Nun verstehen Sie mich doch endlich! IV

Plädoyer für die Erektion

Nicht nur fremde Sprachen sind unverständlich. Auch die eigene bereitet oft Mühe. Kaum hat man sich vermeintlich einen Sprachraum erschlossen, erweisen sich einige seiner interessantesten Ecken als unzugängliche Sumpflandschaften, die unversehens in kommunikative Stromschnellen übergehen, um uns schließlich an metaphorischen Klippen kentern zu lassen.

In solchen terrae incognitae müssen wir auf die Expertise ortskundiger Führer vertrauen. Ganze Berufsstände beruhen einzig darauf, dass wenige Eingeweihte eine Sprache sprechen können, die dem Volksmund nicht über die Lippen kommt. Ad impossibilia nemo tenetur. Ein gutes Beispiel dafür sind die Juristen. Die Geschichten, die Jura schreibt, entziehen sich alltäglichen Erzählweisen. Beunruhigenderweise haben sie entscheidenden Einfluss auf ganz reale Lebensgeschichten.

Vor einiger Zeit erfuhr ich von einem solchen Casus: Ein junges Paar wurde wegen „Erregung Öffentlichen Ärgernisses“ verurteilt. Genauer: wegen „sexueller Handlungen“ (coram publico) in einem Erlebnisbad. Das Augsburger Amtsgericht sah es (auf einem Video) als erwiesen an, dass am zweiten Weihnachtstag in einem Schwimmbecken namens „Erlebnisgrotte“, wenn nicht gar verbriefter Geschlechtsverkehr, dann doch in jedem Falle die schon genannten „sexuellen Handlungen“ verübt wurden.

Grundsätzlich kann ich verstehen, dass dergleichen bestraft wird. Ich finde es meist auch nicht so toll, wenn Menschen neben mir Sex haben. Aber mein Gott: Es war Weihnachten, das Fest der Liebe, und irgendwo müssen die Hormone ja hin. Ein Hausverbot hätte es sicherlich auch getan.

Interessant fand ich das Strafmaß: Der 18-jährige Angeklagte wurde zu zwei Wochen Jugendarrest verurteilt, seine 19-jährige Partnerin zu einem Wochenende Arrest und 32 Sozialstunden. Irritierend, oder? Sex ist doch in der Regel etwas Zwischenmenschliches. Warum sollte da der eine härter bestraft werden als die andere? Aber hören wir zunächst die Zeugen. Einer von ihnen sagte aus: „Er hatte die Hose runtergezogen bis unter die Knie. Man hat alles genau sehen können.“ Na ja, aber was denn? Vermutlich eine Erektion. (Entschuldigen Sie bitte meine Ausdrucksweise.) Und dann war da ja noch die Rede von sexuellen Handlungen. Also: Erektion + sexuelle Handlungen = 2 Wochen Jugendarrest.
Aber: keine Erektion + sexuelle Handlungen = 1 Wochenende Jugendarrest + 32 Sozialstunden.

Das Gericht spricht Recht, aber ich verstehe es nicht. Wie kann die Hauptschuld denn beim Angeklagten liegen? Immerhin ist es de facto (wenn einem die Hose eh schon heruntergerutscht ist) ratsamer, sexuelle Handlungen von einer 19-jährigen an sich ausführen zu lassen als von sich selbst – ich meine, sofern diese denn willens und vorhanden ist. Beides war in der „Erlebnisgrotte“ offenbar der Fall.
Und außerdem: Das Wort „Handlungen“ steht eher in Verwandtschaft zum Wort „Hände“ als zu den Wörtern „Erektion“ oder „Durchblutung“. Das Wort „handeln“ ist zudem ein Synonym von „machen, tun, agieren“ – also ein aktives Verb –, während die Erektion gerade in dem Alter auch einfach mal vorkommen kann. Res ipsa loquitur! Warum wird einer Erektion dann aber ein größerer Vorsatz im Zuge einer sexuelle Handlung unterstellt als der Handhabung derselben?

Oder anders gefragt: Muss man, um all das zu verstehen, Jurist sein – oder Bademeister?

Ein Beitrag von Michael Wolf

Nun verstehen Sie mich doch endlich!: Übersetzungen sind zu wichtig, um sie den Übersetzerinnen und Übersetzern zu überlassen. Alles ist Übersetzung, und das meiste schwer verständlich. Übersetzung ist nicht nur ein Thema für die Literatur, sondern ein persönliches Problem.