Leben mit den Deutschen

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Leben mit den Deutschen von Bahman Nirumand, ein Foto von Isabel Bach (CC BY-NC 3.0 DE

Leben mit den Deutschen von Bahman Nirumand, ein Foto von Isabel Bach (CC BY-NC 3.0 DE

„Wie sind die Deutschen? fragst du mich?“ (S.12). In seinem essayistischen Briefroman Leben mit den Deutschen. Briefe an Leila (1989 auf Deutsch erschienen) erzählt der deutsch-iranische Autor und Übersetzer Bahman Nirumand von seinem Leben in der BRD. Die Briefe sind an die Tochter enger Freunde aus dem Iran gerichtet, die den Schriftsteller gebeten hat von Deutschland zu erzählen. Der gebürtige Iraner erlebte und begleitete wichtige identitätsstiftende Stationen der deutschen Geschichte. Mit und durch seine Wahrnehmung versucht er – ohne zu werten – ein differenziertes Bild der deutschen Gesellschaft, ihrer Geschichte, Psycho- und Soziologie zu zeichnen.

Der Aufbruch ins gelobte Land

Mit gerade einmal 14 Jahren verlässt Bahman Nirumand 1951 die Heimat Iran, um seine schulische Ausbildung in Deutschland fortzusetzen. Schnell merkt der Junge, dass die Schilderungen von Deutschland als eine Art zweites Paradies, die im Iran wie ein Mythos in den Köpfen der Menschen umhergeisterten, reine Utopien waren. Der Zweite Weltkrieg und Nazideutschland haben das Land und seine Bewohnern gezeichnet. Not und Armut sind allgegenwärtig. Die Menschen werden beherrscht vom eigenen Überlebensdrang.

Nach Beendigung seines Studiums kehrt Bahman 1960 in den Iran zurück. Als er nach fünf Jahren wieder nach Deutschland zurückkehrt, findet er ein vollkommen verändertes Land vor. Es ist geteilt in Ost und West, aber trotzdem hat das Wirtschaftswunder um sich gegriffen und die „[…]Narben der Kriegsjahre schienen vollends verheilt, Geld und Konsum hatten die schreckliche Vergangenheit aus der Erinnerung gelöscht“ (S.79). Nirumand schließt sich studentischen Initiativen, die eine Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit fordern, an und findet sich alsbald in den Kreisen der zukünftigen RAF wieder. So freundet er sich mit Rudi Dutschke an, plant mit diesem sogar einen Anschlag auf einen Strommast der Amerikaner in der Nähe von Saarbrücken, der aber in letzter Minute abgesagt wird, und wird zu einem Teil der Studentenbewegung der 60er. Eine zweite Rückkehr die sein Heimatland bleibt von kurzer Dauer, da die Ereignisse um die Islamische Revolution 1979 Nirumand ein zweites Mal ins Exil zwingen. Diesmal landet der Schriftsteller in Paris, da ihm die Einreise nach Deutschland aus unerfindlichen Gründen verwehrt wird … Der Iraner muss gegen die scheinbare Willkür der ausländerfeindlichen deutschen Behörden kämpfen. Erst dank Kontakten in die Politik erhält er die Einreiseerlaubnis…

Die deutsche Seele

„Dieses Land und die Seele seiner Bewohner sind wie ein Labyrinth.“ (S.10) Immer wieder betont der Autor, dass es ihm unmöglich scheint die Deutschen zu verstehen.

„Diese alltägliche Kleinkariertheit steht in krassem Widerspruch zu dem, was die Deutschen auf kulturellem, künstlerischem und wissenschaftlichem Gebiet hervorgebracht haben.“ (S.13). Eigenheiten, wie Pünktlichkeit, das Bestehen auf Regeln und dem eigenen Recht und die Disziplin, die an oberster Stelle steht, wirken auf Außenstehende befremdlich.

Und auch noch fast 2 Jahrzehnte nach Erscheinen des Essays erkennt man diese „typisch deutschen Eigenschaften“ durchaus wieder – und fängt an, sich selbst zu reflektieren. Sollte nicht zumindest die globalisierte Generation Y mittlerweile weltoffener sein? Betrachtet man die momentanen politischen und gesellschaftlichen Diskussionen innerhalb Deutschlands, wachsen die Zweifel stetig…

Nirumand maßt sich zu keiner Zeit eine Bewertung dieser Eigenschaften an, sondern schildert seine persönlichen Erfahrungen damit. Die Bewertung und Reflektion bleibt alleinig dem Leser überlassen.

(K)eine Heimat?

„Die Bundesrepublik ist zu meiner zweiten Heimat geworden. Liebe ich dieses Land? Ich weiß es nicht“ (S.8). Wie viele Immigranten fühlt er sich nicht vollkommen angekommen, kann aber die Gründe dafür nicht fassen. Die fehlende Wärme in der Gesellschaft, als Folge des kollektiven Traumas nach dem Zweiten Weltkrieg, könnte einer davon sein. Aber darf man dies keineswegs als Entschuldigung vorschieben, denn die unfassbare Angst der Deutschen vor Überfremdung mag hier seinen Tribut fordern.

Bahman Nirumand hält uns einen Spiegel vor, ohne dabei persönlich oder wertend zu agieren. Unbewusste Verhaltensweisen, die es anderen Kulturen erschweren eine Verbindung zu Deutschland aufzubauen und die Einwohner unnahbar – fast kalt – wirken lassen. Diese Tatsache sollte die deutsche Bevölkerung aufschrecken und manche Werte überdenken lassen. Denn auch noch heute über 20 Jahre nach Erscheinen des Essays hat in vielen Köpfen kein Umdenken stattgefunden.

Mit Der Colonel von Mahmoud Doulatabadi stand der Übersetzer Bahman Nirumand 2009 auf der Shortlist des ILP.
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Ein Beitrag von Romina Ay, Isabel Bach und Alina Bäcker

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