre des Publizierens (Public sphere/Publishing sphere, das funktioniert im Deutschen leider nicht so hübsch), um dann einerseits klar zu machen, dass natürlich nicht alles, was public ist, gleich published ist; die Gesellschaft macht hier durchaus noch ihre feinen Unterschiede. Mit Arendts griechischem Ideal der Polis und deren strikter Trennung zwischen privat und öffentlich verweist er aber sogleich wieder in doppelt vermittelter Nostalgie auf die völlige Absenz dieser Teilung.

Witzigerweise sind die digitalen Publisher aber auch nostalgisch oder vielmehr schlaue Köpfchen, weil sie verstanden haben, dass man die alten Gesten des Publizierens nachmachen muss, damit das annähernd gleiche gesellschaftliche Prädikat wertvoll erzielt werden kann. Das hat er von Ludovico.

Er denkt: Publicking. Das ist ja bereits im Titel seines Vortrags, er erklärt es als going beyond publishing, das heißt jede Rolle, jedes Bild, jede Handlung, die wir als öffentlich markieren wollen, ist publicking – not only pertaining to works. Ich sehe überhaupt nicht, dass nur works publiziert werden, lasse nebenbei meine öffentlichen Suchmaschinen worken. Ergebnis: Faszinosum der digitalen Öffentlichkeit, die Schlachtfeld ist. Ecosia Ergebnisse zu Publicking: 1. Amateur Public Sex, 2. Reality Kings Porno Videos, 3. Public Disgrace / Kink Videos. Google: 1. Thesaurus Synonyme: Audience, assemblage, gate, 2. Public King Profiles / Facebook, 3. #publicking on Twitter, 4. Henry VIII: The Inner Life of a Most Public King – The British Library. Die selbstreferenziellen Saubermänner aus dem Silicon Valley.

Also publicking gesture jedenfalls, das ist wie wenn Bajohr ein Foto seiner Katze und dann den Link zur Publishing Sphere Konferenz auf Facebook teilt. Es piepst laut in allen Ohren bei “photograph of my cat”, mit dem er dann auch die ‘privating gesture’ versinnbildlicht. In Kombi mit dem Verweis, dass man auf der Dating-Website OKcupid nur den Torso ohne Gesicht sehen würde, also auch eine Privatisierungsgeste. Sind Oberkörper nicht privat? Das ist dann vielleicht der blinde Fleck für den Körper von Digitalern wie B. Daneben lassen Katzenbilder meine Synapsen streiken, These am Beispiel gescheitert.

Dann noch schnell: Lifeworld! Husserl! Blumenberg! Eingeständnis, dass er ein wenig dystopisch spekuliert, aber will noch mal betont wissen: Vielleicht wird doing public zur Norm und dann wird die Privatsphäre aufgesogen, wir müssen vorsichtig sein.

Moderator Tobias Haberkorn kommentiert “dense talk”, ich frage mich, ob die unheilsvolle Ankündigung einer dense Doing Public Norm der “Imaginaries”-Teil sein soll, wahrscheinlich. Es folgt eine dichte Frage nach der Materialität, die eben abgeschafft und hiermit wieder angeschafft wurde: Auch eine PDF oder eine Google-Liste ist ein Ort, an dem ein Raum des Widerstands geschaffen werden kann, oder? Gestures can produce space, publicking is also creating a space! Kurze Frotzelei über Existenz eines “digital space”, aber der Fragende kontert smart: Wenn du den Dateinamen änderst, erscheint etwas direkt an einem anderen Ort oder einer anderen Position in Google. Weißte Bescheid.

Rückfrage zu hybriden Gesten und Sphären, private digital libraries, password locked websites etc.; interessanter Punkt, aber es geht schnell getaktet weiter, um das face of accumulation and the one of display, frames and hyperframes, symbolic gestures and regimes. Dann steht Geert Lohvink materiell und in real bereit.

Geert Lovink: Digital Publishing Strategies: Report from the Institute of Network Cultures

Lohvink ist einer der großen Internettheoretiker, ein alter Hase (just for Angie: Lohvinks PhD thesis aus dem Jahr 2002: Dynamics of Critical Internet Culture (1994-2001))

15:04 “There is something wrong with publishing.” Alright, vielleicht kommt hier ein Aufreger der recht unaufgeregten Runde. Und ja, er rüttelt an den anderen Konferierenden, das Publizieren muss wieder in einem größeren Rahmen verhandelt werden, die verschiedenen Akteure des digitalen Publizierens müssen zusammenkommen und er lädt die ganze Bagage am Tisch zur Zusammenarbeit mit ihm ein. Cooler Typ, die nächste Runde der Netzkritik, gefolgt von der Kritik an den prekären Arbeitsbedingungen von AutorInnen, DesignerInnen, HerausgeberInnen etc. Endlich kommt das auf den Tisch. So zu finden im neuesten Moneylab Reader Lovinks, er springt nun relativ tief in den thematischen Geldspeicher rein, Cryptocurrencies und ähnliches (Stichwort: Bitcoins), aber das leichte Am-Thema-Vorbeidriften (Ich erinnere: Imaginaries der Publishing Sphere) sei ihm verziehen, denn er streckt imaginativ die Faust für die creative underclass in die Höhe: “ We need to have the income question on the agenda!” Mehr davon!

Und es kommt, denn es sind ja nicht nur die Designer und Künstler, sondern auch die prekär arbeitenden Akademiker, die aber selten den Mund aufmachen – er macht das nun für sie, verweist auf die horrenden Summen, die bezahlt werden müssen, um eine Monographie oder auch nur Artikel zu platzieren, in die teils jahrelange Arbeit gesteckt wurde. Das ist eine ökonomische Krisensituation, die immer noch als Problem von Autorindividuen behandelt wird, aber was ansteht, ist collective action. “There is this academic madness in our minds, we can not continue that way!”

Er möchte das nun scheinbar an Publishing Action Forms illustrieren, leider kommt im Folgenden aber nicht die gleiche Produktivität der Praktiker/Theoretiker-Kombi in einer Person raus (wie bei Bajohr), denn er reiht nun vor allem die liebsten seiner eigenen Projekte aneinander.

“We like experiments. And repeat them.” Serien findet er super. INC Readers Series.

Next one: Eine Podcast-Serie, bei der man sein Text an Geert schicken kann; sie lassen das von Robotern einlesen und schicken einem das Ganze als Audio zurück. Das klingt witzig und ein wenig nach den smarten Besetzen einer Marktlücke in einer narzisstischen Gesellschaft, aber doch nicht so sehr nach Netz- und Arbeitskritik. Er fragt sich das nun auch und gibt zu, dass z.B. seine Theory on Demand Serie ziemlich gut laufe und er nun fast selbst schon professioneller Herausgeber sei, obwohl alles damit anfing, dass er einen eben solchen nicht bezahlen konnte und wollte. Where does the experiment stop and when are you a player in the game?

Aber er findet es auch genial, tolle Texte als digitale Objekte zu publizieren und ja, warum nicht auch ein großes soziales Netzwerk, wo man Wissen zirkulieren lassen kann?

Dann beginnt Lovink enthusiastisch von seiner Beteiligung an The 3D additivist cookbook zu erzählen, wow, also doch der Internetnerd mit häuslich-bürgerlichem Anstrich? Nerdig schon, denn die fully integrated 3D-Images lassen seine Stimme überschlagen und er klärt die angebliche “Heaviness” des Books dann noch auf, a LOT of Gigabyte. Aber das Teil ist tatsächlich eine super spannende und gar nicht spießige Sache, check it out, for free.

Irgendwann leuchtet eine verlockende Powerpointfolie auf: “Creators, come get paid”. Und wirklich, es geht um die regelmäßige Bezahlung von AutorInnen, nicht über Crowdfunding, sondern via subscription based payment systems. Kekse für alle, aber wie? Demnächst will er sich der Frage des Speeds zuwenden.

Aus der Runde wird gefragt, ob es seine sozialen Netzwerke mit Fokus auf Wissenszirkulation nicht schon gebe, academia.eu ist doch eigentlich ein Facebook für Smarties. Klar, aber deren Geschäftsmodell ist eben nicht ganz sauber, er wäre für alternative Netzwerke, aber das ist schwierig und langwierig. Speeding up also.

Tobias wirft ein, dass doch auch Akademiker auf Facebook connecten würden, ist zwar nicht so pralle auf der Metaebene, aber eben funktional und kostenlos. Geert findet das nicht, da gibt es ja nicht mal Co-Working-Tools. Er hat offenbar andere Ansprüche und sieht die free economy von Facebook und Google eh in der Krise. Das hätten wir sehr gerne noch erläutert bekommen, aber die Zeit ist um.

Felwine Sarr: Thinking the Present and the Future …

Felwine Sarr, der nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Autor von Romanen, Komponist und Musiker ist, hat sich nicht weniger als das Denken der Gegenwart und der Zukunft für seinen Vortrag vorgenommen. Genauer soll es jetzt um die erneuernde Kraft der Kultur gehen, auch nicht viel weniger.

So wichtig und richtig es ist, dass endlich auch eine Perspektive von Akteuren und auf Prozesse jenseits der westlich-europäischen Publishing Sphere eingenommen wird, bleibt Sarr, der aus dem Senegal kommt, aber in Frankreich studiert und lange dort gelebt hat, leider arg allgemein.

Aber natürlich ein lautes Ja zu seinem Argument, dass Kultur einer der zentralen Orte der sozialen Transformation ist, die er gerade für afrikanische Gesellschaften stark macht. Er betont den Wert des Imaginary (und nein, das ist nicht adequat übersetzbar) für Menschen, Kulturen und Gesellschaften und ich denke die ganze Zeit an Castoriadis.

Der Kontinent Afrika ist in seinen Gesellschaftsformen, Bevölkerungsgruppen, Historitäten und Geographien so divers, dass jede Verallgemeinerung zu kurz greift, aber daneben verweist Sarr auch auf überschneidende Fragen, die viele afrikanischen Länder konfrontieren müssten. Der Wert von oraler Kultur und vor allem Spiritualität sei nochmal ein ganz anderer im Gegensatz zu den häufig auch mit materiellen Werten arbeitenden westlichen Gesellschaften; es geht um Emanzipation und, natürlich, hier ein Hint zu Fanon.

Kultur im weitesten Sinne kann für Sarr in postkolonialen Gesellschaften eine Art Heilung sein, ein Weg aus der schmerzhaften Erinnerung und die kritische Verhandlung, wie man sich als Gesellschaft verhandelt, repräsentiert und sich mit Selbst- und Fremdbildern auseinandersetzt, aber auch versöhnt. A power to act und ein Ort, von dem aus man die Zukunft denken kann und nun erwähnt er auch Castoriadis, der immer wieder stark zwischen den Zeilen aufblitzt. Die Erneuerung, die Veränderung kommt aus der Gemeinschaft und ihrer Kreativität, nicht von oben.

Aber Kultur ist ein riesiger und streitbarer Begriff und so geht es um ein ständiges Neuverhandeln zwischen den Kulturen von Eliten, der Massenkultur, westlichen Kultureinflüssen, die Unterschiede zwischen urbanen und ländlichen Räumen, Globalisierung und Traditionen. Während hier immer die Gefahr einer problematischen dominanten Kultur im Raum schwebt, schmeißt Sarr nochmal künstlerische Praktiken in den Ring, verstanden als Imaginationen neuer Formen des gesellschaftlichen Lebens. Again.

Aber auch die andere Richtung wird gedacht, african culture as archive, er sagt etwas von recycling and reshaping. Stehen bleibt: A deep revolution is always a cultural one.

Haben andere die Imaginaries vernachlässigt, hat Sarr das Publishing hinten runter fallen lassen, es wird nachgehakt: Inwieweit seien für Sarr, der auch publishend tätig ist, die Kombination verschiedener Imaginaries nötig und möglich angesichts der Dominanz westlicher Bedeutungsproduktion? Achille Mbembe wird gedropped, der letztens nochmal betont hätte, dass in Afrika die Geister einen wichtigen Part hätten.

Schöne Antwort Sarrs: Auch orale Kulturen seien Teil seiner Bibliothek, es geht um eine unkonventionelle Art der Transdisziplinarität und während Europa sich mit seiner Krise der Solidarität abkämpft, sei in Afrika die Frage nach der Gemeinschaft noch viel wichtiger und zu der könnten eben auch Spirits und die Natur gehören. Man wird in afrikanischen Ländern nicht verändern können, wenn man sie nicht tiefer verstehen möchte und dabei aufmerksam für die heftigen Asymmetrien sei, so that is to do. Zuletzt plädiert Sarr noch für die Produktion und Aufrechterhaltung eines oralen Diskurses, man müsse für sich selbst sprechen und dabei Wissen, das in dieser Form auch de-akademisiert wäre, an die jüngeren Generationen weitergeben. Deacademize the knowledge, Memo.

Während den Fragen gibt es ein großes Hin und Her im Hintergrund über den Rest des Tages, Francois Bon hat abgesagt, aber hat ein fröhlich buntes Video geschickt, in dem er auf französich mit wolkig verblendeten englischen Untertiteln über H. P. Lovecraft sinniert. So hipster.

Hier sind aber nur noch wenige im Raum, es geht um den Autor als Ökosystem, aber scheinbar sind die Anwesenden doch noch mehr auf Live als auf Stream-Performances gepolt und es wird blau gemacht, denn am Abend steht noch Radio Brouhaha und das continent. Editorial Collective an.

Sophia Lohmann

1992 geboren in München, lebt seit 5 Jahren in Berlin. Nach dem Bachelorstudium der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft und Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin Wechsel in den Masterstudiengang der Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität. Durch kurze Stationen im Journalismus und in der Literaturvermittlung, Arbeit als HiWi am Peter-Szondi-Institut und eigenes Schreiben weiterhin der Literatur verbunden, daneben aber auch im Medium Film und Theater zuhause.