Nun verstehen Sie mich doch endlich! I

Sauron in Braunschweig

Ich hasse Niedersachsen. Schon immer. Niedersachsen ist wie das Königreich Rohan aus J. R. R. Tolkiens Herr der Ringe – ein schrecklich ödes Land, endlose Steppen, Pferde, eine verstockte Bevölkerung mit Jobs in der Kutschenmanufaktur. Das ist ein schräger Vergleich, aber besser ein schräger Vergleich als gar keiner. Denn kein Vergleich ist unstatthaft, auch wenn man versucht, uns einzureden, es verbiete sich Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Schon allein der Umstand, dass es die Einheiten ‚Äpfel‘ und ‚Birnen‘ gibt, zeugt ja von einem vorangegangenen Vergleich. Vergleiche ermöglichen also einen Zugriff auf die Welt, strukturieren und erklären sie, und noch wichtiger: Vergleiche setzen einen in Verantwortung zur Welt. Wenn A zu B sagt, C habe ein schönerers Schlüsselbein als A, haben die beiden – neben dem Schlüsselbein an sich – immerhin etwas gemeinsam. Sie sind Teil eines Satzes, der sie miteinander in Beziehung setzt. Von daher sind selbst schräge Vergleiche sehr viel humanistischer als Renaissance-Fresken. Sie bilden die sprachlich einfachste Form einer Bezugnahme.

Eine solche Bezugnahme war auch der Grund, dass ich mir zum ersten Mal Gedanken über Übersetzungen gemacht habe. Als ich etwa fünfzehn Jahre alt war, las ich Herberth E. Herlitschkas Übersetzung von Aldous Huxleys Brave New World. Das Irritierende daran: Herlitschka verlegte den gesamten Roman von England nach Deutschland und gab den meisten Figuren auch deutsche Namen. Seine Übersetzung unternimmt gar nicht erst den Versuch, hinter ihrem Gegenstand zu verschwinden, im Gegenteil: Sie stellt sich selbst aus. Für sie gilt, was Heidegger als „Unzuhandenheit“ bezeichnet: Erst, wenn sich etwas widersetzt, wenn es nicht funktioniert, fällt uns auf, dass es überhaupt da ist. – Herlitschkas Verfahren gilt mittlerweile als altmodisch, als falsch verstandene Aneignung des Textes. Was aber waren seine Motive?

In einer Vorbemerkung erklärt er, es sei ganz einerlei, ob einer seinen Somarausch in London oder Berlin, mit einer in Dahlem oder Bloomsbury aufgenormten Beta erlebe, ob sich nun einer als Päppler in der Dom-Diele oder als Fester im Westminster Abbey Cabaret seines Lebens erfreue oder ob die Unzufriedenen der Gesellschaft, die als gemeingefährliche Revoluzzer verbannt werden, nun Sigmund oder Bernard heißen. „Einem simplen John oder Michel aber wird hier wie dort nichts anderes übrig bleiben, als sich aufzuhängen.“

Herlitschka hat also eine zentrale Botschaft in dem Roman ausgemacht und hielt diese für universal und nicht abhängig vom Setting. Ich glaube, seine Übersetzung war Ausdruck seiner politischen Sicht auf die Welt: Die Probleme sind überall gleich. John und Michels dieser Länder, vereinigt euch! Und so ist es eben nicht damit getan, zu sagen: Herlitschka ist schon lange tot und was er gemacht hat auch. Übersetzen, so stelle ich mir das zumindest vor, bedeutet immer auch eine Haltung zum Text und zu dem in ihm Verhandelten einzunehmen. Auf diese Weise entstehen doch erst die Bezüge zu unserer eigenen Lebenswelt. Liegt hierin nicht das große Potenzial an jede Übersetzungsleistung seit jeher?

Zurück nach Rohan. Der Literaturkritiker Denis Scheck hält Der Herr der Ringe für das beste Buch, das jemals über den Zweiten Weltkrieg geschrieben wurde. Natürlich ist das auch nur ein überraschender Satz von jemandem, der gern überraschende Sätze sagt. Aber Scheck erschließt damit auch ganz andere Möglichkeiten, dieses Epos zu lesen. Durch seine gedankliche Übersetzung wird aus dem, seien wir ehrlich, pathetischen Fantasy-Quatsch ein spannendes Drama über die Geschichte unserer Eltern- und Großelterngeneration. Als ich vor Kurzem erneut die Verfilmung sah und Rohan von Orcs überrannt wurde, empfand ich zum ersten Mal so etwas wie Sympathie für das Bundesland Niedersachsen. Ich weiß, das klingt blödsinnig, aber die Idee einen Roman einzudeutschen eben auch. Zunächst.

Ein Beitrag von Michael Wolf

Nun verstehen Sie mich doch endlich!: Übersetzungen sind zu wichtig, um sie den Übersetzerinnen und Übersetzern zu überlassen. Alles ist Übersetzung, und das meiste schwer verständlich. Übersetzung ist nicht nur ein Thema für die Literatur, sondern ein persönliches Problem.