Nun verstehen Sie mich doch endlich! II

Das schwierigste Wort der Welt

Ich bin kein Übersetzer. Wäre ich einer, dann ein schlechter. Ich scheitere schon an der Übersetzung eines Wortes, das streng genommen ein deutsches ist. Gemeint ist das österreichische ‚eh‘. Einer Studie der Philologisch-Historischen Fakultät der Universität Augsburg zufolge hat das vormals überwiegend süddeutsch-österreichische Abtönpartikel bis in weite Teile Norddeutschlands ’sowieso‘ abgelöst. Allerdings sind ‚eh‘, ’sowieso‘ oder ‚ohnehin‘ nicht synonym zu verwenden. Zumindest nicht, möchte man eine spezifisch österreichische Eigenart nicht unterschlagen. Als Abtönpartikel kann ‚eh‘ eine Aussage bestätigen oder bekräftigen. Es gibt ihr eine bestimmte Wendung oder tönt sie auf eine bestimmte Weise. Übertritt man aber die deutsch-österreichische Grenze, ist nicht mehr klar: Auf welche Weise wird hier getönt?

Auf die Eigenart dieser zwei Buchstaben stieß ich, als ich in Wien mit meiner Bekannten D. eine Topfenkolatsche essen ging. Es war Sommer, ich war hungrig, meine Bekannte schön – alles „leiwand“ soweit. Dann aber trafen wir auf dem Weg ins Kaffeehaus unseren gemeinsamen Bekannten G., und D. lud ihn ein, uns zu begleiten. „Warum nicht? Ich bin eh hungrig“, stimmte G. missmutig zu.
Das ‚eh‘ verstärkte G.s Bereitschaft, mit uns eine Topfenkolatsche essen zu gehen. Ohne Weiteres hätte er auch ’sowieso‘ oder ‚ohnehin‘ sagen können. Bis hierhin war also noch alles in Ordnung. Erst im Kaffeehaus begannen die Komplikationen. Dort betrachtete G. kritisch die Auslage. Er suderte, die Topfenkolatschen sähen trocken aus, wären bestimmt von gestern und überhaupt zu teuer, bestellte letztlich aber doch eine und langte zu.

„Und wie ist deine Topfenkolatsche?“, fragte D. „Ach, die ist eh gut“, murrte G. Die Topfenkolatsche hatte sich, soweit mir das ersichtlich war, in seiner Wahrnehmung nicht verändert. G. wirkte immer noch genauso unzufrieden wie immer. Er hatte bezüglich der Topfenkolatsche also keinen Bewusstseinswandel vollzogen. Und dennoch verwendete er das ‚eh‘, als hätte es nie zur Debatte gestanden, dass an seiner Topfenkolatsche etwas auszusetzen wäre. Meine Bekannte schien das nicht zu stören. Sie tat, als wäre nichts gewesen. Allein ich war irritiert. Und das war noch längst nicht alles.

Am nächsten Tag traf ich die beiden wieder. G. sah nicht gut aus. „Die Topfenkolatsche war a Scheiß“, klagte er. „Ich hab die ganze Nacht gespieben!“
„Is eh schlimm“, sagte D. und berührte G. sanft an der Schulter. D.s ‚eh‘ wirkte hier verstärkend und relativierend zugleich. Wir hatten es aber keineswegs mit Heuchelei zu tun. D., eine untypische Wienerin, empfand tatsächlich Mitleid mit G., hielt sich aber im selben Zug sprachlich all die anderen Bösartigkeiten des Lebens offen.
„Das ist ja irre!“, rief ich.
„Bitte?“, fragte G.
„Na, offenbar ist es im Österreichischen möglich, eine Aussage wie ihr Gegenteil gleichermaßen maximal ernst zu meinen, ohne dass es zu Einbußen an Aufrichtigkeit kommt.“ D. zuckte mit den Schultern. „Ja, eh.“

Ein Beitrag von Michael Wolf

Nun verstehen Sie mich doch endlich!: Übersetzungen sind zu wichtig, um sie den Übersetzerinnen und Übersetzern zu überlassen. Alles ist Übersetzung, und das meiste schwer verständlich. Übersetzung ist nicht nur ein Thema für die Literatur, sondern ein persönliches Problem.