weiter lesen: Georgisches Album

Lesehorizontedie Textwelt von Andrej Bitow: Und was gibt es noch? In welche Textwelten führen uns die ILP-AutorInnen und ihre ÜbersetzerInnen? Romane, Essays, Erzählungen vor und nach der ILP-Nominierung geben Aufschluss darüber. Wir folgen den Spuren, lassen uns ein auf neue oder schon bekannte Orte, Stimmungen und Figuren…

Georgisches Album von Andrej Bitow. Foto: Alina Liesegang (CC BY-NC 3.0 DE)

Georgisches Album von Andrej Bitow. Foto: Alina Liesegang (CC BY-NC 3.0 DE)

Auf der Suche nach Heimat oder Studien der russisch-georgischen Kultur

Heimat, was ist das eigentlich? Wie verändert sich die eigene Welt, das Umfeld, wie wandeln sich Nachbarschaft und Kultur, wenn man (Landes-)Grenzen überschreitet? Im Georgischen Album zeichnet Andrej Bitow mit Worten und Erinnerungen ein impressionsreich Bild von Georgien. Und damit auch eines von Russland. Denn beide Länder definieren sich für den Reisenden gleichsam übereinander.

Der Erzähler ist laut Untertitel „auf der Suche nach Heimat“. Er nimmt uns mit in ganz unterschiedliche Winkel Georgiens, wo Mensch und Natur immer wieder Heimat neu verorten. Die Schilderungen von Land und Landschaft, Städte und Geschichte reihen sich in Episoden aneinander. Wer auf Sonnenuntergänge und weite Landschaften hofft, auf intensive Bilder mit Erzählungen, entdeckt in Bitows Reisealbum eher Bilder mit intensiven Erzählungen. Der Roman ist durchdrungen von Überlegungen zu Petersburg und der Bedeutung von Jeanshosen und Fellmänteln in Russland. Er erzählt aus der Sicht eines Schriftstellers, lässt uns durch Kinderaugen blicken, kehrt ein bei den Muschiks und holt immer wieder Puschkin, Tolstoi und Lermontow mit ins Boot. Ein buntes Potpourri, welches in seiner Verschiedenheit doch immer wieder auf die gleiche Frage zurückverweist: Was macht Heimat aus?

Noch im Vorwort behauptet Andrej Bitow die ersten Seiten des Georgischen Albums nach den Armenischen Lektionen 1970 geschrieben zu haben. So nah die Länder, so unterschiedlich Bitows Eindrücke. Armenien gab ihm kein Heimatgefühl und blieb fremd. Georgien aber wurde zu seiner Heimat. „Die Armenischen Lektionen waren […] wie eine Kirche gebaut. […] Armenien hatte ich erschlossen, nach Georgien kehrte ich zurück. Wie nach Hause. Deshalb ist das Georgische Album keine Kirche mehr, sondern eine Kirchenruine.“ (S. 7) So dienten sich Russland und Georgien anfänglich als Kontrastmittel: „Sowjetisches und Russisches war damals noch deutlich geschieden. Besonders leicht gelang das in Georgien. Als ob die Georgier alle anders wären und du allein dazwischen, na, ein Russe eben. Als ob Georgien sogar mehr Russland wäre als Russland selbst, jedenfalls mehr Russland als die Sowjetunion.“ (S. 9) und später dann als Spiegel. Durchaus auch in dieser Reihenfolge. Traten zu Anfang noch die Unterschiede überdeutlich hervor und machten so eine Bestimmung der eigenen Identität möglich, trat diese Art der Selbstverortung zusehends in den Hintergrund und machte Platz für das Erkennen der Gemeinsamkeiten. So wurde aus der Georgischen Kirche, in der man der Heiligkeit der Unterschiede huldigen konnte, eine Ruine, die, befreit von der Suche nach Erlösung im Anderen, einen unverstellten Blick in den Himmel erlaubt. Einen Himmel, dem der Unterschied zwischen hier und dort fremd ist und dieses Fremdheitsgefühl ebenso langsam wie stetig in der Figur des Reisenden entstehen lässt.

 Der Symmetrielehrer in Georgien

Wie schon im Roman Der Symmetrielehrer sind die einzelnen Kapitel oder Erzählungen mit Zitaten eingeleitet. Ähnlich ist auch die Erzählweise selbst. Gedankensprünge, innere Monologe und fantastische Einschübe werfen den Leser immer wieder aus der Erzählung, lassen ihn innehalten und einen Absatz von Neuem beginnen: „Wir waren. Waren da. Nein, nichts Übersinnliches. […] Wir waren in jener Welt, wo wir lebten. Aber sie war ganz, ganz unserem Blick eingepasst, gleichsam als wären wir eben erst, aus heiterem Himmel, auf dieser Welt gelandet. […] Ein Steinchen rollte fort und riß den Kameraden mit sich. Die Welt strömte unter meinen Füßen hervor wie ein Bach, ein Fluß.“ (S. 25)

Das Spiel mit Autoridentitäten, wie es im Symmetrielehrer betrieben wird, bleibt im Georgischen Album weitestgehend aus. Nur kann der/die Leser/in nicht eindeutig feststellen, ob es sich nun wirklich um eine Art Selbstbericht Bitows handelt, oder ob es doch reine Fiktion ist. Bitows Sprache ist in beiden Romanen reich an Ellipsen und Gedankensprüngen. Sie ist ausschweifend und prägnant zugleich: „Weit in der Ferne beginnt diese Bewegung … Bei Peter dem Großen! ob er nun Wohltäter war oder Antichrist. Meine Mutter lässt in Telegrammen bis heute die Präposition aus, mag keine Taxis, fährt in der Eisenbahn nur dritter Klasse, und Gepäckträger nimmt sie auch nicht.“ (S. 94)

Viel Wissen und starke Bilder

Ein Verstehen des Textes, ein Eindringen in die Bedeutungstiefen ist vor allem mit einem umfangreichen Wissen der georgischen und russischen Geschichte möglich. Doch auch ohne diese Kenntnisse kann man etwas mitnehmen. Von der sprachlichen Ausgefeiltheit und den vielen Anekdoten, die vielleicht auch dazu anregen, sich mehr mit dem Beschriebenen auseinanderzusetzen. Damit ist das Georgische Albumnicht nur ein Sammelsurium willkürlich aneinandergereihter Erzählungen, sondern  Reisebericht und literarisches Fotoalbum zugleich.

Ein Beitrag von Romina Ay, Matthias Bau,  Alina Liesegang und Minou Trieschmann

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