Warum ich einen Verlag in Rumänien gegründet habe

Wie uns das Lesen zu dem führt, was wirklich wichtig ist.

Ich habe Literatur immer als die Nachrichten des umherschweifenden Geistes betrachtet. Sie folgt keinem Zeitplan, sie hat kein universelles Gesicht und keine allgemeingültige Stimme. Wir lesen und nehmen die Welt in uns auf, indem wir uns mit ihr identifizieren und sie uns so vorstellen, wie wir sie uns wünschen, in der Sprache, die für uns passend erscheint, setzen wir die Brille unserer Wahl auf: Humor, Optimismus, Fantasie, Fiktion, Pragmatismus. Dafür nehmen wir uns immer Zeit. Manche Geschichten bleiben bei uns. Sie schleichen sich in unsere geistige Matrix und unterbrechen den Alltagstrott des „so ist es nun einmal“.

Ich bin eine in jeder Hinsicht durchschnittliche Person: Durchschnittsgröße, Durchschnittsgewicht, durchschnittliche Bildung. Ich bin in einer durchschnittlichen Wohngegend aufgewachsen, bin zur Schule gelaufen, habe immer mit Jungs gespielt, mochte Spielzeugautos lieber als Puppen und habe nie gezögert, mir die Hände beim Spielen auf der Baustelle neben meinem Häuserblock schmutzig zu machen. Als Kind habe ich mindestens 15 Brillen kaputt gemacht; als Erwachsene arbeite ich, ich fluche, trinke, rauche, habe Sex, bestelle für mich und zahle auch für mich selbst. Ab und zu trage ich gerne hochhackige Schuhe zum Kleid, so nuttig wie ich möchte, bin nachts alleine unterwegs und lasse mir die Taxitür öffnen. Ich arbeite mit zwei unglaublich klugen Frauen zusammen, Anca Dumitrescu und Ana Bulgăr, die beide wunderschön sind und fantastische, lange Beine haben, von denen ich mir wünschen würde, dass sie sie öfter zeigen könnten, ohne dass jemand öffentlich seine Erregung kundtut. Auch sie haben ihre Geschichten, so wie ich, so wie Millionen andere, einige haben sie mir erzählt, andere sind verloren gegangen. Aber die Themen, die dahinter stecken, sind sehr präsent. Wir haben einen neuen rumänischen Verlag gegründet, um diese Art von Geschichten zu erzählen; wir sind kühn genug, um einen anderen Blick auf die Welt zu zeigen, und mutig genug, um uns dennoch ein Gefühl des Staunens zu bewahren – der Name unseres Verlags ist Black Button Books.

Als ich 14 war, rief mir zum ersten Mal ein Mann auf der Straße: „Ich will dich ficken, du Schlampe!“ hinterher. Ich rannte weg. Letzte Woche ist es wieder passiert. Ich bin jetzt 31. Ich ging einfach an ihm vorbei.

Der Vater meiner Großmutter starb im Zweiten Weltkrieg. Sie lebte mit ihrer Mutter und einem autistischen Bruder zusammen, der einige Jahre später ertrank. Sie hat nie lesen gelernt. Sie kam im Alphabet nur bis zum Buchstaben R. Mit 17 heiratete sie. Ihr Mann schlug sie, nur weil sie hübsch war. Sie verließ ihn. Heiratete erneut – meinen Großvater. Sein Name war Voicu. Mit 20 lernte sie auch die Buchstaben V und U, als sie mit ihrem neuen Namen unterschreiben musste.

C. war drei Jahre älter als ich und ein genialer Typ. Er beschützte uns Gören immer vor den Betrunkenen aus der Bar neben dem Laden, wo wir unser Brot kauften. Er ist nie aufs Gymnasium gegangen, weil er seine Mutter versorgen wollte. Als er 18 war, wurde er erstochen.

Ich lernte T. auf dem Gymnasium kennen. Er war schwul. Er zog nach Berlin. Ein Jahr später, 2001, verabschiedete die rumänische Regierung ein Gesetz, das Homosexualität entkriminalisierte.

Solche Geschichten machen selten Schlagzeilen, aber sie sind Teil der globalen Spielwiese, mit all ihren Höhen und Tiefen, Schlachtfeldern und Picknick-Parks, auf der sich jene tummeln, die bereit sind, Geschichten zu erforschen und sich die Welt genauer anzusehen.

Das ist auch meine Welt, mit all ihren Kim Kardashians und Päpsten und Terroristen, mit all ihren Crèmes brûlées und Häusern, in denen Kerzen brennen, mit all ihren Obdachlosen und 5-Sterne-Hotels. Es ist ein und dieselbe Welt.

„Seid ihr sicher, dass es dafür ein Publikum gibt?“ Das war immer die erste Frage, wenn wir von unseren Plänen erzählten, diesen Verlag zu gründen.

Es gibt Geschichten, die unseren Geist formen und die Bewegungen unserer Arme und Beine, Lippen und Stifte diktieren. Das ist das Wunderbare und Riskante daran. Darin liegen Magie und Ehrfurcht, Dunkelheit, Weite und Klaustrophobie. Und all das möchten wir beisteuern.

Für die Welt gibt es keine Triggerwarnung, aber diese Geschichten bringen sie uns näher – noch bevor wir überhaupt das Haus verlassen. Natürlich wird es immer Eltern geben, Nachrichten und Schule, aber die Welt ist mehr als nur Trump und Obama, Öl und Ozon, Dollars und Euros, Polyglotte und Analphabeten, Gottesfürchtige und Ungläubige.

Das Tröstliche an fiktiven Geschichten ist die Annahme, dass sie nie passiert sind, zumindest nicht ganz so, wie wir sie lesen. Aber es liegt auch etwas Aufregendes und Unbehagliches in dem Gedanken, dass sie sich vielleicht doch ereignet haben und dass sie jemanden in unserem Leben etwas angehen könnten. Wir brauchen diese unwahrscheinlichen Bösewichte und Helden gleichermaßen wie die echten. Und manchmal müssen wir alles auf das Mädchen von nebenan, den Nachbarn über uns oder den Kassierer aus dem örtlichen Supermarkt herunterbrechen.

Es gibt nichts Eindringlicheres als die Geschichten, mit denen wir uns identifizieren können, ganz gleich auf welcher Ebene. Und doch spricht jeder von uns auf seine ganz spezielle Art und Weise über die Welt, Silbe für Silbe. Die Karte der Themen, über die wir reden, wird ständig neu vermessen.

2013 gab es in Rumänien gewaltige Proteste gegen ein kanadisches Unternehmen, das mehr als 15 Jahre lang um die Erlaubnis kämpfte, 300 Tonnen Gold aus dem malerischen Dorf Roșia Montană zu gewinnen, das in einem historisch bedeutsamen Gebiet Westtranssilvaniens liegt. Der Einsatz von tausenden Tonnen Zyanid hätte das Ökosystem der Gegend dauerhaft verändert und Bergbauschächte aus der Römerzeit beschädigt. Ich glaube, es war an einem Sonntag als über 25.000 Menschen durch die Straßen von Bukarest marschierten. Die Menschenmenge versammelte sich auf einem der größten Boulevards Bukarests, als wir einen dunkelhäutigen Mann auf dem Bürgersteig bemerkten. Er hielt ein Blatt Papier über den Kopf, auf dem nur ein Wort in schwarzer Schrift stand: „Syrien“. Er weinte. Wir konnten das Roșia-Montană-Projekt verhindern, doch ich konnte dieses Blatt Papier und das Gesicht dieses Mannes nie vergessen. Er führte seine eigene einsame Revolution, friedlich, still, in einem fremden Land, und wollte, dass sich dessen jeder bewusst wird. Wir alle, 25.000 Menschen, lasen seine Geschichte, die nur aus einem einzigen Wort bestand.

Die Lust auf öffentliche Debatten zu wichtigen Themen kommt in Rumänien gerade erst in Gang. Bei uns gab es keine Debattierteams in der Schule, unsere Köpfe waren nicht in Pro und Contra aufgeteilt, sondern in Liebe und Hass und in Zurückhaltung, bestenfalls waren wir uns darin eins, unterschiedliche Meinungen zu vertreten. Wir fangen gerade erst damit an, stichhaltige Argumente richtig schätzen zu lernen. Mehr als 40 Jahre Kommunismus haben jegliche öffentliche Debatte auf häusliche Streits reduziert und nach 27 Jahren Demokratie sind wir immer noch dabei zu lernen, unsere Ansichten kohärent und transparent zu äußern. Das mag für einige wie ein Klischee und für andere wie ein mit der Palme d’Or preisgekröntes Drehbuch klingen, aber es ist unsere Spielwiese. Deshalb brauchen wir all diese großartigen Bücher. Je mehr wir lesen, desto mehr verstehen wir, und desto schwieriger wird es, diese Themen als irrelevant zu bezeichnen.

Meine Geschäftspartnerinnen und ich verstehen die Bedeutung dieses gemeinsamen Ortes, der Liebe und Fürsorge genauso braucht wie Veränderungen und Niederlagen. Wir leben und sterben durch die Geschichten, die dem Ganzen einen Sinn verleihen, manche hören und sehen wir, einige schreiben wir, die meisten lesen wir und die besten teilen wir mit unseren Leser*innen. Wir übersetzen und kämpfen um Fördermittel und publizieren wie wild. Wir bitten um Hilfe, wir schlafen zu wenig und trinken manchmal zu viel, aber wir machen diese Arbeit, weil wir es nicht akzeptabel finden, diese Geschichten dem rumänischen Markt vorzuenthalten.

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„Wer steckt dahinter? Werdet ihr von einem Geschäftsmann finanziert?“, ist die zweithäufigste Frage, die uns gestellt wird.

Es gibt keinen geheimnisvollen Geschäftsmann. Dafür scherze ich immer mit den Mädels: An dieser typischen Mutmaßung ist bestimmt die Schuhindustrie Schuld. Vielleicht wird von einem Mann stets erwartet, dass er so hoch auf seinem Geldbeutel steht wie wir Frauen auf unseren Absätzen.

Und dann folgt immer die 100 Punkte Frage: „Warum drei Frauen? Macht man das jetzt so?“

Ich war sechs Jahre alt, als mir ein Junge zum ersten Mal anbot, für mich zu sprechen. Wir hatten gerade Krieg gegen die Kinder aus dem Nachbarhaus gespielt und gewonnen. Der Spielplatz gehörte uns nun ganz alleine. Es war mein Plan, der sie in die Schlacht geführt hatte, aus der wir schließlich siegreich hervorgingen. Und so nannten sie mich „den General“.

Heute steht uns eine andere Schlacht bevor, die wir hoffentlich gewinnen werden. Nur geht es diesmal darum, diesen riesigen Spielplatz untereinander aufzuteilen und sicherzustellen, dass jeder das Spiel versteht.

Hier einige Black Button Publikationen:

  • Chimamanda Ngozi Adichie: We Should all Be Feminists und Americanah
  • Ta-Nehisi Coates: Between the World and Me
  • Junot Diaz: This Is How You Lose Her
  • David Foster Wallace: Consider the Lobster
  • Aleksandar Hemon: Love and Obstacles und The Book of My Lives
  • Richard Ford: Rock Springs
  • Joby Warrick: Black Flags: The Rise of ISIS
  • George Saunders: Tenth of December
  • Caroline Paul, Wendy MacNaughton (Illustrations): The Gutsy Girl: Escapades for Your Life of Epic Adventure
  • Freeman’s: Family
  • Maggie Nelson: The Argonauts
  • Jonah Sachs: Winning the Story Wars: Why Those Who Tell (and Live) the Best Stories Will Rule the Future.

Die ersten Titel von Black Button Books sind im Oktober 2016 erschienen.

 


Elena Marcu ist Verlegerin von Black Button Books. Vorher war sie PR-Managerin eines rumänischen Musiklabels. Sie ist süchtig nach Kaffee, ihren Kopfhörern, ihrem Kindle und Instagram.

Das englischsprachige Original dieses Essays ist unter dem Titel Why I’m starting a Publishing House in Romania im September 2016 auf Lithub.com erschienen.

Aus dem Englischen übersetzt von Nike Wilhelms