Nun verstehen Sie mich doch endlich! III

to quit – Schluss machen

Nie liebte ich eine Engländerin. Und auch keine Frau aus dem restlichen angelsächsischen Raum. Meine Frauen waren immer deutschsprachig. Ich bin kein nationalistischer Romantiker. Ich reise nur nicht gern. Allerdings habe ich mich überdurchschnittlich oft in Frauen verliebt, die für einzelne Sätze ins Englisch wechselten. Man könnte sagen: I have a thing for this kind of women.

Eine dieser Frauen machte mir – schüchtern und maßvoll betrunken – die tagesaktuell schönste Liebeserklärung der westlichen Welt, als sie sagte: „I like you more than Obama likes Care“.
Eine andere rechtfertigte mir gegenüber, dass sie einen anderen Mann geküsst (undsoweiter) hatte, mit dem Satz: „We didn’t have a commitment.“ Für die Verheirateten: commitment (englisch für „Verpflichtung“, „Festlegung“ oder „Bekenntnis“) bedeutet in diesem Fall zu vereinbaren, dass besagte Frau nur mich küssen soll. Da wir kein commitment hatten, durfte sie streng liebesjuristisch ausgelegt auch diesen anderen Mann küssen. (By the way: ein ausgesprochener Trottel, um nicht zu sagen, a dickhead.)

Natürlich wäre es konsequent gewesen, hätte die Frau ihren Satz so deutsch und bürokratisch formuliert, wie sein Inhalt gemeint war. In etwa so: „Ich habe Verständnis für deine Enttäuschung, aber wir haben uns in der Vergangenheit die Monogamie betreffend nicht auf einheitliche Richtlinien verständigt, weswegen ich keine Veranlassung sah, ein erotisches Angebot auszuschlagen.“ Dieser Satz wäre eine mögliche Übersetzung von: „We didnt’t have a commitment.“ Aber nur ein/e schlechte/r oder sehr alberne/r Übersetzer/in würde ihn so übersetzen. Denn immerhin ging es in diesem Dialog um Gefühle (Liebe, Enttäuschung, Scham, alles). Und natürlich war die Frau nicht albern, sondern zerknirscht und sich eines Vertrauensbruchs bewusst.

Warum aber hat sie den Satz überhaupt auf Englisch formuliert? Ich vermute, weil Sätze auf Englisch neutraler klingen. Das Englische ist der Gummiknüppel auf dem Schlachtfeld der Gefühle. „Fuck you“ oder „Love you“ ist leicht gesagt, „Fick dich“ oder „Ich liebe dich“ sind sprachliche Schwergewichter, die sensiblen non-native speakers nicht leichthin über die Zungen rollen.

Die Band Tocotronic hat das Problem einmal besungen: Über Sex kann man nur auf Englisch singen. Popmusik ist sicher ein Grund für Anglizismen in der Beschreibung des Zwischenmenschlichen. Eine (zugegeben schlichte) Google-Übersetzung des Rihanna-Titels Work lautet: „Ich dachte, all deine Träume wären Wirklichkeit. / Du hast mir mein Herz, die Schlüssel und meine Fantasie genommen.“ Das klingt peinlich, geradezu revolverheldesk. Aber auf Englisch singen auch solche Menschen diesen Song mit, die Geschmack und Stilbewusstsein für sich reklamieren. Wir verstehen durchaus, was Rihanna da für eine Vulgärromantik von sich gibt, müssen uns aber nicht rechtfertigen, während Helene Fischers Textzeilen so aufdringlich unterkomplex wirken, dass nur wenige Akademiker sich öffentlich als ihre Fans bekennen. Das Englische aber fördert über alle UNIcert-Stufen hinweg eine Distanz zum in ihm ausgedrückten Inhalt.

Das kam auch der Frau zugute, mit der ich kein commitment hatte. Ich glaube, sie hat ihre Rechtfertigung auf Englisch formuliert, weil sie dadurch leichter, unbestimmter wurde. Ihr Wechsel in die Fremdsprache bewirkte, dass der Satz genau das meinte, was er sagte, aber eben nicht „auf gut Deutsch“ aussagte. Ihr Umweg war ihr Ausweg aus der unangenehmen Situation. Sie konnte sich mitteilen, ohne sprachlich die ganze Verantwortung zu übernehmen.

Natürlich war ich enttäuscht von diesem feigen Satz. Das Letzte, was ich zu der Frau sagte, war: „Du bist eine dumme Nuss.“ Tocotronic singen übrigens auch: „Über Frauen kann man schlecht im Deutschen fluchen. / Man sollte es nicht versuchen.“

Ein Beitrag von Michael Wolf

Nun verstehen Sie mich doch endlich!: Übersetzungen sind zu wichtig, um sie den Übersetzerinnen und Übersetzern zu überlassen. Alles ist Übersetzung, und das meiste schwer verständlich. Übersetzung ist nicht nur ein Thema für die Literatur, sondern ein persönliches Problem.