weiter lesen: Daniel Alarcón – Life among the Pirates

Lesehorizonte, die Textwelt von Daniel Alarcón: Und was gibt es noch? In welche Textwelten führen uns die ILP-AutorInnen und ihre ÜbersetzerInnen? Romane, Essays, Erzählungen vor und nach der ILP-Nominierung geben Aufschluss darüber. Wir folgen den Spuren, lassen uns ein auf neue oder schon bekannte Orte, Stimmungen und Figuren…

Piraten? Ja das sind Seeräuber, die über die Meere schippern, andere überfallen und Schätze horten. Schwer bewaffnete, die für Entführungen in Ostafrika verantwortlich sind. Captain Jack Sparrow. Die Netz-Partei. Augenklappe und Papagei. Die Vorstellung von Piraten reicht von romantisch, unberechenbar bis gefährlich. Aber Buchpiraterie? Ein Scherz? Wird der Rum gegen ein Buch ausgetauscht? Nein, Buchpiraterie ist ein real existierendes Problem in vielen südamerikanischen Ländern. Was für den „fernen“ Westen mit Buchpreisbindung und unzähligen Buchläden unmoralisch wirkt, ist für die Menschen dort alltäglich.

Homepage von Daniel Alarcón

Daniel Alarcóns Homepage mit Essaysammlung. Screenshot von Nils Koopmann. (CC BY-NC 3.0 DE)

Mit seinem Essay Alarcón: Life among the Pirates bietet Daniel Alarcón den LeserInnen einen Einblick in den peruanischen Literaturbetrieb, der seit Jahren von der Bücherpiraterie geprägt wird. Interessant und authentisch mit popliterarischen Elementen versehen berichtet Alarcón von eigenen Erlebnissen und Erzählungen aus seinem Heimatland.

93% der verkauften Bücher in Peru sind illegale Kopien. Während in Europa auf die Einhaltung des Urheberrechts großen Wert gelegt wird und dessen Verletzung strafrechtliche Konsequenzen zur Folge hat, scheint die peruanische Behörde dem Phänomen machtlos gegenüber zu stehen. Überraschend wirkt zunächst die Tatsache, dass AutorInnen fast enttäuscht sind, wenn ihre Bücher nicht kopiert werden. Letztlich bedeutet dies, dass niemand ihre Texte lesen möchte. Der illegale Markt dient als Äquivalent zu offiziellen Bestsellerlisten. In der Metropole Lima, wo etwa 85-90% der verkauften Bücher bezogen werden, finden sich neben dem „Amazonas“, einem Großmarkt für Raubkopien, auch Stände am Straßenrand und wandernde VerkäuferInnen.

Alarcón hinterfragt, wer sich in Peru überhaupt Bücher leisten kann. Bürgerkrieg, Inflation und eine diktatorische Führung hatten das Land in eine ökonomische Krise geführt, von der sich die Bevölkerung bisher nicht erholen konnte. Für den Großteil von ihnen ist ein legaler Erwerb unerschwinglich. Der illegale Markt bietet somit diesen Menschen eine Chance, Lesen zu lernen und ihre Liebe zur Literatur auszuleben. Zurecht verweist Daniel Alarcón darauf, dass jedoch auch die wohlhabenden Schichten auf Raubkopien zurückgreifen.

Zwei Seiten stehen sich in der Szene gegenüber, der offizielle Literaturbetrieb und die Raubkopie-HändlerInnen. Ersterer scheint der Verlierer zu sein. Jährlich büßen die Verlage mehrere Millionen Dollar ein und müssen ums Überleben kämpfen. Manche VerkäuferInnen auf dem „Amazonas“ dagegen sind, wenn auch nicht immer offensichtlich, wohlhabend und konnten mit ihrem Geschäft im Laufe der Jahre große Summen erwirtschaften.

Wie schon in seinem Roman Lost City Radio setzt sich Alarcón sowohl mit der politischen als auch gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Situation Perus auseinander, ohne dabei Partei zu ergreifen oder zu verurteilen. Durch die unterschiedlichen Perspektiven bietet Alarcón den LeserInnen einen durchaus ambivalenten Blick auf die Tatsachen und macht eine konkrete Einordnung der Seiten unmöglich. Es gibt kein eindeutiges Schwarz-Weiß oder Gut-Böse. Aus unserer westlichen Perspektive mag dies befremdlich wirken, denn in unseren Köpfen existiert eine klare Vorstellung von Richtig und Falsch.

Vieles, was die Beschreibung der Verhältnisse in Peru im Essay charakterisiert, findet sich auch in Daniel Alarcóns Roman Lost City Radio wieder: Die extrem unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen, die teilweise nicht einmal die selbe Sprache sprechen, das Stadt-Land-Gefälle, die Diktatur (wenn auch hier schon überstanden), die chaotischen politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse, die eine Kultur der Täuschung und des Zynismus gefördert haben. Alles ist so miteinander verworren, dass der Einzelne hilflos davorsteht und selbst, wer mit guten Absichten Ordnung in das Chaos zu bringen trachtet, sich bald zur Anwendung moralisch fragwürdiger Mittel gedrängt sieht. So bleibt nur mehr, sich wie Norma, die Protagonistin von Lost City Radio, fatalistisch in dem Bestehenden einzurichten.

Auch Daniel Alarcón selbst fügt sich dem bestehenden System, indem er Raubkopien als Merkzeichen schriftstellerischen Erfolgs anerkennt und somit als Teil des Literaturgewerbes akzeptiert. Geradezu fieberhaft sucht er unter den Raubkopien nach seinen jüngsten Veröffentlichungen, weil erst die illegale Vervielfältigung des eigenen Werkes zeigt, dass man wahrgenommen wird und entsprechend erfolgreich ist. Die illegale Kopie des Werkes wird folglich zu einer Art Ritterschlag für den Autor.

Lesen Sie Daniel Alarcóns Essay Alarcón: Life among the Pirates.

Ein Beitrag von Isabel Bach, David Deters, Marie-Luise Eberhardt, Fabian Gsell und Nils Koopmann.
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