Viel zu groß und viel zu klein


13. August 2018
von

Epitext-Redakteur Florian Lorenz besucht das Europäische Übersetzer-Kollegium in Straelen – in der Stadt, in der er aufgewachsen ist.



Ursprünglich wollte ich wahrscheinlich auch nur mit Straelen und “der Provinz” abrechnen, als ich der Redaktion vorschlug, über das dortige Übersetzer-Kollegium zu schreiben. (Abrechnungen schreiben sich ja schließlich auch sehr gut. (Ich hatte mir sogar extra noch Auslöschung von Thomas Bernhard eingepackt.)) Ich hätte gerne von der Trostlosigkeit und der Beschränktheit des Lebens auf dem Land geschrieben. Eigentlich wusste ich aber, dass das nicht wirklich passte, weil ich nicht richtig wütend auf Straelen bin, keine schlechte Jugend hatte und weil Straelen zwar kleinbürgerlich und relativ konservativ, aber auch keine Nazi-Stadt ist, in der Schwarze und Schwule durch die Straßen gejagt werden. Straelen ist eine Stadt am Niederrhein und die Menschen da sind so unglücklich wie überall sonst.

Wenn ich den Leute sage, dass ich aus NRW komme, dann fragen sie immer: Woher genau? Ich tue mich dann immer schwer, irgendeine bekannte Stadt zu nennen, die in der Nähe liegt (Kleve? Krefeld? Duisburg?), sage dann meistens nur sowas wie: Straelen liegt kurz vor Holland. Oder: Straelen ist nicht im Ruhrpott, aber auch nicht direkt im Rheinland. Straelen und der Niederrhein haben nicht den teilweise derben Glamour der Regionen, die das bundesdeutsche Bild von NRW (Kohle, Karneval) prägen. Straelen ist klein, die Gegend ist ländlich, ziemlich katholisch und, ja, das schreibt man mit e und spricht es wie “Strahlen”.

Vielleicht tat ich der Stadt Unrecht, aber ich habe sie nie mit Europa oder Übersetzung (bzw. Literatur überhaupt) oder einem Europäischen Übersetzer-Kollegium zusammenbringen können. Vielleicht lag das aber auch an mir. All das bedeutete mir nie so richtig viel.

Die nächste größere Stadt (das hieß für uns immer und heißt für mich, ehrlich gesagt, bis heute: die nächste Stadt mit einem McDonalds) liegt in den Niederlanden. Früher sind wir manchmal mit dem Fahrrad nach Venlo gefahren, immer die leichte Steigung runter, dann immer an der Landstraße entlang geradeaus, an einem verfallenen Grenzposten vorbei. Meistens sind wir nicht bis in die Innenstadt von Venlo gefahren (dafür haben wir später, wenn wir zu H&M wollten, dann das Auto genommen), sondern nur bis zum Industriegebiet am Stadtrand, wo Einkaufszentren, KFC und eben McDonalds waren (und bis heute sind). Das Tolle war, dass es bei McDonalds in Venlo andere Dinge gab als bei den Filialen auf der anderen Seite der (offenbar nicht mehr anwesenden) Grenze, zum Beispiel den McKroket (Hamburger mit Fleischkrokette und Senfsoße) oder McFlurry Stroopwafel (Softeis mit Karamell und kleingehackter Karamellwaffel). Beim Einkaufszentrum nebenan gab es Vanillevla (sehr dünner, sehr süßer Pudding in einer Milchtüte) und eine Süßigkeitenabteilung, die wir damals nur aus amerikanischen Filmen kannten (Oreos!). KFC gab es in Deutschland, zumindest nach allem, was wir wussten, überhaupt nicht.

(Heute fragen mich Leute, ob ich nicht nach Holland gefahren sei, um in Coffeeshops zu gehen. Kiffen war für uns aber nie ein Ding. Als ich Teenager war, haben wir uns immer nur betrunken. In der Hinsicht trennte die jungen Menschen bei uns kaum etwas Wesentliches von ihren Eltern. Alkohol war für alle Generationen gleichermaßen das Rauschmittel Nummer Eins. Unterschiede gab es höchstens in der Art, wie der Alkohol getrunken wurde: Wir haben vor allem billigen Wodka mit allem möglichem Süßem gemischt, um schnell und ohne Hemmung betrunken zu werden, während die Eltern weniger mischten, sondern Bier und Schnaps pur, aber über längere Zeiträume und in größeren Mengen tranken. Für die Eltern spielte Zeit während des Trinkens keine große Rolle, Trinken war der Selbstzweck, während wir glaubten, noch etwas anderes vorzuhaben. Vielleicht bedeutet es das, jung zu sein?)

Die Niederlande waren für uns also immer irgendwie Ausland und das kleine bisschen mehr Welt. Letztlich war das aber auch relativ. Zuhause um die Ecke, bei meinem besten Freund, dessen Mutter aus den Niederlanden und dessen Vater aus Österreich kam (ich fand es immer logisch notwendig, dass sie in Deutschland wohnten), wurde niederländisch gerufen, wenn wir nach fünf Stunden aufhören sollten, Nintendo 64 oder Xbox zu spielen. Und schließlich gab es auch in Deutschland, in Geldern oder Kempen McDonalds und Krefeld mit seinem Cinemaxx war mindestens genauso große weite Welt wie die Niederlande.

Ich bin nicht sicher, aber ich glaube, dass ich als Kind schon einmal im Europäischen Übersetzer-Kollegium (EÜK) war. Ich glaube, dass wir einmal einen Ausflug dorthin (also einen Gänsemarsch vom Schulgelände ins Stadtzentrum) gemacht haben. Ich bin sicher, dass ich mich furchtbar gelangweilt habe. Wie hätte es auch anders sein sollen? Ich habe erst mit 18 angefangen, Romane zu lesen, weil ich im Deutsch-Leistungskurs nicht mehr daran vorbeikam. Ich bin wenig sprachbegabt und spreche nur Deutsch und schlechtes Englisch. (Ich habe in der Schule Niederländisch gelernt und auch wenn ich damit kaum etwas anfangen konnte, hat es mich manchmal stolz gemacht, ganz gut niederländisch zu sprechen. Diese global gesehen ziemlich unwichtige Sprache ist mein kleines Bisschen Weltbürgerlichkeit. Allerdings musste ich sie fast nie benutzen, also nie etwas übersetzen, weil alle Niederländer*innen in der Grenzregion, in wirklich jeder Pommesbude, deutsch gesprochen haben. (Deutsche in den Niederlanden haben das allerdings auch immer wie selbstverständlich vorausgesetzt, sie wollten sich wohl nicht zum Niederländischsprechen herablassen. Mir kam das immer falsch und peinlich vor, obwohl ich es nicht anders gemacht habe.)) Für mich als Kind oder Jugendlicher kann ein Besuch im Europäischen Übersetzer-Kollegium dementsprechend nur insofern interessant gewesen sein, weil der normale Unterricht ausfiel und ich somit nicht die Dinge zu tun hatte, die ich normalerweise zu tun hatte.

Renate Birkenhauer, die mir vier Stunden lang sehr geduldig und freundlich die Geschichte des EÜKs erklärte, strahlte so viel Überzeugung aus, dass ich heute noch geblendet bin und nicht weiß, wie ich das wiedergeben soll. Sie erzählte mir von den Anfängen in den 70er- und 80er-Jahren, in denen Elmar Tophoven, der bekannte Beckett-Übersetzer, der aus Straelen stammte, aus unorganisierten Übersetzer-Treffen in Räumen der Sparkasse institutionelle Kooperationsmöglichkeiten entwickelte. Tophoven war der starke Mann, der in Straelen Literaturgeschichte machte. Er verbündete sich mit den Lokalpolitikern und warb für seine Idee. Die Idee war die Idee der Selbstorganisation: Eine Einrichtung von Übersetzenden für Übersetzende zu schaffen, in der, auf die Bedürfnisse der Berufsgruppe abgestimmt, gearbeitet werden kann. Birkenhauer betonte mir gegenüber immer wieder, dass man dabei vor allem von einer Tatsache ausgehen müsse: Übersetzende seien häufig einsam. Weil Übersetzende nicht besonders viel für ihre Arbeit verdienten (Birkenhauer: “schlechter bezahlt als Putzfrauen”), müssten sie rund zwölf Stunden am Tag intensiv arbeiten. Dabei seien sie in der Regel alleine am Schreibtisch, aber gleichzeitig immer angewiesen auf Ressourcen von außen: Sie bräuchten in erster Linie Nachschlagewerke, also eine gut ausgestattete Bibliothek, auf die jederzeit zugegriffen werden könne und den Austausch mit Kolleg*innen, vor allem mit Muttersprachler*innen der Sprache, die sie gerade übersetzten, um Probleme zu lösen, auf die sie alleine keine Antwort fänden. Die strukturellen Probleme, mit denen Übersetzende zu kämpfen haben, zumindest für eine gewisse Zeit, während eines Aufenthalts, zu lösen, war der Anspruch, mit dem sich das EÜK gegründet hat. (Die Appartements im Kollegium haben große Schreibtische mit mehreren, sehr ergonomisch wirkenden Sitzgelegenheiten und Wände, die man nicht sieht, weil wirklich jede freie Fläche in jedem Raum genutzt wurde, um ein Regal zu platzieren. Die Appartements sind somit nicht nur Schlafzimmer, sondern auch Abteilungen der hauseigenen Bibliothek. Wenn man Thomas Mann auf norwegisch braucht, dann muss man hoffen, den*die Kolleg*in, deren Bett vor dem betreffenden Regal steht, nicht beim Mittagsschlaf oder anderen Dingen stören zu müssen. (Andererseits wird die Kontaktaufnahme so sicherlich auch wesentlich erleichtert.))

Renate Birkenhauer, die Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin ist, und ihr Mann Klaus Birkenhauer, der ebenfalls Übersetzer war, seien Ende der Siebziger aus Tübingen an den Niederrhein gezogen, um der Bitte von Tophoven nachzukommen, für ihn, der damals in Paris lehrte, die Arbeit im und am EÜK vor Ort zu übernehmen. Sie waren von der Vision ihres Kollegen überzeugt, und die Kinder waren auch aus dem Haus, als sie nach Straelen kamen, das in ihren Augen überhaupt nicht weit vom Schuss, sondern optimal, weil mitten in Europa liege.

Wie die Birkenhauers hat auch die Geschäftsführerin des EÜK, Regina Peeters, die (vermeintlich) unmodische Entscheidung für die Kleinstadt getroffen. In Straelen geboren, hat sie schon als Schülerin mit (für mich, vor allem wohl aber für mein Schüler-Ich fast unerklärlicher) Begeisterung angefangen, in ihrer freien Zeit in der Bibliothek des noch jungen Kollegiums zu arbeiten. Sie ging zwar zwischendurch zum Studium nach Köln, kam aber im Anschluss, als ausgebildete Bibliothekswissenschaftlerin, in ihren Geburtsort und ins EÜK zurück, um weiterzumachen. Heute empfängt sie die Leute als Frontfrau und immer noch Überzeugte. Als wir uns verabschiedeten, sagte sie, wie schade es sei, dass ich nicht schon früher, bevor ich weggezogen bin, mal im Kollegium vorbeigeschaut hätte. Sie hatte Recht.

Heute wird das EÜK vom Land NRW, das die Betriebskosten trägt, gefördert. Sie ist eine in diesem Format einzigartige Institution in Europa. Als alles anfing, als man noch 1980 ein altes Wohnhaus in einer Gasse am Marktplatz bezog und in den fünf Räumen dort eine Bibliothek und ein Büro einrichtete, brachten aber noch die Kolleg*innen von überallher das ein, was sie konnten: Birkenhauer präsentierte mir nicht nur stolz eine verschollen geglaubte jüdische Enzyklopädie aus dem Zarenreich, die eine russische Übersetzerin auf einem Flohmarkt irgendwo in Osteuropa aufgetrieben hätte, sondern auch eine original erhaltene Erstausgabe der Encyclopédie von Diderot und d’Alembert. Diese habe ein anderer Kollege zufällig gefunden und erst nach langem Werben Tophovens um die nötigen Gelder in dessen Auftrag nach Straelen bringen können. Jetzt steht sie, der “Schatz” des Hauses, in einem schmucklosen Holzschrank direkt am Eingang.

Mit Diderot konnte ich einen weiteren Namen notieren, den ich nie mit Straelen hätte zusammenbringen können. Das war sowieso irgendwann mein vorrangiges Ziel: Ich sammelte Namen und Erfolge. Vielleicht lässt sich das nicht vermeiden, wenn man über eine erfolgreiche Institution schreiben will. Es wäre ja auch gelogen, wenn ich eine erfolgreiche Institution nicht als erfolgreich darstellen würde. Allerdings fühlt es sich auch nicht richtig an, nur Erfolge aufzuzählen. Irgendwie geht das an der Sache vorbei, oder? Oder ist das nur meine verquere Sicht auf die Dinge, die Sicht des Außenstehenden? Fakt ist:

Das EÜK besitzt eine Bibliothek mit 110.000 Bänden, von denen allein 25.000 Lexika in über 275 Sprachen und Dialekten sind. Es gibt 30 Appartements auf 2.500 qm Wohnfläche und 40 Computerarbeitsplätze. Jährlich nutzen rund 750 internationale Gäste die Angebote des Hauses.

Es machte sich auf jeden Fall immer gut, neben den beeindruckenden Zahlen auch die Schirmherren Beckett und Böll erwähnen zu können (zum Beispiel als meine Mutter oder meine Oma mich später nach meinem Besuch fragten). Den Namen Böll haben die meisten, auch die, die sich nie für Literatur interessiert haben, schon gehört. Heinrich Böll, so entnehme ich einem nicht ganz aktuellen Flyer, den mir Birkenhauer mitgegeben hat (und den ich ehrlich gesagt ständig benutze, um diesen Text zu füllen), hat das neue Haus des EÜKs 1985, kurz vor seinem Tod, mit einem Grußwort eröffnet. Ich zitiere:

„Ich möchte darauf hinweisen, dass große Dinge nicht immer in großen Städten geschehen und nicht immer mit irrsinnigem Tamtam und Popp und Hopp, das schnell zerplatzt. Ich glaube, dass hier etwas ganz Großartiges geschehen ist, was wahrscheinlich bis heute fast einmalig ist.“

Als Frau Dr. Birkenhauer das zitierte, klang es noch viel besser. Es passte einfach so gut in die Erfolgsgeschichte, von der sie mir so ausführlich erzählte: Gut besuchte Lesungen, regelmäßige Seminare, unzählige ausgezeichnete Übersetzungsarbeiten. Im Rahmen von “Atriumsgesprächen“ versammeln sich regelmäßig wichtige Autor*innen mit ihren Übersetzer*innen, um innerhalb einer Woche alle möglichen Fragen gemeinsam und unter Beobachtung der interessierten Öffentlichkeit zu beantworten (die Idee hatte Günter Grass, der in Wahrheit nur Ruhe vor seinen Übersetzer*innen wollte und deshalb alle Korrespondenz auf eine Seminarwoche reduzierte). Der Straelener Übersetzerpreis gilt heute als einer wichtigsten Preise für literarisch Übersetzende (2018 hat ihn ILP-Jurorin Katy Derbyshire bekommen. (Womit sie u.a. auf Frank Heibert folgt, der ebenfalls in der Jury des ILP sitzt (siehe unten). Man kann den Eindruck bekommen, dass entweder die Jury-Besetzung durch das HKW sehr erlesen oder die Kolleg*innenschaft der Übersetzenden in und aus dem Deutschen insgesamt sehr überschaubar oder auch nur die preisgekrönte und -krönende Elite der Kolleg*innenschaft der Übersetzenden in und aus dem Deutschen sehr überschaubar ist.) Herzlichen Glückwunsch!). Nicht gut lief lediglich der stadtöffentliche Stammtisch der EÜK-Bewohner*innen, der bis vor einiger Zeit noch wöchentlich in einer Kneipe stattfand, um mit den Straelener*innen ungezwungen ins Gespräch zu kommen, mittlerweile aber aus mangelndem Interesse der Stadtöffentlichkeit ein hausinterner Stammtisch geworden ist. Das sollte man aber nicht überbewerten: Vielleicht liegt den Straelener*innen einfach nicht besonders viel am Ungezwungenen. Solange die Lesungen und offiziellen Veranstaltungen gut besucht werden, kann man davon ausgehen, dass das EÜK Teil der Stadt ist und wahrgenommen wird. (Frau Birkenhauer erwähnt übrigens beiläufig, dass immer noch viele Schulklassen zu Besuch sind und in der Regel ehrlich interessiert und begeisterungsfähig sind.)

Als hätte ich noch mehr von der Großartigkeit des Ganzen überzeugt werden müssen, bat Renate Birkenhauer irgendwann den aktuellen Translator in Residence, Tadeusz Zatorski, dazu, der von seiner aktuellen Arbeit (Heinrich Heine: Shakespeares Mädchen und Frauen/Peter Szondi: Versuch über das Tragische) und seiner Zeit in Straelen berichtete, die insgesamt drei Monate dauern soll. Er schwärmte, wirkte sogar fast beseelt und als ich mein Hadern mit der Stadt meiner Kindheit/Jugend andeutete, entgegnete er verblüfft, dass Straelen für ihn wirklich das Paradies sei. Er fahre gerne Fahrrad und wenn man etwas in Straelen und Umgebung gut tun kann, dann ist es genau das. Alles ist flach und weit. Es gibt keine natürlichen Hindernisse. Ich kann verstehen, dass man das für das Paradies halten will.

Nachdem Birkenhauer mich noch durch das Haus geführt hatte, verabschiedete ich mich kurz und hastig von ihr und Zatorski, der uns die ganze Zeit still, aber immer lächelnd begleitete.
Insgesamt war ich knapp vier Stunden im Haus, als ich das alte Fahrrad, das ich mir von meiner Mutter geliehen hatte, das vielleicht aber auch mein altes war, wieder aufschloss. Mein Notizbuch war voll, aber als ich losfuhr, hatte ich das Gefühl, etwas, eine Frage oder eine bestimmte, ganz wesentliche Antwort, vergessen zu haben.

***

Einen Monat nach meinem Besuch bekam ich eine Mail von Frank Heibert, den ich irgendwann während meiner “Vorbereitungen” (ein paar Mails und Ankündigungen) darum gebeten hatte, etwas über Straelen (wo er laut WDR.de in den Neunzigern als Übersetzer gearbeitet hatte und, wie schon erwähnt, 2017 mit dem Übersetzerpreis der Kunststiftung NRW ausgezeichnet wurde) zu schreiben. In einem Interview hatte er von der persönlichen Bedeutung von Straelen für ihn und seinen Mann, Hinrich Schmidt-Henkel, gesprochen. Ich hatte die Anekdote noch vor mir hergetragen, als ich die Artikelidee präsentierte: Ein ILP-Juror, der in Straelen war und romantische Erinnerung an die Kleinstadt hat, in der ich während meiner Jugendzeit wiederum, auch aus Mangel an Beschäftigung, mehr als einmal in einen Vorgarten gekotzt hatte – das hielt ich für witzig. Die Anekdote verpflichtete mich auch noch, als ich mit dem Artikel nicht so recht weiterkam. Ich musste etwas mit dem Text von Frank Heibert machen. Alles andere wäre unhöflich gewesen. (Nicht nur ihm, sondern auch den Leuten im EÜK gegenüber, die vielleicht irgendwann einmal auf den Blog klicken und sich fragen würden, was aus dem Artikel geworden ist.) Also schrieb ich meinen Artikel auch, um zumindest Frank Heiberts Sicht auf Straelen präsentieren zu können. Hier ist sie also:

Mein Straelen –
über das Europäische Übersetzerkollegium und seine Art der Einbettung

Ein Konzentrationsort, sei es in einem der vielen, jeweils anders originellen Zimmer, wo man sich wochenlang in eine Übersetzung vertiefen kann, sei es im Seminarraum, wo man gemeinsam mit Kolleg*innen in Handwerk und Kunst unseres Metiers eintaucht und daran wächst;
das Übersetzerhaus mit der coolsten Bibliothekarin/Leiterin, Regina Peeters, die ihre unschlagbare Übersetzungsbibliothek besser kennt als ich meine Westentasche, und mit einem Team, das die Vokabel Gastfreundschaft erfunden hat;
ein Ort der Gemeinschaft mit den anderen gerade dort arbeitenden Übersetzer*innen, stets ein fröhliches Überraschungspaket;
drumherum ein kleines, reizarmes Städtchen mit dem Nebenwirkungsrisiko einer möglichen Niedlichkeitsvergiftung;
tägliches Meditieren oder Joggen zwischen Gewächshausbatterien oder Fahrradtouren nach Holland und manchmal ein Konzert in der Kirche, aber insgesamt weniger Freizeit als gedacht;
der Ort, wo sich bei einer gemeinsamen Übersetzung endgültig erwies, dass der Mann meines Lebens der Mann meines Lebens ist,
mit dem zusammen ich einundzwanzigeinhalb Jahre später am selben Ort für eine gemeinsame Übersetzung den Straelener Übersetzerpreis erhielt.
Kurz: Straelen ist für mich eine runde Sache.

Frank Heibert