Widerhall der Widersprüchlichkeiten

Raoul Pecks „I Am Not Your Negro“ ist eine mitreißende Aufarbeitung James Baldwins.

Der amerikanische Schriftsteller James Baldwin hinterließ nach seinem Tod 1987 ein unvollendetes Manuskript namens Remember This House. Auf Basis dieses Manuskripts hat Raoul Peck nun mit I Am Not Your Negro einen großartigen, unerschrockenen Dokumentarfilm gemacht. Er handelt davon, wie es ist, ein Schwarzer in den USA zu sein, permanent der Gefahr ausgesetzt, angegriffen oder getötet zu werden. Sich diesen Film an einem sonnigen Samstag in London anzusehen – noch dazu um 13:00 Uhr, einer Kinozeit, die man sonst nur von Festivals und womöglich Eltern-Kind-Vorstellungen kennt – ist desorientierend. Als ich den Saal verlasse, sind nur zwei Stunden vergangen, die Sonne scheint noch immer, mir schwirrt der Kopf.

Der Film kombiniert Baldwins Worte, die von Samuel L. Jackson gesprochen werden, mit Fotos von Menschen und Protesten, mit visuellem Archivmaterial, und oft mit Szenen aus der Filmgeschichte, die die Worte Baldwins auf ganz unterschiedliche Art bereichern: Manchmal verleihen die Filmszenen Baldwins Worten Nachdruck, manchmal zeigen sie aber auch einen wenig offensichtlichen Aspekt seiner Argumente auf oder brechen sie auf ein emotional stimmiges, ästhetisches Bild herunter. Wir sehen Joan Crawford durch einen 30er-Jahre-Filme tanzen; sie sieht blendend aus, aber auch sehr weiß und nach betont heiler Welt, und hören dazu Baldwin, der diesen Film als eines der prägendsten Kinoerlebnisse seiner Kindheit beschreibt. Wenig später, erzählt er, habe er eine schwarze Frau getroffen, die für ihn genau wie Joan Crawford aussah; ihm sei damals noch nicht klar gewesen, dass laut dem gängigen gesellschaftlichen Verständnis eine schwarze Frau nicht wie eine weiße aussehen kann. Das ist eine rührende Anekdote, aber es ist der erwachsene Baldwin, der uns davon erzählt. Es schwingt schon hier mit, wie schwierig und schmerzhaft diese Unterscheidung zwischen Schwarz und Weiß in seinem eigenen Leben noch sein wird; unter anderem wird sie zum Tod seiner Freunde Martin Luther King, Jr., Malcom X und Medgar Evers führen.

„The history of the negro in America is the history of America“, wird Baldwin im Film zitiert. Aber sie ist eben nicht nur abgehakte history, sondern auch die Gegenwart des schreibenden Baldwin und mittlerweile unsere eigene Gegenwart. Der Film macht uns das zu jedem Zeitpunkt klar, indem er Baldwins Texte mit Bild- und Filmmaterial des gesamten letzten Jahrhunderts zusammenführt. Vergangenes wird dabei weder als etwas Fremdes, Entferntes dargestellt noch auf seinen Gegenwartsbezug reduziert. Wir hörend Baldwins Ausführungen darüber, dass in den USA Aufrichtigkeit als Kardinaltugend gilt und dadurch eine gewisse Kindlichkeit in Führungspersonen toleriert und sogar gefördert wird. In diesem Moment werden die Köpfe mehrerer Personen des öffentlichen Lebens, unter ihnen viele Politiker_innen und unter ihnen auch Donald Trump gezeigt, die gerade dabei sind, sich in unterschiedlichen Abstufungen der Fadenscheinigkeit zu entschuldigen. Doch Raoul Peck schafft es, dass dieser Trump-Moment die Szene nicht an sich reißt. Es ist und bleibt ein Film über James Baldwins Bestandsaufnahme über die doppelte Identität als Schwarzer und als Amerikaner, wobei es sich hierbei natürlich nicht um eine doppelte Identität handeln sollte: „We were here for 400 years“ und mittlerweile sollte das längst selbstverständlich sein.

Auch andere Filme setzen geschriebene Worte in Szene, aber nicht vielen Filmen liegen Essays zugrunde, die nie als Filmskript gedacht waren. Der Film nutzt diese Tatsache, um auch Schriftlichkeit selbst in Szene zu setzen: Den verschiedenen Kapiteln werden Kapitelüberschriften vorangestellt, deren große, schwarze Buchstaben ins Schwarz der Leinwand piksen und einem die Möglichkeit bieten, sich kurz zu sammeln und auf das Kommende gefasst zu machen. Zudem erscheinen Textpassagen manchmal Buchstabe für Buchstabe vor unseren Augen auf der Leinwand, untermalt vom Klackern der Schreibmaschine. Auch das wirft uns auf unsere Gegenwärtigkeit zurück; wir haben den Eindruck, dass die Worte jetzt gerade zum ersten, entscheidenden Mal getippt werden. All diese Aspekte fügen sich zusammen zu einem Film, der als Dokumentation stimmig und mitreißend ist und als sozialer Aufruf nicht zu ignorieren. Samuel L. Jacksons rauchige, unsentimentale Stimme bildet ein treffendes Gegengewicht zur ganz anderen, aber ebenso distinkten Stimme Baldwins. 95 Minuten lang müssen wir die Ebenen des Hörens und Sehens zusammenfügen, die Widersprüchlichkeiten aushalten, die nur ein Widerhall sind der Widersprüchlichkeiten, die Baldwin beschreibt und die Millionen Menschen täglich erleben.

I Am Not Your Negro. FSK 12, 95 min.

Geboren 1992 im Aargau, studierte nach dem Abitur in Deutschland in Wien, Bergen und Chicago Vergleichende Literaturwissenschaft und Philosophie. Für den Master in Comparative Literature (Africa/Asia) wechselte sie an die School of Oriental and African Studies (SOAS) der University of London, wo sie u.a. über postkoloniale und internationale Literaturen, Mehrsprachigkeit und Film arbeitet.